Medien

Die Überzeugungsschreiber

Journalisten geben gern vor, objektiv zu sein; das war schon immer eine Fiktion. Gegenwärtig aber wird sie besonders augenfällig und verunsichert große Teile der Medienzunft.

Von Peter Richter

So richtig frei sind die freien Medien eigentlich nie gewesen, eher im Gegenteil. Als Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten periodischen Publikationen in Deutschland erschienen, dienten sie keinesfalls allein der Information der Bevölkerung, sondern sollten immer auch eine Botschaft transportieren, die der Produzent für wichtig hielt. So ist schon in einer der ersten deutschen Zeitungen, der »Straßburger Relation« von 1609, eine Tendenz erkennbar – und zwar (damals gaben die Kirchen nicht unwesentlich den Ton an) eine protestantische.

Das ist so geblieben über die Jahrhunderte. Kaiser und Könige gebrauchten die Presse für ihre Hofberichterstattung und taten im übrigen alles, missliebige Informationen durch Zensur zu unterdrücken. Aber auch die Gegner der Herrschenden nutzten die Zeitungen zur Vermittlung der eigenen Sicht. Unumwunden verkündete Friedrich Engels, dass die Fahne der von Marx gegründeten »Neuen Rheinischen Zeitung« nur die einer Demokratie von »spezifisch proletarischem Charakter« sein konnte. Lenin erklärte die Presse später gar zum »kollektiven Agitator, Propagandisten und Organisator« für die kommunistische Sache. Auch auf der anderen Seite gab es stets Parteiblätter. Bismarck hatte 1848 die »Neue Preussische Zeitung« gegründet, die ihre Gesinnung mit dem eisernen Kreuz im Zeitungskopf demonstrierte. Erst vor kurzem verabschiedete sich der »Bayernkurier« als CSU-Wochenblatt.

Solcherart Journalismus will sich jedoch die übergroße Mehrheit der hiesigen Medienzunft nicht zurechnen lassen. Sie betrachtet sich als frei, unabhängig, neutral – und im Vergleich zu autoritären Staaten ist sie es auch. Sie kann die Obrigkeit kritisieren, gar verspotten. Sie zerrt verborgen Gehaltenes ans Licht und stochert unerschrocken in allerlei schmutzigen Affären. Sie verbreitet Nachrichten, die Stimmungen und Meinungen derart beeinflussen, dass das »Durchregieren« erschwert werden kann. Aus all dem bezogen die Medien ihre Reputation. Sie galten als »vierte Gewalt«, wenn Exekutive und Legislative versagten und auch die Justiz ihre Aufgabe unzulänglich erfüllte.

Doch damit scheint es vorbei. In den letzten Jahren haben die hiesigen Medien einen dramatischen Ansehensverlust registrieren müssen. Die Auflage aller deutschen Tageszeitungen sank von 30 Millionen Exemplaren 1983 auf 17,3 Millionen 2013, was oft allein auf das Internet als neues Informationsmedium geschoben wird. Doch mit dem Auflagenschwund ging wachsende Kritik an den Medien einher, besonders an Fernsehen, Rundfunk und den sich dem Qualitätsjournalismus zurechnenden großen Zeitungen. Immer öfter sahen sie sich im Netz »shitstorms« ausgesetzt, und auf den Straßen wurde nicht selten der Ruf »Lügenpresse« laut, wenn sich Journalisten zu erkennen gaben.

Zwei Ursachen scheinen dafür maßgebend zu sein: Zum einen die immer offensichtlichere Nähe vieler Journalisten zu amtlichen Sichtweisen, vielleicht nicht im Detail, aber gewiss in den grundsätzlichen Einstellungen. In vielen Medien dominieren heute Darstellungen, die sich mit jenen aus der Bundesregierung, den Regierungsparteien, dem »Mainstream« also decken. Ob Russland oder Griechenland, ob Europa- oder Sicherheitspolitik, ob Streiks oder Aktionen zivilen Ungehorsams, ob Sparpolitik oder soziale Zumutungen – man findet dazu zwar immer noch ganz unterschiedliche Meinungen, aber immer seltener solche, die wirklich ausdauernd, hartnäckig, kämpferisch vertreten werden und sich nicht dann doch – mehr oder minder verschämt – offiziellen Sprachregelungen anpassen.

