Kulturelle Identität

Zur historischen Rolle einer Subkultur: Punk.

Punk ist die dystopische Revolte in Reinform, die am deutlichsten in der Parole »No Future« zum Ausdruck kommt. Gut zehn Jahre bevor Francis Fukuyama das »Ende des Geschichte« ausruft, tun das die Punks als Ausdruck eines gescheiterten Aufbegehrens der 68er, das hierzulande in die Parteigründung der Grünen und das muntere Erklimmen der Lehrstühle beim Marsch durch die Institutionen mündet. Die ehemaligen Gesellschafts- und Systemkritiker richten sich im Alternativmodus in den Nischen des neoliberalen Kapitalismus ein und kommen in der bürgerlichen Gesellschaft an, während die Punks auf Totalverweigerung umschalten.

Wenn die Anfangsjahre des Punk auch in den Mitt-70ern liegen, so sind die heute so gerne als hip verklärten frühen 80er der Zeitpunkt, zu dem sich Punk über seine ursprünglichen Entstehungsorte hinaus verbreitet. Natürlich erlebt Punk seine Anfänge in London, New York und Berlin. Aber in seiner flächendeckenden Ausbreitung Anfang der 80er in der BRD ist Punk vor allem auch ein Provinzphänomen von Niederbayern bis Ostfriesland.

Davon erzählt auch Frans Scholtens Roman »die ’krautz – punks und heroin« (Edition Assemblage), angesiedelt in einer erfundenen Kleinstadt im nordrheinwestfälischen Nirgendwo. Anhand der Entwicklung einer Gruppe Jugendlicher, die so punkgerechte Namen wie Schambers und Neunauge tragen, erzählt Scholten eine Coming-of-Age-Geschichte, die zwischen Unterhaltungen in der Jugendzentrums-Teestube, Fahrten zu den Chaostagen in Hannover, Schlägereien mit Nazi-Skinheads und dem blanken Unverständnis der älteren Generation angesiedelt ist.

Die Werte der bürgerlichen Gesellschaft in Frage zu stellen, ist ebenso einfach wie gefährlich in der spießbürgerlichen Kleinstadtwelt. Anfang der 80er bedeutet die bundesrepublikanische Provinz für augenscheinlich Andersdenkende nicht selten einen knallharten Spießrutenlauf, auch für Scholtens Figuren. Wobei es auch einen politisch links eingestellten und verständigen Kunstlehrer gibt, dessen Tochter außerdem mit den Punks herumhängt. Der Lehrer hat im Keller seines Einfamilienhauses eine Modelleisenbahn, mit der er als Hommage an den Ruhrgebiets-Fluxus-Künstler Wolf Vostell die Deportation der europäischen Juden nachstellt. Im Gegensatz zu diesem kulturellen, im verborgenen Keller ausgebreiteten abstrakten Modelleisenbahn-Antifaschismus prügeln sich die Punks mit Nazi-Skins ganz praktisch auf dem Bahnhofsvorplatz. Denn in den 80ern sind Neonazis und Neue Rechte im Aufwind, egal ob in den Parlamenten oder auf der Straße – am Bodensee, in Berliner Kiezen, rund um Göttingen und in der bayerischen Pampa.

Im Zentrum der Erzählung steht der Gedichte schreibende Schambers, der viel in der Fußgängerzone herumsitzt und im Lauf der Geschichte sein Interesse an Heroin entdeckt. Frans Scholten bietet pointierte Zeitgeschichte: Plötzlich gibt es als Neuheit Avocados zu kaufen und ein junger Punk zieht schon mal als Nachrücker für die »Grünen« (damals noch je nach Ortsverband auch eine linksradikale Partei) ins Kommunalparlament ein. »Wenn wir könnten, würden wir ganz anders mit solchen wie Ihnen verfahren«, wird dem Neu-Abgeordneten Schambers dort recht bald von einem Ratsmitglied hinter vorgehaltener Hand gesagt. Punk in der bundesrepublikanischen Provinz der 80er war auch immer eine Projektionsfläche für die latenten Gewalt- und Vernichtungsfantasien des deutschen Kleinbürgertums gegenüber Andersdenkenden, die auch noch die Chuzpe hatten, ihre Abweichung öffentlich in Szene zu setzen und sich zu organisieren.

