Globalisierung

Dimensionen der Globalisierung

       (siehe Wikipedia Globalisierung)

Kapital- und Warenverkehr

Der weltweite statistisch erfasste Warenexport stieg zwischen 1960 und 2015 um mehr als das 18-fache; die statistisch dokumentierte Produktion von Gütern wuchs nur auf das 6,7-fache. Die Zahl der direkten Auslandsinvestitionen stieg zwischen 1970 und dem Zeitraum 2010–2014 von 13 auf rund 1.400 Milliarden US-Dollar. Von 1970 bis 2014 stieg das Welthandelsvolumen von 0,3 auf 18,9 Billionen US-Dollar. 2014 wurden weltweit Waren im Wert von etwa 18.900 Mrd. US-Dollar und Dienstleistungen in der Höhe von mehr als 4.700 Mrd. US-Dollar exportiert. Einige moderne Industriezweige benötigen heute für ihre spezialisierten und qualitativ hochwertigen Waren Märkte, die die Nachfrage ihrer heimischen Volkswirtschaft übertreffen (hohe Economies of scale und/oder hohe Fixkosten). Diese Märkte finden sie zu einem Großteil in anderen Industrieländern, teils – insbesondere in den Konsumgüterindustrien – auch in Entwicklungsländern. Handelspolitisch treten Industriestaaten daher in der Regel für die Öffnung von Märkten gerade für hochwertige Industrieerzeugnisse ein. Die staatliche Handlungsfähigkeit in diesen Ländern wird beispielsweise dadurch eingeschränkt, dass Standorte für Firmensitze und Produktionsstätten nach der international verglichenen Steuer– und Abgabenbelastung gewählt werden. Jeder Staat ist auf Steuereinnahmen angewiesen, die von Beschäftigten bezahlt werden – sei es aus Unternehmenssteuern, aus direkten oder aus indirekten Steuern. Dies kann zu politischen Impulsen für unliebsame Veränderungen (z. B. Rückbau des Sozialstaates) beitragen.

