– alternative

Die Pluralität der Einstiege in eine umfassende Transformation

Es gibt mehrere mögliche Schritte zur Veränderung der jetzigen Gesellschaft

Von Michael Brie, Berlin

Die Macht- und Herrschaftsstrukturen, der Vergesellschaftungsformen, Produktions- und Lebensweisen und schließlich der Zivilisation sind Momente, in denen eingegriffen werden kann – auch aus einer Situation relativer Schwäche. In Krisen ist ein Weiter-So nicht möglich und Veränderung unvermeidlich. Solche Krisen können sehr partikular, lokal, betrieblich sein, sie können aber auch ganze Staaten, Regionpen oder auch die Weltgesellschaft erfassen. Die Jahre 2008 und 2009 waren Jahre einer Krise, in der die Fragilität aller Dimensionen der globalen Ordnung deutlich wurden.

Ein kurzfristig effizientes Krisenmanagement sowie die Schwäche alternativer Kräfte haben dazu geführt, dass diese Krise zwar zu einer Reihe von Anpassungen geführt hat, aber die Macht- und Eigentumsverhältnisse fast nicht geändert und Formen der globalen Koordination nur modifiziert wurden (vor allem der Übergang von G8 zu G20). Die Produktions- und Lebensweisen und das Zivilisationsmodell blieben völlig unangetastet. Weder wurden die wichtigsten mittelfristigen Ursachen der unmittelbaren Krise beseitigt, noch kann irgendwie davon die Rede sein, dass die fundamentalen Widersprüche, die in dieser Krise eine erste globale Kulmination fanden, gelöst wurden. Der Kurs einer neoliberalen Gestaltung wurde weitgehend fortgesetzt und teilweise mit Verweis auf die »Zwänge« einer Haushaltskonsolidierung wieder verschärft. Die gärenden Probleme der Sicherung von gesellschaftlicher Reproduktion, sozialer Integration, Herrschaftssicherung und Wahrung von Sicherheit und Stabilität werden sich verschärfen, eine weitaus härtere Krise ist sehr wahrscheinlich. Aber auch schon jetzt bieten die gegebenen Problemlagen und die Risse und Brüche im Gefüge des erschwerten Weiter-So und des immer nur mühsam gesicherten »Muddling Through« Möglichkeiten, experimentell und ansatzweise neue Wege zu gehen.

Wie der Evolutionsbiologie John Holland formuliert: »Bei der Evolution kommt es nicht darauf an, einfach nur ein gutes Tier hervorzubringen, sondern gute Bausteine zu finden, die sich zu guten Tieren zusammensetzen lassen.«

Das Vorhandensein guter bzw. schlechter Bausteine (Ideen, Projekte, Akteure, Vorbilder, experimentelle Versuche usw.) kann in Momenten der Weggabelung, wie sie sich in Krisen unvermutet auftun, entscheidend sein. Vieles ist dann möglich, wohin sich die Schale dann neigt, ist nicht vorherzubestimmen. Aber dazu beizutragen, dass die »Bausteine zum Guten« überwiegen, gesellschaftlich attraktiv sind, mehrheitsfähig, verallgemeinerbar – dies alles ist Aufgabe einer Politik, die auch in Zeiten eigener Schwäche die Möglichkeit jähen Wandels antizipiert.

Solche initialisierenden und wegbereitenden Bausteine können auf drei Ebenen alternative Wege eröffnen
(1) durch Entstehung neuer Rahmenbedingungen für das wirtschaftliche und soziale Handeln,
(2) durch die Veränderung der Entscheidungsprozesse und
(3) durch den Wandel der für Entscheidungsprozesse maßgeblichen Kriterien. Die Zahl der Vorschläge

 Der Übergang vom Kapitalismus zum Sozialismus

In einem im Quellenverweis wiederzufindenden Artikel von Michael Brie analysierte der Autor vortrefflich die Vor- und Nachteile des möglichen Weges – er nennt es „Transformation“ – hin zur anderen Gesellschaft. Wir identifizieren uns mit Micheal Brie und übernehmen kommentarlos seine Gedanken.

Das zu bewältigende Problem ist es, zugleich die Innovations- und damit Entwicklungsfähigkeit moderner Gesellschaften, wie sie zuerst in ihrer kapitalistischen Form entstand, zu erhalten und sogar noch zu steigern, aus der Borniertheit ihrer Bindung an Profitmaximierung und an das Immer-Mehr-Haben zu befreien, und einen radikalen Wechsel der gesamten zivilisatorischen Struktur einzuleiten. Es geht darum, den Finanzmarkt-Kapitalismus zu überwinden, in dem unter der Zuchtrute des Shareholder-Values eine Erwerbs- und Konsumgesellschaft durch Oligarchien regiert wird und die Erde in eine bloße Schürfgrube von immer knapperen Rohstoffen und Energien und in eine Müllhalde verwandelt wird. Vision ist eine Gesellschaft, in der die irdische Welt zur Heimat wird, in die eingebettet ein solidarisches soziales und kulturelles Leben geführt wird, an dem jeder und jede teilhaben kann.

Gesellschaft (Sozialismus)

Auf der Basis einer partizipatorischen Demokratie wird in einer solchen Gesellschaft darüber entschieden, wie die Bedingungen für solidarische Teilhabe erzeugt, produziert, reproduziert, verteilt und verbraucht werden und welche gesellschaftlichen Resourcen (Kredite, Steuern) dafür notwendig sind.

Im Zuge dieses Übergangs würden aus den privaten, staatlichen oder genossenschaftlichen Unternehmen des Kapitalismus mit ihren vielen Zwangsverhältnissen schrittweise tatsächlich freie Assoziationen des Sozialismus werden, in der Menschen sich zusammenfinden zu gemeinsamen wirtschaftlichen, sozialen, politischen und kulturellen Zwecken und zugleich zur individuellen Entfaltung. Kredite und Steuermittel sowie freiwillige Spenden wären Formen, solchen Assoziationen die Anschubfinanzierung zu ermöglichen bzw. dort die dauerhafte Existenz zu sichern, wo eine zahlungsfähige Nachfrage nicht vorhanden ist bzw. nicht entstehen soll, aber grundlegende Bedürfnisse befriedigt bzw. allgemeine Lebens- und Entfaltungsbedingungen zur Verfügung gestellt werden müssen (Bildung, Information, Mobilität, Gesundheit, Pflege usw.).

Erfolgreiche Transformationen der Vergangenheit oder Gegenwart vermitteln zumindest Erfahrungen, geben zumindest Hilfe, wie die Erfolgsbedingungen für bewusste Gesellschaftsveränderung erhöht werden können. Wenn man die Errichtung der Macht der Bolschewiki und die Durchsetzung kommunistischer Gesellschaftspolitik nach dem November 1917 sicherlich als eines der umfassendsten Gesellschaftsexperimente in der Geschichte der Menschheit ansehen kann, dann ist Rosa Luxemburgs Mahnung gegenüber Lenin und Trotzki aktuell: Der Sozialismus lasse sich »seiner Natur nach nicht oktroyieren«. »Er hat zur Voraussetzung eine Reihe Gewaltmaßnahmen – gegen Eigentum etc. Das Negative, den Abbau kann man dekretieren, den Aufbau, das Positive, nicht. Tausend Probleme. Nur Erfahrung [ist] imstande, zu korrigieren und neue Wege zu eröffnen. Nur ungehemmtes, schäumendes Leben verfällt auf tausend neue Formen, Improvisationen, erhält schöpferische Kraft, korrigiert selbst alle Fehlgriffe. Das öffentliche Leben der Staaten mit beschränkter Freiheit ist deshalb so dürftig, so armselig, so schematisch, so unfruchtbar, weil es sich durch Ausschließung der Demokratie die lebendigen Quellen allen geistigen Reichtums und Fortschritts absperrt.«[1] Dies gilt für jede Emanzipationsbewegung.

