Klima

Die Erde ist unsere einzige Heimat

Die Erde ist unsere einzige Heimat

Der Physiker Hans Joachim Schellnhuber schrieb ein Werk zur Klimageschichte der Menschheit. Von Jörg Staude

Ehrlich gesagt, nach der Lektüre dieses 780-Seiten-Buchs namens »Selbstverbrennung« lese ich das Zitat aus dem ebenso dickleibigen ersten Band des »Kapital« anders, als Marx schrieb, dass die kapitalistische Produktion die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses nur entwickele, »indem sie zugleich die Springquellen alles Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter«.

Glaubt man den Marx-Interpreten, ist mit »Erde« vor allem die Naturkraft der Böden gemeint, die schon zu Marx’ Zeiten durch die einsetzende industrielle Landwirtschaft ausgelaugt wurden. Erst wenige Jahre vor Erscheinen des ersten Bandes des »Kapital« hatte die Klimawissenschaft Fahrt aufgenommen. Der Ire John Tyndall entdeckte 1859 die Eigenschaft von Kohlendioxid, Ozon und vor allem von Wasserdampf, die infrarote Wärmestrahlung zu absorbieren.

Nicht nur Tyndall wird von Hans Joachim Schellnhuber, Mitbegründer und seit mehr als 20 Jahren Chef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, in seinem kürzlich erschienenen Buch »Selbstverbrennung« gewürdigt. Der Klimaforscher fasst in dem Werk den aktuellen Stand von Klimawissenschaft und ihre gesellschaftlichen Implikationen in einzigartiger Weise zusammen.

Schellnhuber gelingt es dabei, die trockenen Statistiken von C02-Konzentrationen, Sonneneinstrahlung und der Tausend anderen Klimafaktoren mit lebendiger Geschichte zu verknüpfen, einschließlich seiner eigenen Nachkriegskindheit in der niederbayerischen Provinz.

So beschreibt er, wie sein heimatliches Rottal – einst eine Ansammlung von »Schaumkrönchen aus Waldinseln« – in den letzten fünfzig Jahren ökonomisch zerschunden wurde. Der welterfahrene Wissenschaftler erkennt die »Transformationsnarben der Flurbereinigungen«, die »Amputationsstümpfe der Wohlstandsoperationen« und die »offenen Wunden einer Landwirtschaft«, die sich zwischen Traditionskultur und Maisproduktion verirrt habe.

Ins »intellektuelle Abenteuer« der Klimaforschung wird Schellnhuber, bekennt er biografisch, aber eher zufällig hineingezogen – durch den Fall der Berliner Mauer. Diese Zeit der Wende, resümiert er gleich vielen Aufbauhelfern West, habe einzigartige Spielräume geöffnet. Schnell begeistert sich Schellnhuber für die Idee, auf dem Potsdamer Telegraphenberg ein Institut zur Klimafolgenforschung zu gründen.

Person, Thema, Zeit und Ort passen ideal zusammen. Die geliebte Physik nichtlinearer Systeme konnte der inzwischen Habilitierte aufs Erdklima, eines der komplexesten Systeme überhaupt, anwenden – und das nicht allein als papiernen Formelkram, sondern da geht’s um das Schicksal von Natur, Landschaft, ja einer ganzen Zivilisation. Und all das noch im selben Stadtraum unweit jenes Sommerhauses in Caputh, in dem der von Schellnhuber verehrte Albert Einstein einige Jahre der Weimarer Republik lang gelebt und gearbeitet hatte.

Schellnhuber hat mit seinem Buch, und das ist wirklich neu, eine Klimageschichte der Gesellschaft genauso wie eine Gesellschaftsgeschichte des Klimas geschrieben. Schon ganz am Anfang hat die Menschheit ziemliches Glück mit ihrem Planeten gehabt. Der gewährte ihr 12 000 Jahre lang ein relativ stabiles Klima. Genug Zeit, um Afrika zu verlassen und die Welt unwiderruflich zu erobern.

Die Wechselwirkung des so entstandenen »Arbeiters« und seiner »Erde« zieht sich durchs ganze Werk. Akribisch nimmt Schellnhuber zum Beispiel die Hungersnot zwischen 1845 und 1852 in Irland auseinander. Zwar wurden die Kartoffel-Missernten durch ungewöhnlich feuchte Wetterperioden und damit verbundene Kartoffelfäule ausgelöst, zur menschlichen Tragödie kam es aber erst, als die englische Regierung jedwede Hilfen aus – heute würden wir sagen: neoliberalen – ideologischen Gründen einstellte.

