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Was ist Selbstverwirklichung?

Was ist Selbstverwirklichung?

Selbstverwirklichung ist ein Begriff der Alltagssprache, der schon auf unterschiedliche Arten und Weisen interpretiert und definiert wurde, sowohl von Philosophen, als auch von Schriftstellern und Gesundheitsexperten. Auch in der Psychologie spielt Selbstverwirklichung eine große Rolle. Grundlegend versteht man unter Selbstverwirklichung die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und Realisierung der eigenen Potentiale, Ziele und Bedürfnisse, das heißt auch den eigenen Weg zu gehen und individuelle Entscheidungen zu treffen. Der Begriff ist dabei nicht mit Egoismus zu verwechseln, sondern steht mit Begriffen wie Individualismus und Eigenverantwortung in Verbindung.

Die Maslowsche Bedürfnispyramide

In einer sozialpsychologischen Theorie von Abraham Maslow, einer so genannten Bedürfnishierarchie, die später auch in einer Interpretation unter dem Begriff Bedürfnispyramide bekannt wurde, werden die Motivation und Bedürfnisse des Menschen beschrieben. Hier spielt neben physiologischen, Sicherheits-, sozialen und Individualbedürfnissen, auch die Selbstverwirklichung eine Rolle. Diese steht auf der fünften Stufe der durch Maslow definierten Hierarchie, das heißt wenn die elementaren Bedürfnisse des Menschen erfüllt sind, strebt er ebenso danach, sich selbst zu verwirklichen und seine Individualität auszuleben. Die Selbstverwirklichung Maslow zählt also nicht unbedingt zu den elementaren Bedürfnissen, ist jedoch Teil der menschlichen Motivation und Wünsche.

Selbstverwirklichung in unterschiedlichen Lebensbereichen

Selbstverwirklichung kann in unterschiedlichen Bereichen angestrebt werden. Dabei geht es nicht nur um eine persönliche Entfaltung in der Beziehung, seine eigenen Interessen und Hobbys ausleben zu können und persönliche Ziele verfolgen zu können, auch im Berufsleben ist Selbstverwirklichung wichtig. Der Drang danach, eine Arbeit zu finden, die den eigenen Bedürfnissen und Fähigkeiten entspricht, ist mit den Jahren immer wichtiger geworden. Auch Selbstverwirklichung im Beruf wird daher zu einem immer aktuelleren Bedürfnis.

Warum Selbstverwirklichung schwer fällt

Auch wenn Selbstverwirklichung für viele ein Lebensziel ist, tun sich die meisten Menschen damit sehr schwer. Dies liegt unter anderem daran, dass wir gelernt haben uns anzupassen und gesellschaftlichen Erwartungen zu beugen, die häufig mit Verboten und Einschränkungen eingehen. Selbstverwirklichung wird in der Gesellschaft oft fälschlicherweise mit Egoismus gleichgesetzt und hat so von vornherein einen negativen Beigeschmack. Vielen fehlt zusätzlich auch das Selbstwertgefühl und der Mut, eigene Bedürfnisse durchzusetzen. Angst vor Enttäuschung, vor dem Alleinsein oder vor dem Scheitern halten uns daher häufig davon ab, unsere individuellen Bedürfnisse zuzugeben und durchzusetzen. Doch dies kann dabei helfen, ein glücklicheres und ausgeglicheneres Leben zu führen.

Warum Selbstverwirklichung wichtig ist

Selbstverwirklichung hilft dabei ein glücklicheres und zufriedeneres Leben zu führen, das nicht lediglich von den Wünschen und Erwartungen anderer bestimmt wird. Menschen, die ihre eigenen Potentiale und Ziele zurück nehmen um es anderen recht zu machen, sind häufig unzufrieden, was sich bis zur Depression steigern kann. Wer sich selbst verwirklicht, ist in der Lage aufrichtige Freundschaften und Beziehungen zu führen, da er sich selbst gut kennt und diese Sicherheit auch ausstrahlt. Menschen, die Selbstverwirklichung als Lebensziel ernst nehmen, haben gelernt ihr Glück nicht allein von anderen abhängig zu machen, sondern selbst in die Hand zu nehmen. Dies macht sie auch in sozialen Beziehungen zu angenehmen und ausgeglichenen Menschen und Partnern.

