Wirtschaftslehre

„Wir wissen, dass sie scheitern werden…“

Interview mit Mercdes Marcó del Pont, in „neues deutschland“, Berlin, 23./24.11.2013, S. 21

Häufig wird gesagt, dass die Wirtschaft der »Motor des Lebens« ist. Teilen Sie diese Auffassung?

So würde ich das nicht sagen. Ich habe Wirtschaft studiert, weil ich sozial sehr interessiert war. Die Wirtschaft habe ich immer als ein Instrument gesehen. Und man muss sie so nehmen, wie sie ist, nämlich eindeutig als eine Sozialwissenschaft, obwohl sie für lange Zeit quasi als Naturwissenschaft behandelt wurde. Außerdem ist es wichtig, den ursprünglichen Sinn der Wirtschaftswissenschaften zurück zu erobern: Über Wirtschaftspolitik im Dienste politischer definierter Projekte nachzudenken.

Sie verstehen somit die Wirtschaft nur in Verbindung mit der Politik. Die Politik würde die Richtung in der Wirtschaft angeben.

Genau so ist es. Und der wichtigste Punkt des politischen Projektes, das Néstor Kirchner zu Beginn seiner Präsidentschaft 2003 initiierte, dreht sich genau darum. Er änderte von Grund auf das Konzept, das seit der Diktatur (1976-83) herrschte, als die Ökonomen über die Zukunft unserer Nation bestimmten. Auf jeden Fall war damals die Politik Diener dieser Technokratie, die in letzter Instanz sehr konkrete wirtschaftliche Interessen repräsentierte. Das politische Projekt hat die Wirtschaft dagegen dahin gestellt, wo sie hingehört: als Teil der Gesellschaft, wo neben den wirtschaftlichen, auch die sozialen und kulturellen Aspekte gleichrangig integriert werden.

Trotzdem wird vielfach behauptet, dass die Wirtschaft ein neutrales, eigenständiges Feld ist und ihre Unterwerfung unter politische Maßgaben eher schadet. Die beste Wirtschaftspolitik macht der Markt, wird in Europa oft argumentiert.

Diese Auffassung findet sich in keinem anderen Bereich so deutlich wie beim Handeln der Zentralbanken in Europa, angefangen von der Europäischen Zentralbank. Das verwundert mich angesichts dessen, dass die Krisenanalysen fortschreiten und die politischen Maßnahmen mehr oder weniger verpuffen. Im Gegenteil: Die Austeritätspolitik verschlechtert die Situation und macht es immer schwieriger, noch einen Weg aus der Krise zu finden. Trotzdem hält man in Europa an der monetaristischen Geld- und Finanzpolitik fest, um die Entscheidungen der Bankiers nicht durch politische Vorgaben zu beeinflussen. Diese Neutralitätsposition ist lebendiger denn je. In verschiedenen Momenten haben wir Zentralbanker sagen gehört: »Wir müssen stark bleiben und dem Druck, der von den Politikern kommt, standhalten.« Der Druck kommt aber viel stärker aus der Bevölkerung in den gebeutelten Ländern, die einen anderen Kurs fordern.

Was bedeutet es, Wirtschaftspolitik in einem Land wie Argentinien zu machen, in einen Kontext von Südamerika im Wandel und in einer Welt in der Krise?

Das bedeutet mit der Zentralbank eine Wirtschaftspolitik im Rahmen eines politischen, wirtschaftlichen und sozialen Projektes zu machen. Und dieses hat sich um 180 Grad in Bezug auf die Wirtschaftspolitik gedreht. In der Diktatur 1976-83 und bis zum Zusammenbruch der Dollar-Peso-Konvertibiliät 2001 wurde ein neoliberales Modell verfolgt. Diese Dollar-Peso-Konvertibiliät wurde 1991 von Domingo Cavallo, dem einstigen Zentralbankchef aus Diktaturzeiten und späteren Wirtschaftsminister unter Präsident Carlos Menem (1989-99) festgezurrt. In unserem Modell geht es darum, dass der Staat wieder die Führungsrolle bei der Akkumulation und der Verteilung des Reichtums in Argentinien erlangt. Ein Modell, wo nicht die Spekulation auf den Finanzmärkten sondern die Produktion im Vordergrund steht. Es bedeutet, den Binnenmarkt ins Zentrum des Wachstums zu rücken. Der Binnenmarkt schafft Arbeit und Einkommen. Das wird im Rahmen einer internationalen Krise, bei der es an globaler Nachfrage mangelt, um so wichtiger. Die Krise, wie sie die Industrieländer gerade erleben und wir sie vorher erlebt haben, ist eine tiefe Krise von mangelnder Nachfrage. Sie hängt zu einem großen Teil mit dem Verlust bei den Realeinkommen der Arbeiter zusammen, bei den einkommensschwachen Sektoren und damit, dass die Spekulation auf den Finanzmärkten gegenüber der Realwirtschaft Vorrang hat. Deswegen war es sehr revolutionär, dass Argentinien unter Néstor Kirchner Ende 2005 seine Schulden beim Internationalen Währungsfonds (IWF) auf einen Schlag beglichen hat, um eine unabhängige Politik betreiben zu können. So konnte Argentinien neue politische und soziale Maßnahmen unternehmen, die genau dem Gegenteil der Empfehlungen der internationalen Organisationen wie dem IWF entsprechen. Genau solche Empfehlungen werden aber gerade den südeuropäischen Krisenländern derzeit wieder verordnet. Außerdem darf man nicht ignorieren, dass die Weltwirtschaft seit 2008 nur deswegen nicht noch weiter in der Rezession versank, weil die Schwellenländer mit ihrem Wachstum gegensteuerten …

