Interdependenz

Ohne Big Data geht es auch

Wir sollten die digitale Technik weniger als technischen Fortschritt diskutieren, sondern eher auf das Gesellschaftsbild achten, das den entsprechenden Geschäftsmodellen zugrunde liegt. Von Ralf Hutter

Die ganzen Daten der letzten zehn Jahre und die darauf aufbauende Künstliche Intelligenz gehören Google, Microsoft, Facebook, IBM und Amazon.« Evgeny Morozov wurde seinem Weltruf als großer Kritiker der »Datenextraktivismus-Industrie«, wie er es nennt, gerecht, als er kürzlich auf einem Kongress der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin einen Vortrag über die Aussichten hielt, die uns der digitale Kapitalismus bietet. »Letztendlich wird nach der Automatisierung der Industrie und der öffentlichen Verwaltung, wo dann die Künstliche Intelligenz regiert, alles etwas kosten, und es werden vier oder fünf Firmen dahinterstehen«, führte Morozov auf dem Podium aus. Der 1984 in Belarus geborene und heute in den USA lebende Publizist sagt: Die Städte werden in absehbarer Zeit voller Sensoren sein, gleichzeitig entwickeln mehrere Firmen Software für die mobile Bezahlung von Kleinstbeträgen – also werden wir irgendwann für kleinste Annehmlichkeiten im öffentlichen Raum zur Kasse gebeten werden. Alternative Unternehmen könnten sich nicht mehr durchsetzen, denn die Unmengen an Daten, die für die neuen Geschäftsmodelle nötig sind, seien für sie gar nicht mehr erreichbar.

Morozov trat damit Barcelonas Beauftragter für Technologie und digitale Innovation Francesca Bria entgegen, die mit ihm auf dem Podium saß. Barcelona will unter der Regierung eines von Basisbewegungen geprägten Bündnisses mit seinem im Aufbau befindlichen Netzwerk »rebellischer Städte« den Wandel hin zu technologischer Souveränität anführen. Das bedeutet Kampf gegen die Abhängigkeit der Städte von Konzernen bei der Digitalisierung ihrer Dienstleistungen und Infrastruktur. Gefördert werden sollen Bürgerbeteiligung, alternative Geschäftsmodelle, Freie Software und dergleichen. Laut Morozov müssen die Lösungen aber nicht nur auf der lokalen Ebene gesucht werden.

Die Debatte zeigt vor allem eines: Die Gesellschaft kommt nicht darum herum, im digitalen Bereich alternative Herangehensweisen und Wirtschaftsmodelle zu suchen. Initiativen wie die in Barcelona werden also zumindest teilweise begrüßenswerte Ergebnisse hervorbringen. Morozov hingegen gab in Berlin den großen Skeptiker, der keinen Ausweg erkennt. Für Morozov sind Konzerne wie Google und Facebook bereits uneinholbar enteilt; er kritisiert, dass sie nicht für unsere Daten zahlen – er fragt aber nicht, warum wir überhaupt ihre Dienste in Anspruch nehmen, beziehungsweise ihnen Daten geben.

Als Linke müssen wir die umfassende Digitalisierung unseres Alltags ablehnen. Die allgemeine Verwertungsmaschinerie, die analytisch in Kapital und Staat aufzuteilen heutzutage eher müßig ist, hat ein Ausmaß an Macht und Überwachung ermöglicht, das wir ganz generell bekämpfen müssen. Das ist schon unabhängig von der Digitalisierung so, wird nun aber immer offensichtlicher und dringlicher. Deswegen ist auch ein traditioneller staatssozialistischer Ansatz abzulehnen: Die Daten, die sich nicht eine Handvoll Konzerne aufteilen sollen, sollen auch nicht beim Staat vorliegen.

Die Menschheit steht am Beginn einer Prägung des Zusammenlebens, wie es sie selten zuvor gegeben hat. Die letzte war wohl das Pressen der Menschen in die Fabrikgesellschaft, die Durchsetzung fremdbestimmter, außerhäuslicher und maschinenhafter Arbeit. Das ging einher mit einer immer stärkeren Vereinzelung, einem Brechen der festen sozialen Beziehungen.

