Integration

Auf dem Weg zum Zusammenleben

Muhammet Mertek

„Komm, lass uns kennenlernen,
die Fragen vereinfachen,
lieben und geliebt werden.
Die Welt bleibt niemandem erhalten.“

Yunus Emre hat dies vor 700 Jahren sehr treffend formuliert. Einander näherzukommen und geschwisterlich zusammenzuleben – das ist der türkisch-muslimischen Gemeinschaft und den Deutschen in den letzten 50 Jahren wahrlich nicht besonders gut gelungen; selbst wenn auf dem mühseligen Weg hier und da auch Fortschritte erzielt wurden.

50 Jahre sind es mittlerweile her, seit der erste türkische Gastarbeiter deutschen Boden betrat. Unsere Väter kamen unter extrem schwierigen Bedingungen hierher ins Land. Sie sagten zu allem Ja und Amen und arbeiteten unter nahezu unzumutbaren Bedingungen; in dem größten Dreck, und Tag und Nacht in Wechselschicht. Sie opferten ihre Kraft und Stärke, fraßen die schier unerträglichen Schmerzen des Heimwehs in sich hinein und verrichteten mit unglaublicher Geduld alle Arbeiten, die man ihnen auftrug, nicht zuletzt um den Aufschwung Deutschlands zu fördern.

Obwohl sie von manchen Kreisen der Gesellschaft hin und her geschubst, beleidigt und verachtet wurden, sind sie oft glücklich geworden. Obwohl man sie nicht immer als Menschen (erster Klasse) betrachtet, scheuen sich diese Menschen aus Anatolien nicht, den Deutschen ihre Türen und Arme zu öffnen. Insbesondere im Monat Ramadan bauen sie Brücken in die Herzen ihrer Mitmenschen und leben nach dem Motto: „Komm, komm näher, wer auch immer du bist, komm näher!“ (Rumi)

Leider werden solche positiven Seiten der Einwanderung jedoch meistens übersehen. Stattdessen wurde den Migranten häufig vorgeworfen, sich nicht genügend in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Dabei war von Anfang an gar nicht klar, was unter Integration überhaupt zu verstehen ist.

Warum und für wen wird das Wort Integration benutzt? Die Antwort liegt auf der Hand: in erster Linie für die Türken, die doch schon seit einem halben Jahrhundert in Deutschland leben. Und welche Botschaft vermittelt der Begriff den Deutschen? „Da sind ausländische/muslimische Gastarbeiter nach Deutschland eingewandert. Die Kultur, die sie mitgebracht haben, gehört aber nicht zu uns. Daher müssen sie sich in eine bestimmte Richtung entwickeln. Es ist ihre Pflicht, sich uns und unseren Werten anzupassen.“

Zwar konnte man sich bis heute nicht auf eine präzise Definition des Begriffs Integration einigen, doch wird schon seit langem munter damit Politik betrieben. Jeder meint zu wissen, dass die deutsche Sprache die Integration der Türken grundsätzlich fördert. Das mag ja unbestritten so sein, aber warum verlassen gerade in letzter Zeit immer mehr türkische Akademiker das Land? Ihr Beispiel zeigt, dass die Formel „Bessere deutsche Sprachkenntnisse = bessere Integration“ so nicht aufgeht. In gutem Deutsch erklären sie, dass sie sich hierzulande nicht angenommen, nicht akzeptiert fühlen. Man verlangt von ihnen, sich an die deutsche Gesellschaft anzupassen und verweigert ihnen, sich als Türken und Muslime in diese Gesellschaft einzubringen. Aber genau diese Partizipation an der Gesellschaft erscheint mir sehr wichtig. Die deutsche Gesellschaft sollte diese Menschen dazu einladen, an der Gesellschaft zu partizipieren, an ihr teilzuhaben, sich in sie einzubringen. Die Politik sollte die Haltung vermitteln: „Ich akzeptiere dich als Mensch und auch deine Werte. Was möchtest du für unsere Gesellschaft tun?“, und nicht befehlen: „Pass dich mir an, verinnerliche meine Werte!“ Auch ich halte die Partizipation von Türken bzw. Muslimen an der deutschen Gesellschaft für enorm verbesserungswürdig; andererseits aber kann kein Zweifel daran bestehen, dass sie auch in der Vergangenheit schon einen großen Beitrag zur Entwicklung Deutschlands geleistet haben. In der aktuellen Integrationsdebatte wird dieser Beitrag jedoch regelmäßig entwertet und herabgewürdigt. Dort wird oft quasi herbeigeredet, dass Türken und Muslime die deutsche Sprache gar nicht erlernen wollen und somit eine Verweigerungsposition einnehmen. Die Gefühle und Gedanken dieser Bevölkerungsgruppe werden dabei pauschal über einen Kamm geschoren.

