– gesellschaft

Ohne autoritäre Unterordnung der Massen funktioniert Kapitalismus nicht / Andreas Peglau


Ohne autoritäre Unterordnung der Massen unter die Interessen politischer und wirtschaftlicher Eliten, damit auch ohne massenhafte Produktion autoritärer Charakterstrukturen, kann Kapitalismus nicht funktionieren. Kein unterdrückendes Gesellschaftssystem ohne Menschen, die bereit sind, zu unterdrücken und sich unterdrücken zu lassen!

[Andreas Peglau]

Der „autoritäre Charakter“ ist wieder modern.

Vor über 100 Jahren begannen einzelne Psychoanalytiker, sich für die Ursachen von Macht und Unterwerfung zu interessieren. Sie erforschten Entstehungsbedingungen und Auswirkungen dessen, was später „autoritärer Charakter“ genannt werden sollte. Wenn heute in der Sozialwissenschaft nach den Ursachen des europäischen „Rechtsrucks“ gefragt wird, spielt dieses Konzept kaum noch eine Rolle. Dies jedoch keinesfalls, weil es „veraltet“ wäre. Kapitalismus, Entdemokratisierung und Kriegstreiberei sind nach wie vor undenkbar ohne die Massen von Menschen, die nach oben buckeln und nach unten treten wollen.Nur die Methoden, wie dies herbeisozialisiert wird, haben sich zu Teilen verändert.

Bereits 1913 schrieb Otto Gross (1877–1920), sämtliche bisherigen Revolutionen seien „zusammengebrochen, weil der Revolutionär von gestern die Autorität in sich selbst trug.“ Der „Herd aller Autorität“ läge in der Familie, wo Sexualunterdrückung und „Vaterrecht“ jede Individualität in Ketten schlage(2). Damit und mit weiteren Passagen seiner Artikel war Gross der erste Psychoanalytiker, der tiefgründige Erkenntnisse über das Problem des familiären wie gesellschaftlichen Autoritarismus-Phänomens publizierte.

Ab 1929 erfasste dann der Psychoanalytiker Erich Fromm (1900–1980) in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Institut für Sozialforschung autoritäre Einstellungen durch einen Fragebogen: „[D]ie erste sozialpsychologische Feldforschung überhaupt, die mit der psychoanalytischen Einsicht Ernst machte, daß die in Parteibekenntnissen und Parteizugehörigkeit geäußerte politische Überzeugung von den unbewussten Motiven verschieden sein könnte.“(3)

Mittels dieser auch für weitere Forschungen des Frankfurter Institutes wegweisenden Untersuchung ließ sich „bereits vor der Machtergreifung Hitlers sagen, dass gerade die in Parteien und Gewerkschaften erzogenen Arbeiter trotz ihrer revolutionären Bekenntnisse nicht jenen Widerstand gegen ein autoritäres und diktatorisches Regime verkörperten, den man ihnen gern zuschrieb und von dem die Arbeiter selbst überzeugt waren.“(4) Diese Untersuchung wurde erst 1980 veröffentlicht(5). Vielleicht liegt es auch daran, dass sie selten als das gewürdigt wird, was sie ist: der Anfangspunkt systematischer empirischer Autoritarismusforschung. Diese wiederum gilt heute als frühester Bestandteil dessen, was oft mit dem Begriff Rechtsextremismusforschung bezeichnet wird.

1930 schilderte Fromms Kollege Wilhelm Reich (1897–1957) in seinem Buch Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral den kleinbürgerlichen „patriarchalischen Vater“ folgendermaßen:

„Er ist sozusagen der Exponent und Vertreter der staatlichen Autorität in der Familie. Er ist wegen des Widerspruchs zwischen seiner Stellung im Produktionsprozess (Diener) und seiner Familienfunktion (Herr) folgerichtig und typisch eine Feldwebelnatur; er duckt sich nach oben, saugt die herrschenden Anschauungen restlos auf (…) und er herrscht nach unten; er gibt die obrigkeitlichen und gesellschaftlichen Anschauungen weiter und setzt sie durch.“(6)

Nach oben buckeln, nach unten treten – was er da beschrieb, sollte später zum Kern des Autoritarismus-Konzeptes gehören: autoritäre Aggression und autoritäre Unterwerfung.
Nachdem Reich 1930 von Wien nach Berlin übergesiedelt war, begann er mit Forschungen zu den Wurzeln „rechter“ Bewegungen. Seine 1933 erschienene Massenpsychologie des Faschismus war die erste Veröffentlichung über die psychosozialen Grundlagen des nun zur Macht gelangten Nationalsozialismus – und damit die erste Veröffentlichung der Rechtsextremismusforschung.

Reichs Auffassung des Faschistischen als autoritär, nationalistisch, rassistisch – insbesondere antisemitisch –, militant und (Männer-)Gewalt verherrlichend, deckt sich weitgehend mit wesentlichen Aspekten gegenwärtig als gültig erachteter Definitionen von „rechtsextrem“.

Schon daher wäre es naheliegend, seine Erkenntnisse auch zum Verständnis aktueller „rechter“ Phänomene zu nutzen – was jedoch offensichtlich nicht geschieht. Nicht nur fehlen in der heutigen Rechtsextremismusforschung für Reich so zentrale Punkte wie die Mitverursachung von „Rechts“-Tendenzen durch Religion und Sexualunterdrückung oder die Wechselwirkung zwischen Führern und Geführten; schon bloße Verweise auf Reich sind die Ausnahme.

Lustvolle Unterwerfung

Den für die Sozialforschung einst so bedeutenden Begriff „autoritärer Charakter“ hat allerdings nicht Reich kreiert, sondern Fromm. 1935 bescheinigte erstmals Erich Fromm einem Menschen, er habe eine „bürgerlich-autoritäre Charakterstruktur“. Dieser Mensch war bemerkenswerterweise Sigmund Freud(7).1936, im Sozialpsychologischen Teil der Studien über Autorität und Charakter verwendete Fromm den Begriff „autoritärer Charakter“ dann auch allgemeiner und beschrieb ihn als janusköpfig. Zum einen dränge dieser Charakter darauf, sich „unter Preisgabe der Individualität“ den Mächtigen freiwillig, gar lustvoll zu unterwerfen. Gleichzeitig wolle der charakterlich Autoritäre Schwächere „uneingeschränkt“ beherrschen oder sogar quälen, schrieb Fromm(8).

Doch der Begriff „autoritärer Charakter“ spielt in der Rechtsextremismusforschung heute keine große Rolle mehr. Liegt das vielleicht auch daran, dass sich diese Persönlichkeitsstruktur auf dem Rückzug befindet?

