Kulturelle Identität

Eroberung der Zwischenräume – Sprache ist das Mittel der Annäherung

Von Björn Hayer, neues deutschland. 26./27.09.2015, S.22

Europa streitet über seine Flüchtlinge, spricht von Überforderung oder gar Überfremdung. Die Rede von der Multikulti-Gesellschaft gilt manch einem gerade angesichts der aktuellen Konflikte um brennende Asylbewerberheime als naiv. Vielleicht, weil sie zumindest im politischen Umfeld einen phrasenhaften Charakter annimmt. Für die Literatur kann man das nicht sagen. Unter den sogenannten »Chamisso-Autoren« hat sich längst eine künstlerische Gruppe herauskristallisiert, deren literarisches Schaffen schon seit vielen Jahren deutlich weiter ist als all die so zähen wie populistisch geführten Debatten um Integrationswilligkeit oder Sozialschmarotzertum. Kategorien hat man zugunsten einer bunt-experimentellen Praxis aufgegeben.

Während die politische Elite über Sprachkompetenzen, Parallelgesellschaften und Klassifikationen der Flüchtlinge diskutiert, haben jene Schriftstellerinnen und Schriftsteller mit Migrationshintergrund, die auf Deutsch schreiben, Grenzen im Kopf hinter sich gelassen. Sie haben erkannt, dass kulturelles Zusammenleben vor allem sprachlicher Begegnungen bedarf. Und das heißt: Man redet nicht darüber, sondern man macht es einfach.

Wider nationalstaatliche Schranken im Bewusstsein ergießt sich die Wortkunst zeitgenössischer Autoren in einem Strudel der Kulturen. Für Ilma Rakusa etwa stellt Berlin sinnbildlich ein gedeihendes Biotop aus Kreativität und multiethnischer Koexistenz dar. »Ich lese die Stadt wie ein Palimpsest, mit all ihren Leer- und Bruchstellen.« Die Tagebuchskizzen der ursprünglich aus der Slowakei stammenden Flaneuse, erschienen unter dem Titel »Aufgerissene Blicke. Berlin-Journal« (2013), reichen von den Niederungen des Straßenlebens, Spaziergängen über den türkischen Markt bis zu gemeinsamen Essen mit Schriftstellerkollegen. Die Stadt scheint ständig in der Schwebe zu sein.

Was sie beobachtet, formiert sie in Sprache: Das »Dünen-Berlin, prekär und ständig im Werden«, offenbart sich als ein Kraftfeld, das sie unentwegt zum Schreiben inspiriert. Es gibt an keiner Stelle nur das Bild der Metropole, vielmehr entpuppt es sich stets als wunderliches Terrain, das durch die Poetisierung in den Rang eines wahren Kunstwerkes gelangt. Die Multikulti-Mixtur geht dabei in einer facettenreichen Fabulierkunst auf. Zwischen deutschen Ausdrücken findet sich en passant allerhand englisches und anderssprachiges Material. Ein deutsches Berlin gibt es nicht, nur einen mondänen transistorischen Ort. Es gibt keinen Stillstand, sondern nur den Fluss der Menschen und all ihrer unterschiedlichen Wortströme, die einen globalen Sound erzeugen. Feridun Zaimoglus berühmt-berüchtigte Sammlung fiktiver Interviews »Kanak Sprak« (1995) hingegen bildete mit provokativem Gestus noch eine ganz eigene Alternativsprache heraus, die der bundesdeutschen, uniformen Mehrheitsrhetorik entgegenstehen soll.

Inzwischen scheint aus dem Gegen- oder Nebeneinander ein Ineinander geworden zu sein. Untrennbar, verschmolzen – das ist die Signatur hybrider Schreibweise. Während Rakusa diese im Laufe ihrer Karriere selbstbewusst zu verfeinern wusste und nunmehr formvollendet und praktisch anwendet, bietet Dorothee Elmigers zweiter Roman »Schlafgänger« (2014) eher einen philosophischen Blick auf die kulturelle Entgrenzung. Das schweizerische Talent entführt uns in schimmernde Zwischenreiche aus Halluzination, Erinnerung und Phantasmagorie. Der Leser lauscht einem Gespräch unter Lebenskünstlern, wirren Köpfen und Hobbydenkern, das ihm einen rätselhaften Erzählkosmos eröffnet. Statt auf eine lineare Handlung setzt die Elmiger auf skurrile Miniaturgeschichten. Man spricht über ferne Orte, das Übersetzen und stets von Grenzziehungen und -übertretungen. Übrig bleiben mehr Fragen als Antworten – ein Labyrinth aus tausend Möglichkeiten, wo jede Suche nach dem richtigen Weg scheitern muss. Im Gegenteil: Verlaufen ist erwünscht. Indem jede Figur für sich ihre eigenen Reiseerfahrungen schildert, überwinden sie gemeinsam imaginative wie auch politische Koordinaten.

