Buchdebatte

Mein Leben in 4 Gesellschaftsordnungen: Teil 3: 1945 bis 1952 / A

Teil 3 1945-1952: Nachkriegsordnung des Kapitalismus im westlichen Europa

Der 2. Weltkrieg war am 8. Mai 1945 zu Ende. Das besiegte Hitler-Deutschand wurde von den Alliierten Siegermächten Sowjetunion – USA – Großbritannien – Frankreich durch die   in vier Besatzungszonen aufgeteilt

 

Mein Leben in 4 Gesellschaftsordnungen: Teil 2: 1933 bis 1945

Teil 2 –  Drittes Reich / Großdeutsches Reich – 1933 – 1945

Als NS-Staat wird das Deutsche Reich für die Zeit des Nationalsozialismus (1933–1945) bezeichnet, in der die Diktatur Adolf Hitlers, die von der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) gestützt wurde, an die Stelle der demokratisch verfassten Weimarer Republik trat. Dieser Staat war geprägt von einem absoluten Herrschaftsanspruch über das Individuum, einem radikalen Antisemitismus, einem ausgreifenden Führerkult und zunehmendem Staatsterror. Die Errichtung der Diktatur begann unmittelbar nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler am 30. Januar 1933: Mit der Verordnung des Reichspräsidenten zum Schutz von Volk und Staat vom 28. Februar 1933 und dem Ermächtigungsgesetz vom 24. März 1933 wurden wesentliche Teile der Weimarer Reichsverfassung dauerhaft suspendiert, darunter die Gewaltenteilung, die parlamentarische Kontrolle der Regierung sowie grundlegende Bürgerrechte. Der Ausnahmezustand blieb bis zum Ende des NS-Staates bestehen. Innerhalb weniger Monate schuf das NS-Regime durch die Gleichschaltung von Politik und Gesellschaft einen zentralistischen Staat nach der Ideologie des Nationalsozialismus.                                                                               Wikipedia

Nachdem Adolf Hitler am 30. Januar 1933 an die Macht kam und unterstützt von der Wirtschaft das „III. Großdeutsche Reich“ ausrief, wurde der „Nationalsozialismus“ als neue Gesellschaftsordnung ausgerufen. Diese Ordnung war durch eine radikale antisemitische, rassistische, nationalistische (chauvinistische), antikommunistische, antiliberale und antidemokratische Ideologie und Politik gekennzeichnet. Hitler hatte in seinem 1923 geschrieben Buch “Mein Kampf” seine angestrebte Politik klar formuliert: Krieg gegen die Erbfeinde Deutschlands (Frankreich und England) als Wiedergutmachung der militärischen Niederlage Deutschlands 1918 am Ende des 1. Weltkrieges. Mit dieser Politik wurde Hitler bereits vor seiner Machtergreifung vom Kapitalismus in Form der Wirtschaftsmächtigen, wie Krupp und Thyssen, finanziell unterstützt. Die vorgesehene militärische Vorbereitung eines nächsten Weltkrieges durch breite Waffen- und Autoproduktion, sowie einen enormen Straßenbau versprachen der deutschen Wirtschaft schnell wieder zu Rieseneinnahmen zu kommen. Der schnelle Wirtschaftsaufschwung führte ebenfalls 1933/1934 zu einem schnellen Abbau der Arbeitslosigkeit. Hitler versprach in seiner ersten Rede als Reichskanzler dem deutschen Volk, dass „Jeder“ in Kürze einen Arbeitsplatz, ein eigenes Haus oder Wohnung, einen „Volkswagen-VW“ und auch einen „Volksempfänger“ erwerben kann, wenn er fleißig arbeitet und für die politische Ordnung der NSDAP und ihrer Organisationen  “stramm steht” .

Nach wenigen Monaten  hatte mein Vater Mitte 1933 wieder einen Arbeitsplatz als Tischler. Im Laufe der darauffolgenden Jahre brachte er genug Lohn mit nach Hause, um sich im Laufe der Zeit, 1936, ein erstes Radion, den „Volksempfänger“, und dann später um 1938, ein Volkswagen “VW Käfer” leisten zu können. Mit Hilfe des “Volksempfängers” konnten wir dann auch sportliche Übertragungen aus dem Olympiastadion miterleben. Besonders oft vernahmen wir auch die Stimmen Adolf Hitlers und Josef Goebbels in den vier Wänden des eigenen Hauses, das mein Vater vermittels der vom Hitler-Staat geförderten finanziellen Unterstützung durch eine Hypothek in Hohen Neuendorf, einem damals kleinen Vorort im Norden von Berlin, selber aufbaute. Meine Eltern wurden in dieser finanziellen Förderung durch das staatliche System nicht, wie staatlicher seits gewünscht, zu fanatischen Anhängern Hitlers und seiner Herstellung eines neuen Großdeutschlands. Sie blieben unpolitisch, hängten aber “pflicgtgemäß” die Hakenkreuzfahne genauso demonstrativ aus dem Fenster, wie alle anderen Nachbarn in unserer Straße.

