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Freiheit und Gleichheit

von Fritz Andres

Freiheit und Gleichheit scheinen sich auszuschließen. Denn die freie Entfaltung des Einzelnen führt zur Unterschiedlichkeit der Individuen, also zur Ungleichheit, und Gleichheit läßt sich eben deswegen nur herstellen, wenn man die freie Entfaltung der Menschen unterbindet. So jedenfalls der erste Anschein und eine weit verbreitete Meinung. Gleichheit kann für ein solches Denken nur zu Lasten der Freiheit, Freiheit nur unter Verletzung der Gleichheit gewährleistet und realisiert werden. Und da die  Gleichheit der Lebensnerv der Gerechtigkeit ist, stehen damit auch Freiheit und Gerechtigkeit in einem scheinbar unauflöslichen Widerspruch.

Und doch gibt es eine Begegnungsebene zwischen den Menschen, auf der sie sich als Gleiche ansehen können und gerade hierin – in der wechselseitigen Anerkennung als Menschen – die Grundlage ihrer freien Entfaltung in der Gesellschaft sehen: Gleichheit also als konstitutives Element der Freiheit! Und zugleich ist es gerade die Freiheitsfähigkeit, der Wendepunkt des Menschen, seine Entwicklungsfähigkeit, sein produktiver Kern, an dem wir anknüpfen müssen, wenn wir einander als Gleiche erleben  wollen: Freiheit also als konstitutives Element der Gleichheit!

Das Verhältnis von Freiheit und Gleichheit ist nicht etwa nur ein Gegenstand philosophischer Spekulation oder ein Thema für Verfassungsjuristen.

Freiheit und Gleichheit sind die beiden die Gesellschaft von ihren  Grundfesten bis in ihre letzten Verästelungen hinein durchziehenden und bewegenden Ideen und Kräfte, die sich in der Wirklichkeit wechselseitig lähmen und zerstören, wenn sie nicht in ein am Wesen des Menschen orientiertes Verhältnis zueinander gebracht werden. Dieses Verhältnis zu finden,  ist eine Überlebensfrage der Menschheit.

Über Freiheit und Gleichheit ist viel nachgedacht worden, aber wohl selten so fundiert und zugleich anwendungsbezogen wie in der Schrift  »Gleiche Freiheit« von Dieter Suhr, die er im Jahre 1988 unter Mitarbeit von Armin Trautmann vorgelegt hat. Die Schrift hat nicht die Beachtung  gefunden, die sie verdient. Seit mehreren Jahren ist sie vergriffen. Der hier vorgelegte Nachdruck, der auch die ursprünglichen Seitenangaben beibehält, soll zu einem vertieften Nachdenken über die Grundfragen von Staat und Gesellschaft anregen. Wir danken Frau Suhr und ihren Kindern für die Erlaubnis, »Gleiche Freiheit« im Rahmen unserer  Schriftenreihe nachdrucken zu dürfen.

PDF-Datei: http://www.sozialoekonomie.info/Weiterfuhrende_Informationen/Suhr_Gleiche-Freiheit/Suhr_Gleiche-Freiheit.pdf

erschienen unter
FRAGEN DER FREIHEIT– Beiträge zur freiheitlichen Ordnung von Kultur, Staat und Wirtschaft –
Folge 259/260
Juli–Dezember 2001
seit 1957
Herausgegeben vom Seminar für freiheitliche Ordnung e.V.
Badstraße 35, D-73087 Bad Boll, Telefon (0 7164) 35 73
Internet: www.

Marxistische Soziologie

festen Siedlungen, in Grosstädten. Was wir an Naturstoffen vorfinden, was wir an Werkzeugen und Technologien, an spezifischen Infrastrukturen-Häuser, Verkehrswege, Kommunikationsmittel etc.