Diese Form der Diskussion führt dazu, dass der Umgang in der Gesellschaft inzwischen vielfach auf einer Philosophie des ‚Wir‘ und ‚Die Anderen‘ basiert. Diese andere Seite wird künstlich konstruiert und mit bestimmten Eigenschaften assoziiert. Sie wird verurteilt, beschuldigt und diskriminiert. Wenn Menschen aber immer wieder diskriminiert und nie akzeptiert werden, wenden sie sich früher oder später von der Gesellschaft ab. Ihre Haltung wird dann oft als Integrationsunwilligkeit interpretiert, obwohl sie doch eigentlich durchaus gewillt sind, sich in der und für die Gesellschaft zu engagieren. Die Einheimischen sollten also deutlich zeigen, dass sie bereit sind, Fremde aufzunehmen und fremde Kulturen als Bestandteile der deutschen Gesellschaft zumindest wahrzunehmen. Diese Bereitschaft wäre ein wichtiger Schritt hin zu einem harmonischeren Zusammenleben.

Auch die Deutschen profitieren ja von ihrer Akzeptanz fremder kultureller Einflüsse und ihrem Respekt vor diesen. Das zeigt sich auch heute schon ganz eindeutig überall dort, wo Dialog geführt wird. Die Beachtung und Akzeptanz von Kulturvielfalt sollte also in jedem Fall als Bereicherung der eigenen Kultur verstanden werden. Betont werden soll an dieser Stelle aber auch, dass natürlich nicht allein die Deutschen für den Dialog mit Menschen aus einem fremden Kulturkreis verantwortlich sind. Auch Letztere sind dazu angehalten, ihrerseits aufnahme- und dialogbereit zu sein.

Das Zusammenleben der in Deutschland lebenden Türken mit der einheimischen Bevölkerung hat ganz gewiss seine besonderen Eigenheiten und Eigenarten. Aus welchem Grund auch immer, existiert zwischen Türken und Deutschen offenbar so etwas wie eine ‚Gewebeunverträglichkeit‘. Man funkt anscheinend nicht auf der gleichen Wellenlänge. Nach einem halben Jahrhundert haben sich die Türken meiner Meinung nach noch immer weder an Deutschland noch an das (kulturelle) Klima des deutschen Volkes gewöhnen können. Auch scheinen die Türken weder auf die faszinierende Landschaft Anatoliens, die ja auch von Millionen Deutschen besucht wird, noch auf die türkische Sprache, die die Sprache einer großen Zivilisation ist, und schon gar nicht auf die türkische Küche, die eine der reichhaltigsten Küchen der Welt ist, verzichten zu wollen oder zu können. Die wenigen, die dies endgültig getan haben, lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen.

Der bekannte Prof. Dr. Fuat Sezgin sagt: „Das Ansehen der türkisch-islamischen Welt ist immer noch schlecht in Europa. In dem Land Deutschland, wo ich lebe, kennt man die türkisch-islamische Welt nicht besonders gut. Einerseits ist es deren Schuld, andererseits aber auch unsere. Wir Türken wissen nicht, wie wir uns als Muslime in Europa verhalten sollen. Unsere Anpassungsfähigkeit an die Europäer ist sehr schwach ausgeprägt.“ Sezgin unterstreicht hier zwei wichtige Realitäten: Erstens, die Europäer kennen uns nicht, und zweitens, wir tun uns äußerst schwer, mit ihnen klarzukommen. Seine Diagnose dürfte korrekt sein. Aber wie ist zu erklären, dass es zwei Gesellschaften im Informations- und Kommunikationszeitalter über ein halbes Jahrhundert hinweg nicht geschafft haben, sich einigermaßen kennenzulernen; dass sich ausgerechnet die Türken, die ja aus einer multikulturellen Zivilisation kommen, so schlecht in die deutsche Gesellschaft einzufügen vermögen?