In Zeiten, in denen das europäische Projekt nicht zuletzt durch nationalstaatliche Alleingänge und Pegida-Märsche mehr denn je zur Disposition steht, liest sich Elmigers Text wie eine polyphone Anleitung zur gegenseitigen Anerkennung der Unterschiedlichkeit. Um Migration neu zu begreifen, driftet sie weder in weichgespülte Schicksalsgeschichten noch in ein Schubladen-Denken zwischen dem Eigenen und Fremden ab. Ferner wählt sie den Weg des permanenten intellektuellen Ideenaustausches, der den Leser an Musils »Der Mann ohne Eigenschaften« erinnert. Dadurch gelingt es der 1985 im Kanton Zürich geborenen Schriftstellerin, die brisante Gemengelage zu problematisieren und politische Möglichkeitsräume anzudeuten, ohne aber banalen Lösungen aufzusitzen. Der Europäer und Kosmopolit entsteht im Kopf und in uneingeschränkter Kommunikation.

Sinnbildlich ist daher auch immer wieder die Rede von erfundenen Städten in Übergangsbezirken wie beispielsweise Texarkana (eine Kontamination aus Texas und Arkansas) oder Mexicali, »deren Name Mexico und California verbindet«. Wo einst staatliche Territorien die Karten teilten, gilt es, die kontinentale gedankliche Tektonik mit Liebe zum Konjunktiv, ja, zum Bloch’schen Potenzialitätsdenken neu zu verfugen. Selbstbewusst zeigt dieses Buch: Ein gewachsenes Europa braucht passionierte Erzähler, Übersetzer und allen voran eine vielschichtige Literatur.

Mit dem spanischstämmigen, 1961 in Hausach geborenen Lyriker José F. A. Oliver hat der Schwarzwald einen solch europäischen Seiltänzer in seiner Mitte, der mit großem künstlerischen Engagement die deutsche Sprache mit fremdartigen Klängen bereichert. Im Titel seines wohl bekanntesten Werkes »Mein andalusisches Schwarzwalddorf« (2007) wird man des programmatischen Spagats zwischen der Herkunftsregion seiner Eltern und seinem ganz persönlichen Fleckchen Heimat gewahr. Statt aber beide Sphären bloß einander gegenüberzustellen, weitet er die deutsche Sprache konsequent aus. Er dehnt sie förmlich, wodurch etwa in seinem Buch »nachtrandspuren« (2002) ganz neue Begriffskompositionen »zwiestadtzeit« oder »sprachschrittpuls« entstehen. Zerlegt er unser Sprechen in kleinste Silbenatome, lässt er dadurch alle trennenden Kategorien hinter sich. Diese anschließend frisch zu verknüpfen, ist der Kern einer Poetik, die kulturunabhängig Neues zu kreieren sucht.

Die deutsch-japanische Autorin Yoko Tawada nutzt dafür eine pointierte Metapher: In ihren drei Hamburger Poetikvorlesungen aus dem Jahr 2011 führt sie das Wasser als das Wesenskonzentrat ihres Schreibens, als Inbegriff eines fließenden Zwischenraums an, wo sich Kulturen ineinanderfügen und gleichsam Irritationsmomente erfahrbar werden. Ihr Gedicht »Die zweite Person Ich« aus dem Band »Abenteuer der deutschen Grammatik« hebt mit einfachen Worten auf die unterschiedliche Pronominalverwendung im Deutschen und Japanischen ab, das in dieser Hinsicht weitaus komplexer ist: »Als ich dich noch siezte,/ sagte ich ich und meinte damit/ mich./ Seit gestern duze ich dich,/ weiß aber noch nicht,/ wie ich mich umbenennen soll.«

Obschon hierin die Kollision zweier Denkräume veranschaulicht wird, haftet der deutschen Sprache nichts Gewaltsames an. Im Gegenteil: Der Text wertet sie geradezu auf. Er demonstriert ihren Ausdrucksreichtum, insofern sie dazu imstande ist, das ihr Fremde in Worte zu fassen und zu diskutieren. Ein derartiges Deutsch erinnert einerseits an einen Schwamm, der aufsaugt und sprachliche Osmosen ermöglicht. Andererseits wollen die Verse verstören, indem sie Sollbruchstellen aufzeigen. Um Sensibilität für das Andere zu entwickeln, erfordert es zuerst eine Schärfung des Bewusstseins für den Unterschied. Hybride setzen – dies hat Tawada genauestens erkannt – zunächst Grenzen voraus, bevor diese übertreten werden können.

