Time for Change – wie ich meiner Tichter die Wirtschaft erkläre /

Die gefährliche Phantasie vom apolitischen Geld  (S..163)

Aus: Yanis Varoufakis: Time for change – wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre. Hanser Verlag München2015.179 S.

Die gefährliche Phantasie vom apolitischen Geld  (S..163)

Aus: Yanis Varoufakis: Time for change – wie ich meiner Tochter die Wirtschaft erkläre. Hanser Verlag München2015.179 S.

Seit die industrielle Revolution die Schaffung von riesigen Konzernen ermöglicht hat (etwa Edison und Ford zu Beginn des 20. Jahrhunderts, heute Apple und Google), haben die Marktgesellschaften ihr Schicksal mit der Eventualität eines beträchtlichen jähen Schuldenanstiegs verknüpft. Ich habe im zweiten Kapitel schon erklärt, dass de Explosion von Reichtum, die die Marktgesellschaften bescherten, nicht ohne die Schukden  möglich gewesen wäre, die die Banker mit ihrem langen Arm  aus der Zukunft bezogen, indem sie von dort einen Wert, der noch gar nicht produziert war, in die Gegenwart transferierten – in Form von Darlehen an due Unternehmer. Um also Riesenkonzerne (wie Edison, Ford, Apple, Google etc.)  aufzubauen, mußten gewaltige Schulden der Gegenwart an die Zukunft erzeugt werden.

So etwa wäre bei einem Währungssystem wie dem in Radfords Lager nicht möglich gewesen. Dort hatten die „Banker“ nur Zigaretten verliehen, die ihnen schon gehörten, die sie in der Hand hatten. Aber um die Schwerindustrie aufzubauen, die riesigen Produktions- und Energierverteilungsnetze, Eisenbahnen und so weiter reichten die vorhandenen „Zigaretten“ der Marktgesellschaften nicht – die vorhandenen Goldmünzen, also der Tauschwert, den die zirkulierenden Geldscheine beinhalteten: Deshalb entwickelten die Banker die bereits beschriebene Fähigkeit, Geld zu verleihen, das weder sie noch andere besaßen – aus dem Nichts geschaffenes Geld, indem sie kurzerhand eine Gutschrift auf das Konto des kreditnehmenden Unternehmers tätigten. Ich habe das allegorisch  als Entleihen von Wert aus der Zukunft beschrieben.

Selbst wenn die Staaten, etwa in den 1920er Jahren, versuchten, die Geldmenge in Übereinstimmung  mit der Goldmenge, über die die Regierung verfügte, stabil zu halten (in dem Bemühen, so auch den Tauschwert des Geldes stabil zuhalten  – also eine Inflation zu vermeiden), fanden die Banker einen Weg, genügend fiktives Geld zu schaffen, um die  Industrieriesen damit zu füttern. Ohne sich von jemandem etwas zu leihen,  um es an die Herren Ford und Edison weiterzugeben, tätigten sie einfach  mit einem bis dato nichtexistenten Geld Gutschriften auf die Konten Lieferanten und Arbeitnehmer, die Lieferanten und Arbeitnehmer schrieben sie auf die Konten der Geschäfte gut, bei denen sie Güter und Dienstleistungen kauften, die Produktion wuchs, die Einkommen gleichermaßen, und auf diese Weise erwarben die Kreditnehmer das Geld, das die Banker aus dem Nichts geschaffen hatten. Und die Zinsen, die die Banker einziehen mussten.

Etwa so hat sich die Gegenwart aus der Zukunft einen noch nicht geschaffenen Wert geholt  und ihn in die Hoffnung „arbeiten“ lassen, dass die Zukunft vom Erarbeiteten bezahlt werden kann, mit Zinsen… Bei dieser Praktik liegt das Problem, wie bereits gezeigt, darin, dass sie zum Opfer ihres Erfolgs wird, weil die Banker dazu neigen, es zu übertreiben und mehr Wert aus der Zukunft abzuziehen, als die Gegenwart  produzieren kann. Daraufhin folgen Krisen, Unglück, Arbeitslosigkeit. Deshalb versuchen die Staaten die Banker im Zaum zu halten, und das ist für  Politiker gar nicht so leicht, weil sie eine enge Beziehung zu den Bankern pflegen, sie finanzieren ihnen nämlich normalerweise den Wahlkampf.