Die große Nachfrage nach den natürlichen Ressourcen haben den sogenannten Rückenwind verursacht. Aber auch wenn die natürlichen Ressourcen die große Stärke der Region sind, können sie auch zu ihrer Tragödie werden, oder?

Genau. Beispiele für den Ressourcenfluch gibt es viele. Deshalb legen wir in den vergangenen zehn Jahren so großen Wert nicht nur auf das Wachstum an sich, sondern auf das Wie: einen guten Binnenmarkt entwickeln; die Konsumkapazität durch mehr Beschäftigung und höhere Löhne zu erweitern. Aber vor allem sind wir sehr darauf bedacht, die Produktionsstruktur umzubauen. Unsere Präsidentin Cristina Kirchner ist nahezu besessen davon, die Verarbeitung der Rohstoffe im Land voranzutreiben, um mehr Wertschöpfung im Land zu behalten. Dafür müssen wir Technologie und Know-how in die Wertschöpfungskette integrieren. Denn dieser »Rückenwind« der steigenden Rohstoffpreise, der vielfach als die Rettung für unsere Länder in den Handelsaustauschverhältnissen gepriesen wurde, aber auch im Sinne, dass das internationale Kapital deswegen hier investiert –, dieser Rückenwind ist mit Vorsicht zu genießen. Wird der Rückenwind nicht gut für die eigene Wirtschaft genutzt, kann er sich vom Segen zum Fluch wandeln.

Derzeit gibt es wegen der lockeren Geldpolitik von USA und Europäischer Zentralbank eine exzessive Liquidität auf den Finanzmärkten. Wie lässt sich dort die Spekulation eindämmen?

Argentinien hat politische Maßnahmen ergriffen, um den negativen Effekten des »Rückenwinds« entgegenzuwirken. Ich nenne zwei davon. Einmal, die Abgaben. Wir belegen unsere Exportagrarproduktion mit Abgaben, um zu verhindern, dass hohe Weltmarktpreise für Agrargüter auf den Binnenmarkt zurückschwappen und die Preise treiben. Aber auch, um die wegen der hohen Rohstoffpreise teilweise exorbitante Rentabilität in der Landwirtschaft mit der Industrie ins Gleichgewicht zu bringen. Damit wollen wir erreichen, dass wir keine einseitige Ausrichtung auf die Landwirtschaft bekommen, sondern gleichzeitig die Industrie stärken, um nicht nur von unseren natürlichen Ressourcen abhängig zu sein. Die zweite Maßnahme, die ich nennen will, stammt aus dem Jahr 2004. Damals war Argentinien Pionier bei der Regulierung kurzfristiger Kapitalzuflüsse, die häufig spekulativer Natur sind. In den vergangenen zwei Jahren, nach der Verschlimmerung der internationalen Krise, sind viele Länder unserem Beispiel gefolgt und haben begonnen, direkt oder indirekt den Zufluss von kurzfristigem Kapital zu kontrollieren. Wir machen es seit neun Jahren. Wir haben gesagt, dass wir kein spekulatives Finanzkapital im Lande wollen, sondern Kapital, das zum Investieren in die Realwirtschaft kommt. Und wir versuchen, dieses Kapital in die Bereiche mit der höchsten Wertschöpfung und dem höchsten Technologieniveau zu lenken.

Was könnte Europa von Ländern wie Argentinien lernen?