Entgegen einer gesellschaftlichen Realität, die teils wieder Kräfte der Ausgrenzung und Abschottung mobilisiert, widersetzen sich die Chamisso-Nachfolger einfachen Landeszuschreibungen. Sie wollen nicht mehr jener Türke oder jene Slowenin mit »guten Deutschkenntnissen« sein, nicht mehr Geschichte und Klischees wie einen Ballast mit sich herumschleppen und in die Sonderecke für sogenannte Migrantenautoren geschoben werden. Ferner dokumentieren ihre Werken Alternativen und geben dem Uneindeutigen gegenüber der Fixierung den Vorrang. Wie so oft ist Literatur damit erfreulicherweise weiter, als es die soziale Evolution der Gesellschaft vermuten lässt.

Berlin-Ausgabe vom Samstag, 26. September 2015, Seite 22 (5 Views)

Zur historischen Rolle einer Subkultur: Punk.

Punk ist die dystopische Revolte in Reinform, die am deutlichsten in der Parole »No Future« zum Ausdruck kommt. Gut zehn Jahre bevor Francis Fukuyama das »Ende des Geschichte« ausruft, tun das die Punks als Ausdruck eines gescheiterten Aufbegehrens der 68er, das hierzulande in die Parteigründung der Grünen und das muntere Erklimmen der Lehrstühle beim Marsch durch die Institutionen mündet. Die ehemaligen Gesellschafts- und Systemkritiker richten sich im Alternativmodus in den Nischen des neoliberalen Kapitalismus ein und kommen in der bürgerlichen Gesellschaft an, während die Punks auf Totalverweigerung umschalten.

Wenn die Anfangsjahre des Punk auch in den Mitt-70ern liegen, so sind die heute so gerne als hip verklärten frühen 80er der Zeitpunkt, zu dem sich Punk über seine ursprünglichen Entstehungsorte hinaus verbreitet. Natürlich erlebt Punk seine Anfänge in London, New York und Berlin. Aber in seiner flächendeckenden Ausbreitung Anfang der 80er in der BRD ist Punk vor allem auch ein Provinzphänomen von Niederbayern bis Ostfriesland.

Davon erzählt auch Frans Scholtens Roman »die ’krautz – punks und heroin« (Edition Assemblage), angesiedelt in einer erfundenen Kleinstadt im nordrheinwestfälischen Nirgendwo. Anhand der Entwicklung einer Gruppe Jugendlicher, die so punkgerechte Namen wie Schambers und Neunauge tragen, erzählt Scholten eine Coming-of-Age-Geschichte, die zwischen Unterhaltungen in der Jugendzentrums-Teestube, Fahrten zu den Chaostagen in Hannover, Schlägereien mit Nazi-Skinheads und dem blanken Unverständnis der älteren Generation angesiedelt ist.

Die Werte der bürgerlichen Gesellschaft in Frage zu stellen, ist ebenso einfach wie gefährlich in der spießbürgerlichen Kleinstadtwelt. Anfang der 80er bedeutet die bundesrepublikanische Provinz für augenscheinlich Andersdenkende nicht selten einen knallharten Spießrutenlauf, auch für Scholtens Figuren. Wobei es auch einen politisch links eingestellten und verständigen Kunstlehrer gibt, dessen Tochter außerdem mit den Punks herumhängt. Der Lehrer hat im Keller seines Einfamilienhauses eine Modelleisenbahn, mit der er als Hommage an den Ruhrgebiets-Fluxus-Künstler Wolf Vostell die Deportation der europäischen Juden nachstellt. Im Gegensatz zu diesem kulturellen, im verborgenen Keller ausgebreiteten abstrakten Modelleisenbahn-Antifaschismus prügeln sich die Punks mit Nazi-Skins ganz praktisch auf dem Bahnhofsvorplatz. Denn in den 80ern sind Neonazis und Neue Rechte im Aufwind, egal ob in den Parlamenten oder auf der Straße – am Bodensee, in Berliner Kiezen, rund um Göttingen und in der bayerischen Pampa.

