Finanzökonomie

Neoliberalismus II: Christopher Stark kritisiert die Ökonomisierung aller Lebensbereiche

»Es wird Widerstand geben«

von  Christian Broom  – Interview mit Christopher Stark

Herr Stark, schlägt man die Zeitung auf, lassen sich ständig Abgesänge auf den Neoliberalismus finden. Inwiefern ist die neoliberale Vorherrschaft tatsächlich erodiert?

Ich kann keine Erosion erkennen, wenn etwa die Umwandlung von Universitäten in Fachhochschulen oder gar in Wirtschaftsunternehmen weitergeht oder die Zerschlagung der Diplom- und Magisterstudiengänge durch das neue Bachelor-Master-System zementiert ist. Auch nicht, wenn sich der neoliberale Zeitgeist nach wie vor in Werbeanzeigen zur Leistungsoptimierung des menschlichen Körpers widerspiegelt. Vor allem im Bildungssystem liegen die humanistischen Errungenschaften der Aufklärung, der Reformpädagogik und der 68er-Bewegung schon längst in Schutt und Asche. Eine Kursänderung ist für mich nicht erkennbar. Wenn nun die Bertelsmann-Stiftung oder die OSZE ein sozial durchlässigeres Bildungssystem fordern, dann aus dem Motiv heraus, mehr Hochqualifizierte für Arbeitsmarkt und Wirtschaft heranzuzüchten.

Vom Leistungsranking am Arbeitsplatz über »Deutschland sucht den Superstar« bis hin zu Flirt-Portalen für »Akademiker und Singles mit Niveau« beschreiben Sie in Ihrem Buch »Neoliberalyse« einleuchtend, wie unser Alltag bis in unsere privaten sozialen Beziehungen hinein ökonomisiert ist. Wie konnte es dazu kommen?

Diese Übertragungslogiken vom Wirtschaftssystem auf das Leben der Menschen sind wohl so alt wie der Kapitalismus. Diese Art zu denken und zu handeln hat sich aber durch das Aufkommen des Neoliberalismus seit der Regierungszeit von Thatcher und Blair in Großbritannien, von Reagan in den USA und von Schröder in Deutschland noch einmal deutlich verschärft. Seitdem wurde die Macht global tätiger Unternehmen massiv gestärkt – vor allem durch Deregulierung. Zeitgleich aber auch durch die Teilaufgabe des Projektes einer tatsächlich sozialen Marktwirtschaft – und möglicherweise durch den Wegfall des pseudosozialistischen Regulativs in Form eines rhetorisch humanistisch ausgerichteten Ostblocks.

Die Kritik an der Ellbogengesellschaft ist nicht neu. Sie beschreiben, wie sich ein Beziehungsopportunismus durchgesetzt habe, bei dem nur noch geben solle, wer eine direkte Gegenleistung erwarten könne. Lernen wir einen Menschen kennen, müssen wir uns fragen: Mag der uns oder ist er nur am Netzwerken? Warum können wir uns Logiken wie diesen so schwer entziehen?

Ein Teil des Problems ist, dass die Emotionalität und Rationalität von Menschen scheinbar eng verwoben sind. Wird im Zuge des Leistungs- und Ellenbogensystems in Beruf und Bildung jenes Denken in Kategorien von Effizienz, absoluter Leistungserbringung und der Ausrichtung an materiellen Werten einseitig gefördert, fällt es den meisten Menschen sehr schwer, dieses Denken aus anderen Lebensbereichen herauszuhalten. Also etwa aus Freizeit und zwischenmenschlichen Beziehungen. Man müsste das von seinen Eltern und Lehrern lernen, das Gegenteil wird den Kindern meist aber beigebracht. Wirtschaftswachstum ist hierzulande nun einmal ein höheres Ziel als das Wohlergehen der Menschen.

Sie analysieren mit »Brave New World« auch einen Roman und versuchen sich an einer Rückkoppelung mit der Entwicklung unserer Gesellschaft. Kann die sich wirklich so beängstigend entwickeln wie in Aldous Huxleys Buch?

»Brave New World« ist eine Dystopie, also eine Schreckensvision. Schauen wir in unsere nähere Geschichte zurück oder auf den IS in Irak und Syrien, ist klar, dass Schreckensvisionen zur Realität werden können. Solange es Menschen gibt, in denen noch ein Funken Menschlichkeit glimmt, wird es aber Widerstand geben, wenn eine rote Linie überschritten wird. Wo genau diese rote Linie für unsere Gesellschaft liegt, vermag ich nicht zu sagen. Die freie Meinungsäußerung und das Recht, die Gesellschaft zu kritisieren, dürften eine solche Linie darstellen. Aber auch dies kann sich verändern, wenn die Menschen über Generationen hinweg zu reibungslos funktionierenden Zahnrädchen im Getriebe der Wirtschaft erzogen werden.