Ich kam 1935 zur Schule. Als Mutter mich beim Schuldirektor als Schüler der 1. Klasse anmeldete, und ich das mit Mutter das Amtszimmer des Schuldirektors betrat und dabei nach Mutters Erziehungsverhalten höflich „Guten Tag“ sagte, wies mich der Herr Schuldirektor sofort wieder aus seinem Zimmer mit dem Hinweis, erneut nach dem Anklopfen und seinem „Herein“-Ruf die Tür zu öffnen und mit dem „Heil Hitler“-Gruß einzutreten. Diese Disziplinierung von uns Schülern durch die Lehrer – Lehrerinnen hatten wir damals nicht – erstreckte sich bis zur 8. Klasse. Die meisten Unterrichtsfächer – einschließlich des Religionsunterrichtes – begannen beim Eintreten des jeweiligen Lehrers in den Klassenraum damit, dass wir Schüler sofort aufstanden und in strammer Haltung und mit erhobener rechter Hand den Lehrer mit „Heil Hitler“ begrüßten. Wir gehorchten dann auch sofort seinem Befehl „Hinsetzen!“. In den 8 Jahren Unterricht an dieser Volksschule genannten Grundschule gab es kein einziges Schulfach, in dem nicht auch die ideologische Politik Hitlers, unseres „Führers“, erklärt wurde. Sein politisches Vorhaben hatte Hitler bereits in seinem 1926 geschriebenen Buch „Mein Kampf“ formuliert. Die !wirklichen” Deutschen sollten und konnten nur reinrassig-arische junge Männer und Frauen sein. Sie sollten die Ehre Großdeutschlands, die nach der Niederlage der kaiserlich-deutschen Armee durch den Versailler Friedensvertrag „mit Füßen getreten wurde“, mit allen Mitteln wieder herstellen. In den Fächern Geschichte und Erdkunde (Geographie) wurden wir mit Nationalstolz über die seit gut tausendfünfhundert Jahren von den germanischen Völker siegreich geführten Eroberungen und Kriege unterrichtet. In den Fächern Biologie spielte „Rassenkunde“ eine dominierende Rolle. Das Fach „Modellbau“ wurde  unser Wissen und Wollen in Richtung des Herstellens deutscher Marine-Kampfschiffe gelenkt, auf denen wir später dann auch als deutsche Soldaten in den Krieg ziehen sollten. Im Fach „Deutsch“ wurde mit dem „Nibelungenlied“ und der Ideologievermittlung „Volk ohne Raum“ Revanchismus und Rassenhochmut gelehrt.

Parallel zu den 8 Jahren Volksschule wurden wir Jungs und Mädchen dann noch zusätzlich in den nationalsozialistischen Kinder- und Jugendorganisationen „Pimpfe“ und „Hitler-Jugend HJ“ paramilitärisch und sehr ideologisch zu Gehorsamkeit und Einsatzbereitschaft als strammer, einsatzfähiger und siegesbewusster Soldat gedrillt.

Warum befleißigte ich mich, der ich bis zum Ende der 5. Klasse sehr oft sehr faul war und nur schlechte Noten in meine Zeugnisse bekam, nun ab Beginn der 6. Klasse, ein fleißiger guter Hitler-Junge zu werden, der bedingungslos den Hitler-Befehlen folgen wollte?

Zu Beginn des neuen Schuljahres 1940 kam ein Lehrer in einer SA-Uniform in unseren Klassenraum. Er gab als seine Aufgabe an, uns die anzustrebende Reinrassigkeit der wirklichen Deutschen zu demonstrieren. Alle zukünftigen deutschen Helden sollten von germanischen Völkern abstammen. “Das  werden wir gleich in unserer Klasse aufklären”. Jeder Schüler sollte geprüft werden, ob er ein Abkömmling der arisch-germanischen Rasse ist oder ein Jude oder von anderen nicht germanischer Völkerstämme abstammt.. Ich fand mich nach einer Maßstab gerechten “Beurteilung” meiner Schädelform durch den Lehrer als Einziger der Klasse ausgesondert in der linken Ecke des Schulzimmers wieder, während die anderen Schüler  als Abkömmlinge der „germanischen Arier“ in die anderen Ecke des Klassenzimmers gestellt wurden. Nach dieser „Aussonderung“ wurde ich oft von einigen Mitschülern beschimpft und  als Feind Großdeutschlands verachtet. Unser Mathe-Lehrer, der ein 100prozentiger Nazi war, zeigte seine Verachtung über meine Herkunft offen und bestrafte meine Lern-Faulheit auf seine Weise, indem er mich mit entblößten Hintern über seinen Stuhl beugen ließ und mich mit seinem Rohrstock mächtig „bearbeitete“.