Die Leipziger „Mitte“-Studien

Oliver Decker führt gemeinsam mit anderen Forschern Studien zum Rechtsextremismus durch, die sich durch ihre Langfristigkeit und ihren sozialkritischen Ansatz auszeichnen:

„Rechte“ Einstellungen werden nicht einfach dem „Rand“ der Gesellschaft untergeschoben, sondern als aus deren „Mitte“ kommend identifiziert.

Seit 2002 macht diese Leipziger Arbeitsgruppe auf die hohe Zahl von Deutschen aufmerksam, die über ein „geschlossenes rechtes Weltbild“ verfügen. 2016 waren es 5,4 Prozent der Befragten(9), die für mindestens 3,84 Millionen BRD-Bürgerinnen und -Bürger stehen. In den „Mitte“-Studien werden nicht nur regelmäßig autoritäre Orientierungen erfasst und „Autoritarismus“ thematisiert, sondern auch Überlegungen zu den Charakterstrukturen angestellt, die dem zugrunde liegen.

Die „Mitte“-Studien sind also in mehrfacher Hinsicht ausgesprochen beachtenswert. Umso schwerer wiegt, dass Oliver Decker 2012 ein Kapitel des Buches Die Mitte in der Krise mit der These vom „Veralten des Autoritären Charakters“ überschrieb(10). Mehrere von ihm für diese These verwendete Begründungen scheinen mir wichtig genug, um sie zu widerlegen. Denn in Wirklichkeit deutet viel darauf hin, dass die autoritären Persönlichkeitsstrukturen im Wesentlichen noch immer dem entsprechen, was schon von Gross, Reich und Fromm beschrieben wurde. Dies nicht anzuerkennen, hielte ich gerade in unserer gegenwärtigen, erneut von „Rechts“-Entwicklungen gekennzeichneten Situation für ein unverzeihliches Versäumnis.

Peers statt Autoritätspersonen?

Oliver Decker schreibt, die „wesentlichen Sozialisationsschritte“ vollzögen sich „nunmehr in Schule, Freundeskreis und Medien“, nicht mehr „eine Autorität, sondern die Gruppe aus Gleichaltrigen und -gesinnten – in der Soziologie Peers genannt – repräsentiert über alle Lebensphasen [!] hinweg die Instanz, die Abweichung definiert und sanktioniert“(11). Doch damit negiert er sämtliche entwicklungspsychologische Erkenntnisse über den Einfluss der frühen Lebensbedingungen, die spätestens bei der Geburt einsetzen und nach wie vor in allererster Linie familiäre Bedingungen sind. Was für eine „Gruppe aus Gleichaltrigen und -gesinnten“ sollte das denn auch sein, mit der sich Säuglinge gegenseitig normieren? Aber auch in Krippen, Kitas und Schulen sind es Erwachsene, die Abläufe vorgeben und entscheidende Wertungen treffen. Später, in der alles andere als basisdemokratisch organisierten Wirtschaft, definieren maßgeblich Chefs Abweichungen und verhängen Sanktionen. Und in der politischen Sphäre begrenzen Hierarchien die Einflüsse von „Peers“ ebenfalls akkurat.

In den meisten Lebensbereichen spielt also auch hier und heute von Autoritätspersonen eingeforderte Anpassung oder Unterwerfung eine wesentliche Rolle.

Entpersonalisierte Führung?

2016 gab die Leipziger Arbeitsgruppe der Publikation ihrer aktuellen Untersuchungsergebnisse den Titel Die enthemmte Mitte. Das erläutern sie damit, dass die „jüngsten Veränderungen im Parteienspektrum“, also vor allem die Wahlerfolge der AfD, „weniger einen neuerlichen Anstieg fremdenfeindlicher und autoritärer Einstellungen“ anzeigten, sondern dass „das seit Jahren vorhandene, von den ‚Mitte‘-Studien dokumentierte Potenzial jetzt eine politisch-ideologische Heimat“ gefunden habe (12), dadurch „enthemmt“ worden sei. Das ist einmal mehr ein brisanter Befund: Was sich da nun erstmals so deutlich an die Öffentlichkeit wagt, war im Prinzip deutschlandweit, nicht etwa nur in Sachsen, längst vorhanden – und es konnte unter anderem anhand der „Mitte“-Studien auch längst zur Kenntnis genommen werden.

Schon im Untertitel der Studie betonen die Autorinnen und Autoren diesmal die Bedeutung „autoritärer Einstellungen“ für diese Entwicklung. Dazu führen sie ganz zurecht aus, dass der „autoritäre Charakter (…) von klein auf das Prinzip von Gewalt und Herrschaft als eine die gesamte Gesellschaft strukturierende Logik erfahren musste“(13). Wenn es anschließend heißt, die Autorität, der man sich dabei unterwerfe, sei „zurzeit keine Person, kein Führer“(14), endet jedoch erneut mein (Ein)Verständnis.

Nicht nur weil beispielsweise Angela Merkel in den Augen vieler ihrer Anhänger durchaus eine solche Autorität besitzen dürfte – vielleicht eher die einer gluckenhaften Mutter als die eines strengen Vaters. Sondern auch, weil es gerade „von klein auf“ Personen sind, die einem sagen, wo es langgeht.

In den ersten Lebensjahren werden diese Personen als „Über-Ich“ verinnerlicht – und zwar dauerhaft. Auch falls also hierzulande eine größere Zahl Erwachsener keine Autoritätsperson benennen können, der sie bewusst folgen: Das antrainierte Selbstbild, abhängig und hilflos zu sein und der daraus entstandene Kinderglaube, Führungsfiguren zu benötigen, bleiben zumindest unbewusst erhalten – auch dann, wenn dieses Selbstbild zwischenzeitlich hinter Selbstüberschätzung verborgen werden konnte.

„Sekundärer“ Autoritarismus?

Gerade wenn dieser Kinderglaube unbewusst geworden ist, lässt er sich leicht „verschieben“ und auf andere Objekte projizieren. Das ist meiner Ansicht nach auch die tatsächliche Grundlage dessen, was Decker at al. im Weiteren vorbringen:

Der „primäre Autoritarismus“ mit seinen personifizierten Unterordnungswünschen sei heutzutage ersetzt worden durch „sekundäre[n] Autoritarismus, in dem sich der Wunsch nach Identifikation mit Macht und Größe in Deutschland durch die nationale Wirtschaft erfüllt“(15).

Dieser sicherlich zusätzlich vorhandene „sekundäre Autoritarismus“ kann aber nur auf Basis jener lebensgeschichtlich weit früheren, auf Personen bezogenen Abhängigkeit funktionieren.

Kinder interessieren sich nicht im Geringsten für Macht und Größe Deutschlands oder dessen Wirtschaft. Und Menschen, die in der Kindheit keine autoritäre Prägung erlitten hätten, wären durch derartige Pseudowerte auch als Erwachsene nicht mehr zu beeindrucken.