Sich selbst verwirklichen

Selbstverwirklichung ist ein viel genutzter Begriff, doch wie funktioniert sie eigentlich, die Selbstverwirklichung? Die perfekte Lösung hierfür kann wahrscheinlich niemand geben, jedoch gibt es ein paar Tipps, die zu einem selbst bestimmteren und erfüllteren Leben führen können:

Wünsche bewusst machen: Um sich selbst zu verwirklichen müssen die eigenen Bedürfnisse zunächst bewusst sein. Dafür ist es wichtig, genau in sich hinein zu hören und vor allem ehrlich zu sich selbst zu sein. Bei dieser Selbstfindung kann es auch helfen, Tagebuch zu schreiben über Dinge, die einen glücklich und weniger glücklich gemacht haben.

Selbstbewusstsein stärken: Selbstverwirklichung hat viel mit Mut zu tun, deshalb ist es wichtig, das Selbstvertrauen zu stärken und zu lernen, keine Angst vor neuen Erfahrungen zu haben. Nur so findet man den Mut, für seine Wünsche einzustehen und diese anzugehen.

Verantwortung übernehmen: Jeder kann seines eigenen Glückes Schmied sein, dies ist eine wichtige Erkenntnis bei der Selbstverwirklichung. Wer Verantwortung für seine Entscheidungen und sein Leben übernimmt, lernt besser mit diesen umzugehen und auch Enttäuschungen besser verarbeiten zu können.

Selbstverwirklichung passiert nicht von heute auf morgen, sondern ist vielmehr ein Prozess, der in jedem Augenblick des Lebens realisiert und bewusst gemacht werden kann.

Organisation des Staates in einer alternativen Gesellschaftsordnung

Organisatorischer Aufbau des Staates

Der Staat als Dienstleister und Umsetzer des Willens des Volkes setzt sich aus drei selbstständigen Bereichen zusammen, die in ihrem Wirken ausschließlich dem Volk rechenschaftspflichtig sind: Legislative –  Exekutive.- Repräsentation

Staatsbereich Legislative

Aufgaben

  • – Erarbeitung von Gesetzentwürfen oder Verfassungsveränderungen
  • – Beratung mit Bürgerbewegungen / ggf. Einberufung von Parlamentstagungen
  • – Organisation von Bürgerentscheiden
  • Organisation von Volksversammlungen / Volksbegehren, Volksentscheidung – Nutzung der „digitalen Demokratie“ für Volksabstimmungen
  • Veröffentlichung von Entscheidungen / Kontrolle über Einhaltung

Parlamentarische Debatten und Entscheidungen

Das Parlament besteht aus vier Kammern:

Grundwerte-Kammer: für das faire Miteinander der Weltanschauungen, der ethischen Positionen, der Religionen und spirituellen Gruppen, zuständig für den gesellschaftlichen Grundkonsens in allen, heute immer offensichtlicher werdenden Grundwertefragen: Gleichberechtigung, Gleichheit vor dem Gesetz, ethische Grundregeln für die Selbstwertfindung eines jeden Menschen und das gesellschaftliche Zusammenleben des Volkes, sowie auch die Fragen über pränatale Medizin, Sterbehilfe, Gentechnologie, Erhaltung der Natur.

Kultur-Kammer: für die rechtlichen Rahmenbedingungen von Schule, Bildungswesen, Forschung, Medien und Kunst, die sich durch ein Maximum an freier Initiative entfalten sollen. In die Kompetenz dieses Parlaments fällt auch die Art der „Integration” von Migranten, was nicht primär eine Wirtschaftsfrage ist.