Zu Beginn des siebenten Schuljahres kam ein neuer Schüler, Helmut Ohst, in unsere Klasse. Er kam mit seinen Eltern aus Berlin. Bei einem anglo-amerikanischen Luftangriff auf Berlin verloren sie ihre Wohnung und fanden in unserer Nähe Unterkunft in einem der gerade aufgebauten und eingerichteten Behelfsheime für Ausgebombte. Helmut wurde vom Lehrer als arisch eingestuft und neben mir allein sitzenden Schüler platziert.

Nach kurzer Zeit entwickelte sich zwischen uns auf Helmuts Initiative hin, ein freundschaftliches Verhältnis, nicht nur im Unterricht in der Klasse, sondern auch in der Freizeit außerhalb der Schule. Oft beschwor mich Helmut, doch etwas besser aufzupassen und fleißig zu lernen, um der ausgrenzenden Bewertung und Behandlung durch den Lehrer in Zukunft zu entgehen. Ich nahm mir vor, im Unterricht besser aufzupassen, um mehr zu lernen als bisher, und damit dann auch bessere Zeugnisse zu erhalten. Das betraf auch das Turnen und den Sport, wo ich kräftiger und schneller und besser als die anderen Schüler werden wollte.

Ich machte seit der vierten Klasse auch aktiv in der Organisation der „Pimpfe“ und dann ab 12 Jahren, als Mitglied der „Hitler-Jugend / HJ“ mit. Hier versuchte ich auch immer der Schnellste und der Beste zu sein. Freudig begrüßte ich den schulfrei erklärten 1. September 1939. Am Morgen dieses Tages gab Reichskanzler Adolf Hitler den Befehl zum Angriff auf Polen. Es wäre eine Verteidigungsaktion gegen den Überfall polnischer Soldaten auf den deutschen Rundfunksender Gleiwitz, heute Gliwice. Tatsächlich hatte die SS-Führung den Vorfall inszeniert, bei dem in polnische Uniformen gesteckte Häftlinge aus den Konzentrationslagern diesen Überfall auf den Sender Gleiwitz begehen sollten. Dabei wurde sie alle von den beorderten SS-Leuten erschossenen wurden. Ähnliche verlogene Provokationen von Kriegsbeginnen kennt die Menschheit ja zur Genüge bis in die jüngste Vergangenheit hinein. Frankreich und Großbritannien forderten den Rückzug der deutschen Soldaten aus Polen innerhalb von zwei Tagen. Hitler ließ das Ultimatum verstreichen.Wenige Tage später begann auch der Krieg gegen „unsere Erzfeinde“ Frankreich und England. Begeistert verfolgte ich, wie auch die meisten aus unserer Klasse, in den folgenden Wochen und Monaten den Vormarsch unserer Truppen. Wir steckten kleine Fähnchen auf die Landkarte Europa an die geografischen Stellen, wo die deutschen Wehrmacht die „Feinde“ besiegte.. Die meisten Siegesfähnchen steckten dann ab Juni 1942 bis 1944 auch auf dem Gebiet der Sowjetunion. Das letzte Fähnchen steckte ich auf der Landkarte an die Stelle der Wolga, die durch den Namen der Stadt Stalingrad gekennzeichnet wurde. Das Fähnchen stecke bis zum 2. Februar 1943, nachdem die deutsche Armee kapitulierte und von der Sowjetarmee aus der Stadt vertrieben wurde. Danach verfolgten wir mit zwiespältigen Gefühlen die endgültige Befreiung Russlands, Weißrusslands, der Ukraine und auch Polens durch die Sowjetarmee, die die deutsche Wehrmacht und die an ihrer Seite kämpfenden rumänischen, ungarischen Truppenteile und die ukrainischen faschistischen Bandera-Banden, vor sich her trieb. Nach Beendigung des harten Winters 1944/45 begann der Endkampf zwischen deutscher Wehrmacht und der Sowjetarmee, deren Armeen im Februar 1945 die Oder überquerte, um dann bis Ende April Berlin einzukesseln und die in der Stadt befindlichen Wehrmacht-Reste zu bekämpfen. Diese kapitulierten dann am 2. Mai 1945. Am 24. April hatten sowjetische Panzer bereits unseren Wohnort Hohen Neuendorf besetzt. Dadurch konnte ich mich nicht mehr als freiwilliger Marinesoldat bei Wehrkreiskommando in Stralsund melden, um meinen verpflichtenden Wehrdienst anzutreten. Wie ich  7 Jahre später erfuhr, stand ich noch immer im Archiv der deutschen Wehrmacht in Flensburg, in der dort  vorhandenen Liste der Wehrdienstverweigerer. Selbst nach Kriegsende, nach der Zerschlagung Hitlerdeutschlands und seiner SS und Wehrmacht, wurden Wehrdienstverweigerer Nazideutschlands auf dem “befreiten” Territorium der späteren westdeutschen Bundesrepublik festgenommen und zum Teil von den  auf diesen Territorium weiterhin von den auf Richterstühlen sitzenden ehemaligen Nazi-Richtern verurteilt. Erst nach 1960 gab es dann kaum noch Nazi-Staatsanwälte, noch Nazirichter in der damaligen westdeutschen Bundesrepublik. Der Film über den hessischen Generalstaatsanwalt Bauer und seine Handlungen 1962 ist einer des besten Beweise, der geschichtlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland.

