Empörendes

Die „einfache Welt“ der Leitmedien

Der Spiegel analysiert die Vertrauenskrise der Medien und ignoriert dabei linke Medienkritik.

In einem begleitenden Videointerview erklärt die Journalistin ihre Beweggründe:

„Der Ausgangspunkt der Recherche war, dass auch aus Gesprächen mit vielen Kollegen man den Eindruck hatte, dass dieses Misstrauen gegen die Medien in einem Milieu angekommen ist, was wir lange nicht wahrgenommen haben – also gut gebildete Leute, von denen man glaubt, die stehen gesellschaftlich – haben die es eigentlich geschafft. Und da ist trotzdem eine wahnsinnige Wut und auch ein Misstrauen auf Medien…“

Im Artikel selbst heißt es ähnlichen Sinnes:

„Das ‚Lügenpresse‘-Gebrüll eines Marktplatz-Mobs, der keine Argumente kennt, nur Wut, ließe sich noch abtun. Doch die Verachtung von Bildungsbürgern nagt am Selbstbewusstsein (…) Was macht selbst Menschen, denen es nach objektiven Maßstäben in dieser Gesellschaft nicht schlecht geht, so wütend, dass sie derart drauflosschimpfen?“

Zwischen den Zeilen steckt hier einiges. So darf man fragen: Warum lässt sich laute Kritik von Menschen auf Marktplätzen leichter „abtun“, als Klagen von hochstehenden Personen? Sind Höherstehende, denen es gut geht, beachtenswerter als Leute, die es „nicht geschafft“ haben? Zu Ende gedacht scheint eine bösartige Logik auf: Der Anspruch auf politische Partizipation und Teilnahme an der öffentlichen Debatte bemisst sich am individuellen wirtschaftlichen Erfolg und gesellschaftlichen Ansehen.

Mancher mag schulterzuckend einwenden, dass dieser Satz doch bloß eine banale Wahrheit ausdrücke. Allerdings ist es eine Wahrheit, die offiziell aufs Schärfste bestritten wird, sowohl von der Regierung wie von den Leitmedien. Man lebe doch in einer Demokratie, heißt es dann, und alle, ob nun arm, reich, gebildet oder ungebildet, hätten darin die gleichen Rechte, allen würde Gehör geschenkt. Hört man allerdings Journalisten wie der SPIEGEL-Redakteurin zu, dann entsteht der Eindruck, dass deren Denken einer ganz anderen, wenig demokratischen Logik folgt.

Isabell Hülsen widerspricht auf Nachfrage energisch. Die Medienkritik anderer Milieus sei für sie keineswegs weniger relevant: „Sofern Sie hier irgendwelchen Dünkel wittern, muss ich Sie enttäuschen, er liegt mir fern.“ Doch wenn dem so ist, warum hat die Journalistin dann nicht schon längst einen Artikel verfasst, in dem sie Medienkritik von weniger privilegierten Bürgern ähnlich sachlich und besorgt unter die Lupe nimmt? Warum wird sie erst dann aktiv, wenn das eigene Milieu, die Bessergestellten „von der Fahne gehen“ (O-Ton Hülsen)? Haben die „Leute auf Marktplätzen“ wirklich so gar keine bedenkenswerten Argumente? Herrscht dort tatsächlich nur irrationale Wut ohne Verstand?

Dass die Leitmedien als abgekoppelt von der breiten Bevölkerung, als „Eliten-Lautsprecher“ wahrgenommen werden, und dass sich dieser Eindruck nicht einfach ignorieren lässt, ist der Autorin offenbar zumindest in Ansätzen klar. So regt sie im Interview zu Ihrem Artikel an, „dass wir aus der Position des Lesers vielleicht mehr kommen müssen, als stolz darauf zu sein, mit einer bestimmten Riege von Politikern zu reden oder Mächtigen in Kontakt zu treten, dass wir immer wieder die Position der Leser auch stärker noch einnehmen.“

Doch wie will man das schaffen, wenn ebenjene Leser zunächst einmal von oben herab eingeteilt werden in eine kleine Schicht ernstzunehmender „Erfolgreicher“ und einen großen zu ignorierenden „abgehängten Mob“? Deutlich wird: Diese Logik geht nicht auf. Die darin enthaltene Arroganz ist genau das Gegenteil von Respekt – was den meisten Lesern auch deutlich auffällt und zu weiterem Unmut führt. Unter dem Facebook-Eintrag des SPIEGEL zum Hülsen-Interview haben bezeichnenderweise folgende zwei Kommentare die meisten Likes von Lesern erhalten:

„Frau Hülsen, …hören Sie sich mal Ihr arrogantes Gequatsche an, dann können Sie sich Ihre Fragen selbst beantworten. Als ob nur Rechtsanwälte und Lehrer die Gesellschaft spiegeln. Haltet euer Ohr mal wieder ans Volk da unten. Die entscheiden über eine Revolution.“

„Diese arrogante Tante, diese herablassenden Äußerungen über Menschen, die es ‚gesellschaftlich nicht geschafft haben‘. Entlarvend … sie gehört auch zu den Ahnungslosen, was hier abgeht. Die leben alle in ihrem eigenen Universum.“

Hülsens erstaunte Frage, was Menschen, „denen es nach objektiven Maßstäben in dieser Gesellschaft nicht schlecht geht“, so wütend auf die Medien mache, enthält eine weitere unausgesprochene Annahme: Wem es finanziell gut gehe, der habe doch eigentlich keinen Grund, das System in Frage zu stellen.

Die Logik dahinter – Menschen scheren sich im Grunde nur um ihren persönlichen finanziellen Vorteil – gehört zur Glaubenslehre des Neoliberalismus, der nicht zufällig derzeit genauso ins Wanken gerät wie das Mediensystem.

Dass in Wirklichkeit das Denken und Fühlen von Menschen weitaus komplexer motiviert ist, dass man sehr wohl das große Ganze erkennen und kritisieren kann, auch wenn man selbst vom System profitiert, sollte eigentlich kein Grund zum Staunen sein.