Sicherlich ist die Bedeutung des „sekundären“ Autoritarismus in den letzten Jahrzehnten in Mitteleuropa gewachsen, in Westdeutschland nach 1945 auch durch das, was Cornelia Koppetsch so beschreibt: „Die (…) Eliten in Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur übten sich in der Kunst der Unsichtbarkeit und kultivierten den Habitus mittelständischer Bescheidenheit. Machtpositionen und Privilegien zu betonen oder auch nur sichtbar zu machen war tabu.“(16)

Aber die Machtpositionen blieben erhalten. Hinter allen Ideen, Theorien und Medien, an denen der „sekundäre Autoritarismus“ sich festmacht, stecken noch immer konkrete Personen, die wollen, dass sich ihre Auffassungen und Interessen durchsetzen. Es geht also auch hier letztlich immer um eine Unterordnung unter Führerinnen und Führer, selbst wenn die einzelnen, autoritär Erzogenen das nicht wahrnehmen oder nicht wahrhaben wollen.

Sublimere Techniken?

Für unsere frühe, für die Charakterbildung nach wie vor entscheidende Lebensphase gilt auch nicht die pauschale Aussage von Decker at al., Unterwerfung werde heute durch „sublimere Techniken“ als „körperliche Züchtigungen“ erzwungen(17). Welches Ausmaß an auch körperlicher Unterdrückung hinter kleinfamiliären Mauern weiterhin stattfindet, ließ sich jüngst dem Buch Deutschland misshandelt seine Kinder(18)entnehmen. Laut Kinderschutzbund Deutschland sterben jede Woche in der BRD drei Kinder durch Misshandlung oder Vernachlässigung.

Schwere Vernachlässigung durchleben zehn Prozent der Kinder, leichtere Formen von Vernachlässigung 50 Prozent. Emotional misshandelt werden 17, körperlich 15 Prozent – ebenso viele erleiden sexuellen Missbrauch, zwei Prozent von ihnen in schwerer Form. Die diesbezüglichen Dunkelziffern dürften hoch sein(19). In aktuellen Befragungen gaben 40 Prozent der Eltern an, ihre Kinder zu schlagen.

Aber auch durch „sublimere Techniken“ kann „primärer Autoritarismus“ erzeugt werden. Entfremdende „Sekundärtugenden“, wie sie schon im wilhelminischen Deutschland angestrebt wurden, möchten die meisten weiterhin erzeugen: 88 Prozent der Eltern wollen ihren Kindern vor allem „Höflichkeit und gutes Benehmen“ beibringen, 70 Prozent „Disziplin“.

Dass selbst strikt autoritäre, ausdrücklich auf „Gehorsam“ ausgerichtete Erziehung hierzulande keinesfalls „out“ ist, belegen unter anderem die Publikationen des ehemaligen Leiters der Salem-Schule, Bernhard Bueb und ihre positive Aufnahme in der Bild-Zeitung und anderen Medien.

Dennoch ist auch aus meiner Sicht nicht daran zu zweifeln, dass schon aufgrund der seit 1968 in der BRD an Einfluss gewinnenden demokratischeren Erziehungsstile heute zumeist ein – im Vergleich zu Weimarer Republik und Kaiserreich – gelinderter „primärer Autoritarismus“ produziert wird.

Kanalisierter Hass

Gut folgen kann ich dagegen wieder dieser Aussage von Decker at al.:

„Je stärker sich die Gesellschaft mit Macht gegen die Interessen der Individuen durchsetzt, desto stärker wird die Ambivalenz der Individuen gegenüber der Gesellschaft sein. Die autoritäre Aggression speist sich aus der tief sitzenden Quelle der eigenen Anpassung unter Zwang. Wer sein eigenes Leben nicht leben konnte, hasst auch das der anderen.“(20)

Erwünschte Destruktivität

Die naheliegende Frage, warum sich unsere Gesellschaft in einer Weise „gegen die Interessen der Individuen durchsetzt“, dass dabei solche autoritär-lebensfeindlichen Charakterstrukturen herauskommen, bleibt allerdings in den Untersuchungen von Decker at al. ungeklärt. Auch hier bieten Reich und Fromm Antworten.

„[J]ede Gesellschaftsordnung erzeugt in den Massen ihrer Mitglieder diejenigen Strukturen, die sie für ihre Hauptziele braucht“(22) – das halte ich für eine der wichtigsten und weiter gültigen Erkenntnisse Reichs. In seinem Buch Charakteranalyse ergänzte er: „In der Klassengesellschaft ist es die jeweils herrschende Klasse, die mit Hilfe der Erziehung und der Familieninstitution ihre Position sichert, indem sie ihre Ideologien zu den herrschenden Ideologien aller Gesellschaftsmitglieder macht“(23). Fromm formulierte: „Die sozio-ökonomische Struktur einer Gesellschaft formt den Gesellschafts-Charakter ihrer Mitglieder dergestalt, dass sie tun wollen, was sie tun sollen.“(24)

Gesellschaftliche Entwicklungen basieren also immer auch auf den seelischen Strukturen der Individuen, aus denen diese Gesellschaft besteht. Massenhafte autoritäre Aggression hat – auch im Jahr 2018 in Deutschland – für herrschende Eliten mehrere Vorteile. Damit aufgeladene, in Missgunst entzweite, um höhere Ränge in Hackordnungen konkurrierende Individuen dürften sich schwerlich miteinander solidarisieren, um die Gesellschaft grundlegend zu ändern. Das Aggressions- und Zerstörungspotential in der Bevölkerung liefert zugleich Begründungen für einen „starken Staat“. Und es ist unverzichtbar für expansive Ziele:

Ohne verinnerlichten Autoritarismus dürfte es kaum jemand dauerhaft im Militär aushalten, ohne ausreichende Destruktionsbereitschaft kaum jemand erfolgreich „Deutschland am Hindukusch verteidigen“.

Im Sinne von Reich und Fromm wäre es freilich falsch, den Eliten die alleinige Schuld dafür zu geben: Nur die bewusste oder unbewusste Zustimmung und Mitwirkung massenhaft autoritär erzogener Individuen macht all das möglich.

Fazit und Epilog

Vom „Veralten“ des autoritären Charakters kann – leider – keine Rede sein.
Die heute in Deutschland verbreiteten autoritären Charakterstrukturen sind, wie erwähnt, sicherlich gemildert im Vergleich zu denen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das heißt auch: Sie sind nicht mehr im selben Ausmaß destruktiv. Doch die Milderung kann rückgängig gemacht werden durch belastende Lebensumstände. Dafür, dass dies bereits geschieht, spricht die zwischen 2014 und 2016 gewachsene „autoritäre Aggression“. Dass längst vorhandene „rechte“ Einstellungen nun so offen zur Schau gestellt werden, trägt zudem unweigerlich zu ihrer Festigung und weiteren Verbreitung bei.