Im Zentrum der Erzählung steht der Gedichte schreibende Schambers, der viel in der Fußgängerzone herumsitzt und im Lauf der Geschichte sein Interesse an Heroin entdeckt. Frans Scholten bietet pointierte Zeitgeschichte: Plötzlich gibt es als Neuheit Avocados zu kaufen und ein junger Punk zieht schon mal als Nachrücker für die »Grünen« (damals noch je nach Ortsverband auch eine linksradikale Partei) ins Kommunalparlament ein. »Wenn wir könnten, würden wir ganz anders mit solchen wie Ihnen verfahren«, wird dem Neu-Abgeordneten Schambers dort recht bald von einem Ratsmitglied hinter vorgehaltener Hand gesagt. Punk in der bundesrepublikanischen Provinz der 80er war auch immer eine Projektionsfläche für die latenten Gewalt- und Vernichtungsfantasien des deutschen Kleinbürgertums gegenüber Andersdenkenden, die auch noch die Chuzpe hatten, ihre Abweichung öffentlich in Szene zu setzen und sich zu organisieren.

Dabei ist die lose Organisierung der Punks als Gruppe bzw. ihre Fähigkeit, ein eigenständiges subkulturelles Milieu als Teil eines historischen Emanzipationsprozesses von bürgerlich-kapitalistischen Werten zu erzeugen, der interessanteste Aspekt einer zeitgeschichtlichen Lese. Die lebensweltlich geprägte Revolte der Punkbewegung lässt sich auch als radikalisierte Fortsetzung dessen verstehen, was die Hippie-Bewegung für die politisierten 68er war. Der SDS entwickelte seine Sprengkraft erst durch die Unterwanderung des heterogenen linksradikalen Sammelbeckens durch die Situationisten der Münchner »Subversiven Aktion«, zu der unter anderem Rainer Langhans und Rudi Dutschke gehörten. Außerdem erlebte die politische Bewegung damals eine nicht zu unterschätzende Rückkopplung mit dem antiautoritären Gestus der neu entstandenen Hippies, um sich in einem weiteren (gegen)gesellschaftlichen Resonanzraum etablieren zu können. In den 80ern wurde die Entstehung der sogenannten »Neuen Sozialen Bewegungen« und der Autonomen von zahlreichen subkulturellen Phänomenen flankiert, wobei den plötzlich flächendeckend auch in den Provinzstädten auftretenden Punks eine zentrale ikonographische Rolle des bilderbuchartigen »Dagegen-Seins« zukam.

Zu den Hippies der 68er gibt es aber entscheidende Unterschiede. Mit dem Einsetzen des konservativen Rollbacks wird in der Philosophie auch das »Ende der großen Erzählungen« (Lyotard) postuliert. Nicht das Neue, sondern die Rekombination von Vergangenem wird zur alles durchdringenden postmodernen Logik. Und genau dort steht der Punk als widerständiges, sich neu erfindendes Subjekt, das jedwede Bindung an die bisher gültigen gesellschaftlichen Kategorien ablehnt. Die Frisur von den Irokesen, ausrangierte Armeestiefel, Hosen mit Schottenmuster oder Flecken, die an Hautkrankheit erinnern, mit ranzigen Werbeaufklebern auf der proletarischen Lederjacke: zusammengehalten wird der tribalistische Kriegerstatus von der anarchistischen Geste absoluter Negation. »Fuck off!« wird zum politisch-identitären Lebensgefühl.

Die radikale Ablehnung gilt dem im Umbau vom Fordismus zum Postfordismus befindlichen Ordnungssystem als Ausdruck der permanenten sozialen Krise. Bei Scholten wird der »Monte Schlacko«, das Siegener Wahrzeichen der Bergwerksvergangenheit, zum symbolträchtigen Ort einer auf industriellem Müll aufgebauten Gesellschaft im Umbruch. Der erkaltete Schlacke-Berg sollte Anfang der 80er begrünt werden, was aber nicht funktionierte. Als Schambers und seine Freundin dort spazieren gehen, brodelt es im Inneren des Berges, als würde dieser sich der postfordistischen Begrünung widersetzen. Die Punks als Torwächter der krisenhaften Gegenwart kultivieren das Kaputtsein und das Nicht-Funktionieren als Ausdruck einer politischen Haltung absoluter Nicht-Integrierbarkeit in das neue Gesellschaftsmodell der Selbstverwertung. »Wir nähern uns mit zunehmender Geschwindigkeit dem Zeitpunkt, der Zerstörung in die einzig kreative Tat verkehrt«, ist ein Leitspruch der Züricher Punk- und Autonomenbewegung, die für die mitteleuropäische Revolte im Sommer 1980 Maßstäbe setzt.