Als gute 10 Tage nach Befreiung Hohen Neuendorfs durch die Sowjetarmee der Kommandant unseres Ortes das Kommando verkünden ließ, sich am nächsten Tag auf den Platz vor dem Rathaus zu versammeln, um dann alle auf Armee-LKWs zu klettern. Wir wurden dann zum 10 km entfernten Konzentrationslager KZ Sachsenhausen transportiert. Wir kannten dieser Lager nicht von innen und wussten auch nicht was sich da drinnen abgespielt hatte. Im Lager wurden wir dann einem überlebenden KZ-Insassen übergeben. Er berichtete uns über sein Leben und das der vielen anderen Häftlinge im KZ-Lager. Seit der Eröffnung des Lagers Sachsenhausen 1935 wurden hier mehrere tausend Männer eingeliefert: Mitglieder der Kommunistischen Partei Deutschlands und der Sozialdemokratischen Partei, auch Schwule und Sinti und Roma, auch Christen und Juden. Nach Kriegsbeginn am 1. September 1939 kamen dann auch immer mehr Gefangene aus verschiedenen von der deutschen Wehrmacht eroberten Länder: Polen, Tschechen, Niederländer, Franzosen und dann in großer Anzahl gefangen genommene sowjetische Kommandeure und Kommissare, von denen die meisten nicht mehr aus dem Lager herauskamen. Wir wurden dann auch durch Baracken geführt, in denen die Häftlinge untergebracht waren. Es gab dort dreistöckige Holzbetten mit Stroh als Matratzen. Das war auch schon alles. Dann sahen wir weitere Baracken mit Einzelzellen oder mit Arbeitsräumen. U.a. auch die Baracke, in der ausgesuchte Häftlinge Falschgeld herstellen mussten – englische Pounds und US-amerikanische Dollars.

Schließlich wurde uns noch die Grube gezeigt, in der Häftlinge an die hintere Grubenwand gestellt wurden, und dann von den SS-Bewachern erschossen wurden. Dann sahen wir noch 5 große eiserne Öfen mit offenen Türen. Auf den Rosten lagen noch viele verbrannte Knochen und viel Asche als Reste verbrannter Leichen. Nach dieser Besichtigung des KZ Sachsenhausen wurden wir wieder nach Hohen Neuendorf zurückgefahren. Während der Rückfahrt gab es viele mitfahrende Mitbürger aus unserem Dorf, die still in sich hinein ihre Eindrücke verarbeiteten, andere beschimpften sowohl die Sowjetsoldaten und auch den Häftling, der uns über das Schicksal der Insassen berichtete: „Alles nur Lüge! Die Kommunisten waren berechtigterweise bestraft worden! Und auch die Bolschewiken!.

Mein Freund Helmut und ich waren sehr schockiert über das, was hinter den Mauern des KZ passierte. Unsere Schlussfolgerungen waren zum Schluss unser Schwur: Wir wollen niemals wieder Soldat werden. Wir wollen keinen Krieg um Menschen zu töten. Ich habe diesen unseren “Schwur”  bis heute eingehalten. Ich wurde niemals Soldat.

Horst Grützke

Fortsetzung “meines Lebens in vier Gesellschaftsordnungen”, Teil 3 A