– zu ihrer Ausbeutung entwickeln, die Zahl der Menschen in einer Gemeinschaft, ihre
Zusammensetzung nach Alter und Geschlecht, ihre physische Reproduktion
– all dies zusammen nennt man in der marxistischen Theorie „Produktivkräfte“.
Je nach diesen Produktivkräften werden wir jeweils andere Formen des Zusammenarbeitens und der Arbeitsteilung, der Rechtsverhältnisse, der politischen Organisation entwickeln und jeweils einrichten, also, um einen weiteren zentralen Begriff der marxistischen Soziologie einzuführen: unterschiedliche Produktionsverhältnisse. Nun ist dieses Bündel an Produktivkräften nicht etwas unveränderbares, statistisches, sondern es verändert sich vielmehr ständig im Prozess seiner Nutzung: Bodenschätze gehen zur Neige, Jagdtiere wandern weiter, neue Naturschätze und Werkstoffe werden nutzbar gemacht, neue Werkzeuge und Technologien entwickelt, die eine schnellere oder vollständigere Nutzung möglich machen, kurz: die Produktivkräfte werden ständig von Menschen verändert. Damit verändern sich aber auch die Produktionsverhältnisse. Aber das ist nicht ein kontinuierlicher, stetiger Prozess, sondern vollzieht sich in Stufen. Es braucht immer eine gewisse Menge der Veränderung im  Bereich der Produktivkräfte, bis daraus deutlich erkennbare Änderungen der Produktionsverhältnisse entstehen. Die Umverteilungssysteme, um ein aktuelles Beispiel zu verwenden, die das „soziale“ an der Marktwirtschaft ausgemacht haben, widerstehen der Veränderung der Produktionsverhältnisse noch ein Weilchen, bevor sie unter dem Druck der
„Globalisierung“ zusammenbrechen. Und leicht einsehbar ist, dass die Zusammenhang nicht nur in einer Richtung wirkt, sondern wechselseitig: Wenn im Bereich der Produktionsverhältnisse z.B. die Entwicklung von Technologien, als Forschung und Entwicklung, selbst zu einem bedeutenden Faktor geworden ist, der Staat sich also z.B. entschliesst, statt regenerativer Energien die Atomenergie durch öffentliche
Mittel zu fördern, dann wirkt sich auf die Nutzung der Produktivkräfte aus, d.h. wir
können eher zentralisierende Formen der Energieversorgung erwarten als dezentrale. Der
Zusammenhang ist dialektisch. Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse zusammen
bezeichnet man als Produktionsweise, oder auch als die materielle Basis einer Gesellschaft.
Menschen organisieren sich jedoch nicht unbewusst, instinktiv, unreflektiert, sondern sie
interpretieren ihre jeweilige Organisationsform, geben ihr eine nachvollziehbare Logik, versehen sie mit Verhaltenserwartungen, also Normen, begründen sie durch Werte, versuchen, ihre Existenz zu begreifen, indem sie Religionen und Philosophien entwickeln, sie entwerfen Theorien des Rechts, der Wirtschaft, der Politik, die in einem bestimmten schlüssigen Verhältnis zueinander stehen (Demokratie, Marktwirtschaft etc.), über das sich so kommunizieren lässt, dass wir uns dies alltäglich als soziale Wirklichkeit bestätigen können. Mit anderen Worten: Der materiellen Basis der gesellschaftlichen Organisation stehen Theorien, Interpretationen gegenüber, die manzusammengefasst als „Überbau“  bezeichnet. Wiederum stehen Basis und Überbau in einem dialektisch-spannungsvollen Verhältnis zueinander. Ändert sich die Basis, dann werden dem mit zeitlicher Verzögerung Änderungen im Überbau folgen, und umgekehrt. Dieser Zusammenhang ist niemals einseitig und deterministisch, er ist immer wechselseitig. Dabei ist das Verhältnis zwischen
Basis und Überbau ist nicht eines der getreuen Abbildung, der „Wahrheit“, sondern eines der Überzeugung, der Rechtfertigung: Wir scheuen uns nicht, unser Wirtschaftssystem als