Der italienische Philosoph Antonio Negri schreibt 1981: »Die Klassenzusammensetzung des heutigen metropolitanen Subjekts kennt keine Erinnerung … die bestehenden Erinnerungen an 1968 und an die zehn Jahre danach sind heute nur noch die Erinnerungen des Totengräbers … die Jugendlichen von Zürich, die Proletarier von Neapel und die Arbeiter von Danzig brauchen keine Erinnerung … kommunistischer Übergang bedeutet die Abwesenheit von Erinnerung.« Mag der einleitende analytische Teil dieser Aussage über die soziale Zusammensetzung der Großstadtrevolten und das Verhältnis zur 68er-Bewegung noch stimmen, so halluziniert Negri, der sich damals schon für die deutschen Grünen begeistert, hilflos den Vorhof der sozialen Revolution herbei, während die westlichen Gesellschaften in den immer noch andauernden Alptraum des neoliberalen Hegemonie-Regimes eintreten.

Die Punks personifizieren am deutlichsten die erinnerungs-, geschichts- und zukunftslose Jugend der frühen 80er, die eine ungeahnt radikale Form der Revolte verkörpern und gleichzeitig ihr Scheitern in sich tragen. In Scholtens Roman ist das titelgebende Heroin die hedonistische, selbstzerstörerische Falle, in die die Subkultur tappt. Auch in Zürich sorgt massenhaft günstiges Heroin für den langsamen Zerfall der Szene und in Berlin wird die harte Drogenszene auf kurzem Dienstweg von der Polizei ans Kottbusser Tor ins widerständige Kreuzberg gekarrt. Die Parole »Bullen und Heroin – zwei Wege ein Ziel« verweist darauf, dass aber nicht nur die teils selbstzerstörerische Punkkultur das Abdriften in harte Drogen erzeugt.

»Von nun an, und das ist neu, erklären wir uns nicht mehr für unsere Gewalt! In unserer Ohnmacht setzen wir auch keine Ultimaten mehr, sondern hauen einfach so alles kurz und klein. Die Scheiben von ihren Glashäusern springen. Allein dafür sind wir da«, sagt Schambers im Drogenrausch am Ende des Romans. So systemsprengend und für die kapitalistische Herrschaft schwer absorbierbar die auf den radikalen Mitteln des Pop basierende Punk-Revolte auch ist oder womöglich nur zu sein scheint, sie verliert sich schließlich in den autoritären Ordnungsmaßnahmen neoliberaler Politik. In »die ’krautz – punks und heroin« sind ein brachialer Polizeieinsatz und ein Innenstadtverbot für die Punks das große Finale des Romans. Was bleibt, ist die radikale Pose des Punk, die endlos reproduziert wird und für nachfolgende Generationen als subkultureller Abgrenzungsmodus verfügbar bleibt. Seine kultur- und sozialrevolutionäre Sprengkraft hat er aber eingebüßt.

Frans Scholten: die ’krautz – punks und heroin. Roman, Edition Assemblage, 254 S., brosch., 16,80 €.

neues deutschland, Berlin. 04. 10.2014, S.23

Ein trojanisches Pferd ist diesmal nicht zu benennen

von Günter Gaus, Leiter der Ständigen Vertretung der BRD in der DDR,  der auf einer Veranstaltung des Evangelischen Kirchentages der DDR 1990 sprach.