Zum Beispiel, dass wir die Weltwirtschaftskrise seit 2008 ohne Vernichtung von Arbeitsplätzen überstanden haben, ohne die Zerstörung von Produktionsstrukturen. Wir haben aus den uns oktroyierten Strukturanpassungsprogrammen der 80er und 90er Jahre gelernt, als unser Land einer der extremsten Schocktherapien unterzogen wurde. Nun sehen wir dieselben angebots- statt nachfrageorientierten Politiken in Europas Krisenländern. Es mag hochmütig klingen, wenn wir sagen »wir wissen, dass sie scheitern werden …« Aber wir dürfen das sagen, da wir dasselbe erlebt und durchlitten haben. Und man muss kein Ökonom sein, um zu erkennen, dass viele europäische Länder ernsthafte Probleme mit der Staatsverschuldung haben, seit die privaten Banken durch die Staaten gerettet wurden. Nun haben sie durch die Rettungspolitik Fiskalprobleme, weil sie die Stärken, die ein Land bewegen können, außer Acht gelassen haben: die Unternehmen, die Produzenten, die Arbeiter … Deshalb ist es notwendig, nachfrageorientierte Politik zu betreiben. Die Geldpolitik allein reicht dafür nicht. Die Geldpolitik hat ihre Grenzen, es bedarf zudem einer Fiskalpolitik. Das ist wesentlich. Vielleicht ist die Haupterkenntnis aus unserer Erfahrung, dass all diese konventionellen Politiken und orthodoxen Maßnahmen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden, wie das Senken der Löhne, oder die Flexibilisierung der Arbeitsbedingungen … also, all diese Sachen haben wir schon erlebt. Sie haben uns schließlich in den Zusammenbruch in den Jahren 2001-2002 geführt. Wir haben ein Jahrzehnt gebraucht, um das mit Strukturreformen zu korrigieren.

Übersetzung: Raquel Sutter

Eine Ökonomie jenseits des Wachstums

Die Klima-, Ressourcen- und die aktuelle Finanzkrise belegen das Scheitern des auf Wachstum und Fremdversorgung basierenden Wohlstandsmodells. Zeit zum Innehalten: Anstelle eines expansiven „Weiter-so“ bietet sich das Konzept der Postwachstumsökonomie an, die zwar bescheiden dimensioniert, aber langfristig stabil ist.

veröffentlicht : EINBLICKE Nr. 49 / FRÜHJAHR 2009 – CARL VON OSSIETZKY UNIVERSITÄT OLDENBURG
http://www.postwachstumsoekonomie.de/html/paech_okonomie-jenseits.html

Zum Verhältnis von Geschichte und Ökonomie

von Gerhard Senft

Wer keine Erinnerung hat, hat keine Zukunft. Primo Levi

Die Ausformung des modernen ökonomischen Denkens ist bekanntlich eng mit dem Werk des schottischen Philosophen und Wirtschaftstheoretikers Adam Smith verbunden. In seinem Hauptwerk „An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations“ von 1776 versucht er, die Ursachen und Besonderheiten der wirtschaftlichen Entwicklung in einer langfristigen historischen Perspektive zu analysieren. Es ist daher in keiner Weise übertrieben, Adam Smith und sein Werk sowohl mit der Entstehung der modernen Ökonomie als auch mit dem Beginn der Wirtschaftsgeschichte als Wissenschaft zu verknüpfen. Im Zuge der Entwicklung der Wirtschaftswissenschaften kam die ursprünglich vorhandene Einheit von Nationalökonomie und Wirtschaftsgeschichte allerdings zunehmend abhanden. Die innere Logik der wirtschaftlichen Verhältnisse rückte in den Mittelpunkt theoretischer Betrachtungen, so dass die historische Komponente ins Hintertreffen geriet. Von David Ricardo bis zu Léon Walras zieht sich die Entwicklungslinie hin zu einer durch abstrakte Modellkonstruktionen geprägten neoklassischen Theorie. Die Ausdifferenzierung der Wirtschaftsgeschichte als selbständiges Fach, ihre Verankerung als akademische Disziplin an den Universitäten im 19. bzw. 20. Jahrhundert war unzweifelhaft mit Vor- aber auch mit Nachteilen verbunden. Im Rahmen der Wirtschaftsgeschichte wurde es möglich, eigene Paradigmen zu entwickeln – etwa Ökonomie als „ethische Wissenschaft“ (Gustav Schmoller) zu behandeln,  Metatheorien z. B. über die „Entwicklung des Kapitalismus“ (Werner Sombart) oder über den „okizidentalen Rationalismus“ (Max Weber) herauszubilden – der Preis jedoch war der Verlust der Einheit der Wirtschaftsgeschichte mit der Volkswirtschaftslehre.