In Ihrem Buch geben Sie sich jedenfalls optimistisch, wenn Sie schreiben: »Nur mit radikalen Maßnahmen kann es innerhalb eines für Menschen überschaubaren Zeitraums zu dem Maß an Veränderungen kommen, das nötig ist, um ein aus den Fugen geratenes System an die Interessen der Bevölkerungsmehrheit anzupassen.« Wo soll der politische Wille herkommen, Ihre Vorschläge nach einer demokratischen Wirtschaft oder einem gerechten Bildungssystem umzusetzen?

Politischer Wille entsteht aus einer Not oder einem unerfüllten Bedürfnis heraus. Und beides gibt es auch bei uns, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie in anderen Teilen der Welt. Es muss erklärt werden, wie ein besseres Zusammenleben ohne Wettbewerbsdruck möglich ist; dass eine bunt durchmischte Stadt mit gedeckelten Mietpreisen oder eine persönlichkeitsorientierte Bildung möglich und sinnvoll sind. Die meisten Menschen sind durchaus aufgeschlossen gegenüber positiven und menschlichen Visionen, wenn man persönlich mit ihnen spricht und konkrete Vorschläge unterbreitet, wie diese umgesetzt werden können.

neues deutschland, Berlin, 29.12. 2014, S. 15

Unser Geldsystem sorgt für eine massive Umverteilung von unten nach oben

Eine Welt ohne Geld

aus der 3sat-Reihe „über:morgen – das Zukunftsmagazin“, ca. 29 Min., Erstausstrahlung 09.03.2013

 Ohne Geld leben? Ist das überhaupt möglich in unserer durch und durch kapitalistischen Welt? Ja, sagen immer mehr Menschen jeden Alters und aus allen Gesellschaftsschichten. Denn spätestens seit der Weltwirtschaftskrise wird der herrschende Kapitalismus zunehmend als gnadenlos empfundenen und die Sehnsucht nach Alternativen wächst. 

 Prof. Margrit Kennedy, die Lehrerin und Psychotherapeutin Heidemarie Schwermer und der Koch und Künstler René Stessl stellen in diesem Film mögliche Alternativen vor.

 Diese Sendung ist online leider nicht mehr verfügbar.

Ist eine Welt ohne Geld denkbar?

von Thomas Kohlschmidt

www.Fantastik-online.de

Bei Star Trek wir des öfteren erwähnt, es gäbe kein Geld mehr.
Gene Roddenberry selbst hatte diese Vision bereits in den 60er Jahren, lange vor Picards Ausführungen in `First Contact`. Die Idee rührte gewiss daher, dass er das Geld als einen Faktor ansah, welcher heute den menschlichen Charakter verdirbt.
Bei Geld hört die Freundschaft bekanntermaßen auf, denn Geld eröffnet einem heutzutage den Zugang zu Genuss, Freiheit und Selbstverwirklichung und entbindet einen von abhängiger Schufterei. Geld gibt einem Lebensweite und kauft einen frei von Pflichten. Somit wird Geld zur Droge, die fast jeder – oft um jeden Preis – haben will, auch wenn es Tote gibt.

Eine Welt, in der Geld nicht mehr nötig ist, um all das zu erreichen, ist eine paradiesische Vision. Eine Zukunftswelt ohne Geld wäre eine, in der weder Habgier noch Konkurrenzkampf existieren würden, und jedes (!) Wesen wäre frei, all das zu tun, was für sich selbst und die Gesellschaft ´wirklich wichtig´ ist.

Aber gleichzeitig hat Gene Roddenberry selbst außerordentlichen Wert darauf gelegt, dass Star Trek glaubwürdig sein soll. Nur eine glaubwürdige Vision habe die Kraft, Menschen auf Dauer zu faszinieren und das Recht, Einfluss auf Hirn und Herzen der Zuschauer zu nehmen.
Wie glaubwürdig ist es nun, dass es innerhalb des Sternenraumes der Föderation keine ´Kohle` mehr kreist (vom ´goldgepressten Latinum´ der ´bösen´ Ferengis einmal abgesehen)?
Das Vorhandensein von Geld ist ein Indikator dafür, dass in einer entwickelten und arbeitsteiligen Gesellschaft materielle Werte existieren. Was aber sind materielle Werte? Was macht sie zu Werten, und wird es wirklich einmal möglich sein, dass wir uns davon soweit lösen können, um anderen Werten den Vorrang zu geben?
Um der Antwort auf diese Fragen näher zu kommen, müssen wir uns kurz (!) die Theorie der Wirtschaftswissenschaften anschauen, um dann die Schlüsse für die Glaubwürdigkeit der Star Trek-Welt ableiten zu können.

