Glück / Bedürfnisse

Selbstverwirklichung: Überwindung der Angst, die uns die Weltlenker einflößen

[Heleno Saña]

Wahre Selbstverwirklichung bedeutet, im Einklang mit seinen Überzeugungen zu leben; schon allein deshalb schließt sie nicht unbedingt den Begriff Erfolg ein.

Selbstverwirklichung kann vielmehr aus Verzicht, Opfer und Schmerz bestehen. Gesinnung ist ein innerer Wert und hat mit gesellschaftlicher Anerkennung nicht das Geringste zu tun. Das gilt für alle Zeiten, aber in erster Linie für Epochen, die für das Erhabene weitgehend unzugänglich geworden sind. Je empfindsamer, zarter und unegoistischer Menschen sind, desto gefährdeter sind sie, gefährdet bis hin zu Wahnsinn, Selbstzerstörung oder Freitod. Der Einsatz für das Humane war von je her mit dem Erfahren des Leidens verbunden. Die Griechen sprachen in diesem Zusammenhang von pathein (Erleiden), das Christentum beginnt mit dem Martyrium seiner Stifter. Paul Ricoeur hat in seinem Buch „Soi-même comme un autre“ zu Recht darauf hingewiesen, dass jeder handelnde Mensch (homme aggisant) zugleich leidend (souffrant) ist. Diese allgemeine Wahrheit trifft insbesondere auf Menschen zu, deren Handeln im Dienste eines hohen Ideals steht.

Wir leben heute im Zustand der Vermassung, der Mechanisierung und der Gleichschaltung, haben entsprechend aufgehört, Individuen in genuinstem und vollstem Sinne des Wortes zu sein. Es geht darum, uns aus dieser demütigenden und selbstverschuldeten Negation unseres Selbst zu befreien und wieder zu lernen, selbstbewusst, frei und eigenverantwortlich zu denken und zu handeln. Das wäre die einzige Möglichkeit, um Partei für das Prinzip Leben zu nehmen und uns gegen das Prinzip Tod zur Wehr zu setzen, in das uns das System geführt hat. Tertium non datur. Das Entweder-Oder von Kierkegaard steht wieder auf der Tagesordnung, nur dass es jetzt nicht mehr um Religion, sondern um einen Kampf zwischen Knechtschaft und Freiheit geht. Wir weigern uns, zu gefügigen Marionetten und Konsumrobotern der bestehenden Machtinteressen in ihren verschiedenen Erscheinungen degradiert zu werden. Wir wollen frei sein, nicht Untertanen eines zugleich bornierten und brutalen Systems, das keine andere Wahrheit kennt als Gewinnstreben und alles Wertvolle und Vorzügliche im Leben systematisch zugrunde richtet. Wir wollen wieder Menschen in integralem Sinn sein und in Übereinstimmung mit unseren wahren Bedürfnissen und Sehnsüchten leben.

Unsere Glücksansprüche sind zu hoch, um uns mit den Ersatz- und Pseudowerten abzufinden, die uns als höchstes Gut von der waltenden Doxa angeboten werden. Deshalb lehnen wir mit aller Entschiedenheit das Erfüllungsmodell ab, das das System uns vorschreibt, deshalb befinden wir uns im Zustand des Krieges mit ihm und all seinen Helfershelfern und Claqueuren in der Politik, in den Medien, in der Wissenschaft und in der Kulturindustrie. Ich bin nicht geboren, um mein Schicksal in die Hände von Sadisten, Betrügern, Lügnern und Machtmenschen zu legen, die aus mir ein willenloses Partikel ihres Herrschaftswahns machen wollen. Was ich bin oder werden will, entscheide ich, nicht sie. Ich bin geboren, um meine Freiheit, meine Selbstachtung und mein angeborenes Recht auf ein von mir gewähltes Leben bis zu meinem Tod zu verteidigen. Nur wenn wir das verstehen, werden wir in der Lage sein, Widerstand gegen alles zu leisten, was uns in zunehmender Weise negiert und vernichtet. Voraussetzung dafür ist aber die Überwindung der Angst, die uns die Weltlenker einflößen. Ohne diesen Selbstbefreiungsprozess wird es keine gemeinsame, weltweite Befreiung geben.

Von Heleno Saña
Veröffentlicht in LINKSNET , 2004
Der Text basiert auf einem Vortrag, den der Autor am 6. Juni 2004 im Bilderhaus Bornemann (Lübeck) hielt.

Hilft der täglich Handy-Kontakt zwischen zwei Liebenden?