Dass sich das Wesen des autoritären Charakters verändert hat, bezweifle ich, gestützt zumal durch meine alltäglichen Erfahrungen als psychoanalytischer Therapeut, ohnehin. Die Entstehung autoritärer Abhängigkeit beginnt nach wie vor in der Familie. Erst später setzt der zusätzliche, nie ausschließliche Einfluss von „Peer-Groups“ und Medien ein. Unterordnung unter „sekundäre Autoritäten“ ist aber weiterhin Unterordnung unter Personen.

Und sich unterordnen zu müssen, lässt immer angestaute Wut entstehen, erzeugt daher noch heute jene Persönlichkeitsstrukturen, deren Grundzüge schon Reich und Fromm beschrieben haben. Insbesondere die Diskriminierung, Unterdrückung und Verfolgung Schwächerer bietet dieser Wut ein Ventil.

Autoritäre Persönlichkeitsanteile sind also hochgradig beteiligt an der Erzeugung jenes Potentials, das die entscheidende psychosoziale Basis darstellt für jegliche Art destruktiver Bewegungen – wie die „rechte“. Auch die BRD-Gesellschaft stellt die psychosozialen Bedingungen selbst her, an denen sie krankt.

Von der Politik sind hier keine an die Wurzeln gehenden Gegenmaßnahmen zu erwarten. Denn erstens werden psychosoziale Aspekte von Politikern meist schon routinemäßig ignoriert. Zweitens gibt es keinen Grund für die Annahme, dass ausgerechnet Spitzenpolitikerinnen und -politiker weniger autoritär gestört sind als die Durchschnittsbürger. Im Gegenteil: Wilhelm Reich folgend muss angenommen werden, dass das Volk an seiner Spitze mehrheitlich Menschen sehen will, die übliche psychische Strukturen und Störungen besonders klar repräsentieren.

Drittens – und das ist der entscheidende Punkt –, liegt eine Wurzel des gegenwärtigen Autoritarismus in unserer Gesellschaftsordnung selbst:

Ohne autoritäre Unterordnung der Massen unter die Interessen politischer und wirtschaftlicher Eliten, damit auch ohne massenhafte Produktion autoritärer Charakterstrukturen, kann Kapitalismus nicht funktionieren. Kein unterdrückendes Gesellschaftssystem ohne Menschen, die bereit sind, zu unterdrücken und sich unterdrücken zu lassen!

Dass diese – demokratiefeindliche – Charakterorientierung momentan wieder Konjunktur hat, liegt ebenfalls daran, dass die Politik, nicht zuletzt mit dem Alibi vermeintlicher Terrorbekämpfung, wieder verstärkt auf staatliche Kontrolle und Unterdrückung setzt. Letzteres klassifizierte der Soziologe Ralf Dahrendorf schon 2006 als Anfang eines neuen Autoritarismus“.

Die sich mit „rechts“-autoritären Charakterstrukturen befassenden Arbeiten von Wilhelm Reich und Erich Fromm – die eben auch nicht in anderen Forschungsansätzen „aufgehoben“ sind – haben deshalb für unsere Gegenwart immense Bedeutung. Ohne diese Erkenntnisse einzubeziehen, lassen sich der aktuelle deutsche „Rechtsruck“, aber auch die wahrscheinlich auf ähnlichen psychosozialen Gegebenheiten basierenden Entwicklungen in anderen europäischen Staaten und in den USA weder vollständig erklären noch kann angemessen darauf reagiert werden.

Quellen und Anmerkungen:

(1) Dieser Text ist eine stark gekürzte und leicht veränderte Fassung des Beitrags „Vom Nicht-Veralten des ‚autoritären Charakters‘. Wilhelm Reich, Erich Fromm und die Rechtsextremismusforschung“, der erschienen ist in Sozial.Geschichte Online/ Heft 22/ 2018
http://duepublico.uni-duisburg-essen.de/servlets/DerivateServlet/Derivate-45266/05_Peglau_Autoritarismus.pdf
Dort finden sich zahlreiche zusätzliche Informationen und Quellenangaben.
(2) Otto Gross, Von geschlechtlicher Not zur sozialen Katastrophe, Hamburg 2000.
(3) Rainer Funk, Erich Fromm, Reinbek bei Hamburg 1998, S. 67.
(4) Ebd., S. 68.
(5) Erich Fromm, Arbeiter und Angestellte am Vorabend des Dritten Reiches. Eine sozialpsychologische Untersuchung, in ders., Gesamtausgabe, Bd. 3, München 1989, S. 1–224.
(6) Wilhelm Reich, Geschlechtsreife, Enthaltsamkeit, Ehemoral. Eine Kritik der bürgerlichen Sexualreform, Wien 1930, S. 62f.
(7) Erich Fromm, Die gesellschaftliche Bedingtheit der psychoanalytischen Therapie, in ders., Gesamtausgabe, Bd. 1, München 1989, S. 115–138, Zitat S. 136.
(8) Erich Fromm, Studien zu Autorität und Charakter. Sozialpsychologischer Teil, in ders., Gesamtausgabe, Bd. 1, München 1989, S. 139–187, hier S. 172.
(9) Oliver Decker/Johannes Kiess/Elmar Brähler (Hg.), Enthemmte Mitte. Autoritäre und rechtsextreme Einstellung in Deutschland, Gießen 2016, S. 48.
(10) Oliver Decker/Johannes Kiess/Marliese Weißmann/Elmar Brähler, Die Mitte in der Krise. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland, Springe 2012, S. 35.
(11) Ebd., S. 38, 40.
(12) Decker, Enthemmte Mitte (wie Anm. 8), S. 8.
(13) Ebd., S. 12
(14) Ebd., S. 13
(15) Ebd., S. 14.
(16) Cornelia Koppetsch, Die Wiederkehr der Konformität. Streifzüge durch die gefährdete Mitte, Bonn (2015) [2012], S.19.
(17) Decker, Enthemmte Mitte (wie Anm. 8), S. 13
(18) Saskia Guddat/Michael Tsokos, Deutschland misshandelt seine Kinder, München 2014.
(19) Joachim Bauer, Selbststeuerung. Die Wiederentdeckung des freien Willens, München 2015, S. 61.
(20) Decker, Enthemmte Mitte (wie Anm. 8), S. 13.
(21) Ebd., S. 56.
(22) Wilhelm Reich, Massenpsychologie des Faschismus. Zur Sexualökonomie der politischen Reaktion und zur proletarischen Sexualpolitik, Kopenhagen/Prag/Zürich 1933, S. 39.
(23) Wilhelm Reich, Charakteranalyse. Technik und Grundlagen für studierende und praktizierende Analytiker, o.O., o.J, S. 12.
(24) Erich Fromm, Haben oder Sein. Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft, in ders., Gesamtausgabe, Bd. 2, München 1989, S. 269–414, hier S. 364.