So paradox es klingt, nicht die Einleitung von konkreten Großtransformationen, sondern die Erhöhung der Transformationsfähigkeit der Gesellschaften ist die wichtigste Aufgabe jeder Politik, die angesichts der Großprobleme der Gegenwart Transformationen einfordert. Dazu gehören vor allem

  • Erhöhung der Freiheitsgrade: die Sicherung einer möglichst großen Vielfalt von Optionen (Organisationen, Wissen, Handlungsweisen, Vergesellschaftungsformen) durch einen ständigen Prozess der innovativen Erneuerung;
  • wachsende Gleichheit: der Ausbau einer breiten öffentlichen Infrastruktur, die Informationsgewinnung und Austausch, Lernen, Kooperation ermöglichen, Missbrauch (Korruption, Ausbeutung, private Aneignung nicht erarbeiteter Renten, Unterdrückung und Gewalt) einschränken, Zugang zu den Bedingungen eines freien Lebens erhöhen sowie soziale und kulturelle Grundrechte sichern;
  • Steigerung von Solidarität: die Gewährleistung von relativ hoher Unabhängigkeit in Verbindung mit klaren (nicht zu kurzschlüssigen) Signalen, die eigenen Erfolg (im Sinne von Erhaltung und Ausbreitung von bestimmten Wissens-, Organisations-, Handlungs- und Vergesellschaftungstypen) an einem solidarischen Beitrag zur Gesamtentwicklung (sozial, ökologisch, zivil…) messen.

Die Ausformulierung dieser wenigen Prinzipien, die an transformationsfähige Gesellschaften angelegt werden, geht sofort über in die Kritik der gegebenen Gesellschaften. Man könnte sagen, dass es die Aufgabe transformatorischer Politik ist, Gesellschaften zu schaffen, die Freiheit, Gleichheit und Solidarität verknüpfen und damit den sozialen, ökologischen und sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart besser entsprechen. Steigerung von Transformationsfähigkeit und grundlegender Wandel in Richtung einer solidarischen Teilhabegesellschaft (Rolf Reißig), Weg und Ziel, fallen zumindest unter diesem Aspekt zusammen.

Die Suche nach der einen »richtigen« Vergesellschaftungsform führt in die Irre. Weder eine zentralisierte Planwirtschaft oder Bürokratie bzw. Partei noch eine »Äquivalenzökonomie« (Heinz Dieterich), Genossenschaften bzw. einer Peer-to-Peer-Ökonomie oder Michael Albert »Parecon« sind »die« Lösung, weil es sehr unterschiedlicher Formen bedarf, um die sehr verschiedenen gesellschaftlichen Widersprüche zu vermitteln. Die Pflege älterer Menschen, die Bildung und Erziehung nachwachsender Generationen, die Förderung von Kunst und Kultur, die Bereitstellung öffentlicher Verkehrsinfrastruktur, der Bau und Erhalt von Wohnungen, der Anbau und Vertrieb von Lebensmitteln, das Internet, langfristige Großforschung oder die Entwicklung der Software von Betriebssystemen usw. usf. lassen sich nicht auf ein und dieselbe Weise regeln. Die Eigentums- und Machtverhältnisse werden jeweils genauso verschieden sein wie die damit verbundenen Produktions- und Lebensweisen. Und die wirksame Bindung an die universellen Menschenrechte und ihre solidarische Verwirklichung wird im konkreten Fall in sehr differenzierten Formen durchzusetzen sein. Sozialismus ist diesem Verständnis nach im Unterschied zum Kapitalismus geradezu eine Welt sprunghafter erhöhter, von der Unterordnung unter das Kapital befreiter Vielfalt. Er ist eine »Welt, in der viele Welten Platz haben«[2].

Wollte man analog zu Marxens »allgemeiner Formel des Kapitals« eine allgemeine Formel sozialistischer Reproduktion aufstellen, so wäre es die, die er selbst im »Manifest« in die Formel fasste, dass »an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen« »eine Assoziation« tritt, »worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung der freien Entwicklung aller ist“.

[1] Rosa Luxemburg: Zur russischen Revolution. In: Werke, Bd. 4, S. 360.
[2] IV. Erklärung der Zapatisten aus dem Lacandonischen Urwald (1996).

Wie können wir in einer andere Gesellschaft leben?

Wir hätten da einen ersten Vorschlag

Horst Grützke, Potsdam

Wir bilden in den Gemeinden und Städten eine „Bürger-Bewegung“, die alle Bürgerinnen und Bürger umfasst. Nicht nur die gebildeten und engagierten Bewohner des Landes, sondern auch jene, die kein Vertrauen mehr haben in die zur Zeit herrschenden politischen Parteien und die auch demokratie-müde geworden sind.

Beginnen wir an der Basis mit einer zivilgesellschaftlichen Zusammenarbeit zwischen allen Bürgern und Ortsvereinen der unterschiedlichsten Interessenvertretungen, die neben ihren individuellen Hobbybereichen auch das Bedürfnis spüren, in der Stadt- oder Kreisverwaltung mit Euren Vorstellungen oder gar Verbesserungsvorschlägen ernstgenommen zu werden.

Eure Interessen  direkt der Verwaltung vortragen und es nicht einer Partei zu überlassen, die es, wie bisher erlebt,  nur bei einem positiven Kalkül einer  Mehrheit in der Stadtverordneten- der Kreistagsversammlung angenommen  oder Eure Interessen gleich als die ihrigen ausgegeben hätte.

Wir haben haben es bereits erreicht, durch die Einführung der oartizipativen Demokratie – meistens Bürgerbeteiligung genannt – zumindest ein Mitdenken an der Ausarbeitung des jährlichen „Bürger-Haushaltes“ durchzusetzen. Doch selbst wenn es für einen Projektvorschlag des von Stadtverwaltung aufgestellten Planes der Ein- und Ausgaben für das kommende Haushaltsjahres eine mehrheitliche Ankreuzung zustand kam, war es gar nicht sicher, dass dieses  Projekt dann zum Schluss auch von der Stadtverordnetenversammlung auch wirklich bestätigt wird. Zu sehr beeinflussen egoistische Parteieninteressen das Schiksal des Gemeinschaftslebens des Dorfes, der Stadt und auch des Kreises.

Die Verhaltensweisen der gewählten Vertreter der verschiedenen ins Stadtparlament gewählten Parteien sind selten in Übereinstimmung  mit den Interessen der Mehrheit der Bürger. Parteieninteressen manifestieren sich fast ausschließlich in Übereinstimmung ihrer parteiideologischen Interessen mit den lokalökonomischen Interessen oftmals gepaart mit Investitionsinteressen ortsfremder Kapitalbesitzer.