   Diese Separierung blieb nicht unumstritten. Karl Marx setzte in Anlehnung an klassische Positionen bewusst auf die Verbindung ökonomischer Modellvorstellungen mit prozessorientierten und entwicklungstheoretischen Ansätzen. Die in ihrer Wirksamkeit keineswegs auf Deutschland beschränkte Historische Schule wandte sich grundsätzlich gegen die Aufstellung von räumlich und zeitlich invarianten Wirtschaftsgesetzen und wies auf die besondere Zugkraft von Tradition und geschichtlicher Bedingtheit hin. Skeptische Beurteilungen hinsichtlich der neoklassisch ausgerichteten „mainstream-economy“ sind im angelsächsischen Raum vor allem beim US-amerikanischen Institutionalismus zu finden. Es sollte auch nicht vergessen werden, dass es der prominente britische Ökonom Alfred Marshall war, der die fehlende Geschichtsausrichtung in der herrschenden Ökonomie kritisierte und der zu einer Neuorientierung des ökonomischen Forschungsprogramms aufrief.[1]

Der Stellenwert der Wirtschaftsgeschichte

Die Wirtschafts- und Sozialgeschichte – wie wir sie heute vorfinden – erscheint im Hinblick auf Forschungsperspektiven, Interessenschwerpunkte und Methodenfragen mit mehreren wissenschaftlichen Kulturen verbunden: neben der Geschichte und der Volkswirtschaftslehre auch mit der Soziologie und der Philosophie sowie mit der Politikwissenschaft. Der Kern ihres methodischen Paradigmas, die Kombination von Theorieeklektizismus und Quellenkritik, prädestiniert sie ohne Zweifel für eine integrative Funktion im Spannungsfeld von Kultur- und Geisteswissenschaften einerseits sowie Sozial- und Wirtschaftswissenschaften andererseits.

   Wenn im Jahr 1993 zwei Wirtschaftshistoriker aus den Vereinigten Staaten, Douglass C. North und Robert Fogel, mit dem Nobelpreis für Ökonomie ausgezeichnet wurden, so unterstrich diese Ehrung zweifellos den Stellenwert der Wirtschaftsgeschichte im internationalen wissenschaftlichen Diskurs. Es wäre allerdings heute verfehlt, die Augen davor zu verschließen, dass seit geraumer Zeit eine spürbare Enthistorisierung gemäß dem Motto „Wozu noch Geschichte?“ im wissenschaftlichen Bereich im Gange ist. An jenen Forschungsstätten, wo öffentliche Aufwendungen massiv reduziert werden und der Sparstift rigoros zur Anwendung kommt, verschärfen sich die Rivalitäten, die Kämpfe um Ressourcen oder personelle Ausstattung nehmen zu, und die Frage nach der Entbehrlichkeit des einen oder anderen Faches ist rasch gestellt. Die akute Bedrohung durch die Schließung von Lehrstühlen betrifft nicht alleine die Wirtschafts- und Sozialgeschichte.

   Im Gefolge der Epochenwende von 1989/91 hatte Francis Fukuyama, damals Vize-Direktor des Planungsstabes im US-Außenministerium und ein bekennender Hegelianer, vom „Ende der Geschichte“ gesprochen. Er meinte damit den Erfolg der weltweiten „liberalen Revolution“, die nach dem Zusammenbruch der meisten totalitären Diktaturen zwar ihr Ziel noch nicht vollständig erreicht hatte, ihm aber doch sehr nahe gekommen schien.[2] Tatsächlich ist es jedoch so, dass heute vieles für eine „Wiederkehr der Geschichte“ spricht. Man denke nur an die Renaissance aggressiver Nationalismen, die das östliche und südöstliche Europa nach dem Fall der Berliner Mauer erlebte. Die Ökonomisierung aller Bereiche des menschlichen Daseins und die dadurch ausgelösten gesellschaftlichen Desintegrationsprozesse rufen Erinnerungen an die Ideologie des Manchesterliberalismus des 19. Jahrhunderts wach. Das „Soziale Kapital“, das auf dem Vertrauen in funktionierende gesellschaftliche Strukturen und Bindungen gründet, ist gegenwärtig einem immer rasanteren Verfall ausgesetzt. Rund ein Viertel der Weltbevölkerung, stellt Cees J. Hamelink in seinem Buch „The Ethics of Cyberspace“ fest, profitiert nicht vom globalen wirtschaftlichen Wachstum und lebt unter Bedingungen, die sich, verglichen mit denen der späten 1980er Jahre, eindeutig verschlechtert haben. Hamelinks Einschätzung: „The globalization of the new world order is characterized by social Darwinism and fragmentation. … The proponents of the new order readily claim the process is democratic and supports global harmony and prosperity. The promotional language suggests that a free global market represents people’s best interests. The promise that global trading in an deregulated global market leads to unprecedented prosperity to all, does not explain why in the real world the development of prosperity is highly uneven; why in fact poverty and inequality are worsening …“[3] Nicht zuletzt hat sich auch die Spirale der Gewalt sich nach dem Ende des Kalten Krieges um ein unvorstellbares Ausmaß weitergedreht.