Politik-Kammer: für Boden- und Verkehrspolitik, innere und äußere Sicherheit, Außenpolitik, Rechtsentwicklung (Zivil- und Strafrecht, Verfassungsentwicklung) – unter den Vorgaben der beiden „höheren” Ebenen.

Wirtschafts-Kammer:

  • zur rechtlichen Gestaltung der wirtschaftlichen Basis für die Gewährleistung einer den ermittelten Bedarf der Bevölkerung deckenden Herstellung von Gebrauchsgütern
  • – Nutzung des „Marktes“ zu Ermittlung des Bedarfs und Befriedigung des eigenen und des öffentlichen Bedarfs – zur Vermeidung einer Überproduktion
  • – Vermeidung jeglicher Konkurrenz
  • – Nachhaltiges Wirtschaften mit den Rohstoffen; möglichst durch Renaturierung des Bodens und Wiedernutzung von bereits verarbeiteten Rohstoffen
  • – Förderung der Genossenschaften auf dem Lande, im ländlichen und städtischen Gewerbe, Handel
  • – Sicherung der nachhaltigen Nutzung von eigenem Grund und Boden sowie der notwendigermaßen zu importierenden Rohstoffe.
  • – Fairer Austausch von Produktions- und Gebrauchsgüter gegen beim Handelspartner vorhandenen Produktions- und Gebrauchsgütern
  • – Keinerlei Investitionen außerhalb der eigenen Grenzen.

Koordinierung der privaten, genossenschaftlichen und staatlichen Unternehmen in der Planung, Herstellung, Pflege und Nutzung gemeinsamer / öffentlicher Güter des Volkes-

Die Wert-Vorgaben der übergeordneten Parlamentskammern sind verbindlich umsetzen. So kommt es zu einer dem Gemeinwesen dienenden, statt es beherrschenden

Jährliche Wahl einer dieser Kammern. Also jedes Jahr bereichsbezogene Sachabstimmungen anhand der Wahl von Vertrauensleuten. Demokratie heißt nicht nur Mehrheitsprinzip, sondern gleichermaßen Beratung durch Fachleute und kontrollierbare Vertrauensdelegation. Die Mitglieder des Gesamtparlamentes werden in den sachbezogenen Bürgervereinen gewählt.

Dabei keine Aufblähung, sondern im Gegenteil Verschlankung der Gremien (jede Kammer höchstens 120 Abgeordnete).

Der Präsident des Parlaments und seine vier Stellvertreter werden aus den Bürgerbewegungen heraus vorgeschlagen und durch einen Volksentscheid bestätigt.

Staatsbereich Exekutive (Regierung)

Ministerpräsident/in Mitglied des Präsidialrates Direkt gewählt
Stellvertreter/in des MP Internationale Beziehungen / UN, EU u.a. / Mitglied des PR Direkt gewählt
Stellvertreter/in des MP Abstimmung in ethisch-moralischen Institutionen Justiz / Mitglied des PR Direkt gewählt
Minister des Innern Innere Sicherheit – Polizei Katastrophenschutz – Sport – Bürgerregistrierung Direkt gewählt
Minister für Wirtschaft Bedarfsplanung – Ressourcensicherung – Handel Direkt gewählt
Sicherung der Gemeinsamen / öffentlichen Güter des Volkes Infrastrukturen   – Energie – Wasser – Natur(schutz) – Kultur – Bildung – Gesundheitswesen

 

Direkt gewählt
Minister für Soziales und Familien Soziale Sicherungen / Familien Direkt gewählt
Minister für Gesundheitswesen Gesundheitswesen Direkt gewählt
Minister für Finanzen Haushalt / Steuerwesen Direkt gewählt

Der Ministerpräsident/die Ministerpräsidentin und seine /ihre zwei Stellvertreter/innen werden aus den Bürgerbewegungen/Vereinen vorgeschlagen und direkt gewählt.

