Sozialismus

9 Thesen zur Überwindung des Kapitalismus

9 Thesen zur Überwindung des Kapitalismus

Die folgenden Thesen basieren auf dieser Grundüberlegung, die aus meiner Sicht ein Konsens unter antikapitalistisch denkenden Menschen darstellt: Der Kapitalismus führt die Menschheit früher oder später in die Katastrophe, genauer: zum Untergang der Menschen entweder durch Unbewohnbarkeit des Planeten oder einen (nuklearen) Weltkrieg um völlig ungleich verteilte Ressourcen (Wasser, fossile Brennstoffe, Geldkapital …). Es ist also notwendig, das zerstörerische kapitalistische System zu überwinden und eine alternative Gesellschaftsordnung aufzubauen. Da keine bessere Alternative als die sozialistische mir vorliegt, schlage ich eine sozialistische Umwälzung vor, die aus den Fehlern und Erkenntnissen der vergangenen und gegenwärtigen sozialistischen Versuche lernt. Die hier formulierten Thesen sollen Grunderkenntnisse aus den sozialistischen Kämpfen der vergangenen 150 Jahre zusammenfassen und einen möglichst rationalen Weg zur Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems aufzeigen. Damit beanspruche ich keine Vollständigkeit, vielmehr stellen diese Thesen nur den Ausgangspunkt für weitergehendere, umfangreichere Überlegungen dar.

  1. Das Errichten der sozialistischen Republik kann niemals gegen den Willen der Mehrheit der Menschen erfolgen. Der Sozialismus ist demokratisch oder er ist nicht. – D. h.: Eine signifikante Mehrheit der Bevölkerung, zunächst in den einzelnen Nationalstaaten, muss mit rationalen Argumenten davon überzeugt werden, dass die bisherige Organisation der Gesellschaft nach kapitalistischer Logik in den Untergang der Menschheit führt und für ein gedeihliches Überleben der nachfolgenden Generationen andere (sozialistische) Organisationslogiken in Produktion, Distribution und Konsumtion von Gütern eingeführt werden müssen. Es ist wichtigste Aufgabe einer kritischen Wissenschaft, Argumente für diese These zu liefern und in allgemeinverständlicher Form der Bevölkerung, inkl. der politischen Organisationen, zu vermitteln.
  2. Um das kapitalistische System zu überwinden, genügt es nicht, mit mühsam erkämpften Reformen kleinere Übel dieses Systems abzumildern. Die Grundlagen des Kapitalismus, besonders der Privatbesitz der Produktionsmittel müssen grundsätzlich, radikal infragestellt und überwunden werden. 100 Jahre Sozialreformismus haben bisher elementare Menschheitsprobleme nicht nachhaltig lösen können. Es wird also Zeit, die Macht der Monopolbourgeoisie zu entreißen, indem dieser Bourgeoisie ihr Eigentum genommen und den Produzenten übergeben wird.
  3. Der Sozialismus kann höchst wahrscheinlich – nicht allein – auf dem parlamentarischen Wege erreicht werden. Es genügt nicht, im nationalen Parlament eine Mehrheit sozialistischer, antikapitalistischer Parteien zu erringen. Das Beispiel Griechenland und Syriza zeigt, dass viele äußere und auch innere Faktoren der Entfaltung des Sozialismus auf parlamentarischem Weg entgegenstehen: z. B: die Mitgliedschaft in der EU, in der Euro-Zone, in der NATO; das Agieren fremder Mächte auf eigenem Territorium (Geheimdienstaktivitäten, Besatzung durch ausländische Armeen). Beispiele: Chile 1973, Nicaragua 1980er, Venezuela 2002.
  4. Der Sozialismus muss nicht nur politisch, sondern auch kulturell durchgesetzt werden. Es genügt nicht, eine parlamentarische Mehrheit zu besitzen. Auch in wesentlichen Institutionen der Kunst und Kultur, der Wissenschaft und vor allem auch in den Medien müssen Personen vorhanden sein, die dem sozialistischen, antikapitalistischen Projekt aufgeschlossen gegenüberstehen oder es sogar aktiv-kämpferisch unterstützen. Die antikommunistische, totalitarismustheoretische Ideologie darf keine Hegemonie im gesellschaftlichen Diskurs (der Eliten) haben. Konzepte, um diese antikommunistische Ideologie, die nicht nur auf „echte“ Kommunisten zielt, sondern auf alles, was die kapitalistischen Verhältnisse infrage stellt, zu bekämpfen, müssen schon heute entwickelt werden.
  5. Wollen sozialistische Organisationen, eines deren Grundprobleme ihre mannigfaltige Zersplitterung ist, die Bevölkerung von der sozialistischen Gesellschaftsalternative überzeugen, sind dogmatische Debatten um die richtige Theorie und theoretische Abgrenzungen um des Rechthabenwollens kontraproduktiv. Der Kampf gegen den Kapitalismus kann nur bei größtmöglicher Einheit der antikapitalistischen Kräfte erfolgreich sein. Das bedeutet aber nicht, dass es auf theoretischem Gebiet keine Debatten um den richtigen Weg zum Ziel geben darf – im Gegenteil, nur im produktiven Streit kann der richtige Weg zum Sozialismus gefunden werden. Um in der Praxis erfolgreich zu sein, muss aber das Ergebnis der theoretischen Debatte (und diese muss ein Ergebnis haben!) von allen antikapitalistischen Kräften zunächst akzeptiert und in der Praxis umgesetzt werden.
  6. Unterschiedliche Bewertungen bisheriger Sozialismusversuche (Sowjetunion, DDR, China, Kuba …) sollten nicht dazu führen, dass man im Kampf gegen den aktuellen neoliberalen Kapitalismus nicht zusammenarbeitet. Historische wie theoretische Differenzen sind legitim und in einem demokratischen Gemeinwesen begrüßenswert, sofern sie nicht den Kampf gegen den gemeinsamen Feind behindern. Die Geschichte bisheriger sozialistischer bzw. sich als sozialistisch oder kommunistisch bezeichnender Bewegungen sollten kritisch, aber fair (unter Berücksichtigung der sozialen Rahmenbedingungen) aufgearbeitet werden.
  7. Der Beitrag der kritischen, antikapitalistischen Wissenschaft für den Kampf zur Überwindung des Kapitalismus liegt nicht allein darin, wissenschaftliche Erkenntnis und akademische Debatten zu produzieren. Sondern dieser liegt darin, den nichtakademischen Bevölkerungsschichten in konkreten Alltagskämpfen gegen die Auswirkungen des Kapitalismus (steigende Mieten, Union Busting, soziale Entrechtung im Hartz-System oder durch Freihandelsabkommen) mit verständlichem Rat beiseite stehen. Sie muss jederzeit bereit sein, den Elfenbeinturm zu verlassen und in der Praxis aktiv zu werden.
  8. Der Sozialismus kann nicht im Kampf vereinzelter Individuen errungen werden, der Kampf gegen die Herrschenden im Kapitalismus kann nur mittels politischer (und gewerkschaftlicher) Organisation gewonnen werden, denn die Herrschenden organisieren sich auch in ressourcenstarken Organisationen (Arbeitgeberverbände, Thinktanks, Wirtschaftsinstitute etc.), um ihre Interessen in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Parteien und Gewerkschaften müssen für ihre Mitglieder attraktiv sein und für eine spürbare Verbesserung des Lebens der Arbeiter und prekarisierten Bevölkerung sorgen. Es geht neben dem politischen Kampf für allgemeine gesellschaftliche Veränderungen auch um die Organisierung praktischer Solidarität im Alltag, d. h. bspw., dass soziale Angebote wie Suppenküchen, Kleidersammlungen, Sozialberatungen oder Tafeln nicht kirchlichen oder unpolitischen Wohlfahrtsverbänden überlassen werden dürfen.
  9. Die sozialistischen Organisationen müssen ein Mindestmaß an basisdemokratischer Organisation aufweisen. Das bedeutet, dass das einfache Mitglied so umfassende Mitbestimmungsmöglichkeiten (z. B. bei der Wahl und Abwahl von Funktionären, bei der Aufstellung von Partei- und Wahlprogrammen oder der Entscheidung grundsätzlicher politischer Fragen) haben muss, dass es sich wirklich als Mitgestalter der Organisation/der Partei fühlt und mit ihr identifizieren kann. Die Diktatur einer Avantgarde oder eines Politbüros, das alle politischen Vorgaben von oben nach unten durchdrückt, ist nicht zeitgemäß und wird kaum Menschen für die sozialistische Sache mobilisieren. Andererseits darf die Basisdemokratie nicht so weit getrieben werden, dass die Organisation handlungsunfähig und ineffizient wird. Das Beispiel der Piratenpartei (und der frühen Grünen) sollte lehrreich sein.

Auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus

Auszug: Teil II:

Abschnit 18: Auf dem Weg zur Überwindung des Kapitalismus

Keine Frage: Die Überwindung des Kapitalismus ist eine Wahnsinnsherausforderung. Aber wer soll uns daran hindern, es nicht wenigstens zu versuchen? Weshalb trauen wir, die es geschafft haben, hochkomplexe ferngesteuerte Sonden nicht nur ins Innerste unserer Körper, sondern auch an die äussersten Enden des Universums zu schicken, uns im Bereich des Geistigen, Sozialen und Gesellschaftlichen so wenig zu und fallen so schnell, so leichtgläubig, so phantasie- und kraftlos immer wieder in die uralten, schon tausendfach nicht bewährten Denk- und Handlungsmuster zurück? Auf wen nehmen wir Rücksicht? Weshalb haben wir eine so grosse, fast religiös anmutende Ehrfurcht vor unseren Vätern und Vorvätern, die uns das alles eingebrockt haben und uns, längst verlassen von ihnen allen, einen Karren weiter ziehen lassen, der von Generation zu Generation immer schwerer wird und unter dessen Last wir wohl eines Tages alle zusammen zerbrechen werden.

Nichts Kompliziertes, nur das Leben

Der Kapitalismus basiert auf der Idee, dass einmal geschaffener Reichtum auf Kosten anderer «von selber» automatisch immer grösser wird. Auf was für einer Idee müsste eine neue, nichtkapitalistische Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung beruhen? Was für Theorien und Denkmodelle würden ihr zugrundeliegen?

Suchen wir nicht zu weit. Nehmen wir den kleinsten gemeinsamen Nenner, der die Menschen weltweit miteinander verbindet. Es ist zugleich das Grösste wie auch das Einfachste, am nächsten Liegende. Nichts Kompliziertes, einfach das Leben. Jedes Kind, jeder Mensch will leben, nicht mehr und nicht weniger. Leben heisst: genug zu trinken und zu essen haben, ein Dach über dem Kopf haben, in Sicherheit und ohne Angst leben können, geliebt werden, eine sinnvolle Arbeit haben, jeden Tag geniessen können, gut schlafen können, keine seelischen und körperlichen Schmerzen haben, genügend Nahrung haben für sein Lernen und seinen Wissensdurst. Nicht mehr und nicht weniger.

Eigentlich selbstverständlich. Es geht bloss darum, den Begriff des Lebens gegenüber dem, was heute schon als selbstverständlich gilt, um zwei zusätzliche Dimensionen zu erweitern. Das eine ist die räumliche, das andere die zeitliche Dimension.

Ausgehend davon, dass der Mensch nicht nur ein Einzelwesen, sondern Teil eines grösseren Ganzen ist, kann Leben nur bedeuten, dass damit das Leben aller Menschen gemeint ist. Mehr als das: das Leben aller Lebewesen, Tiere und Pflanzen eingeschlossen. Von gutem Leben kann daher erst die Rede sein, wenn alle Lebewesen ein gutes Leben haben. Gesundheit ist nicht teilbar. Entweder sind alle gesund, oder niemand. Der reiche Europäer, der stets genug zu essen hat, seinen Körper mit täglichem Turnen, Aerobic und Biken fit hält, für jedes noch so kleine Leiden ein entsprechendes Medikament sowie hochprofessionelle medizinische Versorgung in nächster Nähe zur Verfügung hat, kann dennoch nicht wirklich gesund sein, so lange weltweit auch nur ein einziger Mensch bloss aufgrund seiner prekären Lebensumstände gezwungen ist, krank zu sein. Denn Gesundheit hat auch eine seelische, eine geistige, eine politische, eine universelle Komponente. Schauen wir sie uns doch an, die angeblich so «gesunden» Menschen in den reichen Ländern des Nordens, blicken wir in ihre Gesichter, in ihre Augen, sie sind nicht wirklich gesund. Weshalb können so viele scheinbar «Gesunde» nur überleben, indem sie täglich eine Unmenge Medikamente in sich hineinstopfen? Weshalb leiden so viele Menschen in den reichen Ländern unter beständigen Kopf- und Rückenschmerzen? Weshalb gibt es so viele Drogensüchtige, so viele Depressive, so viele Menschen, die sich das Leben nehmen? Sind das nicht alles Zeichen dafür, dass rein materieller Überfluss genau so krank macht wie der materielle Mangel? Sind das Leiden der Reichen und das Leiden der Armen nicht bloss die Spiegelbilder des gemeinsamen Leidens aller? Und wäre es daher nicht die einfachste Sache der Welt, bloss alles möglichst gerecht zu teilen, um damit alle zusammen gesund zu machen?