Zusammenleben setzt Akklimatisierung voraus. Um sich allerdings akklimatisieren zu können, muss man sich in dem sozialen Klima des Landes, in dem man lebt, auch wohlfühlen. Dazu gehört, dass man sich akzeptiert fühlt, dass man den Eindruck hat, willkommen zu sein. Leider können das die Türken heute aber nicht unbedingt von sich behaupten, zumindest nicht auf allen Ebenen. In den letzten Jahren sind Zehntausende Deutsche in die Türkei ausgewandert. Sie fühlen sich dort wohl, sie sind dort willkommen, werden dort auch mit ihrer eigenen Kultur akzeptiert. Integretationsprobleme oder Sprachprobleme sind dort gar kein Thema. Anders als bei den Türken in Deutschland hat ihre Migration aber auch keine sozio-ökonomischen Gründe. Die Türken, die in den vergangenen 50 Jahren nach Deutschland gekommen sind, waren größtenteils dazu gezwungen, eine Arbeit in der Fremde anzunehmen. Ihre Perspektive war zunächst einmal eher kurzfristig ausgerichtet; doch als sich dann im Laufe der Zeit zeigte, dass man auf Dauer eine neue Heimat in Deutschland gefunden hatte, trat die Frage nach der Akzeptanz und dem Aufnahmewillen mehr und mehr in den Vordergrund.

Die erste Generation der Türken kam als ‚Gastarbeiter‘ und ist inzwischen in Rente. Ihre Kinder und Enkel sind zu einem großen Teil gebildet und unternehmerisch tätig. Betrachtet man sie objektiv und unvoreingenommen, nicht durch das Objektiv der verworrenen Integrationsdebatten, so erkennt man Menschen, die sich am gesellschaftlichen Leben beteiligen, die Grundgesetz und Staat gegenüber loyal sind und ihren deutschen Mitbürgern gegenüber tolerant. Viele von ihnen haben sich in den vergangenen 15 Jahren im Bildungssektor engagiert, weil ihnen die Zukunft der Menschen in Deutschland sehr am Herzen liegt. Doch derlei Aktivitäten, die das Potenzial besitzen, die Probleme rund um Integration, Gewalt und Sprachlosigkeit zu beseitigen, finden zurzeit einfach zu wenig Beachtung und Wertschätzung.

Im Grunde genommen ist es doch ganz einfach: Wer spürt, dass er als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft mit allen Rechten und Pflichten akzeptiert wird, wird sich seinerseits auch der Gesellschaft gegenüber nicht verschließen. Das gilt für alle Menschen, unabhängig von ihrer Nationalität, Kultur oder Religion.

Es liegt also auf der Hand: Der Weg zum näheren Kennenlernen führt über den Dialog, über einen aufrichtigen, tiefgehenden, beidseitig tolerant geführten und respektvollen Dialog; einen Dialog, der uns in gemeinsamen Projekten zusammenführt und dessen Ergebnis dem Wohl der gesamten Gesellschaft zugute kommt. Nur mit Hilfe eines solchen Dialoges, der auf der Grundlage der verfassungsmäßigen Rechte und universellen Werte fußt, werden wir unsere Probleme miteinander lösen können.

Auch der Islam fordert die Muslime auf, ihre Mitmenschen besser kennenzulernen. Im Koran heißt es:

O ihr Menschen, Wir erschufen euch von einem Mann und einem Weib und machten euch zu Völkern und Stämmen, auf dass ihr einander kennt. Der am meisten Geehrte von euch vor Gott ist der Gottesfürchtigste unter euch, Gott ist wissend und kundig.(49:13)

Wenn jeder diese Ermunterung ernstnehmen würde, würden Völker aus unterschiedlichen Kulturen viel harmonischer zusammenleben als heute, und alle würden davon profitieren.

Leider ist zu beobachten, dass der Wille zum gegenseitigen Kennenlernen nicht sehr ausgeprägt ist. Immer wieder wird Angst voreinander geschürt und werden Vorurteile produziert, sodass allseits Stereotypen dominieren. Vor allem den deutschen Medien und der deutschen Politik kann in dieser Hinsicht keine gute Arbeit bescheinigt werden, obwohl es natürlich Ausnahmen gibt.

Trotz all dieser Hürden und Hindernisse auf dem Weg zu einem harmonischeren Zusammenleben bin ich Optimist. Auch und gerade so unterschiedliche Kulturen wie die türkische und die deutsche haben die Chance, sich gegenseitig zu ergänzen und harmonisch eine gemeinsame Zukunft zu gestalten. Nur müssen beide Seiten mit Worten und Taten erkennen lassen, dass sie dies auch wirklich wünschen.