Die Bereichsminister/innen werden ebenfalls aus den Bürgerbewegungen/Vereinen vorgeschlagen und direkt gewählt.

Staatsbereich Repräsentation / Präsidialrat

Staatspräsident/in Vertretung des Volkes nach außen (Direkt gewählt) Kontrolle der Einhaltung der ethischen Verhaltensregeln nach Innen und Außen   / Vereidigung der Exekutive
Vertreter des Staatspräsidenten Parlamentspräsident
Vertreter des Staatspräsidenten Oberster Richter
Dem Präsidialrat gehören zusätzlich der Ministerpräsident/in und die zwei Stellvertreter/in an

Alle im Staat wirkenden Bürger erhalten entsprechend ihrer Ausbildung und ihrer Verantwortung über ihr Arbeitsgebiet ein mit den Gewerkschaften abgestimmtes Gehalt. Sie sind bei Verletzung ihrer Kompetenzen jederzeit kündbar.

Die Beziehung zwischen Bürger und Staat entsteht durch beiderseitige vertragliche Bekundung in Form der „Staatsbürgerschaft. Der Staat anerkennt in jedem „Staatsbürger“ den Träger des Souveräns an; jeder Bürger anerkennt den Staat als den Dienstleister und Vertreter seiner individuellen Interessen.

Der Bürger / die Bürgerin akzeptiert durch Unterzeichnung des Staatsbürgerschaftsvertrages die Verpflichtung der Einhaltung der Verfassung und der gesetzlichen Regeln, sowie der Zahlung einer seinem Einkommen entsprechende Steuer, die zur finanziellen Absicherung der staatlichen Aufgaben beiträgt .

Staatsbereich Judikative

Aufbau des Gereichtswesens von der lokalen Ebene bis zur obersten Landesebene.
– Amtsgericht einer Stadt
– Kreisgericht
– Oberstes Landesgericht
– Landes-Verfassungsgericht
 

 

EU und USA: Neue Ökonomie der Hinterhöfe

Warum sich die EU für höhere Löhne für Osteuropäer einsetzt.

Von Stephan Kaufmann

US-Präsident Donald Trump gilt als Präsident der Reichen – doch derzeit setzt er sich für die Armen ein. Für die mexikanischen. Ihre Arbeitsbedingungen und Löhne zu verbessern, macht Washington zur Bedingung für ein neues Freihandelsabkommen mit Mexiko. Die EU gilt als neoliberal – doch derzeit setzt sie sich für die schlecht entlohnten Arbeiter ein. Für die osteuropäischen. Ihre Ausbeutung soll mit der neuen EU-Entsenderichtlinie ein Ende haben. Das Wohlergehen der Ausgebeuteten allein ist dabei allerdings nicht das Ziel. In der Konkurrenz der Standorte ändern die USA und Westeuropa die Art und Weise, wie sie ihre Hinterhöfe bewirtschaften.

Mit Osteuropa und Mexiko haben die mächtigen EU-Staaten und die USA zwei Regionen mit enorm billiger Arbeitskraft vor der Haustür. Ein mexikanischer Bandarbeiter verdient mit rund zwei Dollar pro Stunde nur ein Zehntel seines US-Kollegen. In Tschechien, Ungarn oder der Slowakei erreichen die Stundenlöhne in der Industrie – trotz der Lohnsteigerungen der Vergangenheit – nicht mal ein Drittel des deutschen oder französischen Niveaus.

Mit der Nordamerikanischen Freihandelszone (Nafta) und der Osterweiterung schlossen die USA und die EU diese Regionen an den eigenen Rechtsrahmen an und eröffneten ihrer heimischen Industrie damit ein immenses Reservoir an billiger Arbeitskraft. Dieses Angebot nahmen die Konzerne gerne an. Amerikas Investitionen in Mexiko schossen seit Nafta-Gründung 1994 von 15 Milliarden auf über 100 Milliarden Dollar in die Höhe und heizten die Lohnkonkurrenz zwischen amerikanischen und mexikanischen Standorten an. Allein der US-Autosektor baute ein Drittel seiner Jobs ab, gleichzeitig stieg die Zahl der mexikanischen Auto-Arbeiter von 120 000 auf 550 000. Auch ausländische Konzerne wie Volkswagen oder BMW zogen Werke an der mexikanischen Grenze hoch, um von dort in die USA zu exportieren. Seit 1993 haben sich Mexikos Ausfuhren in die USA mehr als versechsfacht, geliefert werden vor allem Autos, Maschinen und Elektronik.