   Man ist heute geneigt zu behaupten, dass der sinngebenden Verwertung eines reichhaltig vorhandenen Geschichtswissens nach 1989 ein breiter Boykott entgegengestanden ist. In Erinnerung zu rufen ist daher in diesem Zusammenhang jenes Urteil, zu dem der Soziologe und Strukturanalytiker Klaus Eder in seiner Studie „Geschichte als Lernprozess“? gelangt: „Das Kriterium für das Gelingen von Lernprozessen ist die Fähigkeit, sich selbst korrigieren zu können. Wo diese Fähigkeit eingeschränkt oder blockiert wird, haben wir es mit pathologischen Lernprozessen zu tun.“[4]

Geschichtslose Entwicklung?

Betrachten wir nur einmal den technoökonomischen Wandel im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts. Das herausragendste Merkmal dieser Entwicklungsphase war unzweifelhaft der Aufstieg der neuen Technologien in Verbindung mit der Globalisierung der Wirtschaft. Den Anfängen in der Mikrocomputer-Industrie Mitte der 1970er Jahre war eine ungeahnte Revolution auf dem technischen Sektor gefolgt. Der Personalcomputer verfügte über eine gesteigerte Leistungsfähigkeit und seine Anwendungsmöglichkeiten vervielfachten sich. Ein zu Beginn der 1990er Jahre hergestellter Arbeitsplatzrechner verfügte bereits über die Leistungsstärke eines fünf Jahre zuvor in Betrieb genommenen IBM-Großrechners. Während 1960 die Durchschnittskosten der Informationsverarbeitung für eine Million Operationen rund 75 US-Dollar betragen hatten, machten sie 1990 weniger als ein Hundertstel eines amerikanischen Cent aus.[5]

   Es waren mehrere miteinander verknüpfte politische Strategien, die eine Ausweitung der Globalisierung zum Ziele hatten: Die Deregulierung der Binnenmarktaktivitäten, die Liberalisierung des internationalen Handels und der Investitionsaktivitäten sowie die Privatisierung öffentlicher Unternehmen. Die ersten Weichenstellungen in Richtung Globalisierung begannen am amerikanischen Kontinent Mitte der 1970er Jahre, der Wandel erfasste wenig später mit Großbritannien den europäischen Raum und griff auf in der Folge auf das internationale Wirtschaftssystem über. Zentrale Akteure bei der Schaffung einer neuen, globalen Wirtschaft waren die Staatsführungen, insbesondere die Regierungen der reichsten Länder (der so genannten G 7), sowie ihre Hilfsinstitutionen, der Internationale Währungsfonds, die Weltbank und die Welthandelsorganisation.

   Auf den globalen Finanzmärkten wurde die Bedeutung der neuen Technologien bald erkannt. Wie aus Untersuchungen über das Produktivitätswachstum in den USA hervorgeht, waren die größten Effizienzsteigerungen in der amerikanischen Wirtschaft in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre fast ausschließlich dem Computer-Sektor zuzurechnen, wobei die Ausbreitung des Internet und des e-commerce wesentlichen Anteil hatten. Der Marktwert von Internet-Unternehmen schoss in den 1990er Jahren raketenartig in die Höhe. Jene, die rechtzeitig auf die Verbindung von neuen Technologien und „Datenhighway“ gesetzt hatten, konnten sich als Gewinner fühlen. Der elektronische Handel dehnte sich auf Aktien und Anleihen aus, auf den Finanzmärkten begann sich eine gewisse Goldgräberstimmung breit zu machen. Bald wurden in den Medien die erstaunlichsten Geschichten über rasch anwachsende Reichtümer im Bereich der Technologiebörsen kolportiert. Nach Angaben des „Federal Reserve Boards Survey of Finance“ setzten im Jahr 1989 31,7 Prozent aller amerikanischen Familien auf direkten oder indirekten Aktienbesitz, 1998 waren es bereits 48,8 Prozent.[6] Der Aufbruch an den Finanzmärkten ließ sich auch deutlich anhand der Entwicklung des Dow Jones-Index nachvollziehen. Zwischen Februar 1995 und Oktober 1996 stieg der traditionelle US-Industrie-Aktienindex von 4.000 auf 6.000 Punkte, im Juli 1997 auf 8.000 Punkte, um schließlich im März 1999 die 10.000-Punktemarke zu überschreiten. Nun gab es hinsichtlich der Erwartungen keine Grenzen mehr.

