Geschichte

Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation

Das Ende der Megamaschine. Geschichte einer scheiternden Zivilisation

 

Buchcover-in-Ansicht

von Fabian Scheidler

Warum schreitet die ökologische Zerstörung des Planeten trotz unzähliger Klimagipfel ungebremst voran? Warum hungern mehr Menschen als je zuvor auf der Erde, obwohl noch nie so ungeheure Reichtümer angehäuft wurden wie heute? Warum erweisen sich die globalen Eliten als unfähig, die Richtung zu ändern, obwohl ihr Kurs in einen planetaren Crash führt?

Der Berliner Autor und Journalist Fabian Scheidler legt in seinem Buch „Das Ende der Megamaschine“ die Wurzeln der Zerstörungskräfte frei, die heute die menschliche Zukunft infrage stellen. In einer Spurensuche durch fünf Jahrtausende führt das Buch zu den Ursprüngen ökonomischer, militärischer und ideologischer Macht. Der Autor erzählt die Vorgeschichte und Genese des modernen Weltsystems, das Mensch und Natur einer radikalen Ausbeutung unterwirft. Dabei demontiert er Fortschrittsmythen der westlichen Zivilisation und zeigt, wie die Logik der endlosen Geldvermehrung von Anfang an menschliche Gesellschaften und Ökosysteme verwüstet hat. So entsteht eine faszinierende Gegengeschichte unserer Zivilisation.

Das Buch schöpft aus einer Vielzahl von Quellen, von der Anthropologie und Geschichtswissenschaft über die Chaosforschung bis zur Populärkultur. Es verändert eingefahrene Sichtweisen, indem es Verbindungen quer durch Zeiten, Räume und Denktraditionen herstellt. Die Kenntnis der historischen Zusammenhänge bildet die Grundlage dafür, neue Möglichkeiten für eine notwendige zivilisatorische Wende zu entdecken.

Wer verstehen will, warum wir menschheitsgeschichtlich in eine Sackgasse geraten sind und wie wir aus ihr wieder herauskommen können, der kommt an Fabian Scheidlers „Das Ende der Megamaschine“ nicht vorbei. Es ist ein Buch, das zum Handeln einlädt und Möglichkeiten eröffnet, gemeinsam einen Ausgang aus der gefühlten Ohnmacht zu finden.

 

Zur historischen Rolle einer Subkultur: Punk.

Punk ist die dystopische Revolte in Reinform, die am deutlichsten in der Parole »No Future« zum Ausdruck kommt. Gut zehn Jahre bevor Francis Fukuyama das »Ende des Geschichte« ausruft, tun das die Punks als Ausdruck eines gescheiterten Aufbegehrens der 68er, das hierzulande in die Parteigründung der Grünen und das muntere Erklimmen der Lehrstühle beim Marsch durch die Institutionen mündet. Die ehemaligen Gesellschafts- und Systemkritiker richten sich im Alternativmodus in den Nischen des neoliberalen Kapitalismus ein und kommen in der bürgerlichen Gesellschaft an, während die Punks auf Totalverweigerung umschalten.

Wenn die Anfangsjahre des Punk auch in den Mitt-70ern liegen, so sind die heute so gerne als hip verklärten frühen 80er der Zeitpunkt, zu dem sich Punk über seine ursprünglichen Entstehungsorte hinaus verbreitet. Natürlich erlebt Punk seine Anfänge in London, New York und Berlin. Aber in seiner flächendeckenden Ausbreitung Anfang der 80er in der BRD ist Punk vor allem auch ein Provinzphänomen von Niederbayern bis Ostfriesland.

Davon erzählt auch Frans Scholtens Roman »die ’krautz – punks und heroin« (Edition Assemblage), angesiedelt in einer erfundenen Kleinstadt im nordrheinwestfälischen Nirgendwo. Anhand der Entwicklung einer Gruppe Jugendlicher, die so punkgerechte Namen wie Schambers und Neunauge tragen, erzählt Scholten eine Coming-of-Age-Geschichte, die zwischen Unterhaltungen in der Jugendzentrums-Teestube, Fahrten zu den Chaostagen in Hannover, Schlägereien mit Nazi-Skinheads und dem blanken Unverständnis der älteren Generation angesiedelt ist.