„Marktwirtschaft“ zu bezeichnen und darzustellen, obgleich es mit echter Marktsteuerung nur ausnahmsweise zu tun hat. Aber das gilt zuweilen auch umgekehrt: Unsere Verfassung, was immer wir daran bemängeln mögen, enthält ein Stück utopisches Ideal, von dem die Wirklichkeit in immer wieder feststellbarer Distanz abweicht, obgleich sie „gilt“.
Tiefgreifende Veränderungen gesellschaftlicher Verhältnisse geschehen also nicht zufällig, sondern auf Grund angebbarer Bedingungen. Wenn die Produktivkräfte sich rasch entwickeln, kommt es vor, dass „die Jacke der Produktionsverhälltnisse“ zu eng wird und rascher, vielleicht gar revolutionärer Wandel entsteht – eine Phase, in der wir uns jetzt gerade befinden. So hat die menschliche Geschichte sehr wohl eine Logik, auch wenn sie nicht einfach vorhersehbar, prognostizierbar ist.
Oder, wie Marx sagte: Die Menschen machen ihre Geschichte selbst, aber sie machen sie nicht unter selbstgewählten Bedingungen. Das Ergebnis solchen Wandels ist nie zufällig, es ist immer Resultat von Veränderungen der Produktionsweise. Das also wäre der Kern marxistischer Soziologie.
Was ist dann mit dem menschlichen Bewusstsein? Das klingt so, als wären Menschen so etwas wie automatische Reflexe, blosse Anhängsel materieller Bedingungen. Das sieht Marx indessen nicht so: Individuelles Bewusstsein und kollektiver Überbau stehen wiederum in einem dialektischen, einem wechselseitig-kausalen Zusammenhang mit der materiellen Basis oder, wie Marx sagte: Das Bewusstsein ist nichts anderes als das bewusste Sein. Wir sind daher nicht unreflektiert funktionierende kleine Maschinen, sondern zum bewussten, gezielten, planvollen Handeln fähig. Aber dieses Handeln geschieht unter Bedingungen, über die wir keine Macht haben, und daher sind die
verfügbaren Handlungsspielräume immer begrenzt, das Ergebnis dieses Handelns ist nicht zufällig, willkürlich, sondern eingebettet in die vorgefundenen historischen Bedingungen. Damit geschieht auch die Geschichte nicht zufällig in dem Sinn, dass sie von jedem Ausgangspunkt aus beliebige Wege einschlagen könnte.
2.1.2 Historischer Materialismus
Der „historische Materialismus“ (Histomat) unternimmt es nun, diese Theorie auf die geschichtliche Entwicklung der menschlichen Gesellschaft anzuwenden, also Geschichte in dieser Logik zu verstehen. Dabei fällt auf, dass es in dieser Geschichte lange Phasen relativer Stabilität gibt, aber auch Phasen radikaler Umbrüche. Die stabilen Phasen sind durch eine relative Konstanz der wichtigsten Produktionsverhältnisse gekennzeichnet, man nennt sie auch Gesellschaftsformationen.
Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, feudale Gesellschaft, Kapitalismus sind solche
Gesellschaftsformationen, die durch jeweils spezifische Verhältnisse in Basis und Überbau
charakterisiert sind, die sich von der jeweils vorausgehenden Gesellschaftsformation grundlegend unterscheiden. Der Geschichte unterliegt eine Entwicklungslogik, die wir ex post auch erkennen können. Ex ante könnte wir sie nicht vorhersagen, aber wir können sie wollen. Sozialismus und Kommunismus, Gesellschaftsformen, über die Marx und Engels sich nur sehr zurückhaltend und knapp geäussert haben, sind nicht zwangsläufige Folgen
der historischen Entwicklung, sondern Möglichkeiten, die wir durch zielgerichtetes Handeln dann erreichen, verwirklichen können, wenn die kapitalistischen Produktionsverhältnisse für die Entwicklung der Produktivkräfte hinderlich geworden ist. Dafür, dass dies mit Aussicht auf Erfolg möglich ist, lassen sich Bedingungen angeben. Auch hier ist die Geschichte nicht ein blinder Automatismus, dem wir alternativenlos ausgeliefert sind, sondern ein Ergebnis von historischen Bedingungen und gesellschaftlichem Hand
eln.