Ein Professor, drei Journalisten und ein Rentner aus dem Osten

Der SPIEGEL-Redakteurin ließ diese Frage dennoch keine Ruhe. Mit großer Ausdauer versuchte sie, ihrem Unbehagen über „die Wut der klugen Köpfe“ – so der Titel ihrer Reportage – auf den Grund zu gehen.

Dazu reiste sie quer durch Deutschland und führte in einer Art soziologischer Stichprobe ausführliche Gespräche mit fünf Personen. Ihr Protagonist, der stellvertretend für die Medienkritik der Gebildeten steht, ist Junior-Professor an einer Universität, hat ein IT-Start-up geleitet und „besucht Konferenzen im Silicon Valley“, wie die Autorin respektvoll anmerkt. Somit befindet er sich weit genug entfernt vom vernachlässigbaren Straßenmob (O-Ton Hülsen: „gehört nicht zu denen, die sich auf Marktplätze stellen und Journalisten bepöbeln“).

Der Junior-Professor ist sozusagen der prototypische Wunsch-Leser der SPIEGEL-Redaktion und kommt genau aus dem Milieu, in dem man selbst sich heimisch fühlt. Zum Erstaunen des SPIEGEL meint aber selbst er: „Ich finde es widerlich, dass ich ständig belehrt werde, was ich zu denken habe“. Daher, so schildert es die Journalistin, lese der Professor nun häufiger rechtskonservative Blogs wie die „Achse des Guten“, „Tichys Einblick“ oder die konservative Schweizer Zeitung NZZ, die ein „Labsal“ für ihn seien.

Hülsen nimmt die Spur auf und interviewt als nächstes den NZZ-Chefredakteur, dann ZDF-Mann Claus Kleber, sowie eine Kollegin von einer bayerischen Regionalzeitung, wo man als Antwort auf die massive Leserkritik Unerhörtes wagte:

„In der Zeitung selbst hat sich ein neues Format etabliert: ‚Ein Thema – zwei Meinungen‘. Das soll auch ein Signal in die Redaktion sein: Kollegen sollen den Mut haben zu sagen, dass sie anderer Meinung sind.“

Wow! Pro und kontra – und das in einer Zeitung! Wahrhaft mutig und revolutionär, möchte man sarkastisch anfügen. Im Grunde erscheint es eher abgrundtief peinlich und gemahnt an nordkoreanische Verhältnisse, eine solche journalistische Selbstverständlichkeit als „neues Format“ zu feiern.

Die SPIEGEL-Redakteurin besuchte aber nicht nur etablierte Kollegen, sondern auch einen – bei diesem Thema offenbar obligatorischen – Rentner aus der ostdeutschen Provinz:

„Er wohnt in einem gelb getünchten Einfamilienhaus in Sergen, einem Dorf mit 400 Einwohnern bei Cottbus. Hinter dem Grundstück geht es über den Acker in den Wald, am Horizont stehen die weißen Dampfwolken der Kohlekraftwerke.“

Das Framing sitzt: Da wohnt einer am Wald, unweit eines alten DDR-Kombinats, sozusagen hinter dem Mond. Doch der Ostrentner ist kein enttäuschter Arbeitsloser, sondern offenbar gutsituiert, war vor der Wende Betriebsleiter, danach Vertriebler für einen Pharmakonzern mit „gutem Job“, wie der Leser erfährt. Hülsen hört ihm aufmerksam zu, begegnet ihm fair und nimmt sein Argument, die Journalisten befänden sich oft in einer eigenen Welt, ernst, wenn sie zum Ergebnis kommt, die Kritik des Mannes „treffe“:

„Redaktionen sind heute überwiegend Akademikerterrain. Mehr als 73 Prozent der Politikjournalisten in Deutschland haben studiert. Der Blick der deutschen Leitmedien ist oft der einer urbanen Elite, die aus ihren Altbauwohnungen in Berlin, Hamburg oder München auf das Land schaut. Nicht die Leser haben sich also entfremdet, sondern umgekehrt, die Journalisten von den Lesern und ihrer Lebensrealität?“

Doch solche Erkenntnisse bleiben isoliert im Text, werden kaum zu größeren, umfassenderen Schlussfolgerungen verknüpft. Dabei hat Hülsen gerade an dieser Stelle eine ganz persönliche Erfahrung gemacht, die in ihrem Text leider nicht zur Sprache kommt. 2017 veröffentlichte sie eine bitterböse Reportage über die Stadt Gera in Thüringen, der es finanziell besonders schlecht geht und wo sich wenig zum Positiven bewegt. Ihr Urteil über die ostdeutsche Arbeiterstadt war vernichtend:

„Wer hier etwas verändern will, verzweifelt. Und das liegt nicht nur am Mangel an Geld.“

Tenor des Berichts: Der Stadt fehle der Wille, etwas zu bewegen, die Einwohner seien lethargisch und chronisch negativ gestimmt. Selber schuld, sozusagen. Das bekannte Vorurteil, mit dem oft Hartz-IV-Empfänger abgestempelt werden, warf Hülsen mit voller Wucht einer ganzen Stadt entgegen.

Geraer Unternehmer, die sich über den abwertenden Bericht beschwerten, luden die Journalistin daraufhin ein, um sich ihrerseits der Kritik zu stellen. Hülsen kam und verteidigte vor einem kleinen Kreis von Krawattenträgern ihren Bericht: Sie würde ihn wieder so schreiben. Die gleiche Arroganz also auch an dieser Stelle.

Als ein Geraer, der die Journalistin im Rahmen ihrer Recherche einen ganzen Tag lang durch die Stadt geführt hatte, um ihr positive Initiativen von Bürgern zu zeigen (die es auch gab), sie dafür kritisierte, dass nichts davon in ihren Artikel eingeflossen sei, entschuldigte sie sich nur verhalten: „Es tut mir leid, dass der Teil rausgefallen ist“. Sie habe den Artikel leider kürzen müssen. Dazu der Geraer: „Mich ärgert, dass sie nicht gekürzt, sondern abgeschnitten haben“.