Viereinhalb Stunden Funkstille

Wie sich eine junge Generation verhält, die sich über den Tag hinweg in permanenter Kommunikation miteinander befindet und dann in »echt« aufeinandertrifft. Von Kurt Starke

Was macht ein Liebespaar, das sich jeden Tag leibhaftig sehen will, aber nicht kann? Stellen wir uns einen 22-jährigen Studenten vor, der fern von seiner Geliebten in einer fremden Stadt studiert und selten nach Hause fahren kann. In früheren Zeiten mussten das die Liebenden einfach hinnehmen. Für den Notfall blieb das Telefon, der karge Anruf aus der Telefonzelle oder intime Botschaften unter den Augen einer strengen Vermieterin, sofern diese mit einem Telefon gesegnet war. Hauptkommunikationsmittel war der Brief, der Liebesbrief. Immer in der Hoffnung, dass die Antwort möglichst bald einträfe.

Ein spannungsreiches Leben.

Das ist nun alles ganz anders. Den Brief per Post gibt es zwar noch, sogar den handgeschriebenen. Aber er ist äußerst selten geworden, so selten wie ein Gedicht für die ferne Geliebte. Heute steht ein gewaltiges und neuartiges Instrumentarium zur virtuellen Überbrückung von kleinen und großen Entfernungen zur Verfügung, und diese Neuen Medien werden rege genutzt. 99 Prozent der Studenten telefonieren miteinander, sobald sie voneinander entfernt sind. Das geschieht fast ausschließlich per Mobiltelefon: Handy oder Smartphone. 97 Prozent simsen, versenden also Kurzmitteilungen (SMS) per Handy. 66 Prozent schreiben sich E-Mails. 55 Prozent nutzen soziale Netzwerke im Internet, 45 Prozent chatten und nutzen ebenfalls Skype oder andere Bildübertragungen, können also mit der geliebten Person per Bildschirm reden – oder auch schweigen, wenn ihnen danach ist.

Nicht nur die Vielfalt der Medien für die interpersonale Kommunikation ist größer geworden, sondern auch die Kontaktdichte. Bricht man meine jüngsten empirischen Ergebnisse auf unseren 22-jährigen Studenten herunter, wird er mit großer Wahrscheinlichkeit zu denen gehören, die täglich mehrmals Kontakt mit der Freundin in der Ferne haben. Täglich mehrmals! Wirklich! Die Hauptform ist hier die SMS. 47 Prozent der Studenten teilen sich auf diese Weise mehrmals täglich mit, frisch Verliebte sogar noch häufiger. Es folgen 29 Prozent, die täglich mehrfach telefonieren. 17 Prozent chatten mehrmals täglich oder treffen sich in sozialen Netzwerken wie Facebook. Eine Funkstille gibt es faktisch nicht. Unser 22-jähriger Student ist also nicht nur umringt von Kommilitonen aller Art, vielleicht auch umschwärmt von Kommilitoninnen, sondern auch in ein virtuelles Netz eingebunden, das eine leichte Erreichbarkeit auf beiden Seiten sichert. Wie lang hält es der durchschnittliche Student ohne virtuellen Kontakt mit seiner Freundin aus? Viereinhalb Stunden! Spätestens nach viereinhalb Stunden – so ergeben meine empirischen Befunde – fängt dieser Student an, sich Sorgen zu machen, wenn er von seiner Freundin nichts hört. Tagelanges quälendes Warten ist nicht mehr. Aber auch wenn er nicht direkt beunruhigt ist: Der Griff zu seinem elektronischen Gerät, dem treuen Begleiter und der Ruf ins Internet ist unabdingbar.

Und was passiert, wenn man die virtuelle Welt verlässt und sich körperlich trifft? Erst einmal nichts. Erzählt ist ja schon alles. Beide sind informationell und verbal auf dem neuesten Stand. Nun heißt es, das verbale Band mit körpernahen Kommunikationen zu festigen und das Virtuelle mit Seh-, Fühl- und Greifbarem anzureichern. Nun heißt es – in dieser so anderen realen Welt – Fantasie zu entwickeln. Notfalls auch schweigend. Oder küssend. Oder idealerweise beides gleichzeitig.

Ein junger Student kann sich noch einigermaßen gut darauf einstellen, die feste Partnerin nicht am Studienort, nicht in nächster Nähe zu haben. Er weiß ja, irgendwann ist die Studienzeit vorbei, und dann kann die Gemeinsamkeit, das Beieinander und vielleicht die Gründung einer Familie geplant werden. Genau das aber erweist sich zunehmend als Illusion. Die Arbeitswelt hat andere Gesetze, sie verlangt Flexibilität, auch territoriale. Oft muss der eine Partner weit vom anderen entfernt arbeiten. Wenn beide mobil sein und den Arbeitsort schnell wechseln müssen, verliert eine gemeinsame Wohnung bald ihren Sinn, sie wird unpraktisch und unökonomisch, ja sie wird belastend. Ein Nest für gemeinsame Kinder zu bauen, wird auf später verschoben, und nicht selten wird ein Nie daraus.