Nun gibt es einen noch umfassenderen Zugriff – natürlich mit möglichst wenig spürbarem Zwang. Die Konzernabhängigkeit bei immer mehr Alltagsdingen und der Wunsch, ständig online zu sein, sollen mit den Mitteln der Konsumgüterindustrie verankert werden. Der Zugriff auf den Einzelnen, der in der bürgerlichen Gesellschaft schon verwirklicht ist, wird nun durch die allgegenwärtige Digitalisierung perfektioniert.

Wenn die menschliche Geschichte aus Klassenkämpfen besteht, wie Karl Marx einmal postulierte, dann können wir uns heute schon mal ein gutes Bild vom Ende der Geschichte machen. Die erschreckenden Vorhaben von Google und Co. zur Mitgestaltung unseres Lebens helfen uns dabei. Klassen im harten Sinn hat die bürgerliche Gesellschaft bereits abgeschafft (falls Ihnen ein Marxist das Gegenteil sagt, fragen Sie einfach die überwältigende Mehrheit der nicht-marxistischen Menschen), nun folgt die totale Erfassung, Zerlegung und Berechnung, und zwar sowohl des Verhaltens möglichst jedes Menschen, als auch seiner Persönlichkeit.

Der Digitalisierung ist wie dem Kapitalismus eigen, dass unterschiedliche Qualitäten in eine gemeinsame Form (beim Kapitalismus letztendlich Geld) gepresst werden und sich dann nur noch quantitativ unterscheiden. Die Grundlage für Profit ist die Reduktion auf gleichmäßige kleinste Teile, auf Zahlenwerte. Der Einzelne wird immer berechenbarer. Menschliches Handeln lässt sich dank des stets Umgebungsdaten aufnehmenden und sofort sendenden kleinen Computers, von dem immer mehr Leute nicht mehr die Finger lassen können, weitgehend in Daten ausdrücken und deshalb mittlerweile sehr gut prognostizieren. Über unseren Charakter sind so mittlerweile ebenfalls immense Rückschlüsse möglich.

Die dazugehörige Methode nennt sich Psychografie, und Big-Data-Firmen wie z.B. Cambridge Analytica, werben damit, mit diesem Verfahren der Datenerfassung und -auswertung für den Wahlsieg Donald Trumps gesorgt zu haben. Das Unternehmen hatte dem US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner auf kleine Wählergruppen heruntergebrochene Daten geliefert, die seinem Team eine »zielgenaue« Wahlwerbung in den sozialen Netzwerken ermöglichte.

Diese Persönlichkeitserforschung wird neben dem Kapitalismus und der Digitalisierung von einer dritten Kraft in eine erschreckende Dimension getrieben: den Naturwissenschaften. Die transhumanistische Bewegung arbeitet daran, unser Gehirn, das sie als eine Art Computer ansieht, nachzubauen. Es geht um das Kopieren von Gefühlen und Erinnerungen auf Festplatten und somit ewiges Leben, um die Symbiose des Menschen mit Computern. Diese Technikfetischisten wollen die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern und auch andere Schranken, die unser Körper uns setzt, überwinden. Dieses Leistungsdenken kommt ohne soziale Bezüge aus. Ihre Forschungsergebnisse sind Leckerbissen für die Datenextraktivismus-Industrie, weil sie eben die Berechenbarkeit und Nutzbarkeit jeglicher menschlichen Lebensäußerung, einschließlich bloßer Denkprozesse, weiter erhöhen.