   Festzuhalten ist, dass die letzten Dezennien des 20. Jahrhunderts nicht nur eine Neuformulierung der Kernaufgabe einer kapitalistischen Wirtschaft, nämlich profitträchtige Produkte kurzfristig zu vermarkten, sondern auch eine Neuorientierung des sozialen Lebens brachte: „Die rücksichtslose Durchsetzung des individuellen Vorteils.“[7] Dass mit dem Paradigmenwechsel eine nicht unbeträchtliche Gesellschafts- und Geschichtsfeindlichkeit mitschwang, wird wohl kaum jemanden wirklich überraschen. In seinem Buch mit dem Titel „Microserfs“ (auf deutsch: „Microsklaven“) versuchte der kanadische Kultautor Douglas Coupland die Stimmung der 1990er Jahre eingefangen, wobei er eine seiner zentralen Figuren sprechen ließ: „Wir leben in einer Ära ohne historische Vorläufer – das heißt, die Geschichte hilft uns nicht mehr, die gegenwärtigen Veränderungen zu verstehen. Man kann zum Beispiel nicht anhand des Krieges von 1709 (…) Parallelen zwischen damals und heute ziehen. 1709 gab es keinen Federal Express, kein SkyTel-Pager-System, keine 1-800-Nummern und keine Hüftprothesen – und man hatte damals noch keine Vorstellung davon, wie unsere Planet aus dem Weltraum aussieht.“[8]

Am Beispiel des Goldrauschs

Schon richtig, im Jahre 1709 war auch eine moderne Kriegsführung mit Massenvernichtungswaffen unbekannt, Viehseuchen wie die Bovine Spongiforme Enzephalopathie (kurz: BSE) sind erst mit der industriellen Nutztierhaltung aufgekommen und die Energiegewinnung war für die Menschen noch ohne besonderes Risiko möglich. Aber reichen alle diese Unterschiede aus, sich aus dem historischen Prozess gedanklich ausklinken zu dürfen? In den 1990er Jahren wäre noch einiges aus der Geschichte zu lernen gewesen. Zum Beispiel: War nicht dem „Schwarzen Donnerstag“ vom Herbst 1929, der die große Weltwirtschaftskrise einleitete, ein beachtlicher Börsenboom vorangegangen? Hätte man die Geschichtsbetrachtung noch etwas weiter zurück verlegt, wäre man auch auf den ersten großen Goldrausch in den Vereinigten Staaten gestoßen. Im Jänner 1848 entdeckte der Zimmermann James W. Marshall beim Bau einer Sägemühle am Sacramento River einige Körner Gold. Nach nur wenigen Tagen hatte sich das, was ein paar Eingeweihten vorbehalten bleiben sollte, herumgesprochen, und das große Rennen um das Edelmetall setzte ein. Telegraphen trugen die Nachricht in alle Teile des Landes; als die Kunde nach Europa gelangte, setzten sich unzählige Schiffe in Richtung neuer Welt in Bewegung. Quer über den Kontinent zogen gewaltige Kolonnen, Menschen zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen, mit dem Ziel möglichst rasch reich zu werden. Innerhalb kürzester Zeit wuchs die Stadt San Francisco von 14.000 auf 230.000 Einwohner. Den Umstand, dass der Goldrausch auch schädigende Momente für den Sektor der Realwirtschaft in sich barg, erkannten nur die wenigsten der Zeitgenossen. Die Abwanderung aus anderen Teilen der USA hatte zum Teil verheerende Auswirkungen. Regierungsbeamte verließen ihre Dienststellen, Matrosen ihre Schiffe, Schäfer ihre Herden, Handwerker trennten sich von ihren Werkstätten, Bauern von ihren Farmen. In mancher Zeitungsredaktion musste der Betrieb eingestellt werden. Über Nacht waren ganze Landstriche wie entvölkert, ungeerntet gebliebene Feldfrüchte verfaulten auf den Äckern, Rinder, die nicht mehr gefüttert und gemolken wurden, verreckten auf der Weide, Milch verarbeitende Betriebe wurden geschlossen, wirtschaftlich genutzte Gebäude stürzten ein. In seinen historischen Miniaturen beschreibt Stefan Zweig die Goldgräber als eine „… zügellose, brutale Horde, die kein Gesetz kennt als das der Faust, kein Gebot als das ihres Revolvers … .“[9] Die Zerstörungen rund um die Goldgräbercamps waren ebenfalls beträchtlich: Scheunen wurden eingerissen, um mit dem Material Unterkünfte zu errichten, Felder wurden zerstampft, bei der Goldgewinnung wurden über 7.000 Tonnen Quecksilber freigesetzt, Flüsse und Seen vergiftet. Die hygienischen Bedingungen, unter denen die Goldgräber lebten, waren katastrophal, Ungeziefer breitete sich aus, im Winter 1851 brach sogar eine Choleraepidemie aus. Vor dem Goldrausch hatten über 150.000 Ureinwohner auf dem Gebiet des späteren Bundesstaates Kalifornien gelebt. Bis 1870 sollten nur noch 31.000 übrig bleiben. Über 60 Prozent der Indianer waren an Krankheiten gestorben, die Goldsucher mitgebracht hatten.[10] Zahllose Ureinwohner wurden von ihrem Land vertrieben und massakriert. Kurzum: Reich wurden im Zuge des ersten großen Goldrausches der USA nur einige wenige, Unzähligen aber brachte er weitaus größeren Schaden als Nutzen. 