Das wäre an und für sich noch nicht schlimm, ist doch jeder Journalismus am Ende subjektiv und – wie dargestellt – stets von Parteinahme geprägt, mal mehr, mal weniger. Dass dies jedoch oft geleugnet und – entgegen der Wahrnehmung des Publikums – der Anspruch absoluter Objektivität vermittelt wird, dürfte der zweite, wohl noch wichtigere Grund für die Rufschädigung des heutigen Medienzunft sein. Allzu häufig und offensichtlich sind die Fehlleistungen nicht Weniger, die sich zu den Qualitätsjournalisten zählen, und allzu kritikempfindlich und rechthaberisch geben sich viele von ihnen, wenn sie ertappt werden.

Belege dafür finden sich zuhauf, vor allem zur Ukraine-Berichterstattung, zur Griechenland-Problematik, aber auch zum Bahnstreik und zum Terrorismus. Man muss nur einmal auf die Website des jeder Einseitigkeit unverdächtigen Medienjournalisten Stefan Niggemeier (www.stefan-niggemeier.de/blog/) schauen, um fündig zu werden. Dort gibt es Anschauungsunterricht für einseitige Informationsvermittlung, das Weglassen unerwünschter Fakten, vorurteilsgeprägte Sprache und andere Verletzungen der journalistischen Sorgfaltspflicht.

Gewiss griffe es zu kurz, hier vorwiegend Absicht und Vorsatz im Spiel zu sehen; dazu erscheinen viele der Beispiele als zu plump, zu leicht zu entlarven – gerade in den Zeiten des Internets mit seinen beinahe unerschöpflichen Recherchemöglichkeiten. Viel eher entsteht der Eindruck, als arbeiteten die objektiv der Desinformation überführten Journalisten in fester Überzeugung, das Richtige zu schreiben, der Wahrheit gerecht zu werden. Ihre Überzeugung, ihre geistige Einstellung ist es, die ihnen die Richtung vorgibt – die Richtung der Recherche, den Kanon der Darstellung, die Linie der Kommentierung. ZDF-Anchorman Claus Kleber gestand einmal, er verstehe nicht, warum die Mehrheit der Zuschauer glaube, bei Interviews werden zwischen Politiker und Journalist alles vorher abgesprochen. Das ist bestimmt nicht der Fall, aber nicht selten legt das Auftreten des Journalisten einen solchen Schluss nahe, weil er in seiner Grundhaltung mit dem Politiker d’accord ist.

Die Betrachtung des Faktischen durch die Brille der eigenen (sozialistischen) Überzeugung war im Journalismus des »realen« Sozialismus, also auch in der DDR, Prinzip. Journalistikstudenten wurde hier beigebracht, dass am Anfang des journalistischen Schaffensprozesses Thema und Absicht zu bestimmen seien, also nicht nur das Thema als solches, sondern stets verbunden mit einer ganz bestimmten Zielstellung. Dieser Grundsatz prägte die Medien; sie waren Kampforgane bei der Durchsetzung erwünschter Überzeugungen, und von den Journalisten wurde verlangt, in diesem Sinne »Überzeugungsschreiber« zu sein.

Die westlichen Medien hingegen hielten sich immer zugute, gerade so nicht zu arbeiten. Sie nahmen für sich das Credo des einstigen Tagesthemen-Moderators Hanns-Joachim Friedrichs, »Distanz halten, sich nicht gemein machen mit einer Sache, auch nicht mir einer guten«, in Anspruch, ohne ihm freilich je gerecht werden zu können. Aber viele bemühten sich darum, und vor dem Hintergrund der medialen Praxis im Osten erlangte der »freie« Journalismus des Westens zusätzlich eine besondere Strahlkraft. Heute aber wird die Qualität journalistischer Praxis nicht an abschreckenden Beispielen anderswo gemessen, sondern an der konkreten eigenen Tatsachenwahrnehmung – und da erscheinen viele Journalisten als »Überzeugungsschreiber« des anderen Systems.

Schließlich können auch sie der eigenen Subjektivität nicht entgehen. Da gibt es ökonomische Rücksichtnahmen auf den Verleger. Da gibt es die »Einbettung« in meinungsbildende politische Netzwerke, übrigens von einem Satiremagazin (!) des Fernsehens, nicht etwa vom investigativen Journalismus aufgedeckt. Da gibt es interne Gesprächskreise in Parteizentralen und Ministerien, zu denen nur eingeladen wird, wer als pflegeleicht gilt. Eine solche Sozialisation hinterlässt Wirkung, die das Publikum immer kritischer registriert.