Wer kennt nicht auch aus persönlicher Erfahrungen die Fälle, wo Projekten zugestimmt wurde, die sich nachher als Flop erwiesen und der Stadt eine schöne Stange Geld kosteten.

Wir schlagen vor, dass wir da wo wir leben und wohnen, also dort wo wir auch Steuern bezahlen müssen, nicht nur die Gelegenheit bekommen, unser Kreuz auf einem „Fragebogen“ zu machen, sondern auf wirkliche demokratische Weise darüber entscheiden.

Noch können wir es nicht. Noch sind zugelassene Parteien allein berechtigt, über Fragen der gesellschaftlichen Entwicklung in unserem Dorf, in unserer Stadt und in unserem Kreis, zu entscheiden.

Manche Stadtverwaltung verkündet öffentlich, dass  sie  ein „Dienstleister“ der Bürger ist. Die Bürgerschaft unserer Stadt hat auch verfassungsentsprechend die lokale Souveränität. Wir schlagen vor, dass die Bürgerschaft ihre lokale Souveränität auf dierektem Wege auch wahrnimmt. Es besteht wohl kaum ein Zweifel daran, dass das „städtische Volk“ erwachsen und und auch politisch reif genug ist, um selbst, also direkt über das Schicksal der Dorfgemeinschaft, der städtischen Gemeinsch und auch der Gesamtheit der Bewohner des Kreise zu beraten und auch zu entscheiden. Entscheiden gewählte Abgeordneten von ein oder zwei Parteien, dann ist es sehr oft immer noch nicht die Mehrheit der Bürger.

Wir sind uns der Tatsache bewußt, das diese vorgeschlagene direkte Wahrnehmung der Demokratie in der Stadt nur dann auch wirklich ein sachgerechter und rechtsmäßig abgesicherter Beschluss zum tragen kommt, wenn die Bürger allein  und/oder in ihren Vereinen über das von der Stadtverwaltung entworfene Projekt informiert sind, dann auch über das Für und Wider dieses Projektes beraten können. Das dann in der Bürgerschaft mit Stimmenmehrheit beschlossene Projekt wäre dann Arbeitsgrundlage der Stadtverealtung und des an der Spitze stehenden Bürgermeisters.

Diese Rahmenbedingungen kann nur das gerechte Mittelmass aller individuellen Interessen sein.

Um es anders zu formulieren: Kein Mensch kann glücklicher als der andere leben, wenn das Glück des Einzelnen auf Kosten des Glücks des Anderen geht. Das wäre keine Gerechtigkeit. Diese Gerechtigkeit trifft genauso auch auf den Anspruch des Menschen auf Freiheit zu. Die von einem Individuum beanspruchte Freiheit verstößt gegen die für die Menschheit insgesamt zutreffende Ethikregel der Respektierenden Würde des Menschen. Ein Mensch kann und darf auch nicht seine individuelle Freiheit auf Kosten der Freiheit eines Anderen oder gar eine Gruppe wahrnehmen, so wie es auch nicht auf eine höhere Respektierung der Würde bei einem Menschen im Vergleich zur geringeren Respektierung der Würde eines anderen Menschen geben kann.

Die in der „Bürger-Bewegung“ sich versammelnden Bürger nehmen sich vor, gemeinsam mit allen anderen Bürger, die bisherige Wahrnehmung der individuellen Freiheit durch einzelne Bürger auf Kosten der individuellen Freiheit und der Menschen-Würde anderer Bürger zu beenden. Die volle und direkte demokratische Beteiligung aller Bürger an der Gestaltung des gesellschaftlichen Lebens in den Gemeinden, Städten, Kreisen, Ländern und schließlich auch der internationalen Völkerfamilie ist das einzige Ziel dieser „Bürger-Bewegung“.

Dort, wo es praktisch möglich ist, die direkte Bürgerbeteiligung an der Debatte über die Lösung von Problemen real durchzuführen, sollten auch alle Bürger mitreden und mit entscheiden. Mehrheitsentscheidungen dürfen nicht zu Lasten und auf Kosten einer Minderheit erfolgen. Kompromisse sind angesagt, sofern sie nicht ein zurück zum eigentlich zu überwindenden Problem erfolgen. Vielmehr sollte die Mehrheitsbeschlüsse eine Entschädigung der Minderheit vorsehen.

In der antiken Demokratie, also vor ca. 2500 Jahren im Stadtstaat Athen, gab es in der Sache als auch in der  Wahrnehmung der Bürger selbst, eine Identität zwischen Regierenden und Regierten, wobei dies nur auf die tatsächlich freien Bürger zutrifft. Auf die Frauen, Kinder und Sklaven in den Familien.

Dort, wo eine direkte Beteiligung der Bürger räumlich und zeitlich durch ihre große Anzahl nicht mehr möglich ist, sollten alle wahl- und stimmberechtigten Bürger Mitbürger wählen und beauftragen , die ihre Meinung in den Stadt- und Kreisparlamenten zu vertreten. Durch die Unterschiedlichkeiten der Bürgerinteressen bedingt, bilden die Bürger interessenbedingte Bürger-Bewegungen, die ihre Vertreter für die Stadt- und Kreisparlamente wählen, so dass auch dort die Bürgerinteressen Grundlage von Entscheidungen sind.

Die demokratische Bürgerbeteiligung sieht auch eine sofortige Abberufung eines Bürgervertreters in den Stadt- und Kreisparlamenten vor, wenn dieser Bürger-Vertreter oder diese Bürger-Vertreterin nicht die Interessen der Bürger vertritt, die ihn oder sie gewählt haben.

Bei sich als falsch oder für die Gesellschaft schädlich herausstellenden Mehrheitsbeschlüssen, haften die an dieserer Mehrheitsentscheidung Beteiligten für den Schaden gegenüber den Geschädigten.

Ein gleiches Prinzip der demokratischen Bürgerbeteiligung auf der Ebene der Länder und der internationalen Völkergemeinschaft sollte dann das Ziel der demokratischen Beteiligung der Bürger eines Landes als auch der in der Organisation der Vereinten Nationen zusammen wirkenden Völker sein.