Leitmedien und die „einfache Welt“

Wie in einer Nussschale finden sich in dieser lokalen Affäre all die großen Kritikpunkte gegenüber den Leitmedien: die Voreingenommenheit, die Einseitigkeit, das Weglassen von „Unpassendem“, sowie, thronend über allem: die Überheblichkeit. In einem resümierenden Abschnitt ihres Artikels schreibt Hülsen zur Medienkritik der Gebildeten:

„Muss man das ernst nehmen? Medien können die Welt nicht so einfach machen, wie es sich manche Zuschauer oder Leser offenbar wünschen. Die Unübersichtlichkeit und die Unordnung, die Zeitungen und Fernsehsender jeden Tag in die Wohnzimmer ihrer Nutzer tragen, überfordern offenbar nicht bloß die ‚Abgehängten‘ in dieser Gesellschaft.“

So einfach ist die Welt dann also doch wieder: Die Kritiker, auch die klugen, sind bloß „überfordert“, verstehen das große Ganze, die komplexe Welt nicht. Dieses Argument kennt man von Politikern nach verlorenen Wahlen, wenn es heißt, man habe sein richtiges Anliegen nur nicht verständlich vermitteln können. Der Wähler habe es nicht begriffen.

Dabei scheint eher das Gegenteil der Fall zu sein:

Etablierte Politiker wie Leitmedien selbst sind offenbar häufig überfordert von der Komplexität der Welt – 9/11, Syrien, Ukraine – und pressen sie in Frames und bequeme Klischees, die zudem auffällig oft zum Nutzen und im Sinne einflussreicher Eliten sind. Was natürlich bloß ein Zufall sein kann.

Berechtigte Medienkritik fehlt

An dieser Stelle kommt eine linke Medienkritik ins Spiel, die im SPIEGEL-Artikel aber praktisch nicht existiert. Hülsen erweckt den Eindruck, als wäre Kritik an den Leitmedien meist rechts und als sei die Frage eigentlich bloß, wie weit sich der Mainstream den rechtskonservativen Kritikern öffnen solle oder dürfe, um den Anschluss an die Etablierten nicht zu verlieren.

Die breite linke Medienkritik, gerade auch aus der Wissenschaft, blendet der Artikel nahezu vollständig aus. Keine Erwähnung von Dr. Uwe Krüger und seinen vieldiskutierten Büchern „Meinungsmacht“ und „Mainstream“, beide in renommierten Verlagen erschienen, kein Wort von Prof. Ulrich Teusch und seinem Buch „Lückenpresse“, in dem die wesentlichen Argumente zum Thema in der gebotenen Breite und Seriosität durchdekliniert werden.

Allein der Sammelband „Lügen die Medien?“, immerhin ein SPIEGEL-Bestseller, wird im Artikel erwähnt, ohne aber in irgendeiner Form auf den Inhalt einzugehen, etwa auf die darin enthaltenen Beiträge von Fachleuten wie Rainer Mausfeld, Noam Chomsky, Eckart Spoo oder Daniela Dahn.

Hülsen ist, ob nun mit Vorsatz oder nicht, auf diesem Auge konsequent blind. Sie besucht zwar den NZZ-Chef (unter dessen Ägide das Blatt nach rechts gerückt ist), räumt seinen Thesen großzügig Platz ein, und lässt sich vom Transatlantiker Claus Kleber (neuestes Buch: „Rettet die Wahrheit“) ausführlich dessen Welt erklären, doch namhafte Fachleute mit linker Tendenz wie Krüger oder Mausfeld sind im SPIEGEL -Universum offenbar unbekannt. Oder doch bloß unerwünscht?

Auf Nachfrage meint Hülsen dazu, sie kenne diese Autoren und Bücher „selbstverständlich“: „Aber Protagonisten im Text sollten Zeitungsleser und Medienmacher sein“. Spätestens an dieser Stelle beginnt man, sich verschaukelt zu fühlen. Buchautor Ulrich Teusch ist Journalist und Medienmacher, Daniela Dahn ebenso, auch Uwe Krüger ein gelernter Journalist.

Deren kollektive Ausgrenzung wird Gründe haben, sofern das Weglassen dieser Positionen – nicht bloß im SPIEGEL, sondern auch in anderen Leitmedien – nicht bloß ein „dummer Zufall“ sein soll. Will man intelligenten linken Kritikern kein Forum bieten? Hülsen wehrt ab. Die Kategorien rechts und links seien für sie an dieser Stelle einfach „nicht maßgeblich“ gewesen:

„Aus den Grabenkämpfen rechts gegen links halte ich mich heraus.“

Doch wie soll das, bitte, gehen? Niemand dürfte bestreiten, dass es eine Medienkritik von rechts gibt und eine andersartige von links. Die rechte Medienkritik, der im SPIEGEL-Artikel viel Platz eingeräumt wird, unterstellt Alpha-Journalisten eine vermeintlich linke Agenda im Sinne einer informellen schwarz-rot-grünen Koalition.

Die Rechten bemängeln, dass ihre eigenen konservativen Sichtweisen nicht angemessen in den Medien dargestellt oder diffamiert werden. Linke Medienkritiker hingegen (die im Artikel nicht vorkommen), meinen, dass der herrschende Mainstream keineswegs links sei, sondern oft auf Seiten der Reichen.

Die Leitmedien werden von ihnen nicht bloß als regierungsnah eingeordnet, sondern, grundsätzlicher, als elitennah. Die Berichterstattung folge, ebenso wie das Regierungshandeln, den Zielen und Wünschen einflussreicher Kreise aus der Oberschicht. Linke Medienkritik ist ihrem Wesen nach eine grundsätzliche Elitenkritik. Linke fordern demokratische Medien, die nicht die Ansichten reicher Eigentümer und mächtiger Hintergrundkreise propagieren sollen. Rechte äußern diese scharfe und an die Wurzel gehende Kritik an den Eliten nicht.