Es fehlt die Zeit, um die idealtypische Abfolge solcher Gesellschaftsformationen: Urgesellschaft, Sklavenhaltergesellschaft, feudale Gesellschaft, Kapitalismus, wie Marx sie beschrieben hat, hier zu rekapitulieren. Das scheint mir hier auch nicht nötig, zumal es womöglich durch das folgende Argument überholt ist:

Wallerstein argumentiert gegen solche „organisierenden Mythen“, dass sie aus den realen
Bedingungen des 19. Jh. entstanden seien und sie in der Tat zu erklären vermochte. Geschichte aber wer de immer aus dem Problemverständnis der Gegenwart neu geschrieben, und deshalb tauge diese Vorstellung wenig zum Verständnis unserer heutigen Welt. Er, dem wir die detaillierteste Untersuchung der Entstehung der kapitalistischen Weltwirtschaft seit dem 16. Jh. Verdanken, gibt eine andere, unserer Situation angemessenere Interpretation der historischen Fakten:
„Der Übergang vom Feudalismus zum Kapitalismus beinhaltete zuerst die Schaffung einer
Weltwirtschaft. Durch die Transformation des Fernhandels als Handel mit „Luxusgütern“ in einen Handel mit „lebenswichtigen Gütern“ oder „Massengütern“ wurde eine soziale Arbeitsteilung ins Leben gerufen. Dadurch wurden Prozesse miteinander verknüpft, die über lange Handelsketten verstreut waren. Die Handelsketten bestanden aus speziell miteinander verbundenen Produktionsprozessen, deren Verbindung die Akkumulation von bedeutenden Mengen von Mehrwert und seine Konzentration in den Händen weniger ermöglichte. Solche Handelsketten gab es schon im 16. Jh. Und sie gingen zeitlich allem voraus, was sinnvoll als „Volkswirtschaften“ bezeichnet werden könnte. Diese Ketten konnten wiederum nur durch den Aufbau eines zwischenstaatlichen Systems gesichert werden, das von den Grenzen der wirklichen sozialen Arbeitsteilung, von der k
apitalistischen Weltwirtschaft abhängig war. Als die kapitalistische Weltwirtschaft von ihrer ursprünglichen europäischen Basis aus expandierte, um schliesslich den ganzen Globus zu umspannen, expandierten auch die Grenzen des zwischenstaatlichen Systems“
(Wallerstein 1995, 88 f.). „Der Gesamtgewinn, der in diesen Handelsketten erzielt wurde, wurde zu keiner Zeit gleichmässig an den geographischen Orten verteilt, an denen er erzielt wurde, sondern konzentrierte sich in manchen Zonen immer unverhältnismässig
mehr als in anderen. Als „Peripherien“ bezeichnen wir jene Zonen, die gegenüber den „Zentrums“-Zonen bei der Verteilung des Mehrwerts verloren haben, … und zwar in Bezug auf drei Kriterien: Die Kapitalakkumulation, die soziale Organisation der lokalen Produktionsprozesse und die politische Organisation der geradeentstehenden Staatsgebilde. … Die Art und Weise, einen grösseren Teil vom Mehrwert zu bekommen, war die relative Monopolisierung eines Glieds der Handelskette (113).“
Wiederum zwingt die Zeit dazu, die darin eingeschlossenen Implikationen und Folgerungen
weitgehend zu unterschlagen. Lassen Sie mich nur einen Punkt aufgreifen, der seit einigen Jahren lebhaft diskutiert wird: das vermeintliche Absterben des Nationalstaates. Wenn, wie Wallerstein überzeugend argumentiert, das kapitalistische Weltsystem nicht etwa daraus entsteht, dass sichsouveräne Nationalstaaten zu supranationalen und schliesslich globalen Gebilden zusammenschliessen und ihnen Kompetenzen übertragen, sondern vielmehr umgekehrt der Nationalstaat ein Gebilde ist, dass historisch erst unter den Bedingungen einer funktionierenden Weltwirtschaft möglich und nötig und daher geschaffen wurde, dann wird er fortbestehen solange und insoweit er den Interessen dieser Weltwirtschaft dienlich ist. Es ist der Nationalstaat, der nach innen die Bedingungen optimaler