   Bereits 1850 war der Höhepunkt des ersten amerikanischen Goldrauschs überschritten. Auch das Ende der Finanzmarkteuphorie der 1990er Jahre kam schneller als erwartet. Zwar hatte es Stimmen gegeben, wie die des Chefs des Federal Reserve Systems, Allen Greenspan, die vor einem unkontrollierbaren spekulativen Moment auf den Technologieaktienmärkten warnten,diese aber waren im allgemeinen Börsentaumel untergegangen. Erst im Gefolge der Asienkrise 1997/98 drang das Investitionsrisiko ins allgemeine Bewusstsein. Ein sinkendes Exportwachstum im asiatischen Raum ließ Überkapazitäten im Produktionssektor hervortreten, was zu einer „Umkehr“ der Kapitalströme führte. Hohe Auslandsschulden taten ein Übriges und die Währungen zahlreicher asiatischer Länder gerieten unter Druck. Beginnend mit der Jahresmitte 1997 verloren die Währungen Thailands, Malaysias, Indonesiens, Südkoreas und der Philippinen 50 bis 80 Prozent ihres Wertes.[11] Im Sommer 1999 konnte man selbst die unerschütterlichsten Getreuen der „New Economy“ bereits von spekulativen Blasen im Bereich des Technologieaktienhandels reden hören. James Maraciano, Gründer der in New York angesiedelten Elitepersonal-Vermittlung The.Square.Com – eines der ersten Unternehmen dieser Art, das die Vorteile des Internets in breiter Form nutzte – war am Nachmittag des Mittwochs, des 12. April 2000, mit einem größeren Geschäftsabschluss beschäftigt, und er wurde das Gefühl nicht los, dass etwas Unangenehmes im Gange war. Was folgte, war der „Bloody Friday“, der die weltweite Talfahrt der Börsen einleitete: „Als am New Yorker Stock Exchange die Glocke den Tag ausläutete, standen die Händler mit hängenden Köpfen auf dem Parkett. Eine Billion Dollar war ihnen aus den Händen geglitten, war plötzlich nur noch das Papier, das sie immer war, und das nun in Schnitzeln zu ihren Füßen lag und von Putzfrauen zusammengekehrt wurde.“[12] Als nach dem Zusammenbruch des Vertrauens in die magischen Kräfte der New Economy auch noch Bilanzfälschungen verschiedener Aktiengesellschaften ruchbar wurden, wich der Rausch dem großen Katzenjammer.  

   Die US-Korrespondentin der deutschen Nachrichtenmagazins „Der Spiegel“, Michaela Schließl, bekam die Umbruchsituation aus nächster Nähe mit. Von ihrem Büro in der Hancock Street in San Francisco aus konnte sie den Branchenkollaps deutlich beobachten. In dieser Straße hatten die Gewinner der New Economy-Euphorie Quartier bezogen, sie bewohnten großzügig ausgestattete Apartments, fuhren teure Autos, trugen edle Kleidung und verkehrten in Nobelrestaurants. Als die Entlassungswelle im Hightech-Sektor einsetzte, begann die Krise der Bewohner der Hancock Street. In dem einen Nachbarhaus verlor ein Angehöriger des Topmanagements seinen Job, in dem anderen verkaufte ein französischer Risikoanleger seine Luxusbleibe. Immer häufiger wurde der Möbelwagen in der Straße gesichtet. Die Start-up-Marketingchefin von nebenan ging nun tagsüber mit dem Hund spazieren – sie war ebenfalls gefeuert worden.[13]

