Sozialismus

9 Thesen zur Überwindung des Kapitalismus

9 Thesen zur Überwindung des Kapitalismus

Die folgenden Thesen basieren auf dieser Grundüberlegung, die aus meiner Sicht ein Konsens unter antikapitalistisch denkenden Menschen darstellt: Der Kapitalismus führt die Menschheit früher oder später in die Katastrophe, genauer: zum Untergang der Menschen entweder durch Unbewohnbarkeit des Planeten oder einen (nuklearen) Weltkrieg um völlig ungleich verteilte Ressourcen (Wasser, fossile Brennstoffe, Geldkapital …). Es ist also notwendig, das zerstörerische kapitalistische System zu überwinden und eine alternative Gesellschaftsordnung aufzubauen. Da keine bessere Alternative als die sozialistische mir vorliegt, schlage ich eine sozialistische Umwälzung vor, die aus den Fehlern und Erkenntnissen der vergangenen und gegenwärtigen sozialistischen Versuche lernt. Die hier formulierten Thesen sollen Grunderkenntnisse aus den sozialistischen Kämpfen der vergangenen 150 Jahre zusammenfassen und einen möglichst rationalen Weg zur Überwindung des kapitalistischen Gesellschaftssystems aufzeigen. Damit beanspruche ich keine Vollständigkeit, vielmehr stellen diese Thesen nur den Ausgangspunkt für weitergehendere, umfangreichere Überlegungen dar.