 

Autor: Muhammet Mertek,  INID Institut für Information über den Islam und Dialog e. V. Veröffentlicht  am 02. Oktober 2012
http://www.inid.de/autoren/82-muhammetmertek/846-auf-dem-weg-zum-zusammenleben

Salafisten

Die Salafisten gehören einer radikalen islamischen Sekte an. Ihr Ziel ist die Errichtung des Kalifats, in dem islamisches Recht gilt. Der Verfassungsschutz hält sie für sehr gefährlich. Wir erklären, was Salafismus ist.

Berlin – Heinz Fromm, Präsident des Bundesverfassungsschutzes, gehört zu den genauen Kennern der Islamistenszene. „Nicht jeder Salafist ist ein Terrorist, aber fast alle Terroristen, die wir kennen, hatten Kontakt zu Salafisten oder sind Salafisten“, sagte er einmal. Das ist der Grund, warum Verfassungsschützer und Innenminister die Salafisten mit so viel Misstrauen beobachten.

Schätzungsweise 4000 Menschen gehören in Deutschland dieser Strömung an. Sie haben „die frommen Altvorderen“ (arabisch as-salaf as-salih) zu ihren Vorbildern erkoren, die ersten drei Generationen seit dem Propheten Mohammed. Alle Veränderungen, die der Islam seither erfahren hat – beispielsweise die Abspaltung der Schiiten – werden von Salafisten als unislamisch abgelehnt. Zentral ist das wörtliche Verständnis des Korans. Besonders stark ist der Salafismus in Berlin, Braunschweig, Frankfurt und Köln/Bonn.

Seine Wurzeln hat der Salafismus im 18. Jahrhundert. In Saudi-Arabien entwickelte sich aus ihm der Wachhabismus, jene besonders strenge islamische Lehre, der das saudische Könighaus anhängt. In Ägypten gründete sich 1928 die Muslim-Brüderschaft, um salafistische Grundsätze in die Politik zu tragen. Salafisten versuchen sich in Erscheinung und Verhalten an Mohammed und seinen Getreuen zu orientieren. Die Männer tragen Kappen, lange Gewänder und Bart und vermeiden jede Berührung mit fremden Frauen.

„Christen und Juden kommen in die Hölle“

Nur ein kleiner Teil der Salafisten in Deutschland – schätzungsweise 500 – werden zu den politischen Salafisten gezählt, die sich den Umbau von Staat und Gesellschaft zum Ziel gegeben haben. Die Demokratie gilt ihnen als ungerecht; Gerechtigkeit kann es nur im Kalifat geben, wo die Scharia, die islamische Rechtsordnung, gilt. Mit dem Grundgesetz ist dieser Glauben mit Sicherheit nicht vereinbar. Doch auch unter den politischen Salafisten gibt es nur wenige, die ihre Ziele mit Gewalt durchsetzen wollen.

Gefährlich findet der Verfassungsschützer die Salafisten auch deshalb, weil sie sehr gezielt um muslimische Jugendlichen werben, die sich in der westlichen Gesellschaft wegen ihres Glaubens zurückgesetzt fühlen. Mit großem Geschick setzen sie dafür das Internet ein. Ein einflussreicher Salafist in Deutschland ist der Konvertit Pierre Vogel, ein ehemaliger Junior-Weltmeister im Boxen, der seinen Anhängern auf YouTube das gerechte und gottgefällige Leben predigt.

Ein weiterer führender Salafist ist Ibrahim Abou-Nagie, der in diesem Frühjahr Koranverteilungen in deutschen Städten initiiert hat. Sätze wie „Christen und Juden kommen in die Hölle, wenn sie den Islam nicht annehmen“, stammen von ihm. Muslime, die sich kritisch zum Salafismus stellten, seien Heuchler. „Allah verspricht denen die Hölle.“

Nachdruck aus der online-Frankfurter Rundschau, 18.0.4.2012#http://www.fr-online.de/politik/stichwort-salafismus-salafisten—eine-kleine–radikale–gefaehrliche-gruppe,1472596,14946608.html

