Genossenschaft

In Portugals ländlichen Gebieten sprießen Ansätze, die zeigen, wie eine alternative, sozial- und umweltverträgliche Entwicklung aussehen könnte.

Der Traum von Freiheit erfüllt sich dezentral

Portugals Hoffnungen liegen auf dem Land

von Leila Dregger

»Die Zeit ist reif für eine neue Agrarreform.« Cláudio Percheiro, 62, früherer kommunistische Bürgermeister der Kleinstadt Odemira im Süden Portugals, kennt das Leben der Landbewohner sowohl vor der Revolution als auch in der heutigen Krise. Vor allem hier im Alentejo hat sich die Situation aufs Neue zugespitzt: Weite Teile der Region liegen brach – oder wurden an internationale Agrarkonzerne veräußert, die im großen Stil Bewässerungsoliven, Gemüse unter Glas oder Genmais in Monokultur anpflanzen. Bewässert werden sie durch die großen Staudämme: Geplant noch während der Diktatur, umgesetzt in der EU, durchzieht ein Kanalsystem die ganze Region. Ernte- und Arbeitskräfte kommen aus Bulgarien und Thailand, die Erträge werden exportiert, der Profit geht ins Ausland, der Umweltschaden bleibt im Land. Besonders bitter ist, dass es meistens die Erben der damals entschädigten Großgrundbesitzer waren, die die Region ausverkauften. »Das Land muss wieder denen gehören, die darauf arbeiten. Gerade heute, wo es wieder Hunger in Portugal gibt«, schimpft Percheiro. Einige Ansätze zeigen, wie das gehen könnte.

Auf Freixo do Meio bei Montemor-o-novo im Alentejo scheint die Zeit stehengeblieben. Es hämmert aus der Schmiede. Hühner und Gänse laufen über den Hof. Der Gutsherr grüßt morgens seine Mitarbeiter reihum mit Handschlag. Vor der Nelkenrevolution gehörten die Cunhals zur Oligarchie der Großgrundbesitzer. 1992, nach Rücknahme der Landreform, erhielt Alfredo Cunhal, heute 48 und Enkel des früheren Besitzers, den Hof zurück. Im Gegensatz zu anderen Landrückgaben geschah sie hier ohne Gewalt. Wie sein Großvater, der als relativ gerecht galt, versuchte Cunhal von Anfang an, die Träger der Kooperative an der Hofführung zu beteiligen. Heute ist er Vorsitzender der Stiftung, die den Biohof betreibt. Der Tag der Revolution ist sein Geburtstag. Jedes Jahr am 25. April versammeln sich die Alternativszene des Landes und Nachbarbauern auf seinem Hof – und Alfredo erklärt sein durchaus revolutionäres Konzept.

»In Bezug auf die Natur und die Landwirtschaft verfolgten Diktatur, Sozialismus oder Kapitalismus dieselbe Strategie: Zentralisierung und Spezialisierung. Das ist zerstörerisch für die Natur und fatal für die ländliche Entwicklung.«

Seine Strategie heißt Vielfalt. Er setzt dabei auf eine modernisierte Form der traditionellen Montado-Bewirtschaftung. »Montado ist mehr als Korkeichen und Schweine«, erläutert Cunhal. »Je mehr Vielfalt, desto mehr Synergien sind möglich.«

Das bedeutet, dass auf seinem Hof der Abfall des einen Bereiches zum Dünger oder Futter des anderen werden kann. So wird Oliventrester, auf spezialisierten Höfen ein Müllproblem, hier fermentiert und an Schweine verfüttert, Obstbaumschnitt wird den Ziegen vorgeworfen. Völlig entgegen dem Trend produziert Freixo do Meio rund 300 Produkte in jeweils kleinen Mengen – von Biowein über solargetrocknete Zucchini, Brot, verschiedene Öle bis zu Biofleisch und Wurst.