Die zweite Dimension ist die zeitliche. Dies bedeutet, dass wir heute nur dann gesund sein können, wenn unser Lebensstil garantiert, dass auch die nachfolgenden Generationen an Menschen, Tieren und Pflanzen gesund sein können. Erst dann ist alles im Gleichgewicht.

Das Denken in Alternativen

Soll die Überwindung des Kapitalismus erfolgversprechend in Angriff genommen werden, dann kann Politik nicht weiterhin einfach darin bestehen, die herrschenden Machtverhältnisse bloss unter dem Deckmantel angeblicher «Demokratie» von Wahl zu Wahl und von Abstimmung zu Abstimmung weiter zu verwalten, in einem permanenten gegenseitigen Machtspiel, in dem bloss zwischen Parteien und Organisationen die Rollen laufend neu getauscht werden, stets aber aufs neue das exakt gleiche Theaterstück über die Bühne geht.

Was bedeutet dies konkret? Es geht darum, aus allen bisherigen, sich ständig im gleichen Kreis drehenden Scheindiskussionen auszubrechen, die selbstauferlegten Denkgrenzen, wonach es ausserhalb des Kapitalismus nichts gibt ausser einem riesigen schwarzen Loch, zu sprengen und all das über 500 Jahre an nicht mehr in Frage gestellter «Wahrheiten» Aufgebaute nach und nach wieder abzubauen bis zum Nullpunkt, um noch einmal ganz von vorne beginnen zu können.

Die Methode dazu ist das Denken in Alternativen. Etwas, was gerade in der heutigen Zeit, da Alternativen dringender nötig wären denn je, verhängnisvollerweise ganz und gar ausser Mode geraten ist. Es geht darum, bei jeder Behauptung eine Gegenbehauptung aufzustellen, bei jedem «Das ist so und so» unmittelbar ein «Es könnte aber auch anders sein» anzuhängen. Es geht darum, die Möglichkeiten des Denkens, die uns zur Verfügung stehen, bis zum Äussersten auszunutzen, nichts ungefragt im Raum stehen zu lassen und auch dann nicht von dieser Arbeit abzulassen, wenn «Wahrheiten», an die man selber ein Leben lang geglaubt hat, auf einmal in Frage gestellt werden. «Wenn etwas besser werden soll, muss es anders werden», schrieb der  deutsche Schriftsteller und Mathematiker Georg Christoph Lichtenberg.169 Und Michael Montaigne formulierte es so: «Gleicher Meinung zu sein ist tödlich.»170 Das bedeutet nicht, dass das Andere automatisch immer besser sein muss als das Bisherige. Aber um herauszufinden, wie gut das Bisherige ist oder war, ist es unerlässlich, darüber nachzudenken, wie es auch anders könnte – erst dann habe ich eine Grundlage dafür, zu entscheiden, ob ich es beim Bisherigen belassen oder ob ich es durch etwas Neues, anderes ersetzen will.

Systemkritik anstelle persönlicher Schuldzuweisungen

Eines der grössten Hindernisse auf dem Weg freien Denkens im Blick auf eine Überwindung des Kapitalismus sind die persönlichen Schuldzuweisungen. Es ist den Propheten, Gläubigen und Machtträgern des Kapitalismus auf meisterhafte Weise gelungen, für jedes noch so kleine Problem, das der Kapitalismus schafft, für jeden Zwiespalt, den er sät, und für jede der unzähligen kleinen und grossen Ungerechtigkeiten, die er Tag für Tag hervorbringt, einen Schuldigen zu benennen in der Gestalt eines einzelnen Menschen oder einer Gruppe von Menschen. Sehen die «Rechten» die Schuld an allem Übel bei den «Linken», den «Grünen», den «Ausländern», den «Asylanten», den «Scheininvaliden», den «Kuschelpädagogen» oder den «Sozialromantikern», so haben sich mittlerweile auch die «Linken» darauf spezialisiert, die gesamte Schuld an sämtlichen bestehenden Missständen an einzelnen «Übeltätern» wie den «Rechten», den «Bürgerlichen», den «Abzockern» auf den Chefetagen, den «Privatisierungsturbos» oder den «Betonköpfen» der Zementindustrie und der Strassenbaukonzerne festzumachen. So lange alle dieses Spiel gegenseitiger Schuldzuweisung mitmachen, wird es weiterhin möglich sein, vom eigentlichen Hauptschuldigen, nämlich dem Kapitalismus als Gesamtsystem, abzulenken und gleichzeitig an der Erhaltung und Verfestigung jener verrückten «Wahrheit» mitzuwirken, wonach das Ganze – nämlich der Kapitalismus – gar nicht so schlecht wäre, wenn nur dieser oder jener Einzelne, diese oder jene Partei, Gruppe oder Organisation, diese oder jene Regierung nicht so «böse» oder «schlecht» wären.

Sehen wir die Ursachen bestehender Missstände nicht mehr bei einzelnen «Schuldigen», sondern beim Kapitalismus als Ganzem, dann wird uns eine solche Haltung zugleich radikaler und versöhnlicher machen: Radikaler, wenn es um die Sache geht, nämlich um die Überwindung des Kapitalismus und den Aufbau einer neuen, nichtkapitalistischen Wirtschaftsordnung. Versöhnlicher aber, wenn es um die Menschen geht, dann nämlich, wenn sich die Einsicht durchzusetzen beginnt, dass wir alle im gleichen Boot sitzen und nur entweder alle zusammen mit diesem Boot untergehen oder aber es schaffen, alle zusammen rechtzeitig ein neues Boot zu bauen, um gemeinsam überleben zu können. Oder, wie Martin Luther King es sagte: «Wir müssen lernen, entweder als Brüder miteinander zu überleben oder als Narren miteinander unterzugehen.»