Die Werte der bürgerlichen Gesellschaft in Frage zu stellen, ist ebenso einfach wie gefährlich in der spießbürgerlichen Kleinstadtwelt. Anfang der 80er bedeutet die bundesrepublikanische Provinz für augenscheinlich Andersdenkende nicht selten einen knallharten Spießrutenlauf, auch für Scholtens Figuren. Wobei es auch einen politisch links eingestellten und verständigen Kunstlehrer gibt, dessen Tochter außerdem mit den Punks herumhängt. Der Lehrer hat im Keller seines Einfamilienhauses eine Modelleisenbahn, mit der er als Hommage an den Ruhrgebiets-Fluxus-Künstler Wolf Vostell die Deportation der europäischen Juden nachstellt. Im Gegensatz zu diesem kulturellen, im verborgenen Keller ausgebreiteten abstrakten Modelleisenbahn-Antifaschismus prügeln sich die Punks mit Nazi-Skins ganz praktisch auf dem Bahnhofsvorplatz. Denn in den 80ern sind Neonazis und Neue Rechte im Aufwind, egal ob in den Parlamenten oder auf der Straße – am Bodensee, in Berliner Kiezen, rund um Göttingen und in der bayerischen Pampa.

Im Zentrum der Erzählung steht der Gedichte schreibende Schambers, der viel in der Fußgängerzone herumsitzt und im Lauf der Geschichte sein Interesse an Heroin entdeckt. Frans Scholten bietet pointierte Zeitgeschichte: Plötzlich gibt es als Neuheit Avocados zu kaufen und ein junger Punk zieht schon mal als Nachrücker für die »Grünen« (damals noch je nach Ortsverband auch eine linksradikale Partei) ins Kommunalparlament ein. »Wenn wir könnten, würden wir ganz anders mit solchen wie Ihnen verfahren«, wird dem Neu-Abgeordneten Schambers dort recht bald von einem Ratsmitglied hinter vorgehaltener Hand gesagt. Punk in der bundesrepublikanischen Provinz der 80er war auch immer eine Projektionsfläche für die latenten Gewalt- und Vernichtungsfantasien des deutschen Kleinbürgertums gegenüber Andersdenkenden, die auch noch die Chuzpe hatten, ihre Abweichung öffentlich in Szene zu setzen und sich zu organisieren.

Dabei ist die lose Organisierung der Punks als Gruppe bzw. ihre Fähigkeit, ein eigenständiges subkulturelles Milieu als Teil eines historischen Emanzipationsprozesses von bürgerlich-kapitalistischen Werten zu erzeugen, der interessanteste Aspekt einer zeitgeschichtlichen Lese. Die lebensweltlich geprägte Revolte der Punkbewegung lässt sich auch als radikalisierte Fortsetzung dessen verstehen, was die Hippie-Bewegung für die politisierten 68er war. Der SDS entwickelte seine Sprengkraft erst durch die Unterwanderung des heterogenen linksradikalen Sammelbeckens durch die Situationisten der Münchner »Subversiven Aktion«, zu der unter anderem Rainer Langhans und Rudi Dutschke gehörten. Außerdem erlebte die politische Bewegung damals eine nicht zu unterschätzende Rückkopplung mit dem antiautoritären Gestus der neu entstandenen Hippies, um sich in einem weiteren (gegen)gesellschaftlichen Resonanzraum etablieren zu können. In den 80ern wurde die Entstehung der sogenannten »Neuen Sozialen Bewegungen« und der Autonomen von zahlreichen subkulturellen Phänomenen flankiert, wobei den plötzlich flächendeckend auch in den Provinzstädten auftretenden Punks eine zentrale ikonographische Rolle des bilderbuchartigen »Dagegen-Seins« zukam.

Zu den Hippies der 68er gibt es aber entscheidende Unterschiede. Mit dem Einsetzen des konservativen Rollbacks wird in der Philosophie auch das »Ende der großen Erzählungen« (Lyotard) postuliert. Nicht das Neue, sondern die Rekombination von Vergangenem wird zur alles durchdringenden postmodernen Logik. Und genau dort steht der Punk als widerständiges, sich neu erfindendes Subjekt, das jedwede Bindung an die bisher gültigen gesellschaftlichen Kategorien ablehnt. Die Frisur von den Irokesen, ausrangierte Armeestiefel, Hosen mit Schottenmuster oder Flecken, die an Hautkrankheit erinnern, mit ranzigen Werbeaufklebern auf der proletarischen Lederjacke: zusammengehalten wird der tribalistische Kriegerstatus von der anarchistischen Geste absoluter Negation. »Fuck off!« wird zum politisch-identitären Lebensgefühl.