„After the Goldrush“

Michael Nichols hatte noch knapp vor den Börseneinbrüchen einen Karrieresprung in die Zentrale des Computerriesen Hewlett Packard geschafft. Als auch HP von dem allgemeinen Abwärtsstrudel erfasst wurde, erhielt er als Direktor für Talentsuche und Personalentwicklung den Auftrag, das weltweite Entlassungsprogramm zu organisieren. Allein in Silicon Valley wurden 1800 Stellen abgebaut. Nachdem die große Abholzungsaktion beendet war, wurde Nichols zu einem kurzen Gespräch in die oberste Etage des Firmengebäudes gebeten, das auch sein Leben bei Hewlett Packard beendete. Als der Gefeuerte darauf bestand, nach mehr als zwanzig Dienstjahren Anspruch auf umfassendere Erklärungen zu haben, wurde er mit der Bemerkung abgefertigt, dass dies aus „juristischen Gründen“ nicht möglich sei.[14] So wie dem HP-Mitarbeiter erging es in den Hochburgen der New Economy noch Tausenden. Die ihres Jobs verlustig Gegangenen trafen sich später wieder auf so genannten „Pink-Slip-Parties“, veranstaltet in Erinnerung an die rosa Zettelchen, die einst in den USA die Entlassung bedeuteten. Immer mehr Menschen mit immer schnelleren Computern zu verbinden, war zweifellos eine aufregende Vision gewesen, zu rasch aber hatte sie auch alptraumhafte Züge angenommen…

   Die fachgerechte Aufarbeitung wirtschaftsgeschichtlich relevanter Ereignisse, vergleichbar dem soeben skizzierten, ist natürlich kein garantierter Schutz gegenüber künftigen ökonomischen Katastrophen. Dennoch gilt das Diktum Hans Ulrich Wehlers: Einzig die Geschichte bringt jenes „Lernmaterial“ hervor, „aus dem die Menschen lernen können und auch tatsächlich ständig lernen.“[15] In der spezifischen Form, in der das Geschichtswissen einzelne Personen oder gesellschaftliche Gruppen erreicht, wirkt es auf deren Denken und Planen, Verhalten und Entschlussbildung ein. Ein solcher Gedanke vermag Hoffnung in dunkler Zeit zu bieten.

Weiterführende Literatur | Anmerkungen: 

Blümle, G. (2007): Wirtschaftsgeschichte und ökonomisches Denken. Geschichte der deutschsprachigen Ökonomie, Band 30, Marburg. 

Matis, H./Senft. G. (2007): Wie viel Geschichte braucht die Ökonomie? Markierungspunkte von Eugen Böhm-Bawerk bis Joseph A. Schumpeter, Wien.

[1] Alfred Marshall zitiert in: Matis, H. (1996): Historische Sozialwissenschaft an der Wirtschaftsuniversität, in: Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Wirtschaftsuniversität Wien (Hg.): Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bericht 1990-1996, Wien.

[2] Fukuyama, F. (1989): Das Ende der Geschichte?, in: Europäische Rundschau. Vierteljahresschrift für Politik, Wirtschaft und Zeitgeschichte 17/4, S. 4.

[3] Hamelink, C. (2002): The Ethics of Cyberspace, London/Thousand Oaks/New Dehli, S. 173 

[4] Eder, K. (1985): Geschichte als Lernprozeß? Zur Pathogenese politischer Modernität in Deutschland, Frankfurt a. M., S. 473.

[5] Castells, M. (2001): Das Informationszeitalter I: Die Netzwerkgesellschaft, Opladen, S. 48.

[6] Frank, Th. (2001): Das falsche Versprechen der New Economy. Wider die neoliberale Schönfärberei,  Frankfurt a. M./New York; S. 170.

[7] Ehalt, H. Ch. (2004): Egomanie, in: Wiener Zeitung, Feuilleton, 29. Mai 2004, S. 22.

[8] Coupland, D. (1996): Microsklaven, Hamburg, S. 127.

[9]Zweig St. (2003): Flucht in die Unsterblichkeit. Drei historische Miniaturen, Frankfurt a. M., S. 70.

[10] Alle Zahlenangaben aus: http://de.wikipedia.org/wiki/Goldrausch, download am 22. Juni 2007.

[11] Seitz, K. (1998): Wettlauf ins 21. Jahrhundert. Die Zukunft Europas zwischen Amerika und Asien, Berlin, S. 263f.

[12] Kaiser, M. (2001): Überleben in Silikon Alley, in: Der Standard, Album, 16. Juni 2001, S. 2.

[13] Hausmitteilung, in: Der Spiegel, Nr.13, 25. März 2002, S. 3.

[14] Schließl, M: (2002): Das Traum-Haus, in: Der Spiegel, Nr. 13, 25. März 2002, S. 127.

[15] Wehler H.-U. (1988): Aus der Geschichte lernen?, München, S. 11.

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veröffentlicht auf der Webseite  Sozialökonomie.info

http://www.sozialoekonomie.info/Weiterfuhrende_Informationen/158-159_Senft_Okon-Geschichte/158-159_senft_okon-geschichte.HTM#zue-entwicklung