Dabei ist die lose Organisierung der Punks als Gruppe bzw. ihre Fähigkeit, ein eigenständiges subkulturelles Milieu als Teil eines historischen Emanzipationsprozesses von bürgerlich-kapitalistischen Werten zu erzeugen, der interessanteste Aspekt einer zeitgeschichtlichen Lese. Die lebensweltlich geprägte Revolte der Punkbewegung lässt sich auch als radikalisierte Fortsetzung dessen verstehen, was die Hippie-Bewegung für die politisierten 68er war. Der SDS entwickelte seine Sprengkraft erst durch die Unterwanderung des heterogenen linksradikalen Sammelbeckens durch die Situationisten der Münchner »Subversiven Aktion«, zu der unter anderem Rainer Langhans und Rudi Dutschke gehörten. Außerdem erlebte die politische Bewegung damals eine nicht zu unterschätzende Rückkopplung mit dem antiautoritären Gestus der neu entstandenen Hippies, um sich in einem weiteren (gegen)gesellschaftlichen Resonanzraum etablieren zu können. In den 80ern wurde die Entstehung der sogenannten »Neuen Sozialen Bewegungen« und der Autonomen von zahlreichen subkulturellen Phänomenen flankiert, wobei den plötzlich flächendeckend auch in den Provinzstädten auftretenden Punks eine zentrale ikonographische Rolle des bilderbuchartigen »Dagegen-Seins« zukam.

Zu den Hippies der 68er gibt es aber entscheidende Unterschiede. Mit dem Einsetzen des konservativen Rollbacks wird in der Philosophie auch das »Ende der großen Erzählungen« (Lyotard) postuliert. Nicht das Neue, sondern die Rekombination von Vergangenem wird zur alles durchdringenden postmodernen Logik. Und genau dort steht der Punk als widerständiges, sich neu erfindendes Subjekt, das jedwede Bindung an die bisher gültigen gesellschaftlichen Kategorien ablehnt. Die Frisur von den Irokesen, ausrangierte Armeestiefel, Hosen mit Schottenmuster oder Flecken, die an Hautkrankheit erinnern, mit ranzigen Werbeaufklebern auf der proletarischen Lederjacke: zusammengehalten wird der tribalistische Kriegerstatus von der anarchistischen Geste absoluter Negation. »Fuck off!« wird zum politisch-identitären Lebensgefühl.

Die radikale Ablehnung gilt dem im Umbau vom Fordismus zum Postfordismus befindlichen Ordnungssystem als Ausdruck der permanenten sozialen Krise. Bei Scholten wird der »Monte Schlacko«, das Siegener Wahrzeichen der Bergwerksvergangenheit, zum symbolträchtigen Ort einer auf industriellem Müll aufgebauten Gesellschaft im Umbruch. Der erkaltete Schlacke-Berg sollte Anfang der 80er begrünt werden, was aber nicht funktionierte. Als Schambers und seine Freundin dort spazieren gehen, brodelt es im Inneren des Berges, als würde dieser sich der postfordistischen Begrünung widersetzen. Die Punks als Torwächter der krisenhaften Gegenwart kultivieren das Kaputtsein und das Nicht-Funktionieren als Ausdruck einer politischen Haltung absoluter Nicht-Integrierbarkeit in das neue Gesellschaftsmodell der Selbstverwertung. »Wir nähern uns mit zunehmender Geschwindigkeit dem Zeitpunkt, der Zerstörung in die einzig kreative Tat verkehrt«, ist ein Leitspruch der Züricher Punk- und Autonomenbewegung, die für die mitteleuropäische Revolte im Sommer 1980 Maßstäbe setzt.