Durch diese Sichtweise verändert sich die Welt. Der einheimische Arbeitslose, der die Schuld an seiner Misere bisher einzig und allein bei den «Ausländern» gesehen hat, die ihm seine Arbeit weggenommen haben, wird erkennen, dass sowohl er, der Arbeitslose, wie auch der aus seiner Heimat vertriebene Ausländer, der sich in seiner neuen Heimat mit den miesesten und am schlechtesten bezahlten Jobs begnügen muss, Opfer des gleichen Ausbeutungssystems sind. Der Fabrikarbeiter, der durch die zunehmende Belastung an seinem Arbeitsplatz krank geworden ist, wird erkennen, dass  die Herzprobleme seines Vorgesetzten und das Burnout des Firmenbosses letztlich die gleiche Ursache haben wie seine eigenen Probleme. Die gewerkschaftlich aktive Verkäuferin und der SVP-wählende Bauer, die bisher an den entgegengesetzten Polen des poltischen Spektrums anzutreffen waren, werden erkennen, dass sie beide unter dem genau gleichen, vom kapitalistischen Profitmaximierungszwang angeheizten Konkurrenzkampf leiden. Und sie alle zusammen werden erkennen, dass sie, indem sie den anderen dabei helfen, ihre Probleme zu lösen, damit gleichzeitig ihre eigenen Probleme lösen. «Was alle angeht», sagte der bekannte Schweizer Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt, «können nur alle lösen.»

Wer die Welt verändern will, muss zuerst sich selber verändern

So, durch das Überwinden persönlicher Schuldzuweisungen, wird die Energie, die wir bisher verbrauchten, um uns gegenseitig zu bekämpfen, umgewandelt in die Energie, die es braucht, um gemeinsam für eine bessere Welt zu kämpfen, von der wir alle profitieren werden. Damit wird sich auch all das zutiefst verändern, was man als «politischen Diskurs» bezeichnen könnte. Ein Blick in ein kantonales oder ins eidgenössische Parlament oder in eine «Arena»- Sendung des Schweizer Fernsehens genügt, um es uns deutlich zu machen: Politik bestand bisher vorwiegend darin, vom eigenen Standpunkt möglichst keinen Millimeter abzuweichen, jedes Nachgeben als Schwäche zu sehen und vor allem, einander nicht zuzuhören.

Einander nicht zuzuhören wäre das Dümmste, was wir machen könnten, wenn es darum geht, herauszufinden, wie die Welt von morgen, die eine ganz andere und bessere sein soll als die Welt von heute, aussehen soll. Denn jede und jeder weiss aufgrund seiner eigenen Erfahrungen, Vorstellungen und Zukunftsbildern etwas von dieser Welt, was alle anderen nicht wissen. Es ist wie das Legen eines grossen gemeinsamen Puzzles: Alle verfügen über einen kleinen Teil davon, und das Gesamtbild kann nur vollendet werden, wenn jeder seinen individuellen Teil dazu beiträgt.

So wird es neben den traditionellen Parlamenten und Regierungen ein neues Gefäss für die politische Debatte brauchen: Echte Diskussionsforen, in denen die Vertreterinnen und Vertreter unterschiedlicher Denkrichtungen nicht in erster Linie darauf aus sind, einander von der Richtigkeit ihrer eigenen Standpunkte zu überzeugen, sondern, einander zuzuhören und voneinander zu lernen. Dass diese Diskussionsforen grenzüberschreitend, global organisiert sein müssen, versteht sich von selber, denn letztlich leben wir nicht in verschiedenen Welten, sondern in einer einzigen, gemeinsamen. Spätestens seit der globalen Finanzkrise 2008 und erst recht seit der Währungskrise 2010 müssten eigentlich dem letzten auch nur einigermassen politisch vernünftig denkenden Menschen die Augen dafür aufgegangen sein, dass es sich endgültig keine einzige Region, keine Stadt und kein Dorf und erst recht kein einziger Staat mehr leisten kann, seine eigenen Probleme auf Kosten anderer lösen zu wollen – das wird nie etwas anderes sein als ein Bumerang, der früher oder später auf ihn zurückfallen und alles nur noch schlimmer machen wird, als es schon ist.

Denn, vergessen wir es nicht: Bei alledem geht es nicht um etwas Kompliziertes, sondern um das Einfachste, um das Leben. Damit haben wir auch in der politischen Debatte etwas, was uns alle, egal aus welcher bisherigen politischen Himmelsrichtung wir auch gekommen sind, verbindet, uns eine gemeinsame Sprache gibt, uns Modelle entwickeln lässt, die eine gemeinsame Basis haben. Man kann sich sehr wohl darüber die Köpfe einschlagen, ob in einer bestimmten Region der Bau von Zweitwohnungen zugelassen werden soll oder nicht. Man kann sich auch darüber die Köpfe einschlagen, ob man eine Armee verkleinern, vergrössern, abschaffen oder eine Milizarmee in eine Berufsarmee umbauen soll. Man kann sich auch darüber die Köpfe einschlagen, ob der Bau von Minaretten in einem «christlichen» Land erlaubt sein soll oder nicht. Aber über das Wichtigste kann man sich die Köpfe nicht einschlagen, nämlich darüber, ob wir leben wollen oder nicht. Wenn wir uns darauf einigen, auf das Leben, und darauf, dass jeder Mensch, in Gegenwart und Zukunft, das gleiche Anrecht darauf hat, dann werden auf einen Schlag alle bisherigen Trennlinien zwischen unterschiedlichen politischen Parteien unwichtig geworden sein und die «Trennlinien» der politischen Debatten werden nicht mehr zwischen verschiedenen Menschen und Menschengruppen verlaufen, sondern mitten durch jeden einzelnen Menschen selber, sind diese beiden Ansätze – das Egoistische und das Soziale – doch in jedem Menschen als Möglichkeiten vorhanden und geht es daher nicht in erster Linie darum, die anderen zu belehren, zu erziehen, in die Schranken zu weisen, zu bekämpfen, sondern in erster Linie darum, aus sich selber einen besseren Menschen zu machen. Politische Arbeit für eine bessere Zukunft ist in erster Linie Arbeit an sich selber. Oder, noch einfacher gesagt: Wer die Welt verändern will, muss zuerst sich selber verändern.