Sehen wir die Gesellschaft aus Sicht von Karl Marx

Der erste, der von einer Alternative des Kapitalismus gesprochen hat, war Karl Marx. Er und Engels beschrieben die kapitalistische Gesellschaft als eine Gesellschaft des revolutionären Umbruchs aller traditionellen Verhältnisse, in seinem Kern, dem Produktionsbereich, als eine Gesellschaft der „Ausbeutung“ und der „Entfremdung“.

In seinen Frühschriften, unter anderem in den Ökonomisch-philosophischen Manuskripten (1844), betont Marx den Aspekt der Entfremdung. Die Arbeiter würden dem Produkt ihrer Arbeit entfremdet, weil dieses, von den Kapitalisten angeeignet, die Form des Kapitals annehme, das die Arbeiter beherrsche. Wesentliche Potentiale und Entfaltungsmöglichkeiten des menschlichen „Gattungswesens“, das heißt der menschlichen Schaffensmöglichkeiten, würden so „pervertiert“ und durch eine subtile Form der Knechtschaft ersetzt, auch wenn diese auf einer scheinbaren, jedoch nur juristischen Freiheit beruhe. Arbeit sei im Kapitalismus nicht eine Möglichkeit der Selbstverwirklichung, sondern durch den Lohnarbeiterstatus erzwungene Arbeit.

Ihre wichtigsten Vertreter sind Wilhelm Roscher, Bruno Hildebrand und Gustav von Schmoller.

 Jüngere Historische Schule

Georg Friedrich Knapp unterscheidet den Kapitalismus durch das Aufkommen von Großbetrieben von früheren Wirtschaftsepochen.

Karl Bücher beschreibt in seiner klassisch gewordenen Entstehung der Volkswirtschaft (1917) Kapitalismus als die Wirtschaftsepoche, bei der alle ökonomischen Verhältnisse über ihre Beziehung zum Kapital definiert werden. Werner Sombart wandte sich in der zweiten Auflage von Der moderne Kapitalismus entschieden gegen diese Charakterisierung. Richard Passow wandte ein, dass dies dem üblichen wirtschaftswissenschaftlichen Gebrauch zuwiderlaufe.

Nehmen wir noch Max Weber (* 21. April 1864 in Erfurt; † 14. Juni 1920 in München). Er gilt als einer der Klassiker der Soziologie sowie der gesamten Kultur- und Sozialwissenschaften. Mit seinen Theorien und Begriffsprägungen hatte er großen Einfluss insbesondere auf die Wirtschafts-, die Herrschafts- und die Religionssoziologie. Mit seinem Namen verknüpft sind die „Protestantismus-Kapitalismus-These“, das Prinzip der „Werturteilsfreiheit“ sowie die Unterscheidung von „Gesinnungs-“ und „Verantwortungsethik“. als einer der Klassiker der Soziologie sowie der gesamten Kultur- und Sozialwissenschaften. Mit seinen Theorien und Begriffsprägungen hatte er großen Einfluss insbesondere auf die Wirtschafts-, die Herrschafts- und die Religionssoziologie. Mit seinem Namen verknüpft sind die „Protestantismus-Kapitalismus-These“, das Prinzip der „Werturteilsfreiheit“ sowie die Unterscheidung von „Gesinnungsethik“ und „Verantwortungsethik“.

Die sogenannte Jüngste Historische Schule charakterisiert den Kapitalismus über eine auftretende kapitalistische Gesinnung und begründete die soziologische Untersuchung des Kapitalismus.

Werner Sombart ( 19. Januar 1863 in Ermsleben; † 18. Mai 1941 in Berlin) sah diese Gesinnung in Erwerbsprinzip, Rationalität und Individualismus manifestiert. Er entwarf in Der moderne Kapitalismus (1902) die verbreitete Einteilung des Kapitalismus in die Entwicklungsphasen Früh-, Hoch- und Spätkapitalismus. Im Spätkapitalismus sah er in den zunehmenden Staatseingriffen erste Anzeichen eines Entwicklungsgesetzes hin zur Vergesellschaftung der Produktionsmittel. Von ihm stammt der später von Joseph Schumpeter verbreitete Begriff der „schöpferischen Zerstörung“.

Max Weber versteht und erklärt den Kapitalismus als okzidentalen Rationalismus und stellt das in allen Gesellschaftsebenen umgreifende Rationalitätsstreben in den Mittelpunkt. Alle Entscheidungen im kapitalistischen System basieren auf Nutzen- bzw. Gewinnmaximierung. Dabei kann ein soziales Handeln unterstellt werden, das zweckrational orientiert ist. „Kapitalistische Wirtschaftsakte“ sind bestimmt durch „Erwartung von Gewinn durch Ausnützung von Tausch-Chancen“.

Der Staat, die Bürokratie und das Recht geben dem aufkommenden (Früh-)Kapitalismus für seine Entfaltung eine gefestigte gesellschaftliche Form. Religion in Gestalt von Kultur als soziales Handeln ist dabei die stärkste Macht hinsichtlich rational-methodischer Lebensführung.

Weber stellt in seinem Buch Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus die These auf, dass der Kapitalismus in Nordwesteuropa und den USA aus religiösen Gründen entstanden sei und eine – im geistigen Sinne – Weiterentwicklung der Reformationsbewegung darstelle (vgl. das protestantische Arbeitsethos und die protestantische Ethik allgemein). Da dies für Japan nicht haltbar war, untersuchte Weber die (funktional entsprechende) Rolle der Samurai.

Arthur Spiethoff bezog eine vermittelnde Position („anschauliche Theorie“) zwischen der historisierenden Charakterisierung des Kapitalismus in der Historischen Schule und der reinen Theorie der klassischen und neoklassischen Nationalökonomie.

Wie Marx im Vorwort der Schrift Zur Kritik der politischen Ökonomie von Januar 1859 erwähnt, nimmt die Einleitung Resultate in Thesenform vorweg.