Noch vor 15 Jahren sahen nach meinen Befunden (nachzulesen in »Nichts als die reine Liebe«) 69 Prozent der 30-Jährigen ihren Partner täglich. Wohnten sie nicht zusammen, waren es immerhin noch 18 Prozent täglich, und 68 Prozent sahen sich zwei- bis dreimal in der Woche. Langjährige Fernbeziehungen waren selten, sie wurden als nicht oder kaum lebbar empfunden oder lösten sich einfach von selbst auf. Dies hat sich rapide verändert. Dank der Neuen Medien können sich Paare an räumliche Trennungen, auch an längere, viel besser gewöhnen. Mühelos können sie täglich und sogar stündlich Kontakt haben. Sie können sich außerdem sehen, auf den kleinen oder auf größeren Bildschirmen per Skype.

Wie sich diese nichtleibliche Kontaktform auf die Beziehung und das Individuum Partner auswirkt, ist noch nicht abzusehen. Zum Kinderkriegen regt sie zunächst wohl nicht an.

Vielleicht wird aber künftig das Paar anders als bisher definiert (oder konstruiert) werden, mehr als eine Addition zweier ansonsten selbstständiger Individuen und weniger als die neue Qualität eines Wir. Die einen mögen dies als logisch, annehmbar, vielleicht auch als glückliche Lösung hervorheben. Die anderen fürchten es als Horrorvision, geschuldet der neoliberalen Vereinnahmung der Ware Arbeitskraft. Für die Dritten wird das freilich nicht die Zukunft für alle und für immer sein, dazu sind die Paarmenschen, vor allem die sich lieben, zu sehr auf körperliche Nähe erpicht.

Prof. Dr. habil. Kurt Starke war Forschungsdirektor am Zentralinstitut für Jugendforschung Leipzig und erforscht seit vielen Jahren das Partner- und Sexualverhalten der verschiedensten Bevölkerungsgruppen in Ost und West.

neues deutschland, 18.06.2016, S. 22

Glück – ein Zustand der Zweckfreiheit

Für den einen ist es die Begegnung mit der Natur, der andere erlebt es, wenn er in der Gemeinschaft ist, wieder einer, wenn er Musik hört: Glück. „Es ist ein Zustand des Genugseins, des Soseindürfens, wie ich bin“, beschreibt der Neurobiologe Joachim Bauer das Glücklichsein. Und: Glück könne man nicht herstellen, aber es fördern.

Oft werde Glück mit Genuss oder Freude verwechselt. Letzteres sei aber flüchtiger als Glück und gehe nicht so tief. Gerade in der leistungsorientierten Konsumgesellschaft seien viele Menschen abhängig von Anerkennung und kurzfristiger Befriedigung. Man könne Glück zwar nicht erzwingen, unterstreicht Bauer, ihm aber sehr wohl die Tür öffnen. Die Fähigkeit zum Glück sei in gewisser Weise steuerbar, indem man sich unabhängig mache und sich der Muse öffne. Nur wer sich nicht in das ständige Laufrad begebe, schaffe Freiräume für das zweckfreie Glück.

Bauer rät deshalb, gerade in der Kindererziehung darauf zu achten, Kindern entsprechende Sphären und Freiräume zu eröffnen. Kinder bräuchten Räume, wo sie sich einer Sache mit Leidenschaft widmen könnten.

Neurobiologe Joachim Bauer im Gespräch mit Kathrin Hondl – Deutschlandfunk, 20.03.2016

Joachim Bauer: „Selbststeuerung – Die Wiederentdeckung des freien Willens“
Blessing Verlag, 19,99 Euro

Manfred Lütz: „Glück ist kein Egotrip“

Neues Jahr, neues Glück: Aber was macht glücklich? Etwas sinnvolles tun, sagte der Psychiater, Theologe und Buchautor Manfred Lütz im Deutschlandfunk. Zum Beispiel, indem man sich für Flüchtlinge engagiere. Ein Irrweg sei es hingegen, wenn man „Glück nur als seinen privaten Glücksbesitz zusammenrafft“.

Manfred Lütz im Gespräch mit Christoph Heinemann _ Deutschlandfunk 07.01.2016