Standortqualität schaffen muss, die sich die transnationalen Unternehmen wünschen. Wenn der Nationalstaat des Industriezeitalters in erster Linie dazu da war, geeignete
Akkumulationsbedingungen für eine noch immer zu erheblichen Teilen national orientierte
Kapitalistenklasse zu schaffen, so funktioniert er heute als Agent einer globalen Machtelite. Der Regierungswechsel in Deutschland gibt manche hübsche Illustration für diese These a
b. Deshalb und an dieser Stelle ist die Globalisierungsthese zu relativieren, wie wir dies im Sozialstruktur-Buch ausführlich dargelegt und begründet haben.
2.2 Kritik der politischen Ökonomie
Die Kritik der politischen Ökonomie unternimmt es, die Wirtschafts- und Gesellschaftslehren der Zeit zu untersuchen und zu fragen, ob und wie sie mit der empirischen Wirklichkeit übereinstimmen. Es handelt sich um empirische Sozialforschung mit den damals gegebenen Mitteln, um die empirische Untersuchung der Funktionsweise der kapitalistischen Wirtschaft (Das Kapital). Marx findet dabei, dass die (frühkapitalistische) Gesellschaft durch heftige Konflikte, Spannungen und Auseinandersetzungen geprägt ist: Zwei Klassen, die Kapitalisten, also die Eigentümer von
Produktionsmitteln, kämpfen gegen die Proletarierer, die nichts als ihre Arbeitskraft haben, um den Mehrwert der Produktion. Technisch gesagt ist der Mehrwert der Geldbetrag, der vom Preis eines Produktes übrigbleibt, wenn man seine Produktionskosten abzieht. Der Konflikt ist antagonistisch, d.h. innerhalb des Systems nicht lösbar. Es handelt sich um Nullsummen-Situationen: Was der eine erhält, muss dem anderen genommen werden. Diesen Konflikt beschreiben Marx und Engels als Klassenkampf. Interessanterweise wurde
diese Teilung in Klassen zu einem der am heftigsten umkämpften Bestandteile der marxistischen Theorie, zumindest im deutschen Sprachraum. Eine Gesellschaft, die sich selbst als sozial gerecht und demokratisch nicht nur interpretieren, sondern  gesellschaftlichen Produkts sehen. In der Tat gab es auf der Ebene der Betriebe auch die
Basisorganisationen der Partei, Stasispitzel und Kampfgruppen, also Einrichtungen, die der
politischen  Disziplinierung und Überwachung dienten. All dies war von Marx nicht gedacht oder vorgeschlagen, und gegen letzteres hätte er sich sicherlich vehement gewehrt.
Der politische Entscheidungsprozess, also die gesellschaftliche Planung auf der einen, die Besetzung politischer Ämter auf der anderen Seite, waren ebensowenig von Marx so vorgeschlagen worden.  Aber auch hier gibt es im Westen kaum andere als ideologisch verzerrte Vorstellungen. Die Gesamtplanung der wirtschaftlichen Abläufe ist zunächst einmal eine nachvollziehbare (wenn auch nicht zwingende) Konsequenz aus der Verstaatlichung der Produktionsmittel. Formen der zentralen Wirtschaftsplanung gab und gibt es in allen Ländern, selbstverständlich auch im Westen, und sie sind umso durchdringender, je mehr Produktionsmittel sich unter staatlicher Entscheidungskontrolle