„Bürger-Bewegung – für eine alternative Gesellschaft“ bietet für diese zukünftig demokratisch zu realisierende Gesellschaft einen parallelen ebenfalls realisierbaren Weg an:

  • Die Gestaltung eines die Interessen aller Bürger vertretenden und auch die Bedürfnisse aller Bürger des Landes befriedigenden Staates. Der Staat kann und darf nur der „Dienstleister“ des Volkes sein. Der Souverän – das Volk – überträgt dem Staat gesellschaftliche Aufgaben, die das Volk – der Souverän – nicht direkt wahrnehmen kann:
    • Verwaltung des Territoriums und die Kommunikationsstrukturen, auf das das gesamte Volk ein kollektives Recht auf Nutzung hat.
    • Nachhaltige Verwaltung und Verteilung der auf und im Bodes des vom Volk bewohnten und von der internationalen Völkergemeinschaft anerkannten Territoriums befindlichen Rohstoffe und Energiereserven als gemeinsame Güter des Volkes, auf die das Volk ein kollektives Recht auf Erschließung und Verteilung hat.
    • Verwaltung der von allen Bürgern des Landes zu zahlenden Steuern und deren gesellschaftlich ausgeglichenen Verwendung zum Nutzen aller Menschen, sowie der Natur.
      • Gewährleistung eines bedingungslosen Grundeinkommens für jeden Menschen in jeweiligen Land
      • Gewährleistung einer umfassenden Grundbildung für jedes Kind
      • Gewährleistung einer fachorientierten Bildung für den Jugendlichen in Übereinstimmung mit dessen individuellen Interessen
      • Gewährleistung einer in der Familie beginnenden und in der Gesellschaft fortgesetzten ethisch-moralischen Erziehung des Kindes und des Erwachsenen zur Wahrnehmung seiner eigenen Würde als Mensch und der Respektierung der Würde des Anderen, in Form der Wahrnehmung der ethisch-moralischen Grundgesetze, wie es im Weltethos formuliert und von allen Mitgliedern der Völkergemeinschaft (UN) auch generell und für jedes Volk verbindlich bestätigt wurde.
    • Die Wahrnehmung der Interessen aller Bürger durch den Staat als von allen Bewohnern des Landes beauftragte Organisation, erstreckt sich in erster Linie auf die  Gestaltung des friedlichen Zusammenlebens aller Menschen sowohl auf nationaler Ebene als auch in der internationalen Völkergemeinschaft.
      • Dafür erhält der Staat von den Bürgern des jeweiligen Landes das Monopol der Macht
        • durch die Wahrnehmung von polizeilicher Gewalt im Falle einer Beeinträchtigung der Sicherheit von Individuen und ihrer Würde, der Sicherheit der Familien, sowie von ethnischen oder religiösen Gruppen.
        • Beim Schutz von Menschen, Tieren und Pflanzen bei oder vor Naturkatstrophen oder bei bewußter Schädigung durch Menschen
        • Den Aufbau und den Schutz von Infrastrukturen, die die verschiedenen Kommunikationen zwischen den auf dem Territorium lebenden Menschen gewährleisten.
  • Gewährleistung eines Rechtstaates, der die Wahrnehmung und Durchsetzung der individuellen Menschenrechte und der kollektiven Rechte der Völker auf ihre gemeinsamen Güter (common goods) garantiert.

Denken wir darüber nach, wie diese andere Gesellschaft aussehen sollte, welche Werte der bisherigen Geschichte erhalten werden müssen und welche Werte wir neu schaffen.

Hier im Debattenblog geben wir einige Vorstellungen zu Sachgebieten des Lebens in einer anderen Gesellschaft. Schreiben Sie Ihre Verbesserungsvorschläge und beteiligen Sie sich an der Abstimmung über die Vision, die Sie selbst erleben möchten.

 

 

Auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus

Auszug: Teil II:

Abschnit 18: Auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus

Keine Frage: Die Überwindung des Kapitalismus ist eine Wahnsinnsherausforderung. Aber wer soll uns daran hindern, es nicht wenigstens zu versuchen? Weshalb trauen wir, die es geschafft haben, hochkomplexe ferngesteuerte Sonden nicht nur ins Innerste unserer Körper, sondern auch an die äussersten Enden des Universums zu schicken, uns im Bereich des Geistigen, Sozialen und Gesellschaftlichen so wenig zu und fallen so schnell, so leichtgläubig, so phantasie- und kraftlos immer wieder in die uralten, schon tausendfach nicht bewährten Denk- und Handlungsmuster zurück? Auf wen nehmen wir Rücksicht? Weshalb haben wir eine so grosse, fast religiös anmutende Ehrfurcht vor unseren Vätern und Vorvätern, die uns das alles eingebrockt haben und uns, längst verlassen von ihnen allen, einen Karren weiter ziehen lassen, der von Generation zu Generation immer schwerer wird und unter dessen Last wir wohl eines Tages alle zusammen zerbrechen werden.

Nichts Kompliziertes, nur das Leben

Der Kapitalismus basiert auf der Idee, dass einmal geschaffener Reichtum auf Kosten anderer «von selber» automatisch immer grösser wird. Auf was für einer Idee müsste eine neue, nichtkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beruhen? Was für Theorien und Denkmodelle würden ihr zugrundeliegen?

Suchen wir nicht zu weit. Nehmen wir den kleinsten gemeinsamen Nenner, der die Menschen weltweit miteinander verbindet. Es ist zugleich das Grösste wie auch das Einfachste, am nächsten Liegende. Nichts Kompliziertes, einfach das Leben. Jedes Kind, jeder Mensch will leben, nicht mehr und nicht weniger. Leben heisst: genug zu trinken und zu essen haben, ein Dach über dem Kopf haben, in Sicherheit und ohne Angst leben können, geliebt werden, eine sinnvolle Arbeit haben, jeden Tag geniessen können, gut schlafen können, keine seelischen und körperlichen Schmerzen haben, genügend Nahrung haben für sein Lernen und seinen Wissensdurst. Nicht mehr und nicht weniger.

Eigentlich selbstverständlich. Es geht bloss darum, den Begriff des Lebens gegenüber dem, was heute schon als selbstverständlich gilt, um zwei zusätzliche Dimensionen zu erweitern. Das eine ist die räumliche, das andere die zeitliche Dimension.

Ausgehend davon, dass der Mensch nicht nur ein Einzelwesen, sondern Teil eines grösseren Ganzen ist, kann Leben nur bedeuten, dass damit das Leben aller Menschen gemeint ist. Mehr als das: das Leben aller Lebewesen, Tiere und Pflanzen eingeschlossen. Von gutem Leben kann daher erst die Rede sein, wenn alle Lebewesen ein gutes Leben haben. Gesundheit ist nicht teilbar. Entweder sind alle gesund, oder niemand. Der reiche Europäer, der stets genug zu essen hat, seinen Körper mit täglichem Turnen, Aerobic und Biken fit hält, für jedes noch so kleine Leiden ein entsprechendes Medikament sowie hochprofessionelle medizinische Versorgung in nächster Nähe zur Verfügung hat, kann dennoch nicht wirklich gesund sein, so lange weltweit auch nur ein einziger Mensch bloss aufgrund seiner prekären Lebensumstände gezwungen ist, krank zu sein. Denn Gesundheit hat auch eine seelische, eine geistige, eine politische, eine universelle Komponente. Schauen wir sie uns doch an, die angeblich so «gesunden» Menschen in den reichen Ländern des Nordens, blicken wir in ihre Gesichter, in ihre Augen, sie sind nicht wirklich gesund. Weshalb können so viele scheinbar «Gesunde» nur überleben, indem sie täglich eine Unmenge Medikamente in sich hineinstopfen? Weshalb leiden so viele Menschen in den reichen Ländern unter beständigen Kopf- und Rückenschmerzen? Weshalb gibt es so viele Drogensüchtige, so viele Depressive, so viele Menschen, die sich das Leben nehmen? Sind das nicht alles Zeichen dafür, dass rein materieller Überfluss genau so krank macht wie der materielle Mangel? Sind das Leiden der Reichen und das Leiden der Armen nicht bloss die Spiegelbilder des gemeinsamen Leidens aller? Und wäre es daher nicht die einfachste Sache der Welt, bloss alles möglichst gerecht zu teilen, um damit alle zusammen gesund zu machen?