Die Betroffenen reagieren darauf oft hilflos und unsouverän. Gegen die Satiresendung bemühten einige gar die Justiz. Kritik an der »Tagesschau« beantwortete deren Chefredakteur Kai Gniffke schon mal mit dem Gegenvorwurf von »Verschörungstheorien«. Und was die kritische Sicht auf die Politik angehe, »müssen wir die Maßstäbe wahren und nicht skandalisieren, was kein Skandal ist«. Wer aber entscheidet, was ein »Skandal« ist – und nach welchen Maßstäben? Und wenn sich Gniffke dazu bekennt, »dass wir auch die offizielle Politik abbilden«, verbindet er dies mit der Absicht, »Voraussetzungen für eine Urteilsbildung und gesellschaftliche Teilhabe zu schaffen«, was wohl eher auf Konsens als auf Konflikt mit den Mächtigen hinausläuft.

Diese Abwehrhaltung verwundert freilich nicht, ist doch die behauptete Unabhängigkeit für viele aus der Medienzunft ein Kapital, das zu ihrer Identität gehört. Als »freie« Medien inszenieren sie sich als über den Parteien stehend, in Äquidistanz zu allen Mächtigen gleichermaßen. Der Vorwurf der Parteinahme für die eine, die ihnen nahestehende, die eigene Seite zerstört ihr Selbstbild und kratzt besonders an ihrer Selbstgewissheit. Trotzig verteidigen viele die Fiktion von Objektivität, was ihre Glaubwürdigkeit weiter untergräbt. Sie können diese nur zurückgewinnen, wenn sie sich zum Prinzip der geistigen Unabhängigkeit, der Neutralität und Fairness auch gegenüber abweichenden Meinungen bekennen – und zugleich nicht auszublenden versuchen, dass auch ihre Sicht eine subjektive ist.

Berlin-Ausgabe vom Samstag, 22. August 2015, Seite 21 (36 Views)   

Deutsche Alpha-Journalisten und ihre Freunde aus Wirtschaft und Politik

Fünfte Kolonne von »Nato-Verstehern«?

Von Jürgen Amendt

Josef Joffe, Herausgeber der Wochenzeitung »Die Zeit«, ist sauer. Er fühlt sich und seine Kollegen von einem im ZDF gesendeten Beitrag falsch dargestellt. In diesem wurde behauptet, Joffe gehöre zu einer Gemeinschaft von sogenannten Alpha-Journalisten, die seit vielen Jahren sehr gut mit neoliberalen Thinktanks und den politischen Eliten in den USA und in Europa vernetzt sei und die öffentliche Meinung in deren Sinne manipulieren wolle.

Die Pointe an der Geschichte ist: Es war kein Beitrag in einem politischen Magazin, gegen den sich Joffe mit einem Brief an den Chefredakteur des ZDF, Peter Frey, zur Wehr setzte. Die beiden Kabarettisten Max Uthoff und Claus von Wagner hatten Ende April in der ZDF-Satire-Sendung »Die Anstalt« die Einbindung einer Handvoll leitender Journalisten in Debatten- und Politikzirkeln aufs Korn genommen. Unter den in der Sendung genannten Netzwerken sind beispielsweise das Aspen-Institut (nicht-staatliche US-Denkfabrik mit Dependancen in mehreren Ländern, Vertreter von Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und Medien werden regelmäßig zu Gesprächsrunden eingeladen), die Münchner Sicherheitskonferenz (jährliche Zusammenkunft von Politikern, Rüstungslobbyisten und Militärs) oder die Atlantikbrücke (Netzwerk zur Förderung der deutsch-amerikanischen Beziehungen mit derzeit rund 500 Mitgliedern aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien). Die in einem Sketch der »Anstalt« verwendeten Fakten würden nicht stimmen, schreibt Joffe, der sich zu Unrecht als Teil einer »Fünften Kolonne von ›Nato-Verstehern‹« diskreditiert sieht.

Wann hat es das schon einmal gegeben, dass gegen eine Satire-Sendung wegen der angeblich falschen Verwendung von Fakten vorgegangen wird? Fällt die satirische Zuspitzung nicht unter die Freiheit von Kunst, die es mit der Objektivität naturgemäß nicht so genau nehmen muss, ja darf? Wie sonst lässt sich Wirkung erzielen, als durch das Mittel der Übertreibung? Dass Joffe derart heftig reagiert, dürfte indes nicht an dem Sketch liegen. Der basierte nämlich auf etwas viel Ernsthafterem: auf einem Buch des Leipziger Medienforschers Uwe Krüger. Der hatte in seiner im letzten Jahr veröffentlichten Dissertation »Der Einfluss von Eliten auf Leitmedien und Alpha-Journalisten – eine kritische Netzwerkanalyse« die Einwirkung von Eliten auf die sogenannten Leitmedien in Deutschland unter die Lupe genommen. Ergebnis: Führende Journalisten sind eng in die oben genannten Netzwerke eingebunden und übernehmen in ihren Artikeln oft die Sicht dieses Milieus. Mehr als 200 Namen tauchen in Krügers Studie auf, darunter neben Joffe der FAZ-Redakteur Klaus-Dieter Frankenberger, in der seiner Redaktion für Außenpolitik verantwortlich, sein Kollege von der »Süddeutschen Zeitung«, Stefan Kornelius, sowie der Chefkorrespondent von Springers »Welt«, Michael Stürmer. Aber auch Kai Diekmann (»Bild«), Claus Kleber (ZDF) und ZDF-Chefredakteur Peter Frey zählen zu dem Kreis.