Der SPIEGEL hält solche Unterschiede nun für „nicht maßgeblich“, für „Grabenkämpfe“, aus denen man sich „heraushalte“. Das ist bezeichnend. Die der Vertrauenskrise zugrunde liegende politische Ebene, insbesondere der Deutungskampf um die Macht der Eliten im Lande, soll offenbar auch weiterhin ausgeblendet bleiben. Doch das dürfte kaum gelingen. Denn der Streit um die Medien ist im Kern ein Streit um die Demokratie:

Quellen und Anmerkungen:    https://magazin.spiegel.de/SP/2018/9/155969264

Der gewollte Krieg / Peter Frey

Der Umgang des Westens mit den angeblichen Giftgasangriffen in Syrien offenbart, wie Krieg „gemacht“ wird.

Parallele 1

Ab dem 13. Februar 2018 verbreiteten die Massenmedien die folgende Meldung:

„Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron hat für den Fall, dass der Einsatz von verbotenen Chemiewaffen in Syrien sicher nachgewiesen wird, mit Angriffen gedroht. „Wir werden an dem Ort zuschlagen“, von dem solche Angriffe ausgegangen oder organisiert worden seien, sagte Macron vor Journalisten in Paris. „Die rote Linie wird respektiert werden“, fügte der Präsident hinzu.“ (1,2,3)

Belassen wir es an dieser Stelle bei einem kurzen Auszug und der Benennung dreier Quellen. Der interessierte Leser kann gern weiterforschen und wird schnell erkennen, dass die Nachricht mehr oder weniger von der französischen Nachrichtenagentur AFP in Inhalt, Form und Wertung geliefert und dann von den Medien einfach nur verbreitet wurde.

Alle großen Medien brachten somit die im Prinzip gleiche Nachricht mit gleich gearteter Konnotation. Man kann so etwas ohne Weiteres als Gleichschaltung bezeichnen. Und diese Medien behaupten, für Vielfalt und Unabhängigkeit zu stehen – sehr witzig.

Nun eine weitere Meldung; eine die fünfeinhalb Jahre vor der obigen Meldung die Runde machte:

„Ich habe bis jetzt kein militärisches Eingreifen angeordnet. … Aber chemische oder biologische Waffen dürfen nicht in falsche Hände fallen. Wir haben klargemacht, dass für uns eine rote Linie überschritten ist, wenn eine ganze Menge chemischer Waffen bewegt oder eingesetzt werden. Das würde meine Kalkulation ändern.“ (4)

Es war die Antwort des US-Präsidenten Barack Obama auf die Frage eines NBC-Journalisten und ich gehe davon aus, dass das Frage-Antwort-Spiel damals inszeniert wurde, um eine politisch-mediale, niederträchtige Farce gegen die syrische Regierung einzuleiten.

Parallele 2

Gab es denn belastbare Hinweise, die den Verdacht gegen Syrien und damit das protzige Gehabe des US-Präsidenten begründen konnten? In den Jahren 2012/2013 hörte sich das immer so an:

„Laut der Sprecherin von Obamas Nationalem Sicherheitsrates, Caitlin Hayden, haben die Geheimdiensterkenntnisse zu Syriens Chemiewaffen einen „unterschiedlichem Grad der Zuverlässigkeit““. (5)

Das war alles. Man wusste gar nichts. Es gab „Erkenntnisse“ der Geheimdienste und zusätzlich die Berichte von „Aktivisten“, welche über die durch das britische Außenministerium finanzierte sogenannte Beobachtungsstelle für Menschenrechte aus Mittelengland an alle Massenmedien weitergereicht und von diesen ungeprüft und GLEICHGESCHALTET an das Publikum verbreitet wurden.

Wie sieht das nun im Jahr 2018 aus? Hierzu eine entsprechende Meldung der Nachrichtenagentur AP von Anfang Februar 2018:

„Die Vereinigten Staaten haben keine Beweise, welche Berichte von Hilfsgruppen und Anderen bestätigen, dass die syrische Regierung das tödliche Gift Sarin gegen seine Bürger eingesetzt hat, sagte Verteidigungsminister Jim Mattis am Freitag. „Wir haben andere Berichte von den Schauplätzen, von denen Leute behaupten, dass es dort eingesetzt wurde“, teilte Mattis den Reportern im Pentagon mit. „Wir haben keine Beweise dafür.“ (6)

Fassen wir also erst einmal zusammen, dass rote Linien gezogen wurden, ohne das, was man damit ja angeblich verhindern wollte, auch nur im Geringsten seriös belegen zu können.

Parallele 3

Immer war die Giftgaskampagne gegen Syrien auch eine der Glaubwürdigkeit. Es war notwendig, die Bevölkerung emotional in das Kriegsboot zu zerren oder zumindest zu sedieren, um eine gesellschaftliche Gegenbewegung zur Kampagne der bellizistischen Eliten zu verhindern.

Dafür sind sie in erster Linie bis heute da, wenn es um Syrien geht: Die Menschenrechtsorganisationen; massiv mit Geld und Öffentlichkeitsarbeit unterstützte Organisationen, welche mit der Aura der Unparteilichkeit und einzig dem Ziel zu helfen, präsentiert werden. In ihrer Aufgabenstellung standen und stehen sie auf gleicher Linie wie die verschiedenen Gremien der Vereinten Nationen. Ja, letztlich funktioniert die UNO wie eine NRO (Nichtregierungsorganisation). Was den Rufmord mit dem Giftgas betrifft, ist das hier interessant:

„Oslo – Der Friedensnobelpreis 2013 geht an die Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW). Das gab das Nobelpreiskomitee in Oslo bekannt. Die Organisation werde für ihre intensiven Bemühungen für die Zerstörung chemischer Waffen ausgezeichnet, begründete das Gremium seine Entscheidung.“ (7)

Die OPCW erhielt diesen Preis zu Unrecht, denn ihre intensivsten Bemühungen lagen NICHT in der Zerstörung chemischer Waffen! Doch ging es darum, die Glaubwürdigkeit dieser Organisation massiv aufzustocken, denn mit ihr hatte man noch viel vor. Sie sollte die „Beweise“ liefern, die schließlich den Regime-Change in Syrien ermöglichen würden. Rechtzeitig vor dem „Aufstand“ in Syrien war der langjährige hochrangige NATO-Beamte Ahmet Üzümcü zum Chef der OPCW befördert worden (8, 9).