Die zweite Dimension ist die zeitliche. Dies bedeutet, dass wir heute nur dann gesund sein können, wenn unser Lebensstil garantiert, dass auch die nachfolgenden Generationen an Menschen, Tieren und Pflanzen gesund sein können. Erst dann ist alles im Gleichgewicht.

Das Denken in Alternativen

Soll die Überwindung des Kapitalismus erfolgversprechend in Angriff genommen werden, dann kann Politik nicht weiterhin einfach darin bestehen, die herrschenden Machtverhältnisse bloss unter dem Deckmantel angeblicher «Demokratie» von Wahl zu Wahl und von Abstimmung zu Abstimmung weiter zu verwalten, in einem permanenten gegenseitigen Machtspiel, in dem bloss zwischen Parteien und Organisationen die Rollen laufend neu getauscht werden, stets aber aufs neue das exakt gleiche Theaterstück über die Bühne geht.

Was bedeutet dies konkret? Es geht darum, aus allen bisherigen, sich ständig im gleichen Kreis drehenden Scheindiskussionen auszubrechen, die selbstauferlegten Denkgrenzen, wonach es ausserhalb des Kapitalismus nichts gibt ausser einem riesigen schwarzen Loch, zu sprengen und all das über 500 Jahre an nicht mehr in Frage gestellter «Wahrheiten» Aufgebaute nach und nach wieder abzubauen bis zum Nullpunkt, um noch einmal ganz von vorne beginnen zu können.

Die Methode dazu ist das Denken in Alternativen. Etwas, was gerade in der heutigen Zeit, da Alternativen dringender nötig wären denn je, verhängnisvollerweise ganz und gar ausser Mode geraten ist. Es geht darum, bei jeder Behauptung eine Gegenbehauptung aufzustellen, bei jedem «Das ist so und so» unmittelbar ein «Es könnte aber auch anders sein» anzuhängen. Es geht darum, die Möglichkeiten des Denkens, die uns zur Verfügung stehen, bis zum Äussersten auszunutzen, nichts ungefragt im Raum stehen zu lassen und auch dann nicht von dieser Arbeit abzulassen, wenn «Wahrheiten», an die man selber ein Leben lang geglaubt hat, auf einmal in Frage gestellt werden. «Wenn etwas besser werden soll, muss es anders werden», schrieb der  deutsche Schriftsteller und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg.169 Und Michael Montaigne formulierte es so: «Gleicher Meinung zu sein ist tödlich.»170 Das bedeutet nicht, dass das Andere automatisch immer besser sein muss als das Bisherige. Aber um herauszufinden, wie gut das Bisherige ist oder war, ist es unerlässlich, darüber nachzudenken, wie es auch anders könnte – erst dann habe ich eine Grundlage dafür, zu entscheiden, ob ich es beim Bisherigen belassen oder ob ich es durch etwas Neues, anderes ersetzen will.

Systemkritik anstelle persönlicher Schuldzuweisungen

Eines der grössten Hindernisse auf dem Weg freien Denkens im Blick auf eine Überwindung des Kapitalismus sind die persönlichen Schuldzuweisungen. Es ist den Propheten, Gläubigen und Machtträgern des Kapitalismus auf meisterhafte Weise gelungen, für jedes noch so kleine Problem, das der Kapitalismus schafft, für jeden Zwiespalt, den er sät, und für jede der unzähligen kleinen und grossen Ungerechtigkeiten, die er Tag für Tag hervorbringt, einen Schuldigen zu benennen in der Gestalt eines einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Sehen die «Rechten» die Schuld an allem Übel bei den «Linken», den «Grünen», den «Ausländern», den «Asylanten», den «Scheininvaliden», den «Kuschelpädagogen» oder den «Sozialromantikern», so haben sich mittlerweile auch die «Linken» darauf spezialisiert, die gesamte Schuld an sämtlichen bestehenden Missständen an einzelnen «Übeltätern» wie den «Rechten», den «Bürgerlichen», den «Abzockern» auf den Chefetagen, den «Privatisierungsturbos» oder den «Betonköpfen» der Zementindustrie und der Strassenbaukonzerne festzumachen. So lange alle dieses Spiel gegenseitiger Schuldzuweisung mitmachen, wird es weiterhin möglich sein, vom eigentlichen Hauptschuldigen, nämlich dem Kapitalismus als Gesamtsystem, abzulenken und gleichzeitig an der Erhaltung und Verfestigung jener verrückten «Wahrheit» mitzuwirken, wonach das Ganze – nämlich der Kapitalismus – gar nicht so schlecht wäre, wenn nur dieser oder jener Einzelne, diese oder jene Partei, Gruppe oder Organisation, diese oder jene Regierung nicht so «böse» oder «schlecht» wären.

Sehen wir die Ursachen bestehender Missstände nicht mehr bei einzelnen «Schuldigen», sondern beim Kapitalismus als Ganzem, dann wird uns eine solche Haltung zugleich radikaler und versöhnlicher machen: Radikaler, wenn es um die Sache geht, nämlich um die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer neuen, nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung. Versöhnlicher aber, wenn es um die Menschen geht, dann nämlich, wenn sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und nur entweder alle zusammen mit diesem Boot untergehen oder aber es schaffen, alle zusammen rechtzeitig ein neues Boot zu bauen, um gemeinsam überleben zu können. Oder, wie Martin Luther King es sagte: «Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu überleben oder als Narren miteinander unterzugehen.»

Durch diese Sichtweise verändert sich die Welt. Der einheimische Arbeitslose, der die Schuld an seiner Misere bisher einzig und allein bei den «Ausländern» gesehen hat, die ihm seine Arbeit weggenommen haben, wird erkennen, dass sowohl er, der Arbeitslose, wie auch der aus seiner Heimat vertriebene Ausländer, der sich in seiner neuen Heimat mit den miesesten und am schlechtesten bezahlten Jobs begnügen muss, Opfer des gleichen Ausbeutungssystems sind. Der Fabrikarbeiter, der durch die zunehmende Belastung an seinem Arbeitsplatz krank geworden ist, wird erkennen, dass  die Herzprobleme seines Vorgesetzten und das Burnout des Firmenbosses letztlich die gleiche Ursache haben wie seine eigenen Probleme. Die gewerkschaftlich aktive Verkäuferin und der SVP-wählende Bauer, die bisher an den entgegengesetzten Polen des poltischen Spektrums anzutreffen waren, werden erkennen, dass sie beide unter dem genau gleichen, vom kapitalistischen Profitmaximierungszwang angeheizten Konkurrenzkampf leiden. Und sie alle zusammen werden erkennen, dass sie, indem sie den anderen dabei helfen, ihre Probleme zu lösen, damit gleichzeitig ihre eigenen Probleme lösen. «Was alle angeht», sagte der bekannte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, «können nur alle lösen.»