Ähnliches geschah in Osteuropa. Vor allem das Kapital aus Deutschland, Frankreich und den Niederlanden ließ sich dort nieder. In Tschechien arbeitet heute ein Drittel der Beschäftigten für ausländische Unternehmen. In Polen produzieren Auslandsfirmen zwei Drittel aller Exporte. Die größten Firmen in der Slowakei und Tschechien gehören Volkswagen. Pro Kopf der Bevölkerung produziert die Slowakei so viele Autos wie kein anderes Land der Welt. Der Bloomberg-Kolumnist Leonid Bershidsky nennt Osteuropa »ökonomische de-facto-Kolonien«. Das lohnt sich für die Investoren: Laut Berechnungen des Bruegel-Instituts liegen die Renditen ihrer ausländischen Direktinvestitionen »besonders in Osteuropa hoch«, zwischen fünf und zwölf Prozent. Zum Vergleich: In Frankreich und Deutschland verdienen ausländische Investoren im Durchschnitt zwei bis vier Prozent.

Doch nun geschieht etwas Neues: Die lange Jahre politisch gewollte und organisierte Lohnkonkurrenz wird entschärft. Der mexikanischen Regierung liegt ein Gesetzentwurf vor, der die Gewerkschaften des Landes weiter schwächen soll. Lohnverhandlungen werden stärker auf Betriebsebene verlagert und prekäre Arbeitsverhältnisse gefördert. »Das wird die mexikanischen Löhne weiter drücken und die Verlagerung von amerikanischen Jobs befördern«, warnt der US-Gewerkschaftsverband AFL-CIO in einem Brief an den US-Handelsbeauftragten Robert Lightizer, der mit Mexiko derzeit eine Neuauflage der Nafta verhandelt. »Wenn Mexiko nicht aufhört, die Löhne der Arbeiter zu drücken, wird kein Nafta-Abkommen durch den Kongress kommen«, drohen 180 US-Abgeordnete in einem Brief.

Dem schließt sich auch US-Präsident Trump an. Er hat bessere Arbeitsbedingungen in Mexiko zur Voraussetzung eines neuen Abkommens gemacht. Während Trump in den USA eine weitere Schwächung der heimischen Gewerkschaften eingeleitet hat, will er sie in Mexiko stärken, um dort höhere Löhne als Standortnachteil durchzusetzen – zum Wohle amerikanischer Jobs. Höhere Löhne als Ergänzung zur Mauer zu Mexiko sollen Fluchtursachen bekämpfen, nämlich die »Flucht« der US-Konzerne in den billigen Süden. Ein geplanter Besuch des mexikanischen Präsidenten mit Trump ist gerade abgesagt worden – »es ist nicht der geeignete Zeitpunkt«, erklärte ein ranghoher US-Regierungsvertreter.

In Europa wird das Problem anders angegangen. Die EU hat keinen direkten Zugriff auf die osteuropäischen Lohnniveaus, denn diese liegen im Kompetenzbereich der Nationalstaaten. Dennoch wird aus Westeuropa Druck gemacht, dass zumindest jene Osteuropäer mehr verdienen, die aus der Heimat gen Westeuropa zur Arbeit geschickt werden. »Wir können nicht zulassen, dass es Leute gibt, die Arbeiter aus dem Ausland holen, sie für ein paar Kröten arbeiten lassen und damit gesunde deutsche Betriebe kaputt machen«, schimpfte schon 2005 Bundeskanzler Gerhard Schröder.