Dass sie den Nobelpreis nicht wert war, hatte die OPCW – gemeinsam mit hohen UN-Beamten – nämlich durch ihr aktives Desinteresse zur tatsächlichen Aufklärung von Vorfällen mit Giftgas bereits im Jahre 2013 eindrucksvoll nachgewiesen.

Im März 2013 ereignete sich westlich von Aleppo ein Vorfall mit chemischen Substanzen (10, 11, 12), der die syrische Regierung zutiefst beunruhigte und in deren Folge sie unverzüglich – also noch am gleichen Tag – und danach mehrfach eindringlich bei den höchsten Gremien der Vereinten Nationen vorsprach. Sie bat dringend, eine unabhängige UN-Kommission nach Syrien zu entsenden, um diesen Vorfall zu untersuchen (13, 14).

Diese Untersuchungskommission würde schließlich fünf Monate benötigen, um in Syrien einzutreffen. Immer und immer wieder drängten die Vertreter der syrischen Regierung bei der UNO um eine rasche und gründliche Auswertung. Doch die Leute von der OPCW hatten unendlich viel Zeit.

Just in jenen Tagen im August des Jahres 2013 aber, genau nachdem der US-amerikanische Präsident Barack Obama nochmal mit markigen Worten eine sogenannte rote Linie gezogen hatte, in der er eine militärische Intervention androhte – und ausgerechnet als die UN-Ermittler endlich, nach fünf langen Monaten in Damaskus eingetroffen waren (15) – sollte die syrische Armee, zehn Kilometer entfernt von diesen Ermittlern, chemische Waffen eingesetzt haben.

Die nachfolgenden Untersuchungen in und zu Ghouta ergaben KEINERLEI brauchbare Indizien, um Syriens Regierung einen Sarin-Einsatz nachweisen zu können (16). Dass die OPCW in Ost-Ghouta überhaupt ermittelte, war ein Betriebsunfall. Die Untersuchung war schlicht nicht vorgesehen, denn diese gigantische False Flag – Operation mit hunderten Toten sollte dem Plan nach eigentlich mit dem alternativlosen massiven Bombardement Syriens durch die Drahtzieher des False Flag selbst erfolgreich abgeschlossen werden.

In den folgenden Jahren gelang es jedoch, auch durch die Ehrung der OPCW mit dem Friedensnobelpreis, ihre Glaubwürdigkeit zu erhalten und ihre Untersuchungen für den Krieg gegen Syrien zu benutzen. Bis im November 2017 Russland dieses zutiefst unwürdige Spiel beendete, als es dem weiteren Einsatz von OPCW und JIM (Joint Investigative Mechanism) nicht mehr zustimmte (17).

Und heute? Auf Initiative Frankreichs wurde im Januar 2018 ein neues „Gremium der Völkergemeinschaft“ gegründet, welches nach außen hin Verbrechen gegen das Völkerrecht, in Wirklichkeit aber die Rolle von OPCW und JIM – zumindest teilweise – zu übernehmen gedenkt. Es handelt sich nicht um eine UN-Organisation. Ihr soll jedoch die Legitimität einer solchen angeheftet werden. Das Gremium hat den schwülstigen Namen Internationale Partnerschaft gegen die Straflosigkeit für die Nutzung chemischer Waffen (18, 19).

Der Name ist Programm, denn seine Initiatoren sehen sich selbst tatsächlich als legitime Bestrafer (siehe Obama und Macron in den Zitaten weiter oben) und nehmen im Sinne von Macht das exklusive Recht auf Gewalt gegenüber anderen Staaten als selbstverständlich wahr.

Diese Institution hat den Geruch eines obskuren Vereins, wird aber in den Medien seitdem auf der Stufe einer renommierten Menschenrechtsorganisation verkauft und soll den Menschen die nächste Illusion einer glaubwürdigen, unabhhängig untersuchenden Organisation im Streben nach dem Guten dieser Welt verklickern. Jedoch ist es in Wirklichkeit ein hässlicher Kriegsvogel im Gewand einer Friedenstaube.

Der Blick auf deren Webseite (20) offenbart das ganze sattsam bekannte Sammelsurium an Lügen, mit welchen man den Krieg gegen Syrien bis heute begründet. Sollten Sie Bekanntmachungen und Untersuchungsergebnisse dieser Organisation erfahren, empfiehlt es sich, skeptisch zu sein und die propagandistische Attitüde derer Botschaften zu erkennen.

Parallele 4

Ohne jeden Beweis, aber als Bedingung dafür, im Vorfeld Politiker, Militärs und Bevölkerung der eigenen Staaten unter massiven Druck zu setzen, um eine skrupellose Machtpolitik mittels Krieg durchzudrücken. Das lässt sich schwerlich anders als psychopathisch kennzeichnen.

Es gab vor sechs Jahren keinerlei Hinweise, dass chemische Substanzen zum Einsatz kommen würden. Das Thema wurde vielmehr als Problem kreiert und plötzlich gab es sie, die unbedingt zu untersuchenden Vorfälle. Genau das passierte ab 2012 und es geschieht nun wieder. Interessant ist, dass die große mediale Inszenierung mit dem Ruf nach unabhängigen Untersuchungskommissionen danach nie in tatsächlichen Untersuchungen mündete. Damit sind Untersuchungen gemeint, die allgemeinen Ansprüchen an Forensik und Kriminalistik, also den Mindeststandards seriöser Beweisaufnahme auch nur ansatzweise genügen.