Ökonomisch brachte diese Strategie ihn an den Rand der Pleite, denn in den modernen Vertriebsstrukturen lohnt Vielfalt sich nicht. Während Freixo als größter Biohof des Landes bekannt wurde, zog sich die Familie aus dem riskanten Geschäft zurück. Der Hof musste sich gesundschrumpfen. Von 80 Arbeitern sind 16 verblieben, weitere sieben sind Subunternehmer. Langsam geht es aufwärts.

»Früher wurden die Produkte in den Handwerksbetrieben der Dörfer verarbeitet. Heute müssen Bauern direkt an die Industrie liefern, was sich nie auszahlt.« Cunhal will die Dorfgemeinschaft wiederbeleben, damit die Produkte gleich am Ort verarbeitet und vermarktet werden können. »Durch Dezentralisierung bleibt der Gewinn in der Region«, meint er.

Auf dem Hof arbeiten heute eine selbstständige Bäckerei, eine Schmiede, eine Ölmühle, ein Verpackungsbetrieb und ein Hofladen. Sie bilden eine Art Kooperative neuen Typs. Ein Teil des Hofes wurde an Kleinbauern verpachtet. Einer von ihnen, Carlos Simões, erläutert die ungewöhnliche Geschäftsbeziehung: »Für die elf Hektar Obstbau zahle ich keine Pacht und behalte alle Erträge. Dafür fällt das Land nach 15 Jahren wieder an den Eigentümer zurück – inklusive der Bodenverbesserung und der neu gepflanzten Bäume. Das ist perfekt, denn dann will ich mich zur Ruhe setzen.«

Diese Vereinbarung, die beiden Seiten dient, prägt die neue Gemeinschaft, die auf Freixo do Meio entsteht. Sie könnte ein Modell werden für den Alentejo.

Fährt man dort übers Land, kehrt man in abgelegenen Dörfern ein, spricht mit den einfachen Menschen und teilt ihr Brot und ihre Gedanken, dann stellt man fest: Etwas in den Menschen dieser Region ist unberührt geblieben von den wechselnden Herrschaftsansprüchen – einschließlich der heutigen Anforderungen der Globalisierung. Es gibt eine geradezu trotzige Verbundenheit mit dem Land, das ihnen verblieben ist, gegenseitige Hilfe in den Dörfern, schweigende Nicht-Teilnahme an den Gepflogenheiten und Geschwindigkeitsvorstellungen der globalisierten Welt und oft feste Entschlossenheit zur Nicht-Kooperation mit wirtschaftlichen Megaprojekten wie Staudämmen und Bergwerken.

Immer noch ist einer Kassiererin der Schwatz mit der Kundin wichtiger als der ungeduldige Beamte, der dahinter wartet. Immer noch gibt es in der Eckkneipe den verbotenen Selbstgebrannten aus der Garage, das Selbstgebackene der Nachbarin. Die Dorfgemeinschaft, die den Menschen in allen Zeiten half zu überleben, ist vielen auch heute noch näher als Wirtschafts- und Arbeitsplatzargumente.

Heute, wo das scheinbar siegreiche kapitalistische System Risse bekommt, gehen junge Menschen aus der Protestgeneration aufs Land, um eine Lebensperspektive außerhalb der Troika aufzubauen. Abseits der modernen Machtzentren organisieren sie in Kontakt mit den alten Dorfgemeinschaften die Regenerierung der Landschaften und die Reaktivierung der verlassenen Dörfer. Angesichts der Sparmaßnahmen und Auflagen der Troika entstehen Projekte für Nachbarschaftshilfe und moderne Subsistenz. Sie vernetzen sich, gründen alternative Kooperativen für regionale Produkte, unterlaufen mit Fantasie und Sturheit die Verbote lokaler Märkte.