Produktion

Marx’ Ausgangspunkt bei der Beschreibung der materiellen Produktion sind die in Gemeinschaft produzierenden Individuen, und daher die gesellschaftlich bestimmte Produktion der Individuen. Die Vorstellungen der bürgerlichen Ökonomen von ursprünglich einzeln, z.B. als vereinzelte Jäger und Fischer produzierenden Individuen bezeichnet Marx als „Robinsoniaden“, Einbildungen, durch welche das in freier Konkurrenz stehende Individuum der zwischen dem 16. und 18. Jahrhundert entstandenen bürgerlichen Gesellschaft idealisiert werde. Für ihn gilt dagegen: „Der Mensch ist im wörtlichsten Sinn ein ζῷον πολιτικόν, (der Mensch als soziales, politisches Wesen). Nachfolgend wird der philosophische Fachterminus behandelt. Dabei ist zu beachten, dass in der Forschung umstritten ist, wie Aristoteles den Ausdruck gemeint hat.[3] Gemäß der einen Forschergruppe (z. B. Wolfgang Kullmann) bedeutet er, dass der Mensch ein soziales, auf Gemeinschaft angelegtes und Gemeinschaft bildendes Lebewesen ist. Eine andere Gruppe von Forschern (z. B. Eckart Schütrumpf) betont dagegen den Bezug des Menschen auf die Polisgemeinschaft. nicht nur ein geselliges Tier, sondern ein Tier, das nur in der Gesellschaft sich vereinzeln kann.“ Für Marx kann aus den allgemeinen, zeitunabhängigen Bedingungen der Produktion die wirkliche geschichtliche Stufe der Produktion nicht begriffen werden. Die wirkliche Produktion ist nicht „allgemein“, sondern entweder ein besonderer Produktionszweig, z.B. Agrikultur, Viehzucht, Manufaktur etc., oder sie ist die Totalität einer gesamten Gesellschaft. Insbesondere sei das Kapital nicht abstrakt aufzufassen als die zum Produktionsinstrument verwendete angehäufte Arbeit, sondern von den spezifischen Verhältnissen der modernen bürgerlichen Produktion bestimmt. Daher sei das Kapital kein allgemeines ewiges Naturverhältnis.

Produktion, Distribution, Austausch, Konsumtion

Diese vier Kategorien sind nach Marx Auffassung die unterschiedlichen Glieder einer Totalität. Die Distribution sei nicht nur die Verteilung der Produkte, sondern auch der Produktionsinstrumente, sowie der Individuen unter bestimmte Produktionsformen. Auch der Austausch für den privaten Konsum sei nur scheinbar unabhängig von der Produktion, sondern von dieser bestimmt aufgrund von Arbeitsteilung, Privatproduktion, sowie Entwicklung und Gliederung der Produktionsverhältnisse, z.B. zwischen Stadt und Land.

Somit sei die Produktion bestimmend, sie „greift über, sowohl über sich in der gegensätzlichen Bestimmung der Produktion, als über die andren Momente. Von ihr beginnt der Prozeß immer wieder von neuem“. Andererseits werde die Produktion „in ihrer einseitigen Form“ von den anderen Elementen bestimmt.

Die Methode der politischen Ökonomie

Marx untersucht die Beziehung zwischen konkreten und abstrakten Kategorien in der Ökonomie. Dabei geht er auf das Problem der richtigen Reihenfolge in Forschung und Darstellung ein. Der Weg von der konkreten Bevölkerung, über Klassen, Lohnarbeit und Kapital, hin zu immer abstrakteren Begriffen wie Austausch, Arbeitsteilung, Preis sei von den Ökonomen des 17. Jahrhunderts beschritten worden. Die wissenschaftlich richtige Methode steige umgekehrt von dem Einfachen, wie Arbeit, Teilung der Arbeit, Bedürfnis, Tauschwert, auf bis zum Staat, Austausch der Nationen und Weltmarkt. Hierdurch werde das Konkrete aber lediglich gedanklich reproduziert. Die konkrete Wirklichkeit als Resultat des Denkens aufzufassen sei dagegen eine Illusion, welche Marx Hegel vorwirft: „Hegel fängt die Rechtsphilosophie richtig mit dem Besitz an, als der einfachsten rechtlichen Beziehung des Subjekts. Es existiert aber kein Besitz vor der Familie oder Herrschafts- und Knechtsverhältnissen, die viel konkretre Verhältnisse sind.“

Die Abstraktion der Kategorie besitzt selbst historische Voraussetzungen. Zum Beispiel scheine Arbeit eine ganz einfache und in ihrer Allgemeinheit uralte Kategorie, welche aber erst ökonomisch verwirklicht werde in der modernsten bürgerlichen Gesellschaft, den Vereinigten Staaten, in welcher die Individuen mit Leichtigkeit die Arbeit wechseln, und ihnen die bestimmte Art der Arbeit zufällig, und daher gleichgültig sei. Somit sei die Abstraktion der für alle Epochen gültigen Kategorien ein Produkt historischer Verhältnisse, nur für und innerhalb dieser seien die Kategorien voll gültig.

Die Kategorien zum Verständnis der bürgerlichen Gesellschaft gewährten zugleich Einsicht in die der untergegangenen Gesellschaftsformen, mit deren Trümmern und Elementen sie sich aufgebaut haben. Im Vergleich mit den vorherigen Gesellschaften seien die Kategorien in der derzeitigen jedoch immer in wesentlichem Unterschied entwickelt, verkümmert oder karikiert. Marx benutzt die Metapher: „Die Anatomie des Menschen ist ein Schlüssel zur Anatomie des Affen. Die Andeutungen auf Höheres in den untergeordneten Tierarten können dagegen nur verstanden werden, wenn das Höhere selbst schon bekannt ist.(…) Man kann Tribut, Zehnten etc. verstehn, wenn man die Grundrente kennt. Man muß sie aber nicht identifizieren.“

Eine Gesellschaft sei nur unter ganz bestimmten Umständen fähig, sich selbst zu kritisieren, ansonsten betrachte sie ihre Vorgänger einseitig als Stufen einer historischen Entwicklung zu sich selbst: „Die christliche Religion war erst fähig, zum objektiven Verständnis der früheren Mythologien zu verhelfen, sobald ihre Selbstkritik zu einem gewissen Grad, sozusagen δυνάμει fertig war. So kam die bürgerliche Ökonomie erst zum Verständnis der feudalen, antiken, orientalen, sobald die Selbstkritik der bürgerlichen Gesellschaft begonnen.“

Marx hält für jede historische, soziale Wissenschaft fest, „daß, wie in der Wirklichkeit so im Kopf, das Subjekt, hier die moderne bürgerliche Gesellschaft, gegeben ist und daß die Kategorien daher Daseinsformen, Existenzbestimmungen, oft nur einzelne Seiten dieser bestimmten Gesellschaft, dieses Subjekts ausdrücken und daß sie daher auch wissenschaftlich keineswegs da erst anfängt, wo nun von ihr als solcher die Rede ist.“

Im letzten Kapitel der Einleitung äußert sich Marx auch zum ungleichen Verhältnis der Entwicklung der materiellen Produktion zur künstlerischen. Bestimmte Kunstformen könnten nicht mehr produziert werden, sobald eine Gesellschaft in die Kunstproduktion als solche eintritt: „Ist Achilles möglich mit Pulver und Blei? Oder überhaupt die ‚Iliade‘ mit der Druckerpresse und gar Druckmaschine? Hört das Singen und Sagen und die Muse mit dem Preßbengel nicht notwendig auf, also verschwinden nicht notwendige Bedingungen der epischen Poesie?“