Der italienische Philosoph Antonio Negri schreibt 1981: »Die Klassenzusammensetzung des heutigen metropolitanen Subjekts kennt keine Erinnerung … die bestehenden Erinnerungen an 1968 und an die zehn Jahre danach sind heute nur noch die Erinnerungen des Totengräbers … die Jugendlichen von Zürich, die Proletarier von Neapel und die Arbeiter von Danzig brauchen keine Erinnerung … kommunistischer Übergang bedeutet die Abwesenheit von Erinnerung.« Mag der einleitende analytische Teil dieser Aussage über die soziale Zusammensetzung der Großstadtrevolten und das Verhältnis zur 68er-Bewegung noch stimmen, so halluziniert Negri, der sich damals schon für die deutschen Grünen begeistert, hilflos den Vorhof der sozialen Revolution herbei, während die westlichen Gesellschaften in den immer noch andauernden Alptraum des neoliberalen Hegemonie-Regimes eintreten.

Die Punks personifizieren am deutlichsten die erinnerungs-, geschichts- und zukunftslose Jugend der frühen 80er, die eine ungeahnt radikale Form der Revolte verkörpern und gleichzeitig ihr Scheitern in sich tragen. In Scholtens Roman ist das titelgebende Heroin die hedonistische, selbstzerstörerische Falle, in die die Subkultur tappt. Auch in Zürich sorgt massenhaft günstiges Heroin für den langsamen Zerfall der Szene und in Berlin wird die harte Drogenszene auf kurzem Dienstweg von der Polizei ans Kottbusser Tor ins widerständige Kreuzberg gekarrt. Die Parole »Bullen und Heroin – zwei Wege ein Ziel« verweist darauf, dass aber nicht nur die teils selbstzerstörerische Punkkultur das Abdriften in harte Drogen erzeugt.

»Von nun an, und das ist neu, erklären wir uns nicht mehr für unsere Gewalt! In unserer Ohnmacht setzen wir auch keine Ultimaten mehr, sondern hauen einfach so alles kurz und klein. Die Scheiben von ihren Glashäusern springen. Allein dafür sind wir da«, sagt Schambers im Drogenrausch am Ende des Romans. So systemsprengend und für die kapitalistische Herrschaft schwer absorbierbar die auf den radikalen Mitteln des Pop basierende Punk-Revolte auch ist oder womöglich nur zu sein scheint, sie verliert sich schließlich in den autoritären Ordnungsmaßnahmen neoliberaler Politik. In »die ’krautz – punks und heroin« sind ein brachialer Polizeieinsatz und ein Innenstadtverbot für die Punks das große Finale des Romans. Was bleibt, ist die radikale Pose des Punk, die endlos reproduziert wird und für nachfolgende Generationen als subkultureller Abgrenzungsmodus verfügbar bleibt. Seine kultur- und sozialrevolutionäre Sprengkraft hat er aber eingebüßt.

Frans Scholten: die ’krautz – punks und heroin. Roman, Edition Assemblage, 254 S., brosch., 16,80 €.

neues deutschland, Berlin. 04. 10.2014, S.23

Ein trojanisches Pferd ist diesmal nicht zu benennen

von Günter Gaus, Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR,  der auf einer Veranstaltung des Evangelischen Kirchentages der DDR 1990 sprach.