Keine Frage, das ist eine illustre Runde. Es bleibt allerdings die Frage, ob solch ein kleiner Haufen über so viel Einfluss verfügt, wie dies »Die Anstalt« und Krüger suggerieren. Wer liest die Artikel von Josef Joffe, wer weiß noch, was Michael Stürmer vor wenigen Wochen in der »Welt« über die Ukraine-Krise geschrieben hat? Mit Ausnahme von Kai Diekmann (als Chefredakteur eines Boulevardblattes) und Claus Kleber (als Moderator des »heute-journal« im ZDF) dürfte der Wirkungskreis der Mehrheit dieser Alpha-Journalisten recht begrenzt sein. Die, die heute »Meinung machen«, kommen eher aus dem Unterhaltungssegment der Medien – so wie Max Uthoff und Claus von Wagner. Gerade die jüngere Generation informiert sich über das politische Tagesgeschehen mittlerweile weniger über die Nachrichten- und Magazinformate der TV-Sender, sondern eher über Sendungen wie die »heute-show«, die jeden Freitag einen satirischen Rückblick auf das politische Wochengeschehen präsentiert. Und dort werden in letzter Zeit wahrlich andere Sichtweisen als die der Alpha-Journalisten vertreten.

Dennoch: Die These, dass sich ein Meinungskartell aus Alpha-Journalisten und den wirtschaftlichen wie politischen Eliten entwickelt hat, ist vor allem in den Foren im Internet populär. Ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht. Wer sich regelmäßig trifft, wer – im wörtlichen Sinne – am Tisch die gleichen Sitten pflegt, der neigt auch eher dazu, in vielen anderen Dingen eine ähnliche Haltung einzunehmen. In der Tat fällt auf, wie sehr oftmals die Leitartikel etwa in der »Zeit« oder der »Bild« den Verlautbarungen aus dem politischen Washington und Berlin ähneln.

Manche Kritiker gehen sogar noch weiter und halten die Krisen in der Ukraine oder in Syrien für das Ergebnis gezielter Einflussnahme des Westens auf diese Länder – fürs heimische Publikum propagandistisch von den Alpha-Journalisten medial befeuert. Die Wirklichkeit ist jedoch weder schwarz noch weiß, sie ist in mehr oder weniger kräftige Grautöne gefärbt. Vor allem aber gilt: Jede noch so ausgeklügelte PR-Kampagne braucht den sozialen Nährboden, auf dem sie gedeihen kann, benötigt fürs Wachstum ein entsprechend günstiges politisches Klima. Die »Farbenrevolutionen«, die seit Jahren von Land zu Land wandern – die »Orangene Revolution« in der Ukraine vor gut zehn Jahren ist dafür das prominenteste Beispiel – wurden zwar mit Marketingmethoden durchgeführt, die ihren Ursprung in den USA und Westeuropa haben; im Hintergrund agierten PR-Agenturen und NGOs wie beispielsweise das Open Society Institute des Milliardärs George Soros. Der »Regime-Change« wäre aber ohne die jeweiligen nationalen Verhältnisse nicht möglich. Die – gescheiterte! – »grüne Revolution« in Iran nach der Präsidentschaftswahl 2009, die Mahmud Ahmadinedschad gewann, brauchte als Triebkraft die Wahlmanipulationen, den offensichtlichen Despotismus und fußte auf der zunehmenden kulturellen Kluft zwischen den »Gralshütern« der islamischen Revolution und einer nach 1979 geborenen jüngeren Generation.

Dass die Akteure in Teheran – wie in Kiew und anderswo – in der Regel ausgezeichnet Englisch sprechen und dass ihnen die US-Kultur als Projektionsfläche heimlicher Sehnsüchte nach Freiheit und Individualität in einer von kollektivem Zwang geprägten Gesellschaft gilt, ist nicht auf das Wirken von PR-Agenturen zurückzuführen, sondern ist das Ergebnis der Globalisierung. Die PR-Agenturen des Westens sind lediglich die Verstärker in diesen Konflikten.