Nicht neue Macht, sondern Überwindung der Macht

Doktrinäre Gesellschafts- und Wirtschaftssysteme wie der Kommunismus oder der Kapitalismus sind dadurch geprägt, dass einzelne Teile der Bevölkerung – so genannte «Eliten» – auf die eine oder andere Weise Macht ausüben über andere Teile der Bevölkerung. Im Kapitalismus werden diese Eliten von den Besitzern der Produktionsmittel, den vermögenden Oberschichten und den mit ihnen verknüpften und verschachtelten Politikerkasten gebildet. Im Kommunismus handelt es sich bei den Macht ausübenden Eliten um die Funktionäre und Amtsträger der Partei und die mit ihnen gleichgeschalteten Machtapparate der Industrie und des Militärs. Diesen inneren Machtverhältnissen entspricht das nach aussen getragene Machtgebaren, das sich sowohl in wirtschaftlicher wie auch militärischer Form manifestiert. Um Macht, ja geradezu Weltmacht ging es letztlich in der Konfrontation zwischen dem Kapitalismus und dem Kommunismus in den Jahrzehnten des Kalten Kriegs. Und dieser globale Machtkampf konnte nur enden mit dem Sieg der einen Seite und der Niederlage der anderen. Wer auf Macht setzt, setzt auf das Ganze, ebenso wie im Krieg: Entweder siegen wir, oder es siegen die anderen, dazwischen gibt es nichts. Gegenwärtig bahnt sich ein neuer, höchst gefährlicher Machtkampf globalen Ausmasses an, derjenige zwischen den USA und China. Bezeichnenderweise gilt dabei der eine der beiden Kontrahenten, China, als zugleich kommunistisch und kapitalistisch, ein weiterer Hinweis darauf, wie eng die beiden Wirtschafts-modelle miteinander verwandt sind – so eng nämlich, dass sie sich problemlos, und erst noch – im Sinne rein ökonomischer «Effizienz» – äusserst erfolgreich, zu einem Ganzen verschmelzen lassen.

Wollen wir den Kapitalismus ebenso dauerhaft überwinden wie den Kommunismus und dabei nicht bloss ein altes Machtsystem durch ein neues ersetzen, dann muss allem «Machtdenken» ein neues, anderes Denken entgegengesetzt werden, das sich nicht mehr in den Kategorien der Macht bewegt, sondern, im Gegenteil, ausgerichtet ist auf die Überwindung der Macht. «Nicht die Macht unter neuen Vorzeichen», heisst es in einer Erklärung der mexikanischen Zapatisten vom 2. Januar 1994, «sondern eine Internationale der Hoffnung, ein Atemzug der Würde, ein Lied des Lebens.» Wo einzelne Machtgruppen bloss durch andere ausgetauscht werden, wo «Revolutionen» oder Putsche zu nichts anderem führen, als dass jene, die zuvor an der Macht waren, zukünftig davon ausgeschlossen sind und umgekehrt, hat sich an den bestehenden Verhältnissen grundsätzlich nichts geändert und jede Gewalt, welche der einen durch die andere Seite zugefügt wurde, wird sich früher oder später in neuer Gewalt äussern, die wiederum von jenen ausgeübt wird, denen sie ehedem zugefügt wurde. Dieser Teufelskreis lässt sich erst dann durchbrechen, wenn endgültig darauf verzichtet wird, gesellschaftliche Verhältnisse durch Gewalt, durch Machtkämpfe oder gar Kriege verändern zu wollen. Die Revolution, die zur Überwindung des Kapitalismus führen soll, muss daher eine Revolution der Gewaltlosigkeit sein, eine Revolution des Denkens, eine Revolution des Geistes, eine Revolution der Herzen, eine Revolution der Liebe. «Wir brauchen», sagte Albert Einstein, «eine wesentlich neue Denkensart, wenn die Menschheit am Leben bleiben soll.»

Eine globale politische Bewegung für die Zukunft

Nun, wie aber soll die Überwindung des Kapitalismus ganz konkret, hier und jetzt, ihren Anfang nehmen? Was es braucht, ist zunächst eine möglichst breite politische Bewegung für die Zukunft. Diese neue Bewegung wird wenig zu tun haben mit den traditionellen politischen Parteien. In ihr werden Sozialdemokraten und Sozialistinnen, die ihren Traum von einer Zeit jenseits des Kapitalismus noch nicht aufgegeben haben, ebenso vorzufinden sein wie traditionell «bürgerlich» und «liberal» denkende Menschen, die es, wie etwa der deutsche CDU-Politiker Heiner Geissler, mit ihrem Gewissen nicht mehr vereinbaren können, ein Wirtschaftssystem mitzuverantworten, dessen Zerstörungskraft immer deutlicher zutage tritt. In dieser neuen politischen Bewegung werden ebenso Greenpeace-Aktivistinnen vorzufinden sein wie Mitglieder verschiedenster Menschenrechtsorganisationen, ebenso Mitglieder «grüner» und «christlicher» Organisationen, Gruppierungen und Parteien wie auch Mitglieder von Gewerkschaften, ebenso Menschen, die bereits ein halbes Leben lang politisch aktiv gewesen sind, wie auch Menschen, die bisher nicht das Geringste mit Politik am Hut hatten. Wo es um das gemeinsame Überleben in einer anderen, besseren, friedlicheren und gerechteren Zukunft geht, werden die gegenseitigen Berührungsängste und Widerstände, die uns gegenwärtig noch so tief voneinander trennen, nur noch Erinnerung sein an eine alte, vergangene Zeit.

Diese neue politische Bewegung muss, zweitens, über alle Grenzen hinweg global organisiert sein. Sonst wird sie keine Chance haben, gegen das ebenfalls weltweit organisierte Machtsystem des Kapitalismus etwas ausrichten zu können. Das bereits heute hierfür weltweit vorhandene Potenzial ist, wenn wir an all die Menschen, Gruppen, politischen Parteien und Organisationen, deren Aktivitäten im weitesten Sinne gegen den Kapitalismus bzw. die von ihm verursachten Entwicklungen, Zerstörungen und Bedrohungen gerichtet sind, immens. Das Problem besteht bloss darin, dass alle diese Kräfte noch weitgehend unabhängig  voneinander agieren, dabei ihre individuellen Ziele fast ausschliesslich über ein mögliches gemeinsames, sie miteinander verbindendes Ziel stellen und sich sogar nicht selten – kurioserweise fast genau gleich wie kapitalistische, betriebswirtschaftlich ausgerichtete Firmen – in der Gunst um eine je möglichst grosse Anhängerschaft gegenseitig konkurrenzieren. Genau dies aber liegt einzig und allein im Interesse des Kapitalismus und seiner Machterhaltung: Nichts ist ihm willkommener, als dass seine Gegner untereinander uneinig sind und viel mehr Energie dafür verwenden, sich in gegenseitigem Wettstreit zu profilieren, statt sich miteinander zu solidarisieren und ihre zahlreichen Einzelkräfte zu einer grossen gemeinsamen Kraft zusammenwachsen zu lassen. Wir erinnern uns an dieser Stelle an die äusserst erfolgreiche Machtpolitik des Römischen Reiches zur Zeit seiner grössten Ausdehnung rund um das ganze Mittelmeer und weit darüber hinaus: «Divide et impera» – «teile und herrsche», so lautete der Leitspruch, wonach die römischen Kaiser gezielt Zwietracht unter den von ihnen unterjochten Völkern und Regionen säten, um zu verhindern, dass sich eine zu starke Gegenmacht bilden konnte, die der Machterhaltung Roms hätte gefährlich werden können.