Wer die Welt verändern will, muss zuerst sich selber verändern

So, durch das Überwinden persönlicher Schuldzuweisungen, wird die Energie, die wir bisher verbrauchten, um uns gegenseitig zu bekämpfen, umgewandelt in die Energie, die es braucht, um gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen, von der wir alle profitieren werden. Damit wird sich auch all das zutiefst verändern, was man als «politischen Diskurs» bezeichnen könnte. Ein Blick in ein kantonales oder ins eidgenössische Parlament oder in eine «Arena»- Sendung des Schweizer Fernsehens genügt, um es uns deutlich zu machen: Politik bestand bisher vorwiegend darin, vom eigenen Standpunkt möglichst keinen Millimeter abzuweichen, jedes Nachgeben als Schwäche zu sehen und vor allem, einander nicht zuzuhören.

Einander nicht zuzuhören wäre das Dümmste, was wir machen könnten, wenn es darum geht, herauszufinden, wie die Welt von morgen, die eine ganz andere und bessere sein soll als die Welt von heute, aussehen soll. Denn jede und jeder weiss aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Zukunftsbildern etwas von dieser Welt, was alle anderen nicht wissen. Es ist wie das Legen eines grossen gemeinsamen Puzzles: Alle verfügen über einen kleinen Teil davon, und das Gesamtbild kann nur vollendet werden, wenn jeder seinen individuellen Teil dazu beiträgt.

So wird es neben den traditionellen Parlamenten und Regierungen ein neues Gefäss für die politische Debatte brauchen: Echte Diskussionsforen, in denen die Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Denkrichtungen nicht in erster Linie darauf aus sind, einander von der Richtigkeit ihrer eigenen Standpunkte zu überzeugen, sondern, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Dass diese Diskussionsforen grenzüberschreitend, global organisiert sein müssen, versteht sich von selber, denn letztlich leben wir nicht in verschiedenen Welten, sondern in einer einzigen, gemeinsamen. Spätestens seit der globalen Finanzkrise 2008 und erst recht seit der Währungskrise 2010 müssten eigentlich dem letzten auch nur einigermassen politisch vernünftig denkenden Menschen die Augen dafür aufgegangen sein, dass es sich endgültig keine einzige Region, keine Stadt und kein Dorf und erst recht kein einziger Staat mehr leisten kann, seine eigenen Probleme auf Kosten anderer lösen zu wollen – das wird nie etwas anderes sein als ein Bumerang, der früher oder später auf ihn zurückfallen und alles nur noch schlimmer machen wird, als es schon ist.

Denn, vergessen wir es nicht: Bei alledem geht es nicht um etwas Kompliziertes, sondern um das Einfachste, um das Leben. Damit haben wir auch in der politischen Debatte etwas, was uns alle, egal aus welcher bisherigen politischen Himmelsrichtung wir auch gekommen sind, verbindet, uns eine gemeinsame Sprache gibt, uns Modelle entwickeln lässt, die eine gemeinsame Basis haben. Man kann sich sehr wohl darüber die Köpfe einschlagen, ob in einer bestimmten Region der Bau von Zweitwohnungen zugelassen werden soll oder nicht. Man kann sich auch darüber die Köpfe einschlagen, ob man eine Armee verkleinern, vergrössern, abschaffen oder eine Milizarmee in eine Berufsarmee umbauen soll. Man kann sich auch darüber die Köpfe einschlagen, ob der Bau von Minaretten in einem «christlichen» Land erlaubt sein soll oder nicht. Aber über das Wichtigste kann man sich die Köpfe nicht einschlagen, nämlich darüber, ob wir leben wollen oder nicht. Wenn wir uns darauf einigen, auf das Leben, und darauf, dass jeder Mensch, in Gegenwart und Zukunft, das gleiche Anrecht darauf hat, dann werden auf einen Schlag alle bisherigen Trennlinien zwischen unterschiedlichen politischen Parteien unwichtig geworden sein und die «Trennlinien» der politischen Debatten werden nicht mehr zwischen verschiedenen Menschen und Menschengruppen verlaufen, sondern mitten durch jeden einzelnen Menschen selber, sind diese beiden Ansätze – das Egoistische und das Soziale – doch in jedem Menschen als Möglichkeiten vorhanden und geht es daher nicht in erster Linie darum, die anderen zu belehren, zu erziehen, in die Schranken zu weisen, zu bekämpfen, sondern in erster Linie darum, aus sich selber einen besseren Menschen zu machen. Politische Arbeit für eine bessere Zukunft ist in erster Linie Arbeit an sich selber. Oder, noch einfacher gesagt: Wer die Welt verändern will, muss zuerst sich selber verändern.

Nicht neue Macht, sondern Überwindung der Macht

Doktrinäre Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme wie der Kommunismus oder der Kapitalismus sind dadurch geprägt, dass einzelne Teile der Bevölkerung – so genannte «Eliten» – auf die eine oder andere Weise Macht ausüben über andere Teile der Bevölkerung. Im Kapitalismus werden diese Eliten von den Besitzern der Produktionsmittel, den vermögenden Oberschichten und den mit ihnen verknüpften und verschachtelten Politikerkasten gebildet. Im Kommunismus handelt es sich bei den Macht ausübenden Eliten um die Funktionäre und Amtsträger der Partei und die mit ihnen gleichgeschalteten Machtapparate der Industrie und des Militärs. Diesen inneren Machtverhältnissen entspricht das nach aussen getragene Machtgebaren, das sich sowohl in wirtschaftlicher wie auch militärischer Form manifestiert. Um Macht, ja geradezu Weltmacht ging es letztlich in der Konfrontation zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs. Und dieser globale Machtkampf konnte nur enden mit dem Sieg der einen Seite und der Niederlage der anderen. Wer auf Macht setzt, setzt auf das Ganze, ebenso wie im Krieg: Entweder siegen wir, oder es siegen die anderen, dazwischen gibt es nichts. Gegenwärtig bahnt sich ein neuer, höchst gefährlicher Machtkampf globalen Ausmasses an, derjenige zwischen den USA und China. Bezeichnenderweise gilt dabei der eine der beiden Kontrahenten, China, als zugleich kommunistisch und kapitalistisch, ein weiterer Hinweis darauf, wie eng die beiden Wirtschafts-modelle miteinander verwandt sind – so eng nämlich, dass sie sich problemlos, und erst noch – im Sinne rein ökonomischer «Effizienz» – äusserst erfolgreich, zu einem Ganzen verschmelzen lassen.

Wollen wir den Kapitalismus ebenso dauerhaft überwinden wie den Kommunismus und dabei nicht bloss ein altes Machtsystem durch ein neues ersetzen, dann muss allem «Machtdenken» ein neues, anderes Denken entgegengesetzt werden, das sich nicht mehr in den Kategorien der Macht bewegt, sondern, im Gegenteil, ausgerichtet ist auf die Überwindung der Macht. «Nicht die Macht unter neuen Vorzeichen», heisst es in einer Erklärung der mexikanischen Zapatisten vom 2. Januar 1994, «sondern eine Internationale der Hoffnung, ein Atemzug der Würde, ein Lied des Lebens.» Wo einzelne Machtgruppen bloss durch andere ausgetauscht werden, wo «Revolutionen» oder Putsche zu nichts anderem führen, als dass jene, die zuvor an der Macht waren, zukünftig davon ausgeschlossen sind und umgekehrt, hat sich an den bestehenden Verhältnissen grundsätzlich nichts geändert und jede Gewalt, welche der einen durch die andere Seite zugefügt wurde, wird sich früher oder später in neuer Gewalt äussern, die wiederum von jenen ausgeübt wird, denen sie ehedem zugefügt wurde. Dieser Teufelskreis lässt sich erst dann durchbrechen, wenn endgültig darauf verzichtet wird, gesellschaftliche Verhältnisse durch Gewalt, durch Machtkämpfe oder gar Kriege verändern zu wollen. Die Revolution, die zur Überwindung des Kapitalismus führen soll, muss daher eine Revolution der Gewaltlosigkeit sein, eine Revolution des Denkens, eine Revolution des Geistes, eine Revolution der Herzen, eine Revolution der Liebe. «Wir brauchen», sagte Albert Einstein, «eine wesentlich neue Denkensart, wenn die Menschheit am Leben bleiben soll.»