Es wird wieder mehr – und anders – geredet im Land über nationale Identität und kulturelle Zusammengehörigkeit in Europa. Zu fragen ist nnun: Erreicht Europa nach dem Transit, in dem sich sein östlicher Teil derzeit befindet, wieder ein festes Ufer, auf dem eine gute Ordnung von gerechtfertigter Selbstverständlichkeit sich gründen wird? Gute Ordnung als Sammelbegriff benutzt für eine pluralistisch verfasste, friedfertige, den Menschenrechten entsprechgende, den sozialen und ökologischen Problemen gewachsene  Gemeinschaft von Staaten, Regionen, Gesellschaften. Können die Menschen alsbald, nach e9iner schwierigen Anpassungzeit von nur wenigen Jahren, auf den Beginn einer neuen Epoche gesicherter Verhältnisse und Anschauungen hoffen, wqie sie zuletzt von nun bald hunderte Jahren den Kontinentent prägte? Wir die vielleicht sprunghafter gewordene Geschichte den Europäern wenigstens doch einige Jahrzehnte einer gesegneten Stabilität gönnen, einer Stabilität, die für Mehrheiten wie Minderheiten  konkret gerechter ist als es die auch stabilen 40 Jahre der europäischen Teilung waren – die immerhin einen Frieden, wenn auch schäbigen, mit sich brachten? Kennzeichnet die kürzliche Wende in der DDR und den osteuropäischen Staaten den Anfang vom Ende der nun schon lange währenden Zeiten großer europäischer Wenden und Wirren, zu denen zwei verheerende Kriege und beispielose Verbrechen zählen?

Oder wird man später erkennen, dass die derzeitigen Vorgänge auch nur Teilstück waren einer noch weiter andauernden Epoche, die auf ihre Fragen keine angemessenen Antworten findet? Geben wir uns schon wieder leicht gemachte Antworten? Nationale Identität und kulturelle Zusammengehörigkeit. Erscheint uns als Neubeginn, was tatsächlich weithin nur eine Restauration europäischer Normalität ist, zu der auch der gelegentliche Mord und Tatschlag gehörte, den jüngst Rumänien und Ungarn als europäisches Erbe ins Bewusstsein  hoben? Allerdings nur in ein scgon nbach Tagen verblassendes Bewusstsein, zugedeckt vom Mantel der Geschichte, der gegenwärtig so gewaltig rauscht über Europa, dass manches Bedenkenswertes nicht mehr zu hören ist. Haben wir ganz vergessen, dass aus diesem Mantel oft auch ein Leichentuch geschneidert wurde? Wird das Neue an den europäischen Dingen, der große gemeinsame Wirtschaftsmarkt mit seinen Gesetzen und wechselseiten Anhängigkeiten, genügen, um Rückfälle in das, was am Alten auch ohne Diktaturen, ohne Totalistarismus schrecklich war, zu verhindern?

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Ich existiere nach meinem Verständnis nach wie vor in Zeitläufen, in denen der Trend zum Erkenntnissatz lautet: Frag weiter, ich bin noch ratlos, Eher bin ich noch ratloser geworden, seitdem das Staatensystem von Jalta zerbröselt ist; ganz gewiss eine Ordnung wie von Metternich, also ohne vie Federlesen mit den Völkern und ihren nationalen Sehnsüchten – aber Teil eines europäischen Gleichgewichtssystems in Jahrzehnten, in denen der Verlust der Balance die Menschen in Europa vollends in den Abgrund gestürzt hätte. Ratloser als gewöhnlich macht mich auch. dass die kleinen Schritte, mit denen Veränderungen zum Besseren in Deutschland und Europa erreicht wurden, mit der wachsnden und schließlich explosiven Ungeduld der benachteiligten Deutschen und anderen Europäer östlich der Elbe nicht mehr mithalten konnten…

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Kulturelle Zusammengehörigkeit und nationale Identität. Ich befürchte, wir operieren hier mit unbestimmten, undeutlichen Begriffen. Die kulturelle Usammengehörigkeit auf dem Fundament einer Bildung, die Antike, Christentum, Humanismus, Aufklärung samt auch einer gewissen Skepsis an allen diesen Gütern umschließt – diese Zusammengehörigkeit Europas zählt wohl zu den wenigen Selbstverständlichkeiten, die von den Wirren nicht zerstört, von der Teilung des Kontinents nicht aufgehoben wurden. Aber hat die Zusammengehörigkeit der Gebildeten das Unheil der Vergangenheit auch nur mildern können – ausser, vielleicht, im bewußtsein eines belesenen Nischenbewohners etwa zur Hitler-Zeit, der sich im Besitze von etwas Besserem, etwas Dauerhafteren wußte, als es die marktgängiren Werte waren? Haben nicht gerage Angehörige der gebildeten Stände mitgewirkt an der Unterdrückung der selbstverständilichen Auskünfte der europäischen Kultur durch ihre Formulierungshilfe bei den leicht gemachten Antworten?