Jeder noch so lange Weg beginnt mit einem ersten Schritt

Dass sich die Demokratie weltweit Hand in Hand mit dem Kapitalismus etablieren konnte, ist vielleicht so etwas wie ein historischer Glücksfall, der es ermöglicht, den Kapitalismus sozusagen mit seinen eigenen Mitteln zu überwinden. Eine globale politische Bewegung für Gerechtigkeit und Frieden ist nicht mehr gezwungen, wie das in früheren Zeiten der Fall gewesen wäre, bestehende Machtverhältnisse mit Gewalt umzustürzen, um etwas Neuem Platz zu machen. Sie kann sich voll und ganz auf ein gewaltfreies, demokratisches Vorgehen beschränken, einzig und allein unter der Einschränkung, dass in jenen wenigen Staaten, die noch nicht demokratisch sind, die Demokratie zuvor noch erkämpft werden muss.

Dies alles genügt aber noch nicht. Politik muss mehr sein als das, was man – mit Abstimmungen, Wahlen, Parlamenten und Regierungen – traditionellerweise darunter versteht. Politik ist alles. Politik ist das Leben. Dass sich so viele Menschen – gerade in Ländern mit höchstentwickelten Formen von Demokratie wie der Schweiz –  mittlerweile aus jeglicher politischer Mitbeteiligung verabschiedet haben und die Mitgliederzahlen sämtlicher politischer Parteien laufend abnehmen, lässt sich wohl nur mit jener tiefen Kluft erklären, die heute zwischen «Politischem» und «Unpolitischem» besteht. Auf der einen Seite das «Politische»: das ewig repetierte Ritual von Wahlkämpfen, «Siegen» und «Niederlagen» der einen oder der anderen Partei, die ewig gleichen Worthülsen und Versprechungen, ohne dass sich tatsächlich etwas verändert, all die Lügen, welche angebliche Macht vortäuschen und hinter denen sich doch in Tat und Wahrheit nichts anderes verbirgt als ein immer grösser werdendes Mass an Ohnmacht. Auf der anderen Seite das «Unpolitische»: Es sich möglichst gemütlich machen in den immer kleiner werdenden Nischen individuellen Glücks, sich mit allen möglichen Vergnügungen ablenken lassen von den immer bedrohlicheren Zukunftsängsten oder die Faust im Sack machen und sich damit abgefunden haben, dass sowieso alles nichts nützt.

Eigentlich verrückt. Wir haben hunderte legale Mittel, um uns aktiv politisch zu betätigen. Wir haben mit der Demokratie eine Staatsform, von der unzählige frühere Generationen nicht einmal zu träumen wagten. Wir können lesen und schreiben. Mit Presse, Radio, Fernsehen und Internet steht uns rund um die Uhr jede erdenkliche, bis in kleinste Einzelheiten ausgeführte Information zu jedem beliebigen Thema zur Verfügung. Und doch benützen wir das alles nicht, um diese grosses politische Projekt einer Überwindung des Kapitalismus in Angriff zu nehmen, zu dem es längst schon höchste Zeit wäre.

Das «Politische» und das «Unpolitische» müssen wieder zusammenkommen. Das Leben muss wieder politisch werden, die Politik lebendig. Es gilt, der Demokratie neues Leben einzuhauchen, bevor sie endgültig zur Farce verkommen ist. Aus den Frustrationen, der Resignation und der Wut jener, die sich aus der traditionellen Politik verabschiedet haben, muss eine neue gemeinsame Kraft entstehen. Die Aufgabe ist nicht klein, aber umso grösser könnte die Faszination sein, sie in Angriff zu nehmen. Stellen wir uns einen Radrennfahrer vor, der sich auf der Tour de France in sengender Sonne die letzten Meter zur Passhöhe hochkämpft. Oder eine Krankenpflegerin, die selbst nach zwölf Stunden Arbeit, obwohl ihre Füsse und ihr Rücken wie Feuer brennen, die Geduld mit ihren Patientinnen und Patienten immer noch nicht verloren hat. Oder einen Tunnelbauer, der sich unter Lebensgefahr, in ärgstem Staub und Lärm, durch härtesten Felsen vorwärtskämpft. Weshalb ist in der politischen Arbeit, wo es um das Allerwichtigste geht, nämlich die Zukunft der Menschheit, weit und breit niemand zu finden, der auch nur mit annähernd so viel Willen, Opferbereitschaft und Hartnäckigkeit am Werk ist wie Millionen und Abermillionen von Menschen, die sich Tag für Tag im Schweisse ihres Angesichts abrackern bis an die äusserste Grenze ihrer Kräfte?

All das, was die Schwäche jener ausmacht, die einfach das bestehende Machtsystem zwecks der Aufrechterhaltung ihrer eigenen Privilegien am Leben zu erhalten versuchen – ihre Bequemlichkeit, ihre Sattheit, ihre Faulheit, ihr Egoismus, ihre Gefühllosigkeit, ihre Gedankenlosigkeit, ihre Verlogenheit –, kann zur Stärke jener werden, die sich auf den Weg machen zum Aufbau einer neuen, besseren, gerechteren und friedlicheren Welt: unter Aufbietung der äussersten Kräfte dafür kämpfend, in härtester Arbeit, die keinen einzigen Millimeter schenkt, Tag und Nacht, nichts beschönigend, alles beim Namen nennend, keine Ruhe lassend, in stetigem Einklang von Denken, Reden und Handeln, gewaltlos, selbstkritisch, leidenschaftlich, unerbittlich in der Sache, aber unendlich sanft, geduldig und liebevoll in der Begegnung von Mensch zu Mensch. Als Mahatma Gandhi am 12. März 1930, bloss von anfänglich 78 Mitstreitern begleitet, zu jenem berühmt gewordenen Salzmarsch175 ans 385 Kilometer entfernte Arabische Meer aufbrach, hätte auch kein Mensch gedacht, dass dies der Anfang war vom Ende der Besetzung Indiens durch Grossbritannien, die grösste Weltmacht jener Zeit. Es gibt keinen Grund, sich nicht hier und heute auf den Weg zu machen…

Wo soll die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus beginnen?