befinden. Die sozialistischen Planungsverfahren (die ebenfalls heterogen und im Rahmen des RGW nur begrenzt und nach Sektoren unterschiedlich koordiniert waren) sind nicht daran gescheitert, dass diese Logik grundsätzlich falsch wäre, sondern vielmehr an der Komplexität der Aufgabe: Es ist einfach nicht möglich, eine Gesellschaft wie eine Maschine, wie eine Fertigungsstrasse zu organisieren. Was da alles nicht klappte, ist durch Improvisation, durch Informalisierung, durch Korruption ausgeglichen worden. Dazu kommt natürlich, dass die hohe Aussenverschuldung (ausser in der CSSR) nach 1973 mit den ständig ansteigenden Zinsen auch immer höhere Anstrengungen zur Devisenbeschaffung auf Kosten der Inlandsversorgung erforderte. Und es gehört hierher, dass die westlichen Medien einen Konsumstandard propagierten, der mit den vorhandenen Voraussetzungen dort nicht zu schaffen war. Das hat natürlich Unzufriedenheit geschürt, den Ausreisewillen gestärkt, der dann zu repressiven Reisebeschränkungen führte. Die nationale Planung ist übrigens nicht, wie hier immer wieder unterstellt, von oben diktiert, sondern in einem mehrstufigen Konsultationsprozess
vereinbart worden, an dessen Ende freilich in der Tat politische Gewichte und Sanktionen gesetzt worden sind. Die Widersprüche, die dabei zwischen Wirtschafts-, Finanz- und Raumplanung auftraten und die den jeweils etablierten Machthierarchien und Klientelbindungen geschuldet waren, sind übrigens gar nicht so schrecklich weit entfernt von den Mechanismen, die in Deutschland oder in der Europäischen Union die weitgehende Wirkungslosigkeit der räumlichen Planung zur Folge hatten.
Die Besetzung politischer Ämter nach dem System der Einheitsliste ist ein besonders heikles Thema. Der Bevölkerung wurde in der Wahl eine Einheitsliste der Nationalen Front vorgelegt, und die Menschen wurden durch mehr oder weniger moralischen Druck veranlasst, zur Wahl zu gehen und dieser Liste zuzustimmen. Wo dies nicht im gewünschten Mass – Zustimmung mit mehr als 95 % war die Regel – geschah, das wurden die Ergebnisse auch manipuliert, gefälscht. Man muss allerdings schon böswillig, blind oder uninformiert sein, wenn man verschweigt, dass (1) dahinter eine ganze andere politische Philosophie stand, nämlich die der grundsätzlichen Interessenidentität zwischen Volk und Regierung, anstelle der bei uns akzeptierten Philosophie des pluralistischen Interessengegensatzes, der durch Mehrheiten entschieden wird; und (2) dass diese Einheitsliste in einem komplizierten und kontroversen Verfahren aufgestellt wurde, an dem viele Menschen beteiligt waren. In der Tat gab es eine Nomenklatura, die zwischen den gesellschaftlichen Organisationen festlegte, wer für die höchsten Staatsämter in Frage kam. Untersuchen Sie die Besetzung unserer politischen Ämter, die gerade hinter uns liegt ist das wesentlich anders? Untersuchen Sie den Prozess der KandidatInnenaufstellung in unseren Parteien und urteilen Sie dann. Lesen Sie Erwin und Ute Scheuchs Analyse des Kölner Klüngels, nehmen Sie also die empirischen Fakten zur Kenntnis, und lassen Sie uns dann über funktionale Äquivalente diskutieren.
All diese hat übrigens mit Marx nichts zu tun, ist in seinen Vorschlägen nicht zu finden.
Entschieden antimarxistisch scheint mir in den sozialistischen Regimen zumindest zweierlei: Für Marx war, dem dialektischen Prinzip folgend, der Widerspruch der Motor jeder gesellschaftlichenEntwicklung. Die sozialistische Praxis hat den Widerspruch, hat die Kritik unterdrückt. Und damit zusammenhängend: Ein erheblicher Teil des gesellschaftlichen Produkts ist in den Überwachungs- und Disziplinierungsapparat gesteckt