Zum Verhältnis von Eigentum und Identität

Von Reinhard Kruska

Kaum eine Problematik – oder, wenn man so will, kaum ein Diskurs darüber – ist derartig unterschwellig präsent wie die des Eigentums. Die Auseinandersetzungen um die neuste »Neiddebatte«, »Reichensteuer« oder ein ähnliches Makro- und Mikro-Thema sind Legion, offenbar, weil hier etwas Virulentes verhandelt wird. Was aber Besitz, Eigentum, Habe eigentlich ist, wo es beginnt und wo endet, ist erstaunlich selten in toto betrachtet worden. Die psychoanalytische Perspektive ist traditionell auf die Ableitung des Besitzes von den menschlichen Ausscheidungen gerichtet (wer sich dafür interessiert, dem sei das Buch »Der Midaskomplex« von Wolfgang Harsch empfohlen, siehe Randspalte). Der marxistische Diskurs konzentriert sich hingegen auf den Besitz an Produktionsmitteln und der soziologische auf die Verfügungsgewalt über etwas oder den Aspekt der Dinge als Tauschware. Aber auch der marktwirtschaftlich eingespannte Slogan vom verpflichtenden Charakter des Eigentums gehört hierher.

Mir scheint jeder dieser Ansätze seine Berechtigung zu haben, und doch keiner diesem überkomplexen Problem so richtig Herr zu werden. Der kritische Punkt ist die Verwobenheit unseres Eigentums mit unserem Selbstbild, unserer Identität. Erich Fromms halbwegs populäres Buch »Haben oder Sein« stellt hier daher wohl die falsche Frage. Zu den Dingen, die wir »besitzen«, gehören neben unserem materiellen Eigentum auch allerlei Eigenschaften und Eigenarten; und die Grenzen fließen fortwährend.

Der »Besitz von« bedeutet letztendlich erst einmal die »Zuordnung zu«. Die juristische Unterscheidung zwischen Eigentum und Besitz trägt daher nicht allzu weit, und der »Herrschaftsaspekt« der Verfügungsgewalt eignet dem Besitz in höchst unterschiedlichem Maß. Das Internet beispielsweise hat Entwicklungen in Gang gesetzt, die weder juristisch noch sonstwie abzusehen sind. Wem gehört das eigentlich? Wer verfügt darüber? Und was hat »mein Avatar« in Forum XY damit zu tun? Das hier mehr Fragen als Antworten entstehen, führt zum Kern der Sache. Eigentum ist genau wie eine Eigenschaft etwas, das uns nicht zuletzt von anderen zugesprochen wird. Gesetze sind soziale Verabredungen, aber beileibe nicht die einzigen Reglementierungen von Zugehörigkeit.

Schon die Bibel – deren Symbolik noch immer ein Reservoir grundlegender Erkenntnis darstellt – beschreibt, wie die Aneignung der Welt damit beginnt, dass wir den Dingen Namen geben und sie so in unsere Eigen-Sphäre einordnen. Unsere Eigennamen wiederum bestimmen unsere Identität maßgeblich mit, obwohl oder eben gerade weil sie uns zumeist von Anderen gegeben wurden. Dass ein Großteil der Nachnamen auf Berufsbezeichnungen und soziale Rollen zurückgeht, ist ein weiterer Aspekt desselben Problems. Auch Wissen, sei es eher abstrakt oder funktional, hat nicht nur sprachlich dingliche Aspekte. Dass längst juristisch über Patente und Namensrechte gestritten wird, mag die Dimension des Eigentumsbegriffs veranschaulichen. Aber was uns so alles eignet, lässt sich nur schwer bestimmen.