Bleibt die Frage, wo und wann genau die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus ihren Anfang nehmen muss.
Wir könnten uns auf den Standpunkt stellen, dass sie dort beginnen muss, wo der Leidensdruck der Menschen heute schon am grössten ist, also in den armen und ärmsten Ländern, insbesondere des Südens. Eine verhängnisvolle, kaum Erfolg versprechende Überlegung. Denn gerade die allerärmsten und unter dem Kapitalismus am schwersten leidenden Menschen sind von ihrem täglichen Überlebenskampf dermassen absorbiert, dass sie kaum über genügend Kraft verfügen werden, ohne Hilfe von aussen eine so immense Herausforderung auf sich zu nehmen. Zudem sind gerade in vielen der ärmsten Länder die polizeilichen und militärischen Mittel der Regierenden sowie der wohlhabenden Oberschichten dermassen erdrückend, dass jede radikale, auf die Überwindung des Kapitalismus zielende politische Bewegung damit rechnen müsste, mit brutalsten Mitteln niedergeschlagen zu werden. Aber selbst wenn dies, wie beispielsweise in Ägypten anfangs 2011, auf friedlichem Wege und ohne Blutvergiessen möglich wäre, so nützt es dennoch nur wenig, wenn bloss im einen oder anderen der armen und ärmsten Länder der Welt eine Partei zur Überwindung des Kapitalismus mehrheits- und regierungsfähig würde. So lange die mächtigen und reichen Staaten der Welt das global vernetzte kapitalistische Machtsystem am Leben erhalten, ist der Spielraum eines einzelnen Landes, in Wirtschaft und Gesellschaft nichtkapitalistische Strukturen umzusetzen, äusserst gering.

Viel erfolgversprechender ist es, wenn die Revolution zur Überwindung des Kapitalismus gleichzeitig an möglichst vielen Orten, im Norden wie im Süden, im Westen wie im Osten, in den reichsten wie auch in den ärmsten Ländern ihren Anfang nimmt. Dabei spielen die weltweit führenden kapitalistischen Länder sogar die zentrale Rolle, da Veränderungen, die hier erfolgen, eine weltweit ungleich stärkere Wirkung und Ausstrahlung haben, als dies bei den kleinsten und ärmsten Ländern der Fall wäre. Zu diesen weltweit führenden kapitalistischen Ländern gehört zweifellos auch die Schweiz, dieses Land, das der Genfer Soziologe und Schriftsteller Jean Ziegler sogar einmal als «Gehirn des Monsters» bezeichnete. Soll die Befreiung vom Kapitalismus weltweit erfolgreich verlaufen, dann nur, wenn zwischen den entmündigten, entrechteten, verarmten und ausgebeuteten Bevölkerungsschichten aller Länder und möglichst vielen politisch einflussreichen Entscheidungsträgern auf den hohen und höchsten Stufen der weltweiten kapitalistischen Machtpyramide eine neue Solidarität entsteht, in der nicht egoistische Einzelinteressen im Vordergrund stehen, sondern der gemeinsame Kampf für eine neue, bessere Welt.

Dies liegt nicht zuletzt auch in unserem ureigenen – egoistischen – Interesse. Werfen wir wieder einen Blick in die Geschichte: Als sich am 14. Juli 1789 auf den Strassen von Paris auf einen Schlag die Wut über jahrhundertelange Unterdrückung und Entrechtung entlud, schreckten die aufgebrachten Massen nicht davor zurück, jedem Adligen, der ihnen über den Weg lief, den Kopf abzuhacken und mit diesen Köpfen dann quer durch die Strassen von Paris Fussball zu spielen. «Der Hass auf den Westen», so der bereits zitierte Genfer Kapitalismuskritiker Jean Ziegler in seinem Buch «Der Hass auf den Westen», «beherrscht heute eine grosse Mehrheit der Völker in der südlichen Hemisphäre. Er ist ein machtvoller Mobilisierungsfaktor.» Noch ist es nicht so weit, dass die Köpfe rollen. Noch haben wir Zeit. Aber aller Wahrscheinlichkeit nach nicht mehr allzu viel…

»Unser Delikt ist es, Antiimperialisten zu sein«

Interview mit Evo Morales Ayma, Bolivien.mit Harald Neuber, nd.

Herr Präsident, ich hoffe, Sie hatten dieses Mal eine gute Reise nach Europa. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall bei Ihrem letzten Europa-Aufenthalt, als Sie 2013 nach der Abreise aus Moskau von den europäischen Behörden zur Notlandung in Wien gezwungen wurden. Wie sehen Sie diesen Zwischenfall rückblickend?

Ich glaube, das war eine Strafaktion der USA und einiger europäischer Verbündeter. Sie hatten mir ja vorgeworfen, diesen jungen Aktivisten, Edward Snowden, an Bord zu haben. Ich war von den Erdöl exportierenden Staaten nach Russland eingeladen worden. Als alle Treffen vorbei waren und der Gipfel beendet, reiste ich wieder ab, aber als wir nahe Lissabon, Portugal, landen wollten, war mir das nicht möglich, es wurde verboten. Auf einmal hieß es, wir dürften nicht nach Italien, auch nicht nach Frankreich. Es blieb nur der Weg zurück nach Russland und ich glaube, der Treibstoff hätte dafür nicht mehr gereicht. Also sagte ich: »Warum bitten wir Österreich nicht, uns wegen eines technischen Notfalls die Landung zu erlauben?« Glücklicherweise wurde uns das genehmigt und so konnten wir in Wien landen. Ich denke, dass uns Österreichs Präsident und Regierung das Leben gerettet haben.

Aber wie konnten die USA mit einem solchen Geheimdienstapparat – der CIA, dem Pentagon, der DEA und allem möglichen anderen – glauben, dass wir diesen Jungen, Edward, an Bord gehabt hätten? Das kann ich nicht verstehen, denn am Ende geht es darum: dass es dem Geheimdienstapparat der USA an Intelligenz fehlt. Unser Delikt ist es eben, Antiimperialisten zu sein.

Sie haben in der Technischen Universität Berlin unlängst über die Notwendigkeit gesprochen, nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Souveränität zu gewinnen. Wie kann Deutschland Bolivien dabei helfen, die wirtschaftliche Souveränität zu erlangen?

Ich sage das nicht, um zu schmeicheln, aber wir respektieren und begrüßen die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Wir erwerben gerade viel Technologie hier. Wir stehen derzeit vor einer großen Herausforderung, dem Ausbau der weltweit sehr nachgefragten Windenergie. Die Techniker haben mir empfohlen, das hier in Deutschland auf die Agenda zu setzen. Deutschland könnte Windkraftanlagen liefern, die wir installieren.

Unsere Freundin und Kanzlerin Merkel ist aber auch bereit, uns beim Thema der Justiz beizustehen, wir haben da leider einige Probleme. Bei diesem Thema hat sie uns Hilfe angeboten, den Austausch von Erfahrungen, um die bolivianische Justiz zu verbessern.