  • Einfluss der Schwellenländer: Schwellenländer haben durch relativ niedrige Löhne bei relativ niedrigen Lebenskosten die Möglichkeit, Anschluss an die Weltwirtschaft, Wirtschaftswachstum und verhältnismäßigen Wohlstand zu erreichen. Marktöffnung und Ausrichtung für Weltmärkte kann zu drastischem Strukturwandel führen; dessen Schattenseite kann der Niedergang nicht-wettbewerbsfähiger Branchen sein.
  • Einfluss der Entwicklungsländer: Entwicklungsländer, die von politischer Instabilität, mangelhafter Rechtssicherheit und unzureichender Infrastruktur geprägt sind, können in der Regel selbst bei niedrigsten Löhnen kaum produktive Auslandsinvestitionen anziehen. Auf diese Weise sind Entwicklungsländer häufig vom Globalisierungsprozess ausgeschlossen, was ihre Rückständigkeit noch verstärkt. Viele dieser Länder haben zum Schutz ihrer fragilen Wirtschaftsstrukturen und zur Einnahmeerzielung relativ hohe Zölle. Andererseits werden vor allem den wettbewerbsfähigen landwirtschaftlichen Produkten aus Entwicklungsländern in den Industrieländern durch hohe dortige Importzölle oder Importkontingentierung nur limitierte Marktzutrittschancen gewährt. Zudem sind viele Entwicklungsländer vom Export nur eines Rohstoffes abhängig, so dass sich Schwankungen der Weltmarktpreise katastrophal auf deren Wirtschaft auswirken können. Das Konzept der „Neuen Weltwirtschaftsordnung“ (NWWO), das im Jahre 1974 von der UNO verabschiedet wurde, sollte helfen, das Gleichgewicht zwischen den Industriestaaten und den Entwicklungsländern herzustellen. Dies sollte mit Hilfe des von der 4. Welthandelskonferenz (UNCTAD) 1976 beschlossenen Integrierten Rohstoffprogramms (IRP) gelingen, welches für 18 Rohstoffe (Tee, Jute, Kupfer usw.) feste Rohstoffpreise vorschreibt und den Marktzugang für Entwicklungsländer erleichterte. Dieses Programm ist insofern gescheitert, als trotz Interventionen die Preise bei Angebots- und Nachfragefluktuationen nicht stabilisiert werden konnten.
  • Rolle von produzierenden Unternehmen: Viele Unternehmen produzieren mittlerweile weltweit (Global Players) und haben so die Möglichkeit, die unterschiedlichen Arbeitskosten-, Investitions-, Steuer- und sonstige Bedingungen in den unterschiedlichen Ländern zu ihren Gunsten innerhalb des Unternehmens zu nutzen. National operierende kleinere Unternehmen, die diese Möglichkeiten zunächst nicht haben, sind durch die Konkurrenz international operierender Unternehmen vielfach in ihrer Existenz bedroht. Viele sehen sich gezwungen, ihrerseits Arbeitsplätze in Niedriglohnländer zu verlegen, was wiederum negative Rückwirkungen auf Arbeitsmärkte und heimische Nachfrage in Hochlohnländern haben kann, wenn dort keine entsprechend entlohnten neuen Arbeitsplätze entstehen. Nach Schätzungen sind multinationale Unternehmen an ca. 2/3 des Welthandels beteiligt und ca. 1/3 des Welthandels findet direkt zwischen Mutter- und Tochterunternehmen von Konzernen, also „intra-firm“ statt.
  • Einfluss von Banken und Finanzwesen: Finanzintermediäre gelten als die Hauptbeschleuniger der Globalisierung, denn mittels moderner EDV lassen sich Milliardenbeträge innerhalb von Sekunden über den Globus verschieben. Die Finanzunternehmen stehen dabei als Folge der Globalisierung selbst in einem intensiven globalen Wettbewerb um möglichst rentable Anlagemöglichkeiten. Dies führt dazu, dass sie ihrerseits Geldanlagen mit dem Ziel hoher Profite tätigen und so soziale Aspekte in den Hintergrund treten und andererseits selbst zu Kosteneffizienz gezwungen sind (vgl. Private-Equity-Gesellschaften/„Heuschreckendebatte“). Durch die schnellen Bewegungen auf dem Devisenmarkt entstehen Risiken der Instabilität für die einzelnen Währungen (vgl. Debatte um Tobin-Steuer).
  • Regionalisierung: Globalisierung verstärkt den Druck auf einzelne Länder, sich zu regionalen Wirtschaftsräumen zusammenzuschließen. So entstandene Freihandelszonen sind u. a.: die Europäische Union (EU), das NAFTA in Nordamerika, die APEC im pazifischen Raum, die ASEAN in Südostasien, der Mercosur in Südamerika, die CARICOM im karibischen Raum sowie der GCC einiger Golfstaaten. Die Afrikanische Union ist als Zusammenschluss der afrikanischen Staaten ebenfalls zu nennen, befindet sich jedoch erst im Aufbau.

Globalisierung der Politik

Die Globalisierung der Politik ergibt sich aus den Folgen der wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung. Es entstehen neue Problemfelder:

  • Globalisierte Wirtschaft,
  • Glbaler Schutz der Natur:  Umweltprobleme.
  • Globale Sicherheitspolitik:

Es werden zwei mögliche Lösungsansätze diskutiert: Zum einen kann man versuchen, die Globalisierung zurückdrehen, um diesen Problemen aus dem Weg zu gehen. Zum Anderen kann man versuchen, globalpolitische Strukturen und Regelwerke zu installieren, um künftige Probleme und Problemfelder lösen zu können. Solange die globale Verflechtung zunimmt, wird auch der Druck wachsen, globalpolitische Regelungen zu finden. Eine häufige Forderung ist dabei, vom Unilateralismus abzukommen und multilaterale Prinzipien zu etablieren. So versucht z. B. das Global Governance-Konzept auf die Weltprobleme und Globalisierungstendenzen auf multilateraler Ebene eine Antwort zu finden (Synonyme für Global Governance: Weltinnenpolitik, Weltordnungspolitik, Globale Ordnungs- und Strukturpolitik).

Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg

Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg

Globalisierung ist ein Wort, das uns täglich Dutzend Mal in den Ohren klingelt. Sie war als Verheißung gemeint und wird von ihren Verteidigern, die meist identisch mit ihren Profiteuren sind, als eine Art Naturprozess behandelt. Die Globalisierung sei so notwendig wie unausweichlich, und regulierende Eingriffe machten nur Standortvorteile zunichte. Doch nachdem ungehemmte Finanz- und Aktienspekulation, oft von Leuten betrieben, die noch nie einen Produktionsbetrieb von innen gesehen haben, ganze Volkswirtschaften in den Abgrund gerissen haben und die versprochenen Segnungen sowohl für die verarmten Menschen im Süden als auch für den Kleinanleger im Norden auf sich warten lassen, ist dieses Wirtschaftsmodell in die Kritik geraten. Mehr und mehr Bücher befassen sich mit diesem Thema. Zwei wollen wir Ihnen heute vorstellen: „Global brutal“ des kanadischen Ökonomen Michel Chossudovsky und „Die Schatten der Globalisierung“ des früheren Chefökonomen der Weltbank und Nobelpreisträgers Joseph Stiglitz. Hans Martin Lohmann hat beide Bücher für uns gelesen.

Längst hat sich auch in Krähwinkel herumgesprochen, dass die Globalisierung, dieses Lieblingskind der neunziger Jahre, ihre Unschuld verloren hat. Konnte noch vor ein paar Jahren fast unwidersprochen die frohe Botschaft verkündet werden, die Globalisierung des Wirtschaftslebens bedeute grenzenlosen Fortschritt und wachsenden Wohlstand – nicht zuletzt für die Armen dieser Erde –, so hat sich inzwischen die Unschuldsvermutung gegenüber diesem Prozess stark ermäßigt. Zu offenkundig und himmelschreiend sind die ökonomischen, sozialen und politischen Verwerfungen, als dass, sieht man einmal von den professionellen Schönrednern ab, noch irgendjemand ernsthaft behaupten wollte, mit der Globalisierung sei das Goldene Zeitalter angebrochen. Umstritten ist freilich, wie man den Prozess einer scheinbar unaufhaltsamen weltweiten wirtschaftlichen Verflechtung als ganzen beurteilen soll. Auf der einen Seite mehren sich die Stimmen und sammeln sich Leute – Stichwort Seattle und Genua –, die in der Globalisierung eine Fehlentwicklung sehen und nach alternativen Wegen suchen, im Sinne des Diktums von Noam Chomsky: „Nichts an diesen Entwicklungen ist unabwendbar.“

Dagegen finden sich auf der anderen Seite ebenso Stimmen und Leute, die zwar die negativen Seiten der Globalisierung kritisieren und beklagen, in ihr aber gleichwohl eine Chance erkennen, die es zu ergreifen gelte. Die gegenwärtig vielleicht prominentesten Vertreter dieser Richtung sind Michael Hardt und Antonio Negri, Autoren von Empire, das kürzlich in deutscher Übersetzung bei Campus erschienen ist. Der kanadische Wirtschaftswissenschaftler Michel Chossudovsky dürfte dagegen zu den entschiedensten Gegnern der Globalisierung zählen, wie nicht zuletzt der ziemlich klotzige deutsche Titel seines Buches – Global brutal – signalisiert.

Für Chossudovsky ist der Weg der marktrationalen und marktradikalen Globalisierung ohne Wenn und Aber der Weg in die Katastrophe. In seiner umfassenden empirischen Bestandsaufnahme diverser nationaler Ökonomien gelangt er zu dem Schluss, dass Globalisierung für den weitaus größten Teil der Menschheit sowohl in den Armutsregionen der Dritten Welt als auch, mittel- und langfristig, in den Wohlstandszitadellen des reichen Nordens ein absehbares Desaster bedeutet.

In seinem informationsgesättigten Buch, das durchaus das Zeug hat, zur Bibel der Globalisierungskritiker zu avancieren, legt der Autor penibel dar, nach welchem Muster der Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung verläuft. Seit den siebziger und achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts, also seit dem Ende des keynesianischen Zeitalters, werden die vormals – wenn auch auf niedrigem Niveau – autarken Selbstversorgungsökonomien der armen Länder, die ohnehin schon durch koloniales Wirtschaftsdiktat an eigenständiger Entwicklung gehindert waren, von den kapitalistischen Zentren des Nordens im Verein mit der Weltbank, der Welthandelsorganisation und dem Internationalen Währungsfonds mit massiven Mitteln gezwungen, ihre Märkte zu öffnen, Import- und Handelsbeschränkungen aufzugeben und staatliche Regulierungen, etwa im Bereich des Bildungs- und Gesundheitswesens, rigoros abzubauen.