In mehreren Kreisen entstanden »Land-Banken«, die Landlose an Landbesitzer vermitteln, die ihren Grund nicht mehr bewirtschaften können. Ältere Landbesitzer wie Maria Inácia Chaves aus Évora, 72, stellen Familien Land zur Verfügung, die angesichts der Arbeitslosigkeit ihre Nahrung selbst anbauen beziehungsweise sich etwas dazuverdienen wollen. »Geld müssen sie dafür nicht bezahlen. Aber wenn ich nach Hause komme, finde ich oft einen Korb mit frischem Gemüse vor der Tür.«

Im Dorf Amoreiras wurde die alternde Dorfbevölkerung, darunter Menschen, die niemals eine Schule besucht haben, zu Lehrern für Studienabgänger und Jungunternehmer, die das Dorf wieder beleben, verfallene Häuser wieder aufbauen und auf stillgelegten Anbauflächen Biogemüse anbauen – für den Vertrieb in der Region.

Auf »Ajudadas« (Vermittlung gegenseitiger Hilfe außerhalb des Geldsystems) und Vernetzungstreffen wird das global verfügbare Wissen über ökologische Heilung, dezentrale Energieautonomie, alternative Ökonomie ausgetauscht. Die Bewegung 12. März, die vor drei Jahren zur größten Demonstration in der Geschichte Portugals aufrief, gründete dazu eine Bürgerakademie, die »Academia Cidada«.

In diesem Klima gedeihen sozial-ökologische Experimente, die dieses Wissen anwenden und weiter entwickeln und so zu Ausbildungsstätten werden. Das größte unter ihnen heißt Tamera. Hier leben und arbeiten mittlerweile 170 Menschen an einem umfassenden Modell für einen angewandten Sozialismus. Sie entwickeln und verbinden dabei ökologische und soziale Lösungen und Erfahrungen für eine postkapitalistische Lebensweise, die weltweit angewendet werden können. Tamera ist eine internationale Ausbildungsstätte, durch die auch aktuelles ökologisches und soziales Wissen in die Region gelangt. Rui Braga, Mitarbeiter von Tamera: »So könnte der Alentejo das neue Silicon Valley für Autarkie und Nachhaltigkeit werden.«

Cláudio Percheiro ist davon überzeugt, dass Portugal das Zeug hat, zum Modell für eine nachkapitalistische Gesellschaft zu werden – unter einer kleinen Bedingung. »Das Volk hat keine Schuld an der Verschuldung, muss aber die Rechnung dafür zahlen. Mit dieser Last wird uns kein Neuanfang gelingen, denn die Sparmaßnahmen ersticken alle neuen Ansätze. Es wäre für alle das Beste, Portugal die Schulden zu erlassen.«

Berlin-Ausgabe vom Freitag, 25. April 2014, Seite 3

„Dieses Land ist unser Land“

Im mosambikanischen Manjacaze Distrikt haben sich KleinbäuerInnen zu 15 landwirtschaftlichen Assoziationen zusammengeschlossen, um gemeinsam für ihre Rechte zu streiten.

veröffentlicht in „neues deutschland“, berlin, 26.11.2013, S10 – von Andreas Bohne

Straßen und Wege in Manjacaze sind von Cashewbäumen gesäumt. Dieses Jahr soll es eine bessere Ernte als in den vergangenen Jahren geben. Sonst bauen die KleinbäuerInnen hier überwiegend Mais, Maniok, Bohnen und andere Gemüsesorten an. Wie auch in weiteren Landesteilen, ist die landwirtschaftliche Produktion nicht ausreichend, um eine umfassende Nahrungsmittelversorgung zu ermöglichen. Oftmals können durch fehlende Bewässerung oder unzureichende Geräte sowie fehlendes Wissen der Familien keine größeren Flächen bearbeitet werden.