Die radikale Ablehnung gilt dem im Umbau vom Fordismus zum Postfordismus befindlichen Ordnungssystem als Ausdruck der permanenten sozialen Krise. Bei Scholten wird der »Monte Schlacko«, das Siegener Wahrzeichen der Bergwerksvergangenheit, zum symbolträchtigen Ort einer auf industriellem Müll aufgebauten Gesellschaft im Umbruch. Der erkaltete Schlacke-Berg sollte Anfang der 80er begrünt werden, was aber nicht funktionierte. Als Schambers und seine Freundin dort spazieren gehen, brodelt es im Inneren des Berges, als würde dieser sich der postfordistischen Begrünung widersetzen. Die Punks als Torwächter der krisenhaften Gegenwart kultivieren das Kaputtsein und das Nicht-Funktionieren als Ausdruck einer politischen Haltung absoluter Nicht-Integrierbarkeit in das neue Gesellschaftsmodell der Selbstverwertung. »Wir nähern uns mit zunehmender Geschwindigkeit dem Zeitpunkt, der Zerstörung in die einzig kreative Tat verkehrt«, ist ein Leitspruch der Züricher Punk- und Autonomenbewegung, die für die mitteleuropäische Revolte im Sommer 1980 Maßstäbe setzt.

Der italienische Philosoph Antonio Negri schreibt 1981: »Die Klassenzusammensetzung des heutigen metropolitanen Subjekts kennt keine Erinnerung … die bestehenden Erinnerungen an 1968 und an die zehn Jahre danach sind heute nur noch die Erinnerungen des Totengräbers … die Jugendlichen von Zürich, die Proletarier von Neapel und die Arbeiter von Danzig brauchen keine Erinnerung … kommunistischer Übergang bedeutet die Abwesenheit von Erinnerung.« Mag der einleitende analytische Teil dieser Aussage über die soziale Zusammensetzung der Großstadtrevolten und das Verhältnis zur 68er-Bewegung noch stimmen, so halluziniert Negri, der sich damals schon für die deutschen Grünen begeistert, hilflos den Vorhof der sozialen Revolution herbei, während die westlichen Gesellschaften in den immer noch andauernden Alptraum des neoliberalen Hegemonie-Regimes eintreten.

Die Punks personifizieren am deutlichsten die erinnerungs-, geschichts- und zukunftslose Jugend der frühen 80er, die eine ungeahnt radikale Form der Revolte verkörpern und gleichzeitig ihr Scheitern in sich tragen. In Scholtens Roman ist das titelgebende Heroin die hedonistische, selbstzerstörerische Falle, in die die Subkultur tappt. Auch in Zürich sorgt massenhaft günstiges Heroin für den langsamen Zerfall der Szene und in Berlin wird die harte Drogenszene auf kurzem Dienstweg von der Polizei ans Kottbusser Tor ins widerständige Kreuzberg gekarrt. Die Parole »Bullen und Heroin – zwei Wege ein Ziel« verweist darauf, dass aber nicht nur die teils selbstzerstörerische Punkkultur das Abdriften in harte Drogen erzeugt.

»Von nun an, und das ist neu, erklären wir uns nicht mehr für unsere Gewalt! In unserer Ohnmacht setzen wir auch keine Ultimaten mehr, sondern hauen einfach so alles kurz und klein. Die Scheiben von ihren Glashäusern springen. Allein dafür sind wir da«, sagt Schambers im Drogenrausch am Ende des Romans. So systemsprengend und für die kapitalistische Herrschaft schwer absorbierbar die auf den radikalen Mitteln des Pop basierende Punk-Revolte auch ist oder womöglich nur zu sein scheint, sie verliert sich schließlich in den autoritären Ordnungsmaßnahmen neoliberaler Politik. In »die ’krautz – punks und heroin« sind ein brachialer Polizeieinsatz und ein Innenstadtverbot für die Punks das große Finale des Romans. Was bleibt, ist die radikale Pose des Punk, die endlos reproduziert wird und für nachfolgende Generationen als subkultureller Abgrenzungsmodus verfügbar bleibt. Seine kultur- und sozialrevolutionäre Sprengkraft hat er aber eingebüßt.

Frans Scholten: die ’krautz – punks und heroin. Roman, Edition Assemblage, 254 S., brosch., 16,80 €.

neues deutschland, Berlin. 04. 10.2014, S.23

Mandela, Nelson / Südafrika

»Während vieler Jahrzehnte waren die Kommunisten die einzige politische Gruppierung in Südafrika, die bereit war, mit uns zu essen, mit uns zu sprechen, mit uns zu leben und mit uns zu arbeiten. Genau deshalb neigen heutzutage viele Afrikaner dazu, Freiheit und Kommunismus gleichzusetzen.«

Nelson Mandela in seiner Autobiografie »Long Walk to Freedom« (London 1994)