Nun mag man mit Bertolt Brecht einwenden, dass das Fressen immer noch vor der Moral käme, oder mit Abraham Maslow Bedürfnishierarchien errichten, die zumindest dem Materiell-Organischen den Vorrang vor allem anderen einräumen. Es bestreitet dann auch wohl niemand, dass wir aus Materie bestehen und den biologischen Zwängen des Stoffwechsels unterliegen. Schon Qualität und Quantität unserer Nahrung aber werden wieder nicht nur von unseren materiellen Möglichkeiten, sondern auch von individuellen und kollektiv-kulturellen Vorlieben und Gebräuchen bestimmt, sozusagen als »du bist, was du isst«. Denn auch wo man sich in puncto Eigentum auf materielle Dinge konzentriert, stößt man tiefer hinab, als man gemeinhin denken mag. Ist etwa unser Körper unser Eigentum – oder gar das von jemand anderem? Verschiedenste Prothesen wie künstliche Gebisse, Schrauben in Gelenken, Herzschrittmacher oder gar Spendernieren verwischen die Unterscheidung zwischen »eigen« und »fremd« auf das Gründlichste. Dass etwa der »Organhandel« eine deutliche finanzielle Dimension hat, ist leidlich bekannt. Weniger präsent ist wohl der Handel mit einem anderen »Naturprodukt«: dem menschlichen Haar. Dabei war Frauenhaar schon vor zwei Jahrtausenden eines der wenigen Güter, das die Römer aus Germanien importierten; heutzutage umspannt der Handel mit menschlichem Haar die ganze Welt.

Und wo gerade von den Germanen, also den »Speer-Leuten«, die Rede ist: »Accessoires« von der Waffe über die Kleidung bis hin zur Handtasche und neuerdings dem iPhone sind zu allen Zeiten Werkzeuge und Statussymbole zugleich gewesen. Sie identifizieren uns als Teil verschiedenster Gruppen und Subgruppen und sind somit Anzeiger des kollektiven Teils unserer Identität. Dieser wird etwa als Staatsbürgerschaft in Ausweisen und Urkunden festgehalten und von Fahnen und Medaillen repräsentiert. Außerdem umfasst diese Kollektividentität einen weiten, schwer einzugrenzenden Kanon von Wert- und Kulturvorstellungen, der wiederum in materiellen Medien wie Büchern (und Zeitungen) festgehalten ist. Besitzen wir Goethe? Oder den Titel eines Fußballweltmeisters? Oder, elementarer: Besitzen wir die Kenntnisse unserer Muttersprache? Oder, noch elementarer: Besitzen wir eine Mutter?

Hier kristallisiert sich denn doch endlich so etwas wie eine Antwort heraus: Es geht um die Beziehungen, die wir unterhalten. So wie der US-amerikanische Psychologe Robert Mearns Yerkes provokant formulierte, ein Schimpanse sei gar kein Schimpanse, lässt sich auch der Mensch nur als soziales Wesen in seinen Beziehungen zu Anderen verstehen. Unsere gesamte psychische Organisation ist nicht zuletzt auf Beziehungserfahrungen gegründet und jede unserer Interaktionen mit der Umwelt hat zwangsläufig einen Beziehungsaspekt. Oder, mit Paul Watzlawick gesagt: Wir können nicht nicht kommunizieren. Wenn wir also sowohl Individuen bzw. »Privatpersonen« als auch Mitglieder eines Kollektivs sind und auch unser Besitz in dieses Geflecht mit einbezogen ist, sollen hier noch zwei weitere Fragen gestellt werden: Wie prägt das Eigentum die Beziehungsgestaltung des Einzelnen? Und wie ist es um das Verhältnis zwischen Privat- und Kollektiveigentum bestellt?