Das ist auch völlig logisch, denn eine solche Art und Weise von Untersuchungen diente schließlich der Wahrheitsfindung und eben nicht der Pflege des Narrativs, welches im Sinne von Macht ausschließlich nach Bestätigung ruft. Macht aber sucht und findet immer eine überschrittene rote Linie.

Seien Sie sich also sicher. Wenn die nächste gleichgeschaltete Meldung zu Giftgas in Syrien im Konzert und im Stile eines Marktschreiers Ihre Sinne erreicht, wird sie das Folgende als Botschaft enthalten: Es MUSS unbedingt gewaltsam eingegriffen werden.

Was danach keine Rolle spielen wird, ist, dass es, so wie in allen anderen Fällen zuvor auch, keine seriöse Untersuchung zu den Vorwürfen geben wird.

Die Quellen werden die altbekannten sein: „Aktivisten“, „Helfer“, „Beobachter“. Sie werden Kinder sehen, welche durch die Gegend getragen werden. Sie werden mit Zerstörung und herzzerreißenden Bildern leidender Menschen und edler Helfer im Kampf gegen das Grauen konfrontiert. Man wird auf die perfideste Art und Weise mit Ihren Emotionen hantieren, um Sie manipulieren zu können. Aber sie werden keine „bewaffnete Opposition“ angeboten bekommen.

Den wahren Krieg und die zutiefst undemokratischen Verhältnisse in den von Terroristen gehaltenen Gebieten wird man ihnen auch weiterhin verschweigen. Die Weißhelme werden Sie grüßen und die vom Westen nach einem einheitlichen Muster abgerufenen Mediencenter werden die Informationen sammeln, aufhübschen, damit SIE letztlich ein weiteres Mal die Eskalation des Krieges mittragen.

Dieser Flut an Lügen, die mit Sicherheit erneut den Weg zu Ihnen sucht, sollten Sie sich so gut es geht entziehen. Giftgas als Propaganda-Werkzeug war das Mittel der Wahl, als der Umsturzversuch in Syrien nach nur einem Jahr zu scheitern drohte. Die Giftgaskeule wurde daher von Spindoktoren in Denkfabriken entwickelt, um diesen Krieg auf eine neue Stufe heben zu können.

Lesen Sie dazu die Publikationen der Massenmedien aus dem Jahre 2013 und rasch werden Sie erkennen, wie dort alles Notwendige getan wurde, um diese neue Kriegsqualität Wirklichkeit werden zu lassen. Auf diese Weise konnte man Bevölkerung und Politiker der westlichen Staaten in den Gleichschritt zum offenen Krieg gegen Syrien bewegen – und dieses Rezept wird bis heute unverändert angewandt!

Die mediale Farce um die Oscar-Verleihung an die kleine Bana aus dem syrischen Aleppo im US-amerikanischen Hollywood übrigens, fügt sich nahtlos in das Gesamtkonzept der roten Linien ein, in dem der Bevölkerung mit psychologischem Geschick verlogene Geschichten von Liebe und Heldenmut aufgezwungen werden, um „durch die Hintertür“ Feindbilder zu bedienen und zu stärken (21). Hollywood, mit seiner engen Anbindung an die US-Politik, ist eine der stärksten Propagandawaffen, um – selbstredend emotional – für die Interessen der dortigen Eliten zu werben (22).

Die Macher roter Linien schaffen sich damit übrigens eine Projektion. Während sie dem selbsternannten Gegner eine rote Linie aufzwingen und ihn davor warnen, eben diese selbstherrlich definierte Grenze zu überschreiten, schaffen sie sich die Legitimation zum Überschreiten der unterbewusst sehr wohl vorhandenen EIGENEN roten Linie, die sie als Täter auf den Gewaltakt hinweist. Das Ziehen roter Linien, so wie wir sie in der Politik immer wieder wahrnehmen, ist damit auch ein Betrug der Akteure an sich selbst.

Informationen der anderen Art

Was Untersuchungen, die immer so lautstark von Massenmedien, NROs und Poltikern gefordert werden, betrifft, halten wir an dieser Stelle fest:

Es hat auch gründliche Untersuchungen zu den Vorfällen im August 2013 gegeben. Doch war Ost-Ghouta überhaupt der einzige Schauplatz eines Giftgasangriffs, den UN-Inspektoren in Syrien jemals vor Ort in Augenschein nahmen! Das Fehlen jeglicher weiterer Untersuchungen vor Ort lag sämtlich daran, dass die dortigen Terroristen (und niemals die syrische Regierung und Armee!) den Untersuchungsteams einen Zugang schlicht mit Waffengewalt verwehrten.

Die folgenden Dokumente sind ein Angebot an Sie. Das Studium ist zeitaufwändig, doch es lohnt sich allemal. Denn nur, wenn wir die Vergangenheit kennen und verstehen, handeln wir auch sinnvoll in der Gegenwart. Hier daher ein paar Links:

Das Schiller-Institut veröffentlichte eine Rede des syrischen Botschafters bei der UNO, deren letzter Teil die diplomatischen Bemühungen Syriens beschreibt, um die Giftgasanschläge vom Frühjahr 2013 zu untersuchen – und die Reaktion westlich gelenkter Organisationen darauf:
http://www.schiller-institut.de/seiten/2016/dschaafari.htm.

Eine reichhaltige Zusammenstellung von Links, auch aus offiziellen Untersuchungskommissionen:
http://www.was-die-massenmedien-verschweigen.de/aktuell/Giftgasunfertig.pdf.

Hier ein Bericht des ehemaligen UN-Waffeninspekteurs Richard Lloyd und des MIT-Professors Theodore Postol (aus den USA) vom 14.Januar 2014, in dem sie nachweisen, dass der Giftgas-Angriff (technisch) nicht durch die syrische Armee durchführbar war (in Englisch):
https://s3.amazonaws.com/s3.documentcloud.org/documents/1006045/possible-implications-of-bad-intelligence.pdf.

Ein Beitrag zur Involvierung des israelischen Geheimdienstes in deren False Flag – Operation von Ghouta: https://www.craigmurray.org.uk/archives/2013/08/the-troodos-conundrum/.