Den Genuss, welchen die griechische Kunst in der Moderne bietet, erklärt Marx aus dem Bewusstsein von der Unumkehrbarkeit der gesellschaftlichen Fortentwicklung: „Ein Mann kann nicht wieder zum Kind werden, oder er wird kindisch. Aber freut ihn die Naivetät des Kindes nicht, und muß er nicht selbst wieder auf einer höhern Stufe streben, seine Wahrheit zu reproduzieren? Lebt in der Kindernatur nicht in jeder Epoche ihr eigner Charakter in seiner Naturwahrheit auf? Warum sollte die geschichtliche Kindheit der Menschheit, wo sie am schönsten entfaltet, als eine nie wiederkehrende Stufe nicht ewigen Reiz ausüben? Es gibt ungezogne Kinder und altkluge Kinder. Viele der alten Völker gehören in diese Kategorie. Normale Kinder waren die Griechen. Der Reiz ihrer Kunst für uns steht nicht im Widerspruch zu der unentwickelten Gesellschaftsstufe, worauf sie wuchs. Ist vielmehr ihr Resultat und hängt vielmehr unzertrennlich damit zusammen, daß die unreifen gesellschaftlichen Bedingungen, unter denen sie entstand und allein entstehn konnte, nie wiederkehren können.“ 2

Joseph A. Schumpeter: Capitalism, socialism and democracy. Harper, New York/London 1942; 3. Auflage ebd. 1950 – deutsch: Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie. Übersetzt von Susanne Preiswerk. Einleitung von Edgar Salin. Francke, Bern 1946; 2. erweiterte Auflage ebd. 1950; 3. Aufl. 1972, ISBN 3-7720-0917-4

Sehen wir uns die verschiedenen Formen der sich ausbreitenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung an:

Die industrielle Revolution war mit grundlegenden Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich verbunden, die in dem Ausdruck Kapitalismus begrifflich zusammengefasst wurden. Darin zeigt sich die Bedeutung, die den investiven Mitteln für die Umsetzung technischer Innovationen im Transportwesen und in den zu errichtenden Fabriken sowie bei der Finanzierung des Lebensunterhalts größerer Lohnarbeiterbelegschaften zukam. Zu den Bedingungen einer diesbezüglichen Kapitalakkumulation und -verwendung gehörte auch eine Mentalität auf Seiten der Unternehmer, die dem entsprach und Vorschub leistete.

Weltanschaulich-theoretische Grundlagen

Außer der Ermittlung sachlich-objektiver Bedingungen der Industriellen Revolution haben Historiker und Soziologen sich auch der Frage angenommen, von welchen zeitgenössischen Bewusstseinskomponenten der Eintritt in ein neues Wirtschaftszeitalter begleitet bzw. bestimmt war. Werner Sombart und Max Weber – in seinem Werk „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ – haben dazu die oft zitierte Auffassung entwickelt, dass bestimmte protestantische Glaubensgemeinschaften wie Calvinisten, Puritaner und Quäker es waren, die dem Geist des Kapitalismus vorgearbeitet haben. Bei ihnen war die Prädestinationslehre in einer Ausrichtung maßgeblich, in der die Gottgefälligkeit der menschlichen Existenz sich im wirtschaftlichen Erfolg eines auf beruflichen Fleiß, auf Sparsamkeit und Sittenstrenge gegründeten Lebens zeigte.

„Die innerweltliche protestantische Askese […] wirkte also mit voller Wucht gegen den unbefangenen Genuß des Besitzes, sie schnürte die Konsumtion, speziell die Luxuskonsumtion, ein. Dagegen entlastete sie im psychologischen Effekt den Gütererwerb von den Hemmungen der traditionalistischen Ethik, sie sprengte die Fesseln des Gewinnstrebens, indem sie es nicht nur legalisierte, sondern (in dem dargestellten Sinn) direkt als gottgewollt ansah.“[46]

Die volle ökonomische Wirkung dieser im 17. Jahrhundert insbesondere von Richard Baxter verbreiteten Lehre entfaltete sich, so Max Weber, erst nach dem Abflauen des rein religiösen Enthusiasmus’. An der Wiege des modernen Wirtschaftsmenschen habe die an innerweltliche Askese gebundene puritanische Lebensauffassung gestanden:

„Mit dem Bewußtsein, in Gottes voller Gnade zu stehen und von ihm sichtbar gesegnet zu werden, vermochte der bürgerliche Unternehmer, wenn er sich innerhalb der Schranken formaler Korrektheit hielt, sein sittlicher Wandel untadelig und der Gebrauch, den er von seinem Reichtum machte, kein anstößiger war, seinen Erwerbsinteressen zu folgen und sollte dies tun. Die Macht der religiösen Askese stellt ihm überdies nüchterne, gewissenhafte, ungemein arbeitsfähige und an der Arbeit als gottgewolltem Lebenszweck klebende Arbeiter zur Verfügung.“

Auf das Industrieproletariat ließ sich anwenden, was als Calvin-Zitat häufig wiederholt wurde: das nur, wenn das Volk arm erhalten werde, es Gott gehorsam bleibe.                   Adam Smith

Das wirtschaftstheoretische Fundament für das Zeitalter des industriellen Kapitalismus legte der schottische Moralphilosoph Adam Smith mit seiner 1776 erschienenen Schrift „Der Wohlstand der Nationen“ (Originaltitel: An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations), die zudem für die klassische Nationalökonomie wegweisend wurde. Das individuelle Profitstreben jedes einzelnen am Wirtschaftsleben Beteiligten sorgte demnach wie von unsichtbarer Hand gesteuert dafür, den allgemeinen Wohlstand bestmöglich zu fördern:

„Da nun aber der Zweck jeder Kapitalanlage Gewinnerzielung ist, so wenden sich die Kapitalien den rentabelsten Anlagen zu, d. h. denjenigen, in denen die höchsten Gewinne erzielt werden. Indirekt wird aber auf diese Weise auch die Produktivität der Volkswirtschaft am besten gefördert. Jeder glaubt nur sein eigenes Interesse im Auge zu haben, tatsächlich aber erfährt so auch das Gesamtwohl der Volkswirtschaft die beste Förderung…. Verfolgt er nämlich sein eigenes Interesse, so fördert er damit indirekt das Gesamtwohl viel nachhaltiger, als wenn die Verfolgung des Gesamtinteresses unmittelbar sein Ziel gewesen wäre. Ich habe nie viel Gutes von denen gesehen, die angeblich für das allgemeine Beste tätig waren. Welche Kapitalanlage wirklich die vorteilhafteste ist, das kann jeder einzelne besser beurteilen als etwa der Staat oder eine sonstwie übergeordnete Instanz.“[49]