worden, statt z.B. in den Erhalt der Gebäude, in bessere Versorgung etc. Selbst das ist noch nachvollziehbar, wenn auch kaum zu rechtfertigen. Freilich sollten wir uns nicht täuschen über unsere eigene Gesellschaft: Die vielfältigen Überwachung- und Unterdrückungsmechanismen funktionieren anders, sind aber nicht weniger effektiv. Dort wurde Kritik verhindert, indem man den Zugang zu Papier verwehrte. Hier wird sie wirkungslos, weil die Aufrufe zur Unterstützung abweichender Ansichten dem, der sie sucht, an jeder Strassenecke zu finden sind, so dass Orientierungslosigkeit durch Überfluss entsteht.
Entschieden marxistisch scheint mir hingegen in den sozialistischen Ländern, dass grosse
Anstrengungen zur relativen Gleichverteilung der Mittel und zur Befriedigung der Grundbedürfnisse aller an Nahrung, Kleidung, Wohnung, Sicherheit, Gesundheit und Bildung unternommen wurden. Ich zögere nicht, darin einen entschiedenen Vorteil zu sehen. Diese Sicherheit ist im Westen nicht gebunden an ideologischen Gehorsam, aber an die Verfügung über Geld.
3.2 Ist also der Marxismus eine totalitäre Ideologie?
Das lässt sich mit guten Gründen vom „orthodoxen Marxismus“ sagen, dessen Beginn man vielleicht mit Engels‘ Schrift über „Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft“ (1883,in Marx Todesjahr erschienen) ansetzen kann und der über Kautsky, Lenin und Stalin diese Wissenschaft zunehmend als dogmatisch zu vollziehende Anleitung zur Praxis verstand. Es wurde ein Katechismus, ein Satz von axiomatischen Wah
rheiten. Und es enstand jener „Parteimarxismus“ (Elias), der glaubte, es sei lediglich die Herrschaft zu erringen, die Regierung zu übernehmen und in der Hand zu halten, es seien die Produktionsmittel zu verstaatlichen – und schon morgen, gerade jenseits des historischen Horizonts, winke die klassenlose Gesellschaft, würde aus der Regierung
über Menschen die blosse Verwaltung von Sachen.
Darauf bezog sich das Argument, etwa von Karl Popper im „Elend des Historizismus“ vorgetragen, nach dem jeder gesellschaftlichen Utopie ein totalitäres Element deshalb innewohne, weil der Versuch ihrer praktischen Durchsetzung immer anders Denkende unterdrücken müsse. Es scheint mir im wesentlichen aus der ideologischen Konfrontation des Kalten Krieges geboren. Es verführt zur Übergeneralisierung: totalitär für wen? Für alle? Eine totalitäre Ideologie kann der Marxismus nur für die sein, die an den Schalthebeln von Macht und Gewinn sitzen. Da sie auch den Zugang zu den Medien kontrollieren (als Eigentümer, als Werbende etc.), gelang und gelingt es ihnen, daraus eine unzulässig verallgemeinernde Darstellung zu verbreiten.
Für den „explodierenden Marxismus“ (Henri Lefèbvre) entschieden nein. Der Marxismus wird jetzt benutzt, um derart viele unterschiedliche Weltanschauungen zu subsummieren, dass sein Inhalt scheinbar völlig verwässert wird. „Und doch gibt es unter den tausend Marxismen dennoch marxistische Marxismen, die immer noch die existierende  kapitalistische Realität kritisieren und immer noch auf der (neuerlichen) Suche nach einer Utopie sind, ohne die wir, wie Mannheim so treffend sagte, die Welt nicht verstehen können“ (Wallerstein 1995:214).