Im Manjacaze Distrikt haben sich daher KleinbäuerInnen zu Assoziationen zusammengeschlossen, die wiederum Mitglied in dem Kleinbauernverband UNAC sind. Gemeinsam mit SODI fördert UNAC die lokalen Assoziationen, denn obwohl der Partner landesweit agiert, ist es doch schwer, alle Mitglieder auf der lokalen Ebene zu unterstützen. »Es ist das erste Mal, dass UNAC-Mitglieder im Manjacaze Distrikt durch ein Projekt unterstützt werden«, betont Lizarda Cossa, Mitarbeiterin von UNAC bei einem Besuch vor Ort. Seit drei Jahren arbeitet sie bei UNAC. »Besonders problematisch ist, dass uns bisher die finanziellen Mittel fehlten, um Mitgliedern aus Manjacaze die Teilnahmen an Erfahrungsaustauschen, an Versammlungen und Konferenzen, vor allem die, die wir in Maputo organisieren, zu ermöglichen«, führt sie auf dem Weg nach Nwadjahane weiter aus.

Hier treffen wir auf VertreterInnen mehrerer Vereinigungen. Irondina Chauque, Präsidentin der Assoziation Batalha de Coolela, nahm Anfang September an einer Konferenz zu Landfragen in Maputo teil. Zum ersten Mal traf sie mit UNAC-Mitgliedern aus anderen Provinzen zusammen. »Es war wichtig, an der Konferenz teilzunehmen. Zum ersten Mal hörte ich von »Land Grabbing«, von großen Landnahmen, von denen andere Mitglieder betroffen sind. Die Teilnahme hat unsere Augen in Bezug auf Land geöffnet«. Und Ruth Mondlane, die ebenfalls teilgenommen hat, ergänzt: »In Manjacaze sind wir zwar noch nicht von illegalen Landnahmen betroffen, aber wir sind jetzt wachsam. Dieses Land ist unser Land.«

Gleichberechtigt neben der politischen Mobilisierung steht auch die landwirtschaftliche Stärkung. So wurden vor Kurzem landwirtschaftliche Materialien verteilt, denn oftmals sind vorhandene Geräte alt und verschlissen. Auch Anfang nächsten Jahres werden nochmals Hacken, Macheten und Pflüge angeschafft und verteilt und landwirtschaftliche Trainings organisiert. Der Ehemann von Irondina Chauque nahm bereits an einem dreitägigen landwirtschaftlichen Training teil. Hier ging es um die Herstellung von biologischem Dünger, Kompost und Schädlingsbekämpfung. »Wir können bereits sichtbare Steigerungen bei den Pflanzen sehen. Außerdem reduzieren sich unsere Ausgaben für Dünger«, fasst er die Erkenntnisse zusammen.

Obwohl die Trainings praxisnah sind, ist der Austausch zwischen den Assoziationen notwendig, um voneinander zu lernen. Daher fuhren vor wenigen Wochen mehrere Mitglieder aus Manjacaze zu einem landwirtschaftlichen Erfahrungsaustausch nach Marracuene, 30 Kilometer vor Maputo, um andere UNAC-Mitglieder zu treffen. Denn wie Lizarda Cossa betont: »Nur wer die praktische und erfolgreiche Anwendung sieht, übernimmt Verbesserungen.«

 

Ein Blick in die Zukunft: fairbrauch

Fair ist Brauch geworden

Von Marcus Meier

Am 24. Juli 2024, mitten im UNO-Jahr des kollektiven strategischen Konsums, wird sie zehn Jahre alt: die öko-soziale Konsumgenossenschaft fairbrauch. Unser Reporter berichtet schon heute von den Feierlichkeiten in elf Jahren.

Der größte Erfolg ihrer Genossenschaft? »Dass es in Deutschland praktisch keine Produkte aus Kinderarbeit mehr gibt«, sagt Amélie Müller. »Keinen Laptop, keinen Tee, kein T-Shirt, rein gar nichts«, ergänzt die Präsidentin der fairbrauch deutschland eG und prostet den 1200 Festgästen in der Essener Gruga-Halle vom Rednerpult aus freundlich zu. Zehn Jahre alt wird fairbrauch, die »Konsumgenossenschaft neuen Typs« (»Frankfurter Allgemeine«), an diesem sonnigen Mittwoch im Sommer 2024. Für Müller, vor drei Jahren an die Spitze gewählt, Anlass für einen historischen Exkurs.