Auch Schellnhubers Buch ist in gewisser Weise ein Ergebnis von (Klima)Geschichte. Es hätte so nicht geschrieben werden können, wenn sich die Klimawissenschaft vor allem seit dem Weltgipfel 1992 in Rio nicht atemberaubend entwickelt hätte. Inzwischen können wir auf der sicheren Erkenntnis eines menschengemachten Klimawandels, von 1,5- und Zwei-Grad-Zielen und der notwendigen De-Karbonisierung aufbauen.

Das Buch spiegelt einen generell veränderten Zeitgeist wider. Immer mehr Menschen haben das (ungute) »Gefühl«, dass die »Schaumkrönchen aus Waldinseln« aus ihren Leben verschwunden sind, dass sie Zeitzeugen rascher klimatischer Veränderungen sind. Gehäufte Wetterextreme, ein Anstieg des Meeresspiegels, Veränderungen der regionalen Flora und Fauna – die Folgen der globalen Erwärmung kommen im Alltagsleben und -bewusstsein an.

Und wie das in der Geschichte so ist: Die Menschheit hat inzwischen auch die Instrumente an der Hand, um buchstäblich fünf vor Zwölf den Klimakollaps zu verhindern. Und im Zentrum steht die alte Frage nach verfügbarer Energie.

In letzter Konsequenz könne man, schreibt Schellnhuber, die Zivilisationsgeschichte »entlang eines einzigen Entwicklungspfades verfolgen, der Energieproduktivität der Fläche«. Die heutige Industriegesellschaft sei da einstigen Jägern und Sammlern zwar um den Faktor 30 000 überlegen, leider würde aber die Bereitstellung von jeweils 150 Gigajoule pro Jahr für künftig 10 bis 11 Milliarden Menschen weder Himmel (Weltklima) noch die Erde (fossile Ressourcen) hergeben.

Der Klimaforscher hält zwei Entwicklungspfade für denkbar, zum einen den Weg in eine »Hyperenergiegesellschaft«, wo aus Punkt-Quellen wie Kernfusion oder Kernspaltung der übernächsten Generation auch pro Kopf immer mehr Energie verfügbar wird. Oder wir nähern uns einer Nachhaltigkeitskultur an, »wo sich der Jahresenergieverbrauch pro Kopf stabilisiert und sich der Fortschrittspfad durch Nutzung durch Sonne, Wind, Wellen und Erdwärme in die Fläche zurückbiegt«.

Vereinfacht gesagt: Wie einst die Jäger und Sammler ihre Nahrung müssen wir künftig unsere Energie in der Fläche einsammeln. Daraus, und darauf weist Schellnhuber hin, erwächst jedoch eine Konkurrenz zu anderen Nachhaltigkeitszielen wie der Nahrungsmittelversorgung und dem Erhalt von Flora und Fauna. Sein Fazit: »Wir stehen also in der Tat vor einer epochalen Weggabelung und können dort nicht lange verharren.«

Wahrhaftig: Die Zeit wird knapp. Der Klimawandel hat die Ein-Grad-Grenze schon erreicht und die von der Klimapolitik propagierte Zwei-Grad-Grenze bedeutet bereits, dass wir die Erde in unverantwortlicher Weise verändern.

Schellnhuber ist Humanist durch und durch. Mit dem fossil getriebenen Turbokapitalismus hat er nichts am Hut. Ja, für ihn ist die Nutzung der Kohleenergie sogar eine Entstehungsbedingung der modernen Geldgesellschaft. Daraus zieht er den durchaus logischen Umkehrschluss, dass ein anderes, ein dezentral-demokratisches und erneuerbares Energiesystem uns möglicherweise auch in eine andere Gesellschaft transformieren kann. Zumindest könne sich der Kapitalismus ökologisch aufladen, sagte er jüngst in einem Interview.

Denn eines ist für Schellnhuber auch sicher: Für gesellschaftspolitische Fantasien à la Naomi Klein bleibt einfach keine Zeit mehr. Die Welt kann nicht darauf warten, den Kapitalismus abzuschaffen, um die Klimakrise zu meistern. Der Klimaforscher, der sich selbst auch als »Ge-wissenschaftler« sieht, bleibt bei einer Vision von Solidarität, von Umdenken sowie einer globalen »Transformation«.

Nicht nur denjenigen, die in der heutigen Zeit Marxisten bleiben wollen, ist dieses Buch über die (versiegenden) Springquellen unseres Reichtums wärmstens zu empfehlen.

neues deutschland, 28.11.2015, S. 18


Hans Joachim Schellnhuber: Selbstverbrennung. Die fatale Dreiecksbeziehung zwischen Klima, Mensch und Kohlenstoff, geb., 784 S., 29,99 €