Wenn wir zu den 1920er Jahren zurückkehren, kommen wir zum Schluss, dass das industrielle Wunder, das die Welt verändert hat, nicht in dieser Weise möglich gewesen wäre, wenn die Staaten die Banken daran gehindert hätten, Geld aus dem Nichts zu schaffen, und die Marktwirtschaften hätten stagniert. Aber dadurch, dass man sie unkontrolliert agieren ließ, kreierten sie so viel neues Geld, dass im Zusammenhang mit den neuen Fabriken und Wolkenkratzern riesige Blasen entstanden.  Als sie in der Weltwirtschaftskrise im Jahr 1929 platzten, versank die Menschheit im Sumpf des Elends. Fast die gleiche Abfolge von Geschehnissen zog die Menschen 2008 erneut ins Unglück.

Wenden wir uns noch einmal den Bitcoins und dem Traum vom apolitischen Geld zu: Wenn die Marktgesellschaft heute das Bitcoin-System übernehmen und der Aufbau der Bitcoins eine digitale Simulation der Idee darstellen würde, dass die Geldmenge unter allen Umständen stabil sein muss (wie es etwa bei der Zigarettenmenge im Lager oder bei der Goldmenge auf globaler Ebene der Fall war), dann wäre sie sofort mit den Problemen der 1920er Jahre konfrontiert.

Das eine Problem bestünde darin, dass das Bankensystem Wege fände, mehr Bitcoins zu erzeugen, als wirklich existieren (etwa durch Gutschrift auf Konten, wie in den 1920er Jahren, oder durch komplizierte Tricks, wie sie die Banker in den 1990er und 2000er Jahren anwandten. Das andere darin, dass die Unternehmen nicht ausreichend finanziert würden und damit die Marktgesellschaft wie in Kapitel 5 (Herumgeisternde Maschinen) in eine Stagnation geführt würde. Wobei eines so schlimm ist wie das Andere.

Dass also das Geld nur politisiert sein kann und sein Umfang von einem staatlichen System überwacht werden muss, hat seinen Grund darin, dass es nur so eine schwache Hoffnung (ohne  jede Garantie) für einen Weg gibt, der zum einen die Skylla der Schuldenblase  und des nicht nachhaltigen Wachstums und zum anderen die Charybdis der Deflation  und der Krise vermeidet. Und von dem Moment an, an dem die unvermeidlichen politischen Interventionen bei der Menge und der Administration  der staatlichen Gelder per se politisch sind, (weil sie verschiedene Gruppen und Klassen unterschiedlich beeinflussen), liegt  unsere einzige Hoffnung auf eine passible Verwaltung des Geldes in der demokratischen Kontrolle derer, die im Interesse der Gesellschaft das unvermeidlich politische Geld verwalten.

Wie du dich vielleicht erinnerst, waren wir im vorherigen Kapitel zu einem ähnlichen Schluss gekommen, als es um die Möglichkeiten ging, wie die Menschheit die Zerstörung des Planeten vermeiden kann. Das ist kein Zufall: Auch wenn die Demokratie heute nur mehr als unvollkommen funktioniert, bleibt sie dennoch die einzige Hoffnung der Menschheit beim Umweltschutz, bei der menschlichen Arbeit und wie eben gesehen, auch bei der Verwaltung des Geldes.

Nachtrag zum letzten Kapitel

Aks ich die Niederschrift dieses Kapitels beendet hatte, fragte ich meinen Vater, Deinen Großvater, der vor und nach dem Ende des griechischen Bürgerkrieges (1946-1949) in Gefangenlager auf Makrinissos und Ikaria deportiert wirden war, ob sich dort auch, wie in Radforts Lager die Zigaretten zu einer Art Währung herausgebildet hätten. Seine Antwort war „Nein. Bei uns wurde alle geteilt, was einer in einem Paket zugeschickt bekam. Einmal bat ich meine Tante, mir Zigaretten zu schicken, obwohl ich kein Raucher war. Als ich sie dann hatte, habe ich sie an die Raucher verteilt, ohne von ihnen etwas dafür zu erwarten. So habe wir es gehalten. Wir haben uns gegenseitig geholfen“.

Ich habe dem nichts Gewichtiges hinzuzufügen. Außer Dich daran zu erinnern, dass Marktgeschäfte eine der Formen des Austauschs darstellen, auf die sich das soziale Netzwerk stützt – nicht immer die beste oder die attraktivste. Eines ist sicher: In den Marktgesellschaften sind sie überwächtig geworden und haben sehr viel Reichtum und gleichzeitig unsagbares Unglück, eine riesige Ungleichheit und katastrophale Krisen geschaffen.