»Na klar«, räumt die 49-Jährige ein, »wir konnten auf bestehenden Konzepten aufbauen«: Die kontrolliert biologische Landwirtschaft, fairer Handel, Kernarbeitsnormen der UN-Arbeitsorganisation, Open Source, auch die klassischen Konsumgenossenschaften mit ihren Preisvorteilen »waren uns Inspirationsquelle«.

»Wir griffen zudem Ideen des strategischen Konsums auf. Wir widersprachen aber auch allzu naiven Vorstellungen zur ›Politik mit dem Einkaufskorb‹, indem wir sagten: Den mündigen Fairbraucher gibt es nur im Plural. Das ›Wir‹ schafft, woran das ›Ich‹ stets scheitern muss.« Dann die Pointe, die immer noch Heiterkeit auslöst: »Wir klauten sogar eine Idee von den ALDI-Brüdern, den starken Einkaufschef nämlich, der den Lieferanten diktieren kann, wo es lang geht. Nur dass wir im Gegensatz zu ALDI nicht bloß die Preise in den Keller drücken.«

2014, vor zehn Jahren, hatten die Billigketten das Land noch völlig dominiert. Doch die »Geiz ist geil«-Mentalität war längst im Abflauen begriffen. Es häuften sich Medienberichte über suboptimale Produkte, die dank »geplanter Obsoleszenz«, also wegen bewusster Fehlkonstruktion, vorzeitig kaputt gingen. Manchmal reichte auch der »moralische Verschleiß«, um den überflüssigen Konsum anzukurbeln: War das teure Smartphone nach 24 Monaten abbezahlt, galt es schon als aus der Mode gekommen und »durfte« vertragsgemäß durch ein neues ersetzt werden, das dann zwei Jahre lang abbezahlt wurde, woraufhin es als unmodern galt und einem kaum besseren neuen wich.

Das Bedürfnis nach fair produzierten Produkten

Lebensmittelskandale häuften sich. Irgendwie hatte die kapitalistische Wirtschaft es hinbekommen, selbst Kräutertee, einst Sinnbild des Allzu-Gesunden, giftig zu machen.

Es war 2014 längst kein Randphänomen mehr: das Bedürfnis nach ökologischen, fairen, langlebigen und guten Produkten. Die Handelsketten hatten das kapiert. Doch vom angeblich »fairen« Preisaufschlag landete das meiste in der eigenen Kasse statt bei den Plantagenarbeitern. Bio-Bauern wurden mit Kampfpreisen stranguliert. Und mochte der »grüne« Fernseher auch etwas weniger Strom vertilgen – repariert wurde er nicht.

Wirklich faire, umweltfreundliche und qualitativ hochwertige Produkte waren derweil schwer als solche zu erkennen, es sei denn, man steckte Tage in die Recherche, bevor man beispielsweise ein Paar Schuhe erwarb. Die waren dann meist über Gebühr teuer. »Der Gutmenschen-Zuschlag«, spottete die konservative Presse nicht ganz zu unrecht.

Im Jahr 2024 ist alles ganz einfach: Man kauft bei fairbrauch und weiß sich als Teil einer starken Bewegung. »Big is beautiful« (»Groß ist schön«), das war und ist dort das Leitmotiv. Informationen über Produkte und Produktion muss nicht jeder für sich allein sammeln. Sie laufen vielmehr bei den lokalen, regionalen und bundesweiten Einkaufschefs zusammen. Die verfügen über ein erhebliches Drohpotenzial. Schließlich bündeln sie die Kaufkraft von Millionen Genossinnen und Genossen. So sind sie in der Lage, auch profitorientierten Unternehmen öko-soziale und qualitative Standards aufzuzwingen.