Es wird wieder mehr – und anders – geredet im Land über nationale Identität und kulturelle Zusammengehörigkeit in Europa. Zu fragen ist nnun: Erreicht Europa nach dem Transit, in dem sich sein östlicher Teil derzeit befindet, wieder ein festes Ufer, auf dem eine gute Ordnung von gerechtfertigter Selbstverständlichkeit sich gründen wird? Gute Ordnung als Sammelbegriff benutzt für eine pluralistisch verfasste, friedfertige, den Menschenrechten entsprechgende, den sozialen und ökologischen Problemen gewachsene  Gemeinschaft von Staaten, Regionen, Gesellschaften. Können die Menschen alsbald, nach e9iner schwierigen Anpassungzeit von nur wenigen Jahren, auf den Beginn einer neuen Epoche gesicherter Verhältnisse und Anschauungen hoffen, wqie sie zuletzt von nun bald hunderte Jahren den Kontinentent prägte? Wir die vielleicht sprunghafter gewordene Geschichte den Europäern wenigstens doch einige Jahrzehnte einer gesegneten Stabilität gönnen, einer Stabilität, die für Mehrheiten wie Minderheiten  konkret gerechter ist als es die auch stabilen 40 Jahre der europäischen Teilung waren – die immerhin einen Frieden, wenn auch schäbigen, mit sich brachten? Kennzeichnet die kürzliche Wende in der DDR und den osteuropäischen Staaten den Anfang vom Ende der nun schon lange währenden Zeiten großer europäischer Wenden und Wirren, zu denen zwei verheerende Kriege und beispielose Verbrechen zählen?

Oder wird man später erkennen, dass die derzeitigen Vorgänge auch nur Teilstück waren einer noch weiter andauernden Epoche, die auf ihre Fragen keine angemessenen Antworten findet? Geben wir uns schon wieder leicht gemachte Antworten? Nationale Identität und kulturelle Zusammengehörigkeit. Erscheint uns als Neubeginn, was tatsächlich weithin nur eine Restauration europäischer Normalität ist, zu der auch der gelegentliche Mord und Tatschlag gehörte, den jüngst Rumänien und Ungarn als europäisches Erbe ins Bewusstsein  hoben? Allerdings nur in ein scgon nbach Tagen verblassendes Bewusstsein, zugedeckt vom Mantel der Geschichte, der gegenwärtig so gewaltig rauscht über Europa, dass manches Bedenkenswertes nicht mehr zu hören ist. Haben wir ganz vergessen, dass aus diesem Mantel oft auch ein Leichentuch geschneidert wurde? Wird das Neue an den europäischen Dingen, der große gemeinsame Wirtschaftsmarkt mit seinen Gesetzen und wechselseiten Anhängigkeiten, genügen, um Rückfälle in das, was am Alten auch ohne Diktaturen, ohne Totalistarismus schrecklich war, zu verhindern?

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Ich existiere nach meinem Verständnis nach wie vor in Zeitläufen, in denen der Trend zum Erkenntnissatz lautet: Frag weiter, ich bin noch ratlos, Eher bin ich noch ratloser geworden, seitdem das Staatensystem von Jalta zerbröselt ist; ganz gewiss eine Ordnung wie von Metternich, also ohne vie Federlesen mit den Völkern und ihren nationalen Sehnsüchten – aber Teil eines europäischen Gleichgewichtssystems in Jahrzehnten, in denen der Verlust der Balance die Menschen in Europa vollends in den Abgrund gestürzt hätte. Ratloser als gewöhnlich macht mich auch. dass die kleinen Schritte, mit denen Veränderungen zum Besseren in Deutschland und Europa erreicht wurden, mit der wachsnden und schließlich explosiven Ungeduld der benachteiligten Deutschen und anderen Europäer östlich der Elbe nicht mehr mithalten konnten…

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Kulturelle Zusammengehörigkeit und nationale Identität. Ich befürchte, wir operieren hier mit unbestimmten, undeutlichen Begriffen. Die kulturelle Usammengehörigkeit auf dem Fundament einer Bildung, die Antike, Christentum, Humanismus, Aufklärung samt auch einer gewissen Skepsis an allen diesen Gütern umschließt – diese Zusammengehörigkeit Europas zählt wohl zu den wenigen Selbstverständlichkeiten, die von den Wirren nicht zerstört, von der Teilung des Kontinents nicht aufgehoben wurden. Aber hat die Zusammengehörigkeit der Gebildeten das Unheil der Vergangenheit auch nur mildern können – ausser, vielleicht, im bewußtsein eines belesenen Nischenbewohners etwa zur Hitler-Zeit, der sich im Besitze von etwas Besserem, etwas Dauerhafteren wußte, als es die marktgängiren Werte waren? Haben nicht gerage Angehörige der gebildeten Stände mitgewirkt an der Unterdrückung der selbstverständilichen Auskünfte der europäischen Kultur durch ihre Formulierungshilfe bei den leicht gemachten Antworten?