Diese „Marktreformen“ zeitigen in aller Regel den Effekt – wie Chossudovsky am Beispiel Somalias, Äthiopiens und Bangladeschs nachweist –, dass einerseits der heimische Markt mit importierten (und vielfach staatlich subventionierten) Agrarprodukten aus den Industrieländern überschwemmt wird, während andererseits die heimische Agrarproduktion mehr oder weniger auf den Export ausgerichtet wird, was unterm Strich zu einer völligen Abhängigkeit vom Weltmarkt und von den durch diesen diktierten Bedingungen führt. Umso zynischer klingt es, wenn Ökonomen und Politiker aus den reichen Ländern, die zugleich an den Schaltstellen von Weltbank, IWF und WHO sitzen, diesen desaströsen Prozess euphemistisch als „Strukturanpassung“ bezeichnen, so, als wolle man den armen Ländern Afrikas, Südasiens und Lateinamerikas nur die faire Gelegenheit bieten, mit den reichen gleichzuziehen. Chossudovsky führt solchen Euphemismus ad absurdum:

Strukturanpassung verwandelt die Volkswirtschaften in offene Wirtschaftsräume. Länder werden zu bloßen Territorien, zu Billiglohn- und Rohstoffreservoirs. Aber weil dieser Prozess auf der Globalisierung der Armut und der weltweiten Verminderung der Verbrauchernachfrage beruht, kann die Exportförderung in der unterentwickelten Welt nur in einer begrenzten Zahl von Ländern Erfolg haben. Die gleichzeitige Ausweitung der Exporttätigkeit in einer großen Anzahl von Ländern führt…zu größerer Konkurrenz zwischen den Entwicklungsländern, sowohl bei der Rohstoffproduktion als auch in der Fertigung. Soweit die Weltnachfrage nicht steigt, steht der Schaffung neuer Produktionskapazitäten in einigen Ländern der wirtschaftliche Niedergang und Zerfall an anderen Standorten der Dritten Welt gegenüber…Daher hat in vielen exportorientierten Billiglohnländern der Anteil der Löhne am Bruttoinlandsprodukt dramatisch abgenommen. Während die Löhne der Beschäftigten in den Industrieländern annähernd 4o Prozent der Wertschöpfung in der Produktion ausmachen, liegt der entsprechende Prozentsatz in Lateinamerika und Südostasien nur etwa bei 15 Prozent.

Um, so wäre hinzuzufügen, von Afrika ganz zu schweigen. Man zerschlage eine lokale Selbstversorgungsökonomie im Namen des „freien Marktes“, degradiere den Staat zum Empfänger von Weltbankkrediten (die natürlich an strenge Auflagen im Sinne eines globalen Marktliberalismus gebunden sind), zwinge den Staat zu einem permanenten Schuldendienst, der nur mit immer neuen Krediten, also neuer Verschuldung, aufrecht erhalten werden kann, zwinge ihn weiterhin zur Deregulierung staatlicher Daseinsvorsorge und zu deren Privatisierung – und nenne das Ganze „Marktreform“, Demokratisierung und good governance. Chossudovsky spricht angemessenerweise von „Marktkolonialismus“ und „ökonomischem Völkermord“, der nebenbei von enormen Umweltzerstörungen begleitet und im Bedarfsfall – die Ereignisse des 11. September 2001 lieferten den geeigneten Anlass – um den Modus des Krieges ergänzt wird.

Global Research Kopie

Michel Chossudovsky: Global brutal. Der entfesselte Welthandel, die Armut, der Krieg.

Verlag Zweitausendeins, Frankfurt, 2002, 477 Seiten, 12,75 Euro

Hans Martin Lohmann, Deutschlandfunk. 22.07.202, 15.05 Uhr