Auch im zehnten fairbrauch-Jahr machen die Einkaufschefs gelegentlich ihre Drohungen wahr und stellen die Zusammenarbeit mit einem lernunwilligen Lieferanten ein, der dann entsprechend Umsatzeinbußen in Millionenhöhe erleiden muss. Kontrolliert und beraten werden die Machtvollen insbesondere von den Genossen selbst – das Internet ermöglicht kreative Beteiligungsverfahren.

»Bestrafe einen bourgeoisen Gott, erziehe Hunderte!«, spottet Amélie Müller, während die Gäste, langsam hungrig werdend, nicken. Natürlich kooperierte fairbrauch von Anfang an lieber mit Produktionsgenossenschaften, als mit schwer erziehbaren Kapitalisten.

»Zugestanden, wir sind ein klein wenig teurer als die Billigheimer, die sich noch immer nicht um ökosoziale Standards und Arbeitnehmerrechte scheren. Aber unsere Produkte sind nicht nur besser und langlebiger, sondern für die breite Masse bezahlbar. Und doch zahlen wir selbst Preise, von denen die Produzenten gut leben können«, betont sie.

Im Gegenzug spart man bei fairbrauch unnötige Kosten ein. Der Wegfall des Profitmotivs, die Ausschaltung des Zwischenhandels, kein Tante-Emma-Zuschlag wie im Bio-Laden, der Verzicht auf exorbitante Reklame-Etats, eine ausgeklügelte Logistik, ein bloß kleines, aber feines Sortiment (sechs Spülmittel sollten reichen!), stets solide, aber nicht überzüchtete Geräte, die effizienten Öko-LPGs, Produktqualität statt »Wer billig kauft, zahlt doppelt und dreifach«.

Nein, sie wolle die Zeit bis zur Eröffnung des kalten Buffets nicht künstlich in die Länge ziehen, verspricht Amélie Müller. Aber eines wolle sie dann doch mal klarstellen: Wenn Bio-Lebensmittel heute kein elitäres Luxusgut mehr seien und sich Öko-LPGs im Monatstakt bildeten, dann sei das insbesondere ein Verdienst von fairbrauch. Dort würden nämlich bewusst keine Bio-Äpfel aus Argentinien verkauft, sondern solche aus der Region. »Die sind kaum teurer, viel knackiger und erheblich klimafreundlicher, weil sie nicht um den halben Planeten gekarrt werden müssen. Bio ist ja nicht unbedingt öko!«

Eine Utopie für Industriegesellschaften

Doch die bunte Schar der Kritiker? »Ja«, bekennt die fairbrauch-Chefin, »wir haben einige Versand- und Einzelhändler in die Pleite konkurriert. Und nein, das sozialistische Paradies haben wir fürwahr nicht errichtet. Und vielleicht lösen wir tatsächlich bevorzugt Erste-Welt-Probleme, und auch die nur zum Teil. Aber«, so ergänzt Müller, während sie ihre Stirn in Falten legt, »die Kritik kommt ausgerechnet von denen, die vor zehn Jahren sagten, wir seien doch bloß weltfremde Gutmenschen und utopistische Spinner. Welch ein Irrtum: Fair ist Brauch geworden!«

Neulich habe gar Rainer Brüderle (78) sie zur Seite genommen. Das fairbrauch-Angebot an »durchaus trinkbaren« Öko-Weinen aus der Mosel-Region sei »ganz erstaunlich«, habe der FDP-Ehrenvorsitzende sie leicht lallend gelobt. Als Liberaler freue er sich besonders über den günstigen Preis und auf den schmerzfreien Schädel am »Morgen danach«. Was Brüderle dann folgen ließ, versichert Müller, »war eine etwas undifferenzierte Hass-Tirade auf den privaten Einzelhandel«.

neues deutschland, 24. August 2013, Seite 18