Statt eines Nachwortes

Die rote Pille

Am Anfang des Films Matrix, den ich in Kapitel 5 ausführlich besprochen habe, trifft der nichtsahnende Held Neo den von den Behörden gesuchten Oberrevolutionär Morpheus, und der stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung, die sich im Rahmen des folgenden Dialogs entwickelt:

 

Schumpeter, Joseph A. / Österreich

Schumpeter, Joseph A. / Österreich

Joseph A. Schumpeter

* 8. Februar 1883 in Triesch, Mähren, österreichische Reichshälfte von Österreich-Ungarn; – † 8. Januar 1950 in Taconic, Connecticut, USA

österreichischer Nationalökonom und Politiker. Er nahm 1925 die deutsche und 1939 die US-Staatsbürgerschaft an.

In seinem Frühwerk Theorie der wirtschaftlichen Entwicklung (1912) unternimmt er den Versuch, die wirtschaftliche Entwicklung des Kapitalismus zu erklären.[1] In seinem späten Opus Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie (1942) geht er auch auf gesellschaftspolitische Implikationen ein. Mit seinen umfangreichen Werken gilt er als einer der herausragenden Ökonomen des 20. Jahrhunderts.

 

 

Religionsfrieden und Weltethos zur Erhaltung des Weltfriedens / Küng

Religionsfrieden und Weltethos

Diese zivilkonfessionelle Konzeption vertritt Küng auch in dem von ihm unterstützten interreligiösen Dialog. Dabei unterscheidet er drei große religiöse „Stromsysteme“:

  • die nahöstlich prophetischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam;
  • die indisch-mystischen Religionen: Hinduismus und Buddhismus;
  • die fernöstlich-weisheitlichen Religionen: Konfuzianismus und Daoismus.

Zur Erhaltung des Weltfriedens ist für Küng ein Religionsfrieden Voraussetzung. Deshalb betont er, dass die verschiedenen Weltreligionen in den zentralen Grundfragen – wie etwa bei den Zehn Geboten – tatsächlich eine ähnliche Ethik haben. Er entwickelte das Projekt Weltethos, weil nur in der Bewusstheit gemeinsamer Werte die verschiedenen Religionen dauerhaft in Frieden miteinander leben können. Weltethos ist dabei keine Ersatzreligion, sondern ein Grundkonsens über verbindliche Werte, Maßstäbe und Regeln des menschlichen Verhaltens. Diese zivilkonfessionelle Konzeption vertritt Küng auch in dem von ihm unterstützten interreligiösen Dialog. Dabei unterscheidet er drei große religiöse „Stromsysteme“:

  • die nahöstlich prophetischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam;
  • die indisch-mystischen Religionen: Hinduismus und Buddhismus;
  • die fernöstlich-weisheitlichen Religionen: Konfuzianismus und Daoismus.
  • die nahöstlich prophetischen Religionen: Judentum, Christentum und Islam;
  • die indisch-mystischen Religionen: Hinduismus und Buddhismus;
  • die fernöstlich-weisheitlichen Religionen: Konfuzianismus und Daoismus.

Zur Erhaltung des Weltfriedens ist für Küng ein Religionsfrieden Voraussetzung. Deshalb betont er, dass die verschiedenen Weltreligionen in den zentralen Grundfragen – wie etwa bei den Zehn Geboten – tatsächlich eine ähnliche Ethik haben. Er entwickelte das Projekt Weltethos, weil nur in der Bewusstheit gemeinsamer Werte die verschiedenen Religionen dauerhaft in Frieden miteinander leben können. Weltethos ist dabei keine Ersatzreligion, sondern ein Grundkonsens über verbindliche Werte, Maßstäbe und Regeln des menschlichen Verhaltens.

Jeder einzelne Partner im interreligiösen Dialog ist seiner eigenen Tradition verpflichtet. Dieser individuelle Standpunkt müsse aber im Prozess des Dialogs zugleich für eine Umformung offen sein. Dabei unterscheidet Küng zwischen einer gläubigen Innenperspektive und einer religionswissenschaftlichen Außenperspektive: Von innen her gebe es für ihn als den betroffenen Menschen nur die eine wahre Religion, nämlich das Christentum. Von außen betrachtet gebe es verschiedene Heilswege mit verschiedenen Heilsgestalten zum einen Ziel; damit gebe es aber zugleich in der Außenperspektive verschiedene wahre Religionen. Mit einer Religion, die auf ihrem eigenen absoluten Wahrheitskriterium beharre, sei ein echter Dialog von vornherein aussichtslos. Die Führer aller Religionen müssten sich bekennen zu ihrer Mitverantwortung für den Weltfrieden, Nächstenliebe, Gewaltlosigkeit, Versöhnung und Vergebung.