Zum ersten Punkt ist zu sagen, dass Beziehungen immer in beide Richtungen funktionieren. Der »verpflichtende Charakter des Eigentums« heißt dann salopp: Was wir besitzen, besitzt auch uns. Ein Extrembeispiel liefert die Suchtforschung. Hier spielt neben der biologisch-stofflichen Komponente auch der Beziehungsaspekt eine Rolle, wobei die Beziehung zum Rauschmittel nach und nach die Beziehung zu den Menschen substituiert. Die Hinwendung zum einen bedeutet die Abwendung vom anderen; zwischenmenschliches Glück wird durch den (kurzen) Rausch ersetzt, der immer wieder erneuert werden muss. Dieser Mechanismus funktioniert auch bei »nichtstoffgebundenen Süchten« wie der Spielsucht, wobei hier kein Ding, sondern eine (lustvolle) Tätigkeit das Interesse und die psychische Aktivität absorbiert. Wie aus der Beziehung zu einem Menschen eine Obsession werden kann, kann aus Besitz Besessenheit werden. Interessanterweise wird aber selbst die obsessivste »Raffgier« hierzulande nicht als psychische Störung diagnostiziert.

Nun soll die Beziehung zum Eigentum keineswegs in toto pathologisiert werden, denn wie bei allen Dingen macht die Dosis das Gift. Sein Haus instand zu halten und sein Werkzeug zu pflegen, zeugt gewiss eher von einer liebevollen Fürsorge denn von einer Obsession. (Grenzwertig scheint dagegen manchmal »des Deutschen liebstes Kind«, also sein Auto.) Überhaupt behandeln wir Dinge, die uns bzw. die zu uns gehören, mit größerer Sorgfalt. Die Beziehungspflege zum Eigentum und ihre Analogie zur menschlichen Beziehungsgestaltung ist einer der oft theoretisch vernachlässigten Aspekte. Das Privateigentum wird entweder ganz verdammt oder schier vergöttert, was beides unangemessen ist.

Der Tendenz zur Vergötterung scheinen all jene aufzusitzen, die in der Privatisierung allen Eigentums ein Allheilmittel sehen. Das Argument, dass der private Eigentümer eine innigere Beziehung zu seinem Besitz habe, scheint im Wesentlichen sogar zutreffend. Dafür geraten zwei andere Sachverhalte aus dem Blick. Denn ist erstens der Vorrang der Beziehung zu den Dingen statt zu den Mitmenschen nicht geradezu Gift für den vielgepriesenen sozialen Frieden? Und wenn Eigentum, unter anderem, Identität stiftet, was bedeutet dann zweitens der Verlust des Gemeineigentums – und etwas anderes ist eine Privatisierung ja nicht – für den kollektiven Teil unserer Identität?

In der Tat ist getreu dem Motto, dass Gewinne privatisiert, Verluste aber verstaatlicht werden, eine Schieflage unübersehbar. Während fortlaufend suggeriert wird, dass es der deutschen Industrie – also Unternehmen in privater Hand mit Anteilseignern aus aller Welt – ganz prächtig gehe und mithin Deutschland auch, hat der deutsche Staat 2,1 Billionen Euro Schulden (Stand 01.7.2013) – im Wesentlichen also kollektive Verpflichtungen, an deren Zinsen sich wiederum Privatpersonen bereichern. Noch gravierender aber scheint, dass gleichzeitig Ausgrenzungsprozesse immer mehr an Geschwindigkeit gewinnen, die entlang der Kategorien von finanziellen Einkommen und Besitz operieren. Erinnert sei hier beispielsweise an die Hartz-IV-Kampagnen und die Verdrängung einkommensschwacher Menschen aus den Zentren großer Städte wie Berlin, also die sogenannte Segregation.

Eine Hinwendung zu den Dingen bedeutet eine Abwendung von den Menschen. Es sind aber die (solidarischen) Beziehungen zu unseren Mitmenschen, die die Bindungen unserer kollektiven Identität knüpfen, und nicht die Pflege des privaten Eigentums. Von daher müssen wir uns immer wieder neu entscheiden. Nicht, ob wir etwas haben oder etwas sein wollen, sondern wer wir sein wollen – und zwar wir alle.

neues deutschland, Berlin-Ausgabe vom Samstag, 27. Juli 2013, Seite 21