Eine globale politische Bewegung für die Zukunft

Nun, wie aber soll die Überwindung des Kapitalismus ganz konkret, hier und jetzt, ihren Anfang nehmen? Was es braucht, ist zunächst eine möglichst breite politische Bewegung für die Zukunft. Diese neue Bewegung wird wenig zu tun haben mit den traditionellen politischen Parteien. In ihr werden Sozialdemokraten und Sozialistinnen, die ihren Traum von einer Zeit jenseits des Kapitalismus noch nicht aufgegeben haben, ebenso vorzufinden sein wie traditionell «bürgerlich» und «liberal» denkende Menschen, die es, wie etwa der deutsche CDU-Politiker Heiner Geissler, mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren können, ein Wirtschaftssystem mitzuverantworten, dessen Zerstörungskraft immer deutlicher zutage tritt. In dieser neuen politischen Bewegung werden ebenso Greenpeace-Aktivistinnen vorzufinden sein wie Mitglieder verschiedenster Menschenrechtsorganisationen, ebenso Mitglieder «grüner» und «christlicher» Organisationen, Gruppierungen und Parteien wie auch Mitglieder von Gewerkschaften, ebenso Menschen, die bereits ein halbes Leben lang politisch aktiv gewesen sind, wie auch Menschen, die bisher nicht das Geringste mit Politik am Hut hatten. Wo es um das gemeinsame Überleben in einer anderen, besseren, friedlicheren und gerechteren Zukunft geht, werden die gegenseitigen Berührungsängste und Widerstände, die uns gegenwärtig noch so tief voneinander trennen, nur noch Erinnerung sein an eine alte, vergangene Zeit.

Diese neue politische Bewegung muss, zweitens, über alle Grenzen hinweg global organisiert sein. Sonst wird sie keine Chance haben, gegen das ebenfalls weltweit organisierte Machtsystem des Kapitalismus etwas ausrichten zu können. Das bereits heute hierfür weltweit vorhandene Potenzial ist, wenn wir an all die Menschen, Gruppen, politischen Parteien und Organisationen, deren Aktivitäten im weitesten Sinne gegen den Kapitalismus bzw. die von ihm verursachten Entwicklungen, Zerstörungen und Bedrohungen gerichtet sind, immens. Das Problem besteht bloss darin, dass alle diese Kräfte noch weitgehend unabhängig  voneinander agieren, dabei ihre individuellen Ziele fast ausschliesslich über ein mögliches gemeinsames, sie miteinander verbindendes Ziel stellen und sich sogar nicht selten – kurioserweise fast genau gleich wie kapitalistische, betriebswirtschaftlich ausgerichtete Firmen – in der Gunst um eine je möglichst grosse Anhängerschaft gegenseitig konkurrenzieren. Genau dies aber liegt einzig und allein im Interesse des Kapitalismus und seiner Machterhaltung: Nichts ist ihm willkommener, als dass seine Gegner untereinander uneinig sind und viel mehr Energie dafür verwenden, sich in gegenseitigem Wettstreit zu profilieren, statt sich miteinander zu solidarisieren und ihre zahlreichen Einzelkräfte zu einer grossen gemeinsamen Kraft zusammenwachsen zu lassen. Wir erinnern uns an dieser Stelle an die äusserst erfolgreiche Machtpolitik des Römischen Reiches zur Zeit seiner grössten Ausdehnung rund um das ganze Mittelmeer und weit darüber hinaus: «Divide et impera» – «teile und herrsche», so lautete der Leitspruch, wonach die römischen Kaiser gezielt Zwietracht unter den von ihnen unterjochten Völkern und Regionen säten, um zu verhindern, dass sich eine zu starke Gegenmacht bilden konnte, die der Machterhaltung Roms hätte gefährlich werden können.

Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt

Dass sich die Demokratie weltweit Hand in Hand mit dem Kapitalismus etablieren konnte, ist vielleicht so etwas wie ein historischer Glücksfall, der es ermöglicht, den Kapitalismus sozusagen mit seinen eigenen Mitteln zu überwinden. Eine globale politische Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden ist nicht mehr gezwungen, wie das in früheren Zeiten der Fall gewesen wäre, bestehende Machtverhältnisse mit Gewalt umzustürzen, um etwas Neuem Platz zu machen. Sie kann sich voll und ganz auf ein gewaltfreies, demokratisches Vorgehen beschränken, einzig und allein unter der Einschränkung, dass in jenen wenigen Staaten, die noch nicht demokratisch sind, die Demokratie zuvor noch erkämpft werden muss.

Dies alles genügt aber noch nicht. Politik muss mehr sein als das, was man – mit Abstimmungen, Wahlen, Parlamenten und Regierungen – traditionellerweise darunter versteht. Politik ist alles. Politik ist das Leben. Dass sich so viele Menschen – gerade in Ländern mit höchstentwickelten Formen von Demokratie wie der Schweiz –  mittlerweile aus jeglicher politischer Mitbeteiligung verabschiedet haben und die Mitgliederzahlen sämtlicher politischer Parteien laufend abnehmen, lässt sich wohl nur mit jener tiefen Kluft erklären, die heute zwischen «Politischem» und «Unpolitischem» besteht. Auf der einen Seite das «Politische»: das ewig repetierte Ritual von Wahlkämpfen, «Siegen» und «Niederlagen» der einen oder der anderen Partei, die ewig gleichen Worthülsen und Versprechungen, ohne dass sich tatsächlich etwas verändert, all die Lügen, welche angebliche Macht vortäuschen und hinter denen sich doch in Tat und Wahrheit nichts anderes verbirgt als ein immer grösser werdendes Mass an Ohnmacht. Auf der anderen Seite das «Unpolitische»: Es sich möglichst gemütlich machen in den immer kleiner werdenden Nischen individuellen Glücks, sich mit allen möglichen Vergnügungen ablenken lassen von den immer bedrohlicheren Zukunftsängsten oder die Faust im Sack machen und sich damit abgefunden haben, dass sowieso alles nichts nützt.