Gemäß der klassischen ökonomischen Theorien wird davon ausgegangen, dass der Mensch (und im folgenden auch jedes Alien), Bedürfnisse hat, wobei existentielle Grundbedürfnisse Essen, Trinken, Schlaf, Sexualität usw. sind, und abgeleitete Bedürfnisse wie Sicherheit, Bildung, Wachstum und Selbstverwirklichung hinzu kommen.
Leider herrscht ein ständiges Missverhältnis zwischen Bedürfnissen und der Möglichkeit, diese Bedürfnisse zu befriedigen. Dieses Missverhältnis wird ´Mangel` genannt. Und nun ist jeder bestrebt, möglichst viel Mangel zu beheben, Dazu dienen ihm Güter, und jedes Gut hat einen bestimmten Nutzen. Man versucht Nutzen optimiert zu sammeln, und ´das Wirtschaften´ ist geboren: „Wirtschaften heißt planvoller Einsatz knapper Mittel und Güter“.

Je seltener ein Gut im Verhältnis zu seinem Nutzen ist (Nutzen des einzelnen Verbrauchers oder aber auch Nutzen innerhalb der Gesellschaft), desto umkämpfter ist es.
(Knappheit als Faktor).
Nun sind innerhalb einer Gesellschaft die nutzenspendenden Güter nicht gleich verteilt. Manche Länder sind halt fruchtbarer, als andere, Manches Klima vorteilhaft, einige Meereslagen ein Segen und Wüsten ein Fluch. Und es gibt eben auch Individuen, die mehr Einfluss auf Güter haben als andere. Das ist eine Frage der Machtverteilung, die oft durch Cliquenbande und militärisches Potential abgesichert ist. Diese Machtstrukturen werden vererbt und eifersüchtig bewacht, denn Macht ist Geld, und Geld macht frei!
Mächtige können den Nutzen ´ihrer Güter´ den dürstenden ´Ohn-Mächtigen´ sogar berechnend vorenthalten und deren Mangel künstlich erhöhen. So lassen sich höhere Preise erzielen.
(Ungleichverteilung und Machtgefälle als Faktor).

Geld wurde ursprünglich erfunden, um die Nutzen-Täusche zwischen Individuen eines Wirtschaftsraumes (Dorf, Stadt, Land, Planeten) zu erleichtern.
Es ist einmal ein abstraktes Rechenmittel, das das Umrechnen verschiedener Nutzenwerte ineinander ermöglicht (gleichnamig machen von Äpfeln und Birnen). Die Nutzenwerte verschiedener Güter richten sich in ihrem Verhältnis zueinander nach Knappheiten (natürlichen und macht-induzierten), und Bedürfnissen (echten und mode-induzierten). Geld drückt die mathematisch logischen Verhältnisse unverschleiert als Maßstab aus, und zwar in Form von Preisen. Der Vergleich von Preisen zeigt z.B., dass ich für eine Stunde Arbeit (mein Preis pro Arbeitsstunde ist womöglich 12 Galax) sechs Andromeda-Gurken bekomme (wenn eine 2 Galax kostet). Dahinter steht das Zusammenwirken von Angebot und Nachfrage auf dem Markt der Gesellschaft. Natürlich sind Angebot und Nachfrage abhängig z.B. von den ökonomischen, logistischen, zeitlichen und (wiederum) machttechnischen Rahmenbedingungen. Geld bildet das alles ab!

Zum anderen ist Geld ein Wertaufbewahrungsmittel.
Ich bekomme meinen Anteil am Bruttosozialprodukt (Menge aller geschaffenen Güter einer Volkswirtschaft) in symbolischer Form verbrieft, eben als ´Geld´. Geld ist demnach eine Art Urkunde, ein Gutschein, den ich bei Bedarf einlösen kann. Der Wert meiner Arbeit ist gespeichert, bis ich den Gegenwert haben will (Mein Arbeitgeber bezahlt eben nicht in Joghurt und Schweinehälften). Das entkoppelt zeitlich Arbeit und Konsum und macht jeden flexibler! (Der Joghurt würde mir in der Zwischenzeit womöglich schlecht werden).
Geld erleichtert als Wert-Urkunde das Tauschen von Waren somit ungemein.
Will jemand drei Liter Raumwein von Antares geben, und dafür einen Romulaner-Kuchen haben und eine Schriftrolle von Vulkan, dann wird es räumlich und logistisch kompliziert, auch wenn die Preise zueinander stimmen, falls man – wie früher – Naturalwirtschaft betreiben wollte und tatsächlich physisch eins gegen das andere tauschen wollte (zeitlich und räumlich gekoppelt). Entkoppelt kann man aber erst verkaufen und später einkaufen, oder (per Kredit) erst kaufen und später verkaufen.
Diesen Vorteil wir man stets nutzen wollen, solange es ein Wirtschaften gibt!