Es wäre deshalb verharmlosend, die allgegenwärtige Digitalisierung unter der Frage nach den Vor- und Nachteilen des technischen Fortschritts zu fassen. Klar, computerisierte Prothesen sind toll und müssen als technischer Fortschritt angesehen werden, ebenso wie Computer und Internet wichtige Errungenschaften gerade für herrschaftskritische Bewegungen sind. Doch die Digitalisierung und Vernetzung von allem und jedem ist eher Medium der Fremdbestimmung als Produktivkraft. Es handelt sich vielmehr um Ordnungskraft mit totalitärem Anspruch. Google will sogar eine eigene Stadt errichten. Selbst im – höchst unwahrscheinlichen – Fall, dass unser Alltag von konzernkritischen und -unabhängigen Regierungen digitalisiert wird, würde diese Ordnungskraft nur abgeschwächt. Ohnehin bescheren uns die allgegenwärtigen Geräte unabhängig vom Träger der Ordnungsmacht schädliche Strahlung und Stress. Wir sollten dem andere Vorstellungen des menschlichen Zusammenlebens entgegensetzen. Ohne Big Data geht es auch.

neues deutschland, Berlin, 10.12.2016, S. 23

Migration weltweit

Migration weltweit

Im Zeitalter der Globalisierung haben weltweite Wanderungsbewegungen zugenommen. Daraus ergeben sich Chancen und Herausforderungen, die nur durch intensive internationale Zusammenarbeit bewältigt werden können. Migration. Migration ist ein globales Phänomen. Es gibt kein Land, das nicht grenzüberschreitende Zu- und Abwanderungen (internationale Migration) oder Wanderungsbewegungen im Landesinneren (Binnenmigration) verzeichnen würde. Eine wichtige Triebkraft der Wanderungsbewegungen ist die Globalisierung mit ihrer weltweiten Integration der Märkte. Allerdings wirkt die Globalisierung nicht unbeschränkt:

  • Zum einen bemühen sich alle Staaten um eine Steuerung der Zuwanderung. Bei manchen Ländern steht auch die Begrenzung der Abwanderung im Vordergrund. Die Intensität der Steuerung ist zwar unterschiedlich, und manche Staaten sind für Zuwanderung offener als andere. Grundsätzlich aber gilt: Jeder Staat steuert, und kein Land verfolgt eine Politik der offenen Grenzen.
  • Zum anderen wandern Menschen nicht nur aus wirtschaftlichen Gründen: Flüchtlinge machen einen erheblichen Teil der weltweiten Wanderungen aus. Sie verlassen ihre Heimat nicht in erster Linie, um bessere wirtschaftliche Lebensbedingungen für sich und die Familie zu finden, sondern weil sie Schutz vor Unterdrückung und Verfolgung suchen.

Insgesamt steigt die Zahl der internationalen Migranten und Flüchtlinge weitaus langsamer an, als angesichts der fortschreitenden Integration der Märkte, der Zunahme der weltweiten Ungleichheit und der unzureichenden Sicherheit in vielen Regionen der Welt zu erwarten wäre. Gleichwohl nehmen die Wanderungsbewegungen insgesamt zu, und in vielen Staaten wächst die Einsicht, dass die damit verbundenen Chancen und Herausforderungen nur durch eine intensivere internationale Zusammenarbeit bewältigt werden können.  

Integration vs. Assimilation

Integration vs. Assimilation

Hier ein Versuch der Definition von Integration aus dem Integrationskonzept Augsburgs (-schon mal gut, dass es überhaupt solche Konzepte gibt): „Integration bedeutet das konstruktive Miteinander der Menschen aller Gruppenzugehörigkeiten in Augsburg, gleich welcher ethnischen, kulturellen und religiösen Zugehörigkeit, gleich welcher Lebensweisen (Milieus), Lebensformen und Generationen. […]“[3]. Andere definieren Integration als die Entwicklung einer physischen und psychischen Gebundenheit an das Land, in das migriert wird. Es besteht noch ein Freiraum, in welchem die eigene Kultur, Religion oder Lebensweise beibehalten werden kann.

Anders ist es bei der Assimilation.

Assimilation bedeutet die Angleichung an einen Zustand, bzw. das Angleichen der kulturellen bzw. religiösen Werte an die Werte des Landes, in das migriert wurde. Ferner wird Assimilation folgendermaßen definiert: „Assimilation (auch Assimilierung) bezeichnet (…) die Verschmelzung verschiedener gesellschaftlicher Gruppen miteinander, wobei eine Unterscheidung von individueller Assimilation und der Assimilation von Gruppen für das Verständnis der Prozesse auf gesellschaftlicher Ebene grundlegend ist.“[4]