Eigentlich verrückt. Wir haben hunderte legale Mittel, um uns aktiv politisch zu betätigen. Wir haben mit der Demokratie eine Staatsform, von der unzählige frühere Generationen nicht einmal zu träumen wagten. Wir können lesen und schreiben. Mit Presse, Radio, Fernsehen und Internet steht uns rund um die Uhr jede erdenkliche, bis in kleinste Einzelheiten ausgeführte Information zu jedem beliebigen Thema zur Verfügung. Und doch benützen wir das alles nicht, um diese grosses politische Projekt einer Überwindung des Kapitalismus in Angriff zu nehmen, zu dem es längst schon höchste Zeit wäre.

Das «Politische» und das «Unpolitische» müssen wieder zusammenkommen. Das Leben muss wieder politisch werden, die Politik lebendig. Es gilt, der Demokratie neues Leben einzuhauchen, bevor sie endgültig zur Farce verkommen ist. Aus den Frustrationen, der Resignation und der Wut jener, die sich aus der traditionellen Politik verabschiedet haben, muss eine neue gemeinsame Kraft entstehen. Die Aufgabe ist nicht klein, aber umso grösser könnte die Faszination sein, sie in Angriff zu nehmen. Stellen wir uns einen Radrennfahrer vor, der sich auf der Tour de France in sengender Sonne die letzten Meter zur Passhöhe hochkämpft. Oder eine Krankenpflegerin, die selbst nach zwölf Stunden Arbeit, obwohl ihre Füsse und ihr Rücken wie Feuer brennen, die Geduld mit ihren Patientinnen und Patienten immer noch nicht verloren hat. Oder einen Tunnelbauer, der sich unter Lebensgefahr, in ärgstem Staub und Lärm, durch härtesten Felsen vorwärtskämpft. Weshalb ist in der politischen Arbeit, wo es um das Allerwichtigste geht, nämlich die Zukunft der Menschheit, weit und breit niemand zu finden, der auch nur mit annähernd so viel Willen, Opferbereitschaft und Hartnäckigkeit am Werk ist wie Millionen und Abermillionen von Menschen, die sich Tag für Tag im Schweisse ihres Angesichts abrackern bis an die äusserste Grenze ihrer Kräfte?

All das, was die Schwäche jener ausmacht, die einfach das bestehende Machtsystem zwecks der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Privilegien am Leben zu erhalten versuchen – ihre Bequemlichkeit, ihre Sattheit, ihre Faulheit, ihr Egoismus, ihre Gefühllosigkeit, ihre Gedankenlosigkeit, ihre Verlogenheit –, kann zur Stärke jener werden, die sich auf den Weg machen zum Aufbau einer neuen, besseren, gerechteren und friedlicheren Welt: unter Aufbietung der äussersten Kräfte dafür kämpfend, in härtester Arbeit, die keinen einzigen Millimeter schenkt, Tag und Nacht, nichts beschönigend, alles beim Namen nennend, keine Ruhe lassend, in stetigem Einklang von Denken, Reden und Handeln, gewaltlos, selbstkritisch, leidenschaftlich, unerbittlich in der Sache, aber unendlich sanft, geduldig und liebevoll in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Als Mahatma Gandhi am 12. März 1930, bloss von anfänglich 78 Mitstreitern begleitet, zu jenem berühmt gewordenen Salzmarsch175 ans 385 Kilometer entfernte Arabische Meer aufbrach, hätte auch kein Mensch gedacht, dass dies der Anfang war vom Ende der Besetzung Indiens durch Grossbritannien, die grösste Weltmacht jener Zeit. Es gibt keinen Grund, sich nicht hier und heute auf den Weg zu machen…

Wo soll die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus beginnen?

Bleibt die Frage, wo und wann genau die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus ihren Anfang nehmen muss.
Wir könnten uns auf den Standpunkt stellen, dass sie dort beginnen muss, wo der Leidensdruck der Menschen heute schon am grössten ist, also in den armen und ärmsten Ländern, insbesondere des Südens. Eine verhängnisvolle, kaum Erfolg versprechende Überlegung. Denn gerade die allerärmsten und unter dem Kapitalismus am schwersten leidenden Menschen sind von ihrem täglichen Überlebenskampf dermassen absorbiert, dass sie kaum über genügend Kraft verfügen werden, ohne Hilfe von aussen eine so immense Herausforderung auf sich zu nehmen. Zudem sind gerade in vielen der ärmsten Länder die polizeilichen und militärischen Mittel der Regierenden sowie der wohlhabenden Oberschichten dermassen erdrückend, dass jede radikale, auf die Überwindung des Kapitalismus zielende politische Bewegung damit rechnen müsste, mit brutalsten Mitteln niedergeschlagen zu werden. Aber selbst wenn dies, wie beispielsweise in Ägypten anfangs 2011, auf friedlichem Wege und ohne Blutvergiessen möglich wäre, so nützt es dennoch nur wenig, wenn bloss im einen oder anderen der armen und ärmsten Länder der Welt eine Partei zur Überwindung des Kapitalismus mehrheits- und regierungsfähig würde. So lange die mächtigen und reichen Staaten der Welt das global vernetzte kapitalistische Machtsystem am Leben erhalten, ist der Spielraum eines einzelnen Landes, in Wirtschaft und Gesellschaft nichtkapitalistische Strukturen umzusetzen, äusserst gering.

Viel erfolgversprechender ist es, wenn die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus gleichzeitig an möglichst vielen Orten, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten, in den reichsten wie auch in den ärmsten Ländern ihren Anfang nimmt. Dabei spielen die weltweit führenden kapitalistischen Länder sogar die zentrale Rolle, da Veränderungen, die hier erfolgen, eine weltweit ungleich stärkere Wirkung und Ausstrahlung haben, als dies bei den kleinsten und ärmsten Ländern der Fall wäre. Zu diesen weltweit führenden kapitalistischen Ländern gehört zweifellos auch die Schweiz, dieses Land, das der Genfer Soziologe und Schriftsteller Jean Ziegler sogar einmal als «Gehirn des Monsters» bezeichnete. Soll die Befreiung vom Kapitalismus weltweit erfolgreich verlaufen, dann nur, wenn zwischen den entmündigten, entrechteten, verarmten und ausgebeuteten Bevölkerungsschichten aller Länder und möglichst vielen politisch einflussreichen Entscheidungsträgern auf den hohen und höchsten Stufen der weltweiten kapitalistischen Machtpyramide eine neue Solidarität entsteht, in der nicht egoistische Einzelinteressen im Vordergrund stehen, sondern der gemeinsame Kampf für eine neue, bessere Welt.

Dies liegt nicht zuletzt auch in unserem ureigenen – egoistischen – Interesse. Werfen wir wieder einen Blick in die Geschichte: Als sich am 14. Juli 1789 auf den Strassen von Paris auf einen Schlag die Wut über jahrhundertelange Unterdrückung und Entrechtung entlud, schreckten die aufgebrachten Massen nicht davor zurück, jedem Adligen, der ihnen über den Weg lief, den Kopf abzuhacken und mit diesen Köpfen dann quer durch die Strassen von Paris Fussball zu spielen. «Der Hass auf den Westen», so der bereits zitierte Genfer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler in seinem Buch «Der Hass auf den Westen», «beherrscht heute eine grosse Mehrheit der Völker in der südlichen Hemisphäre. Er ist ein machtvoller Mobilisierungsfaktor.» Noch ist es nicht so weit, dass die Köpfe rollen. Noch haben wir Zeit. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr allzu viel…