Nicht einmal die Führung der US-Armee war wirklich bereit, die False Flag – Operation von Ghouta, die aus den Reihen der eigenen Regierung initiiert wurde, mitzutragen: http://deutsche-wirtschafts-nachrichten.de/2013/09/01/historische-blamage-meuterei-der-us-militaers-zwang-obama-zum-rueckzug/.

Selbst die Öffentlichkeit in den USA, ja deren Politiker im Senat und Repräsentantenhaus liefen Sturm gegen die Kriegspläne: http://antikrieg.com/aktuell/2013_09_16_dasvolk.htm.

Lesen Sie über die beschämende Rolle der westlichen Medien als willfährige Kriegstreiber. An der Sprache sollt Ihr sie erkennen: https://dl.dropboxusercontent.com/u/34527719/Medien%20als%20Kriegspartei%20Artikel.pdf.

Schauen Sie, wie die Organisation Human Rights Watch (HRW) Untersuchungsberichte fälschte:
http://friedensblick.de/16682/syrien-diktator-assad-wegen-giftgas-angriff-entlastet/.

Als der Kelch eines massiven Militärschlages der USA an Syrien vorbei gegangen war, zeigten sich plötzlich auch Massenblätter redselig, ob einer aktiven Beteiligung der Türkei an Giftgasanschlägen durch terroristische Gruppierungen in Syrien: http://www.tagesanzeiger.ch/ausland/naher-osten-und-afrika/War-Ankara-in-den-GiftgasAngriff-verwickelt/story/30962921.

Die Rat Line (Rattenlinie) ähnelt im englischen Namen der sogenannten Red Line (Roten Linie), welche die USA im Jahre 2013 zogen, als sie eine direkte Intervention in Syrien abhängig machten vom Chemiewaffen-Einsatz durch die syrische Armee. Seymour Hersh hat diese namentliche Verbindung hergestellt, weil hinter ihnen die gleichen Leute stehen (in Englisch): http://www.lrb.co.uk/v36/n08/seymour-m-hersh/the-red-line-and-the-rat-line.

Auf Seymour Hersh, aber bei weitem nicht nur ihn, bezieht sich auch der Blogger Dominic H in einer hochinteressanten dreiteiligen Artikelreihe mit vielen Quellen: http://domiholblog.tumblr.com/post/119844980919/terror-paten-und-f%C3%BCrstent%C3%BCmer-in-syrien.

Blauerbote hat das Thema ebenfalls über die Jahre begleitet und aktualisiert regelmäßig einen inzwischen zweiteiligen Artikel: http://blauerbote.com/2017/03/28/giftgas-in-syrien-2/.

Ein kompakter Beitrag, der Informationen aus obigen Quellen gut zusammen fasst und vor allem darstellt, welche monströsen US-Pläne zur Bombardierung Syriens bereits kurz vor der Umsetzung standen: https://www.wsws.org/de/articles/2014/04/09/syri-a09.html.

Und diese, von der AG Friedensforschung zusammen getragenen Artikel, in welchen die Autoren allerdings in der manipulativen Falle argumentieren, in der sie (unbewusst) eine Kategorie zur Legitimation eines Krieges als gegebene und vor allem akzeptable Basis ihrer Betrachtung benutzen. Dieser Grundannahme, der Nachweis des Einsatzes von Massenvernichtungswaffen rechtfertige eine Intervention, widerspreche ich entschieden: http://www.ag-friedensforschung.de/regionen/Syrien/chemie4.html.

Vanessa Beeley leistet eine großartige und kontinuierliche Arbeit zur Aufklärung der tatsächlichen Ereignisse in Syrien. Hier finden Sie eine Fülle von Hintergrundinformationen (in Englisch): https://thewallwillfall.org/.

Abschließend verweise ich auf die von mir selbst durchgeführte dreiteilige Analyse der Tätigkeit von Vereinten Nationen und OPCW in den Jahren des Syrien-Krieges. Insbesondere im Kontext Giftgas in Syrien beschreibe ich deren Rolle des zum Krieg treibenden willfährigen Dieners mächtiger westlicher Eliten aus Politik und Wirtschaft.

Bleiben Sie in dem Sinne schön aufmerksam.

Die Nachtseite des Bewusstseins

In sogenannten luziden Träumen eröffnen sich Menschen mitunter erstaunliche Möglichkeiten. Forscher testen, inwiefern wir unser Denken kritischer analysieren könnten. Von Martin Koch

Lange war unter Wissenschaftlern die Auffassung verbreitet, dass im Schlaf die gesamte Verstandestätigkeit des Menschen erlischt. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes, hatte schon der altgriechische Dichter Homer bemerkt. Tatsächlich verliert ein Mensch im Schlaf die Kontrolle über sein Ich. Gleiches geschieht in Träumen, in deren skurrilen Ablauf einzugreifen dem Träumer nicht möglich ist. Viele sind deshalb heilfroh, wenn sie erwachen und aus einer oftmals bedrohlichen Traumwelt entfliehen können.

Inzwischen weiß man jedoch, dass das Wachbewusstsein durchaus in den Schlaf einzudringen vermag. Und zwar in sogenannten luziden Träumen (von lat. lux = Licht), in denen der Schlafende sich bewusst ist, dass er träumt. Deshalb werden luzide Träume im Deutschen auch als Klarträume bezeichnet. Erstaunlicher noch ist die Tatsache, dass Menschen in den Ablauf von Klarträumen eingreifen und so das Traumgeschehen willentlich beeinflussen können.