Paradoxale Entwicklung bei türkischen Kindern in Deutschland

In diesem Zusammenhang möchte ich aber nur auf eine neue Entwicklung und deren Ursachen hindeuten. Meinen Beobachtungen nach fühlen sich immer mehr türkische Schüler an deutschen Schulen unsicher und diskriminiert. Zusammen mit fehlenden Kenntnissen über ihre eigene Kultur, Religion, Muttersprache und Geschichte (Identitätsproblematik) führt diese Diskriminierung sie zu einem Paradox: einem äußerlichen Nationalbewusstsein. Bei dessen Entstehung spielt der Umgang der deutschen Kinder und Lehrer mit den türkischen Kindern eine bedeutende Rolle. Werden die Unterschiede in Kultur und Religion nicht mit Interesse und Offenheit wahrgenommen, entsteht mit der Zeit bei türkischen Kindern das Gefühl der Überempfindlichkeit und eine „antideutsche“ Haltung. In Zukunft kann diese Entwicklung sogar zum Zusammenbruch des Miteinanderlebens und des Friedens in der Gesellschaft führen. Die Kinder fühlen sich hier nämlich nicht mehr als „Ausländer“, sondern „einheimisch“, da sie hier geboren und aufgewachsen sind. Dieses Faktum müssen die Deutschen zur Kenntnis nehmen. Wenn in jedem Unterricht der Respekt vor der anderen Kultur, Religion und Mentalität und die Bedeutung des Dialogs und der Toleranz thematisiert und behandelt werden, dann kann das vielleicht zu einem guten Umgang der deutschen Schüler mit „ausländischen“ und zur Wahrnehmung der Gefühle und Mentalität der türkischen Kinder führen. Das soll natürlich auf Gegenseitigkeit beruhen.

 

Die türkischen Schüler müssen auch auf ihr Verhalten gegenüber den Deutschen achten. Ich habe durch eine Befragung vieler türkischer Kinder festgestellt, dass sie mit folgenden Worten, Ausdrücken und Verhaltensweisen innerhalb der Schule konfrontiert sind und sich beleidigt fühlen:
– „liiii, die Türken haben mich angefasst.“
– “Wenn du ein Kopftuch trägst, haue ich ab.“
– „Wenn ihr Türkisch sprecht geht in euer Land zurück!”
– “Rede Deutsch, nicht Türkisch. Hier ist Deutschland!”
– “Ihr habt hier nichts verloren!”
– “Türken gehören in die Mülltonne.”
– “Wie lange dauert es bis ein Türke seinen Müll rausbringt? 9 Monate!”
– “Kauf dir eine Tüte Deutsch!”
– „Nur wegen der Türken werde Zechen geschlossen. Wenn ihr geht, werden wir froh sein.”
– “Ohne Türken hier zu leben wäre schön.”
– “Kümmeltürken!“
– „Ach, vergiss Türken!“
– “Omatürk!”
– “Türkische Fraktion!”
– “Scheißtürken!”
– “Türken kann man nicht vertrauen.”
– Mit Türken kann man nichts anfangen!“
– „Türken nehmen unsere Arbeitsplätze weg.“
– „Eine Lehrerin sagte mir: „Fette Kuh, verpiss dich!“
– „Deutsche machen Mist und Türken werden beschuldigt.“

 

Eine deutsche Schülerin erklärt: „Ich wollte meine türkische Freundin besuchen. Meine deutschen Freundinnen sagten mir darauf: „Dann gehörst du auch zu den Asylanten!“
– „Wenn irgendetwas beschmiert oder dreckig gemacht wird, werden sofort die Türken beschuldigt.“
– „Ein türkischer Schüler sagt: „Wir unterhalten uns Türkisch“, worauf ein deutscher Schüler sagte: „Es stört mich. Verzieht euch in die Türkei!“
– „Ich habe mich einmal versprochen, also anstatt „sie“ „er“ gesagt. Daraufhin haben die Deutschen gelacht und gesagt: „Du musst Deutsch lernen!'“
– „Bei einem Elternsprechtag haben wir uns zehn Minuten verspätet. Darauf sagte der Lehrer: „Alle Türken sind so.“ „Er hat uns einfach beleidigt.“
– „Eine deutsche Lehrerin spricht freundlich und lachend, wenn sie mit deutschen Schülern spricht. Aber wenn sie mit uns spricht, lacht sie nie.“
– „Wenn ich im Unterricht etwas weiß, hebe ich meinen Finger hoch. Aber der Lehrer nimmt mich nicht dran. Wenn ich etwas nicht weiß und mich deswegen nicht melde, dann ruft er mich auf und ärgert sich und gibt mir MinusPunkte.“
– „Einige deutsche Lehrer helfen uns nicht und sagen: „Denke nach und finde es selbst heraus!“
– „Einige deutsche Mädchen fragten: „Wird dein Vater deinen Ehemann auswählen? Zwingt dich dein Vater ein Kopftuch zu tragen?“
– „Mit den türkischen Schülern schreien die deutschen Lehrer und ärgern sich über sie mehr als bei den deutschen.“
– „Einige deutsche Lehrer beantworten Fragen der Deutschen freundlich, aber auf die Fragen der Türken reagieren sie schreiend. Auf unsere Frage sagen sie: „Das habe ich schon erklärt. Du sollst aufpassen!“
– „Nach einem Streit werden wir sofort beschuldigt.“
– „Deutsche Schüler geben sich gegenseitig etwas, aber wenn türkische Schüler etwas wollen, sagen sie. ‚Nein‘, ‚Könnt ihr euch das nicht leisten‘, ‚Habt ihr kein Geld?“