Auf Druck insbesondere der französischen Regierung liegt eine neue EU-Entsenderichtlinie vor. Statt des branchenüblichen Mindestlohns sollen entsandte Arbeiter nun den Tariflohn am Arbeitsort erhalten, zudem werden Entsendungen auf 18 Monate begrenzt. Laut EU-Kommission ist dies nötig, »um ›Sozialdumping‹, d. h. das Unterbieten von Preisen auf lokalen Märkten durch ausländische Dienstleister, deren Arbeitsstandards niedriger sind, zu vermeiden«. Im Klartext: Es geht nicht um ein besseres Leben für die Osteuropäer, sondern um Wettbewerbsnachteile der Firmen aus dem Westen.

Vergeblich wehrten sich die osteuropäischen Regierungen gegen die neue Entsenderichtlinie. Polen, Ungarn, Rumänien und weitere elf Staaten versuchten, sie zu stoppen. Polens Regierung wetterte gegen den »Protektionismus« Westeuropas. Ähnlich sieht das Urs Pötzsch vom wirtschaftsliberalen Institut CEP: »Unternehmen aus Osteuropa können bisher vor allem bei den Lohnkosten punkten«, sagte er im MDR. Würden ihre Arbeitnehmer finanziell gleichgestellt, würde die Wettbewerbsfähigkeit dieser Unternehmen erheblich beeinträchtigt. »Sie würden faktisch aus dem westeuropäischen Markt gedrängt. Das wäre Protektionismus.«

In der Konkurrenz um rentable Lohnkosten will die französische Regierung nun noch einen Schritt weiter gehen. Sie fordert eine Angleichung der Sozialstandards in der EU. Auch die Große Koalition spricht in ihrem Sondierungspapier von einem »Rahmen für Mindestlohnregelungen sowie für nationale Grundsicherungssysteme« im Kampf gegen Lohndumping. Zudem will die EU künftig verstärkt prüfen, ob eingeführte Güter zu Dumpingpreisen angeboten werden und ob die Hersteller durch niedrigere Sozial- und Umweltstandrads unfaire Handelsvorteile genießen. Auch dagegen wehren sich die osteuropäischen Regierungen. Denn, so die Commerzbank, mit »höheren Sozialstandards und Mindestlöhnen verlieren die osteuropäischen Länder ihren entscheidenden Wettbewerbsvorteil« – nämlich die relative Armut ihrer Bevölkerung.

Im Kampf um Marktanteile entschärfen die USA und Westeuropa also die von ihnen organisierte Lohnkonkurrenz mit den Staaten östlich und südlich ihrer Grenzen. Damit wollen sie zum einen Wertschöpfung im Land halten oder dorthin ziehen. Zweitens zeigt die trotz des Aufschwungs sehr schwache Lohnentwicklung in der EU und den USA, dass die Lohnsenkungsstrategie aus Sicht von Washington, Berlin und Paris mittlerweile wohl etwas zu erfolgreich war. Und drittens wird auf die Beschwerde gerade von rechter Seite eingegangen, Schuld an der Armut in Deutschland, Frankreich und den USA seien die Ausländer – die armen Mexikaner und Osteuropäer.

Damit soll gleichzeitig der Anti-EU-Stimmung im Westen begegnet werden. »Fairness ist wichtig, um das Vertrauen der Bürger in den EU-Binnenmarkt zurückzuerlangen und zu erhalten«, so EU-Sozialkommissarin Marianne Thyssen. »Gelingt das nicht, verlieren wir den Binnenmarkt.« Mit Entsenderichtlinie und Sozialunion kämpft die EU also um ihre Reputation, die »gerade in den Krisenländern darunter gelitten hat, dass die EU für die schmerzhaften Einschnitte in die Sozialsysteme verantwortlich gemacht wird«, so die Commerzbank.

neues deutschland, Berlin, 10.03.2018, S. 22