Wie verläuft ein luzider Traum? Dies sei an einem Beispiel illustriert. Es stammt von dem Sportwissenschaftler Daniel Erlacher, der sich seit Längerem mit Traumforschung beschäftigt. Als Student spielte Erlacher in der Küche seiner Eltern Basketball und warf dabei einen Korb nach dem anderen. Plötzlich stutzte er: Basketball? In der Küche? Das gibt es doch gar nicht, das kann nur ein Traum sein. Also entschloss er sich zu einem Realitätstest: Ginge ich jetzt zum Fenster, spränge hinaus und flöge davon, wäre das ein sicheres Zeichen, dass ich träume. Wie gedacht, so getan. Nach dem »Sprung« schwebte Erlacher mühelos durch die Luft und betrachtete die Welt genüsslich aus der Vogelperspektive.

Um herauszufinden, wie verbreitet Klarträume sind, wurden in den vergangenen Jahren mehrere Untersuchungen durchgeführt. Zwar zeigen die Ergebnisse eine deutliche Streuung, denn nicht alle Befragten verstehen unter einem Klartraum dasselbe. Gleichwohl gehen Schlafforscher heute davon aus, dass mehr als die Hälfte der Erwachsenen mindestens einen luziden Traum im Leben hat. Bei rund 16 Prozent treten Klarträume einmal im Monat, bei acht Prozent sogar einmal in der Woche auf.

Bekanntlich ist ein Mensch in allen Schlafphasen zum Träumen fähig. Die intensivsten Träume ereignen sich jedoch im REM-Schlaf, der durch schnelle Augenbewegungen (REM = Rapid Eye Movement) gekennzeichnet ist sowie durch eine Erschlaffung der Körpermuskulatur. Dadurch wird verhindert, dass der Träumende aktiv am Traumgeschehen teilnimmt und gegebenenfalls sich oder andere verletzt.

Luzide Träume repräsentieren dagegen eine Mischform zwischen REM-Schlaf und Wachzustand, der eine besondere Konstellation von aktiven und abgeschalteten Hirnregionen zugrunde liegt. Welche Regionen das im Einzelnen sind, konnten Wissenschaftler in den letzten Jahren mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT) aufklären. Dabei wurde offenbar, dass in einem luziden Traum alle Hirnareale abgeschaltet sind, die Signale von den Sinnesorganen beziehungsweise der Außenwelt empfangen. Das heißt, Träumen, auch luzides Träumen, ist ein hirninternes Geschehen.

Daneben jedoch gibt es zwischen beiden Traumarten gravierende Unterschiede. »Das auffälligste physiologische Merkmal des Klartraums ist, dass das Stirnhirn erwacht«, schreibt der Wissenschaftsautor Stefan Klein in seinem lesenswerten Buch »Träume«: »Plötzlich zeigen sich im EEG die schnellen elektrischen Wellen mit 40 Schwingungen pro Sekunde, die sonst tagsüber auftreten: Das Wachbewusstsein bricht in den Schlaf ein.«

Zugleich steigt die Aktivität in jenen Hirnregionen, die mit der Bewertung der eigenen Gedanken und Gefühle sowie der Selbsteinschätzung in Zusammenhang stehen. Anders als ein gewöhnlicher Träumer kann ein Klarträumer deshalb kritisch denken. Sein Ich ist im Klartraum fast immer präsent und somit fähig zu erkennen, dass es sich nicht in der Realität, sondern in einer fiktiven Welt befindet, die sich überdies in gewissen Grenzen manipulieren lässt.

Eine interessante Entdeckung machten Wissenschaftler der Max-Planck-Institute für Psychiatrie in München und für Bildungsforschung in Berlin. Danach ist bei Klarträumern das vordere Stirnhirn nicht nur übermäßig aktiv, sondern auch größer als bei Menschen, die keine Klarträume haben. »Das Ergebnis unserer Studie lässt vermuten, dass Menschen, die ihre Träume kontrollieren können, auch in ihrem Alltag besonders gut über ihr eigenes Denken nachdenken können«, sagt Elisa Filevich, die mit Kollegen die fMRT-Daten der Studie ausgewertet hat. Die Fähigkeit, die eigene Wahrnehmung und das eigene Denken zu hinterfragen, nennt man Metakognition. Menschen, bei denen diese Fähigkeit besonders ausgeprägt ist, haben in unübersichtlichen Situationen insofern einen Vorteil, als sie weniger anfällig für Selbsttäuschungen sind. Alle Versuche, die menschliche Metakognition durch Übung zu beeinflussen, fielen bisher eher enttäuschend aus. Die Max-Planck-Forscher wollen nun einen neuen Weg beschreiten. Sie beabsichtigen, Probanden im luziden Träumen zu trainieren, um herauszufinden, ob sich dadurch auch deren Vermögen zur kritischen Reflexion des eigenen Denkens verbessern lässt.

Die große Schwierigkeit solcher Untersuchungen besteht darin, dass sich luzide Träume nicht gleichsam auf Knopfdruck herbeiführen lassen. Doch auch hier gibt es bemerkenswerte Fortschritte. Für Aufsehen sorgte im Jahr 2014 die Frankfurter Psychologin Ursula Voss mit der Nachricht, dass es ihr gelungen sei, luzide Träume durch eine elektrische Anregung des Gehirns während des REM-Schlafs auszulösen. Die Frequenz des dafür verwendeten schwachen Wechselstroms betrug 40 Hertz, entsprach also der Frequenz der Hirnwellen im Wachzustand. Wurden die Probanden einige Minuten nach der elektrischen Stimulation geweckt, gaben sie in fast 80 Prozent der Fälle an, einen Klartraum gehabt zu haben. Bei anderen Frequenzen passierte nichts dergleichen.

Sollte sich die neue Technik als tragfähig erweisen, könnten Psychotherapeuten luzide Träume möglicherweise gezielt für die Behandlung von Albträumen nutzen. Positive Erfahrungen hierzu gibt es bereits. Darunter sind Berichte von Menschen, die sich während eines Albtraums ihres Traumzustandes bewusst wurden und den Traumverlauf in eine für sie günstige Richtung lenken konnten. Bis heute weiß jedoch niemand, ob eine solche Methode auch geeignet ist, belastende Gedanken oder Gefühle langfristig aus dem Gedächtnis zu tilgen.

neues deutschland, Berlin, 13.01.2018, S,22