Es hat natürlich Gründe, dass die türkischen Kinder die oben aufgeführten Äußerungen zu hören bekommen. Es stimmt, dass sie in vielen Alltagssituationen – sowohl in schulischen als auch in außerschulischen – auffallendes Verhalten zeigen. Es stimmt auch, dass bei schwierigen Schülern türkischer Herkunft folgende Merkmale auftreten:

 

  • Desorientiertheit
  • leistungsmäßig erfolglos
  • in zwei Kulturen bewandert (oder in keiner Kultur)
  • Subkultur bilden (wobei teilweise illegale Tendenzen auftreten [Bandenbildung])
  • halblegal lavierend (Grenzen setzen wird als Ausländerfeindlichkeit deklariert)
  • gewisse Lebensklugkeit, die als Überlebensstrategie (nicht Lebensstrategie) genutzt wird.

Diese Verhaltensstörungen sind aber das Resultat einer fehlenden familiären und gesellschaftlichen Erziehung. Wir können darüber stundenlang sprechen und müssten dies eigentlich auch tun, weil es sich bei diesem Punkt um das Kernproblem handelt, das spätere Konfliktsituationen hervorruft und fördert und zu einer immer größer werdenden und im Extremfall nicht mehr kontrollierbaren Spirale wird – das aber allein noch nicht die psychischen und sozialen Probleme löst, die sich in einem langen Prozess entwickelt haben.

 

 

Daher müssen wir einen Blick auf die Hintergründe dieser Entwicklung werfen.

 

Erstens sind die meisten türkischen Eltern nicht in der Lage, ihre Kinder gut zu erziehen, da sie

  • meistens aus ländlichen Gebieten der Türkei kommen und nicht so gut gebildet sind,
  • daher nicht über genügende Kenntnisse ihrer eigenen Kultur, Religion und Geschichte verfügen,
  • nicht in der Lage sind, mit den konfrontierten Herausforderungen in der deutschen Gesellschaft fertig zu werden, – sprachliche Probleme haben,
  • nicht in der Lage sind, ihren Kindern bei Hausaufgaben zu Hause zu helfen,
  • mit Ihren Kindern im kulturellen und sozialen Bereich Generationskonflikte haben, die besonders aus der traditionellen familiären Atmosphäre und den einheimischen gesellschaftlichen Werten entstehen,
  • sich aus diesen wichtigen Gründen um ihre Kinder nicht richtig kümmern.
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Aus diesem Grund können wir feststellen, dass die Persönlichkeitsentwicklung innerhalb der Familie nicht voll gelingt.

Zweitens müssen wir uns fragen, was für Erfahrungen die türkischen Kinder erst in Kindergärten und dann in Grundschulen machen. Meiner Meinung nach fangen die ersten Konfrontationen hier an, die das Miteinander und den gegenseitigen Respekt verletzen und schlechte Erfahrungen und Vorurteile fördern. Die Gesellschaft ist ja wie ein kristallenes Gefäß, in dem das Kind die Flüssigkeit ist; sie gibt ihm Form und Färbung. Daher kann niemals auf eine feste Zusammenarbeit der deutschen und türkischen Eltern in diesen Bildungsinstitutionen verzichtet werden. Das müssen die zuständigen Verantwortlichen fördern.

Drittens müssen die Probleme oder die Konflikte zwischen Türken und Deutschen an Schulen offen und konsequent diskutiert werden. Hier sollen zunächst diejenigen, die sich verantwortlich fühlen, den ersten Schritt tun und die notwendige Plattform vorbereiten.

Es gibt natürlich auch positive Entwicklungen und wirklich gute Freundschaften zwischen deutschen und türkischen Kindern. Mit diesem Artikel wollte ich mich aber nur mit den zunehmenden Problemen der türkischen Kinder an den Schulen auseinandersetzen, von denen sie sich besonders betroffen fühlen, und auf die Signale einer paradoxen Entwicklung hinweisen.

Die Fontäne, Ausgabe 5, September 1999 / Ergänzte Aussage: 20. Dezmber 2012.