Daneben suchen wir die Kooperation mit Institutionen und Universitäten, ebenso wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Natürlich laufen Verhandlungen zwischen dem Mercosur und Europa, aber Bolivien hat auch eigene Angebote zu machen.

Ein deutsches Unternehmen, K-UTEC, hat den Auftrag zur Planung einer Lithium-Gewinnungsanlage erhalten. Später werden wir eine weitere Ausschreibung für Unternehmen machen, die die Lithium-Industrie in Bolivien aufbauen. Dafür habe ich die Finanzierung in Höhe von einer Milliarde US-Dollar schon gesichert. Um dieses Geld bitten wir niemanden, wir verfügen darüber. Aber ich möchte ehrlich sein: Weder unser Staat noch die bolivianische Privatwirtschaft verfügen über spezialisierte Unternehmen, um diese Industrie aufzubauen. Die Besitzer der Lithium-Industrie aber bleiben die Bolivianer.

Im internationalen Handel hat es zuletzt eine starke Dynamik zwischen den lateinamerikanischen Staaten und den Staaten der BRICS-Gruppe gegeben. Welche Rolle spielt Europa in diesem geopolitischen Kontext?

Eine wichtige, denke ich. Man darf die Schäden aus den vergangenen 500 Jahren zwar nicht vergessen. Aber viel kommt eben auch auf die Technologie an, über die bekannte und respektierte Länder hier verfügen. Sicherlich gibt es auch andere Gruppen wie etwa die BRICS-Staaten. Diese Länder sind vor allem beim Aufbau von Infrastruktur aktiv und dem Straßenbau, was wir sehr begrüßen. In unserem Land haben wir für die bolivianischen Brüder und Schwestern sieben Milliarden US-Dollar für den Ausbau von Straßen zugesagt, um Osten und Westen zu verbinden. Beim Thema der Infrastruktur ist vor allem China führend. Aber Europa brauchen wir, um bei der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen die Wertschöpfung zu verbessern.

Herr Präsident, während in Europa der Sozialismus vor 25 Jahren verschwunden ist, hat sich in Lateinamerika der Widerstand gegen den Neoliberalismus formiert: mit den sozialen Bewegungen in Bolivien, Venezuela und anderen Staaten. Was kann Europa heute von Lateinamerika lernen?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich keine Bewertung über Europa abgebe, sozialistisch oder nicht sozialistisch. Wie gesagt, jeder Kontinent hat seine Eigenarten. Aber in Bolivien – das ist unsere Erfahrung, ohne dass ich über andere Staaten sprechen möchte – geht es uns gut, seit wir uns von den USA befreit haben. Es ist uns gut ergangen, seit wir uns wirtschaftlich vom Internationalen Währungsfonds befreit haben. Das ist ein gelebtes Beispiel, dass auch die Kanzlerin Merkel und Präsidenten kennen und sehen, von dem sie wissen. Auch wenn wir ständig Angriffe, wirtschaftliche, politische und militärische Attacken der US-Regierung ertragen müssen.

Dennoch gibt es aber auch interne Probleme der lateinamerikanischen Ökonomien, vor allem die Abhängigkeit von Erdöl und anderen Rohstoffen. Beunruhigt Sie das nicht?

Sehen Sie, wirtschaftlich stehen wir stabil da. In diesem Jahr hat Bolivien das stärkste Wachstum in Südamerika und das zweitstärkste in ganz Lateinamerika. Der Grund ist, dass wir uns von der imperialen Dominanz und dem neoliberalen Modell befreit haben.

Bleiben wir bei der Wirtschaft, konkret: bei der Atomkraft. Die deutsche Regierung hat entscheiden, die Atomkraft zur Energiegewinnung bis zum Jahr 2022 abzuschaffen. Bolivien hat unlängst ein Abkommen mit der russischen Agentur Rosatom unterzeichnet. Welche Vorteile bringt die Atomkraft Bolivien?

In Deutschland und Europa, wie viele Zentren für Atomkraft gibt es hier, können Sie mir das sagen?

Die gibt es, sicher.

Sagen Sie mir, wie viele hat Deutschland, wie viele hat Europa? Gibt es sie oder nicht?

Doch, klar.

Wieso soll uns also das Recht verwehrt bleiben, ein Zentrum zur Erforschung der Atomkraft zu haben, der zivilen Nutzung? Wir werden es haben. Und zwar für das Gesundheitswesen, für die Landwirtschaft, zur Konservierung von Nahrungsmitteln. In Südamerika, meine bolivianischen Schwestern und Brüder, gibt es nur in Bolivien keinen Teilchenbeschleuniger. Sogar Paraguay besitzt ein solches Gerät für die Strahlentherapie. Dabei geht es nicht um die Nutzung der Atomkraft, um Bomben zu bauen. Niemals. Denn wir stehen für eine Kultur des Friedens und des Lebens. In Argentinien wurden zwei Zentren zur Nuklearforschung gebaut, in Rio de Janeiro gibt es acht. Aber eben nicht zu militärischen Zwecken. Und auch wir haben das Recht darauf, für das Gesundheitswesen, Bildung und Landwirtschaft, darauf bestehe ich.

Wenn das also hier Aufmerksamkeit findet, weshalb ziehen dann nicht die Atomwaffen der USA die Aufmerksamkeit auf sich, warum richtet sich die Kritik nicht gegen diese Nutzung der Atomkraft, nur um Menschen zu töten, nicht um ihre Leben zu retten? Das ist der Unterschied zwischen uns und dem kapitalistischen System.

Europa erlebt zurzeit eine seiner schwersten Krisen. Wie sehen Sie diese Situation von Lateinamerika aus?

Wie kann ich das sagen? Mal sehen … Ich denke, dass die USA Konfrontationen befördern, denn leider ist der Krieg das beste Geschäft des Kapitalismus. Sie finanzieren terroristische Gruppen, um einen antiimperialistischen Präsidenten abzusetzen, sie suchen den Konflikt. Nun müssen Sie hier die Folgen ertragen, Sie müssen die Kriegsflüchtlinge aufnehmen, Sie haben das Syrien-Problem. Aber woher kommt das alles? Der Ursprung liegt bei den USA, bei der NATO selbst. Ihre Politik ist es, die die Welt zerstört, davon bin ich überzeugt: die interventionistische Politik der USA gegenüber anderen Staaten, um sich deren natürliche Ressourcen anzueignen. Davon müssen sich die Völker befreien.

neues deutschland, Berlin, 13.11.2015, S. 3