Die Rolle des Staates bestimmte Smith im Anschluss an John Locke und im Gegensatz zum Leviathan von Thomas Hobbes zurückhaltend. Die staatlichen Zuständigkeiten sah er anders als im Merkantilismus darauf beschränkt, die äußere Sicherheit des Gemeinwesens zu erhalten, das Privateigentum und ein stabiles Rechtssystem für die Bürger zu gewährleisten sowie für eine funktionierende Verkehrsinfrastruktur, öffentliche Ordnung und das Bildungswesen zu sorgen. Die auf freie unternehmerische Entfaltung gerichtete wirtschaftsliberale Lehre von Adam Smith begünstigte dergestalt ein mit den industriellen Produktionsverhältnissen harmonierendes Bürgertum:

„Die Industrie eines Landes kann sich nur in dem Maße vermehren, als das Kapital zunimmt, und das Kapital nimmt nur in dem Maße zu, als nach und nach aus dem Einkommen gespart wird. Kapitalbildung und Industrieentfaltung müssen in einem Lande dem natürlichen Gang der Entwicklung überlassen bleiben. Jede künstliche wirtschaftspolitische Maßnahme lenkt die produktiven Kräfte der Arbeit und auch die Kapitalien in eine falsche Richtung.“

Karl Marx entwickelte seinerseits seine Theroie über den gerade entstehenden Kapitalismis in Form einet fundamentalen „Kritik der politischen Ökonomie“. Dies beinhaltet einerseits die Analyse der Warenform, des Werts, des Kapitals und der kapitalistischen Produktions- und Distributionsverhältnisse, in welche die Produktion des gesellschaftlichen Reichtums in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft eingebettet ist.

vor 1891: Frühkapitalistisches Anfänge  in Deutschland unter der Führung des jeweiligen Fürsten bzw. Königs. Die Herrscher führte mehr oder weniger Kriege zur Eroberung neuer Territorien mit neuer kostenloser Untertanen und ihrem Grund und Boden sowie neueren handwerklichen Fähigkeiten

1891-1918:  Die Gründung des deutschen Kaiserreiches unter Führung des Kaisers Wilhelm I. hatte die gewünschte nationale Ausdehnung der Wirtschaft zur Folge, die die erste industrielle Explosion hauptsächlich im Rheinland zur Folge hatte. Diese bezog sich in erste Linie auf die Produktion von Kriegs-und Handelsschiffen, mit denen das Deutsche Kaiserreich dem Vorsprimng der in erster Linie von der britischen Flotte und dann von der französische spanischen Armada bereits vollzogenen Kolonialisierung asiatischer und afrikanischer Länder hinterher eilen wollte. Das deutsche Kaiserreich wollte auch zu einer wirtschaftlichen und militärischen Großmacht werden.

Dieser Konkurrenzkampf zwischen den Grossmächten spitzte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts so weit zu, dass nach dem Fürstenmord von Sarajewo 1914 der deutsche Kaiser Wilhelm III. dann am 1. August 1914 den Krieg gegen England, Frankreich und Russland erklärte. Der kaiserlich deutsche Größenwahn im Reichstag  von der dort gut vertretenen Sozialdemokratischen Arbeiterpartei mehrheitlich durch die Zustimmung zum Kriegskredit unterstützt.

2.1 – Resumé der gesellschaftlichen Entwicklung des Menschen

Aus der ersten menschlichen Gemeinschaft der Jäger und Sammler, die kollektiv hauptsächlich durch ausreichenden Nahrungserwerb für die Befriedigung des Selbsterhaltungstriebes eines jeden Gemeinschaftsmitgliedes sorgte, entwickelte sich im Verlaufe von Jahrhunderten die Urgesellschaft der Ackerbauern und Viehzüchter. Die Gemeinschaftsteilnehmer wurden ansässig. Die Bearbeitung des Ackerbodens und die Züchtung, Fütterung und Nutzung der Tiere führten zu einer Arbeitsteilung mit  einer Spezialisierung der Fähigkeiten und Kenntnisse der einzelnen Gemeinschaftsmitglieder. Die aus der Urgesellschaft übernommenen  Gewohnheiten des gemeinschaftlichen Erwerbs und der gemeinschaftlichen Verbrauchs der Nahrung in der Gemeinschaft konnten auf Grund der Arbeitsteilung und der unterschiedlichen Qualität und Quantität der der in beiden Bereichen erzeugten Nahrungsmittel konnten nicht mehr eingehalten werden.

In der zahlenmäßig größer gewordenen Gemeinschaften, die Familien, Stämme und Völkerschaften, entwickelten sich aufgrund der Arbeitsteilung auch die verschiedenen Bedürfnisse der Individuen auf die von den Anderen geernteten bzw. erzeugten Produkte – Getreide, Gemüse, Milch, Eier und Fleisch. Bestimmte andere Bedürfnisse, wie Bekleidung, Schuhe und warme Behausungen wurden von mehr und mehr von speziellen Handwerkern hegestellt. Diese und auch die Ackerbauern und die Viehzüchter in erster Linie das, was wir heute Handwerker nennen, die besseres Werkzeug und auch bessere Ausstattung sowohl der Hütten als auch der Unterbringungsmlglichkeiten des Viehs.

Diese zivilisatorische Entwicklung führte schießlich auch zu immer größer werdenden Gemeinschaft. Es entstanden gesellschaftliche Regeln, die die Zusammenarbeit effektiver und ökonomischer werden liess.

Unabhängig davon entsteht Habgier, Gewalttätigkeit und auch der Kampf um die geschaffenen Güter und Ressourcen. Die Stärksten und Klügsten in den Gemeinschaften bestimmen auch schnell den Weg zur Gewinnung neuer Ländereien und Quellen..

Die Stärksten schaffen mit Gewalt  durch Überfall auf die Nachbarvölker, um sich zugleich auch mehr Grund und Boden anzuschaffen und für dessen Bearbeitung auch kostenlose Arbeiter in Form der Sklaverei sich untertan zu machen.

Die Entwicklung der nächsten Gesellschaft – der Feudaladel /Feudalismus ca. 500 bis 1400 n.J.C. – läst eine Ordnung entstehen, die die Machtstellung entweder friedlich in der Familie des Herrschenden weitergibt, oder durch Kriege zwischen den Nachbarn der Herrschenden entschieden wird. Zugleich entwickelt sich die Fähigkeit der Produktion neuer Waren, die das Leben der Herrschenden verbessert, aber dabei die Beherrschten weiter in die Armut gleiten lässt.

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