All dies zeigt, dass Geld eine Art `Schmiermittel´ für Tauschgeschäfte ist.
Diese Tauschgeschäfte sind nur aus einem Grund wichtig: Es herrscht geschachtelter Mangel (natürlich oder durch Machtverhältnisse), und dieser Mangel soll ausgeglichen werden durch Güterflüsse (Dazu kommen die Kredit- und Finanzmärkte: Hier ist Geld längst selbst zum Gut geworden und erhält einen Selbstnutzen aus der zeitlichen Schachtelung seiner Auslösbarkeit).

Zurück zu Star Trek:
Eine Welt ohne Geld macht nur dann Sinn, wenn es keine Güterströme mehr gibt, die zeitlich und räumlich entkoppelt werden sollen und deren Nutzenverhältnisse ausgedrückt werden müssen. Und das ist nur dann denkbar, wenn die Ursache der Güterströme und Nutzenmodelle verschwunden wäre: Der Mangel!
Meine These ist also: „Nur wenn es keinerlei Mangel mehr in einem Wirtschaftsraum gibt, dann ist Geld überflüssig geworden!“
Jeder befriedigt jedes Bedürfnis sofort und im benötigten Maß. Es existieren keine Engpässe. Im Klartext: Das materielle Paradies ist da!

Ist es nun realistisch, dass in dem riesigen Sternenraum der Föderation mit all seinen Tausenden von Welten und Kulturen nirgendwo Mangel herrscht? Kann man annehmen, dass es jedes Gut überall in beliebiger Menge und zu jeder Zeit gibt? Sind alle alten Macht-Eliten verschwunden oder haben ihre marktverzerrenden Einflüsse aufgegeben? Wohl kaum.

Selbst wenn die Verbreitung von Synthezisern sehr weit fortgeschritten sein sollte, und man aus entsprechenden Materie-Äquivalenten (Erde, Stein, Kot…) alle möglichen Waren stylen könnte, hat bestimmt nicht jedes Wesen auf jeder Welt so einen Apparat zuhause (eigentlich braucht es ja auch zwei: Wenn einer kaputt ist, muss der Zweite Ersatzteile für den Ersten ausspucken und umgekehrt!)
Wenn es keinen Mangel mehr gäbe, warum muss dann die gute alte Enterprise so oft in Noteinsätzen Medikamente von hier nach da fliegen?
Warum gibt es dann immer noch so viele Konflikte zwischen den Welten? Not ist doch meist der Antrieb. In Star Trek 5 klingt das ein wenig an: Es gibt arme Wesen, die ihre Seele verkaufen, nur um ihrem ´Schmerz´ zu entkommen.
Und nur, weil man bei Star Trek immer ausschließlich die Eliten der Planeten sieht (aha, es gibt sie also doch noch), die natürlich kaum Mangel kennen, heißt es ja nicht, dass es allen gut geht! Mag ja sein, dass es unter Königen, Präsidenten und Planetenfürsten kein Geld mehr geben muss, mag auch sein, dass es reiche Regionen innerhalb der Föderation gibt, in denen Überfluss herrscht und daher Geld egal ist, aber überall auf den Randwelten, in der Urproduktion und beim ´einfachen Volk´ ist es für mich nicht glaubhaft, dass es in den lichtjahreweit voneinander entfernten Welten kein logistisches Problem ist, alles so hin und her zu schaffen, dass nirgendwo Lücken der Versorgung auftreten. Und bei solch Lücken wäre das sich Übertrumpfen mit Preisen sofort wieder am Wirken. Ich finde es sehr interessant, das man bei Star Trek kaum je Industrie sieht und nichts über Warenversorgung erfährt. Irgendwie ist immer alles da, wie durch Zauberei oder in Tagen der Kindheit, wo die Eltern einem alles auf den Tisch stellten und man keine Fragen dazu hatte.

Nicht auf jedem Planeten ist jedes Gut ausreichend vorhanden, dass er Selbstversorger sein kann. Wie viele Wüstenplaneten brauchen Wasser, wie viele Eisplaneten Wärme und Energie? Der Ausgleich dafür kommt nur über Güterströme. Selbst wenn Gene Roddenberry eine Art interstellarer, gerechter Planwirtschaft im Auge gehabt haben sollte: Auch hier braucht es Geld zum Entkoppeln von Teilprozessen und als Wertmaßstab der Pläne.
Der Kampf gegen den Mangel kann man auch in Zukunft wohl kaum gewinnen, denn es ist der Kampf gegen natürliche Ungleichgewichte, Zeitengpässe und jahrtausendelang gewachsene Machtstrukturen, die nun mal unser Leben begrenzen..
Also wird es ganz gewiss weiter Geld geben, und es wird weiter Gier erzeugen, nicht nur bei Ferengis (seufz).