  1. Das Errichten der sozialistischen Republik kann niemals gegen den Willen der Mehrheit der Menschen erfolgen. Der Sozialismus ist demokratisch oder er ist nicht. – D. h.: Eine signifikante Mehrheit der Bevölkerung, zunächst in den einzelnen Nationalstaaten, muss mit rationalen Argumenten davon überzeugt werden, dass die bisherige Organisation der Gesellschaft nach kapitalistischer Logik in den Untergang der Menschheit führt und für ein gedeihliches Überleben der nachfolgenden Generationen andere (sozialistische) Organisationslogiken in Produktion, Distribution und Konsumtion von Gütern eingeführt werden müssen. Es ist wichtigste Aufgabe einer kritischen Wissenschaft, Argumente für diese These zu liefern und in allgemeinverständlicher Form der Bevölkerung, inkl. der politischen Organisationen, zu vermitteln.
  2. Um das kapitalistische System zu überwinden, genügt es nicht, mit mühsam erkämpften Reformen kleinere Übel dieses Systems abzumildern. Die Grundlagen des Kapitalismus, besonders der Privatbesitz der Produktionsmittel müssen grundsätzlich, radikal infragestellt und überwunden werden. 100 Jahre Sozialreformismus haben bisher elementare Menschheitsprobleme nicht nachhaltig lösen können. Es wird also Zeit, die Macht der Monopolbourgeoisie zu entreißen, indem dieser Bourgeoisie ihr Eigentum genommen und den Produzenten übergeben wird.
  3. Der Sozialismus kann höchst wahrscheinlich – nicht allein – auf dem parlamentarischen Wege erreicht werden. Es genügt nicht, im nationalen Parlament eine Mehrheit sozialistischer, antikapitalistischer Parteien zu erringen. Das Beispiel Griechenland und Syriza zeigt, dass viele äußere und auch innere Faktoren der Entfaltung des Sozialismus auf parlamentarischem Weg entgegenstehen: z. B: die Mitgliedschaft in der EU, in der Euro-Zone, in der NATO; das Agieren fremder Mächte auf eigenem Territorium (Geheimdienstaktivitäten, Besatzung durch ausländische Armeen). Beispiele: Chile 1973, Nicaragua 1980er, Venezuela 2002.
  4. Der Sozialismus muss nicht nur politisch, sondern auch kulturell durchgesetzt werden. Es genügt nicht, eine parlamentarische Mehrheit zu besitzen. Auch in wesentlichen Institutionen der Kunst und Kultur, der Wissenschaft und vor allem auch in den Medien müssen Personen vorhanden sein, die dem sozialistischen, antikapitalistischen Projekt aufgeschlossen gegenüberstehen oder es sogar aktiv-kämpferisch unterstützen. Die antikommunistische, totalitarismustheoretische Ideologie darf keine Hegemonie im gesellschaftlichen Diskurs (der Eliten) haben. Konzepte, um diese antikommunistische Ideologie, die nicht nur auf „echte“ Kommunisten zielt, sondern auf alles, was die kapitalistischen Verhältnisse infrage stellt, zu bekämpfen, müssen schon heute entwickelt werden.
  5. Wollen sozialistische Organisationen, eines deren Grundprobleme ihre mannigfaltige Zersplitterung ist, die Bevölkerung von der sozialistischen Gesellschaftsalternative überzeugen, sind dogmatische Debatten um die richtige Theorie und theoretische Abgrenzungen um des Rechthabenwollens kontraproduktiv. Der Kampf gegen den Kapitalismus kann nur bei größtmöglicher Einheit der antikapitalistischen Kräfte erfolgreich sein. Das bedeutet aber nicht, dass es auf theoretischem Gebiet keine Debatten um den richtigen Weg zum Ziel geben darf – im Gegenteil, nur im produktiven Streit kann der richtige Weg zum Sozialismus gefunden werden. Um in der Praxis erfolgreich zu sein, muss aber das Ergebnis der theoretischen Debatte (und diese muss ein Ergebnis haben!) von allen antikapitalistischen Kräften zunächst akzeptiert und in der Praxis umgesetzt werden.
  6. Unterschiedliche Bewertungen bisheriger Sozialismusversuche (Sowjetunion, DDR, China, Kuba …) sollten nicht dazu führen, dass man im Kampf gegen den aktuellen neoliberalen Kapitalismus nicht zusammenarbeitet. Historische wie theoretische Differenzen sind legitim und in einem demokratischen Gemeinwesen begrüßenswert, sofern sie nicht den Kampf gegen den gemeinsamen Feind behindern. Die Geschichte bisheriger sozialistischer bzw. sich als sozialistisch oder kommunistisch bezeichnender Bewegungen sollten kritisch, aber fair (unter Berücksichtigung der sozialen Rahmenbedingungen) aufgearbeitet werden.
  7. Der Beitrag der kritischen, antikapitalistischen Wissenschaft für den Kampf zur Überwindung des Kapitalismus liegt nicht allein darin, wissenschaftliche Erkenntnis und akademische Debatten zu produzieren. Sondern dieser liegt darin, den nichtakademischen Bevölkerungsschichten in konkreten Alltagskämpfen gegen die Auswirkungen des Kapitalismus (steigende Mieten, Union Busting, soziale Entrechtung im Hartz-System oder durch Freihandelsabkommen) mit verständlichem Rat beiseite stehen. Sie muss jederzeit bereit sein, den Elfenbeinturm zu verlassen und in der Praxis aktiv zu werden.
  8. Der Sozialismus kann nicht im Kampf vereinzelter Individuen errungen werden, der Kampf gegen die Herrschenden im Kapitalismus kann nur mittels politischer (und gewerkschaftlicher) Organisation gewonnen werden, denn die Herrschenden organisieren sich auch in ressourcenstarken Organisationen (Arbeitgeberverbände, Thinktanks, Wirtschaftsinstitute etc.), um ihre Interessen in der Öffentlichkeit durchzusetzen. Parteien und Gewerkschaften müssen für ihre Mitglieder attraktiv sein und für eine spürbare Verbesserung des Lebens der Arbeiter und prekarisierten Bevölkerung sorgen. Es geht neben dem politischen Kampf für allgemeine gesellschaftliche Veränderungen auch um die Organisierung praktischer Solidarität im Alltag, d. h. bspw., dass soziale Angebote wie Suppenküchen, Kleidersammlungen, Sozialberatungen oder Tafeln nicht kirchlichen oder unpolitischen Wohlfahrtsverbänden überlassen werden dürfen.
  9. Die sozialistischen Organisationen müssen ein Mindestmaß an basisdemokratischer Organisation aufweisen. Das bedeutet, dass das einfache Mitglied so umfassende Mitbestimmungsmöglichkeiten (z. B. bei der Wahl und Abwahl von Funktionären, bei der Aufstellung von Partei- und Wahlprogrammen oder der Entscheidung grundsätzlicher politischer Fragen) haben muss, dass es sich wirklich als Mitgestalter der Organisation/der Partei fühlt und mit ihr identifizieren kann. Die Diktatur einer Avantgarde oder eines Politbüros, das alle politischen Vorgaben von oben nach unten durchdrückt, ist nicht zeitgemäß und wird kaum Menschen für die sozialistische Sache mobilisieren. Andererseits darf die Basisdemokratie nicht so weit getrieben werden, dass die Organisation handlungsunfähig und ineffizient wird. Das Beispiel der Piratenpartei (und der frühen Grünen) sollte lehrreich sein.

»Unser Delikt ist es, Antiimperialisten zu sein«

Interview mit Evo Morales Ayma, Bolivien.mit Harald Neuber, nd.

Herr Präsident, ich hoffe, Sie hatten dieses Mal eine gute Reise nach Europa. Ich erinnere mich an einen Zwischenfall bei Ihrem letzten Europa-Aufenthalt, als Sie 2013 nach der Abreise aus Moskau von den europäischen Behörden zur Notlandung in Wien gezwungen wurden. Wie sehen Sie diesen Zwischenfall rückblickend?

Ich glaube, das war eine Strafaktion der USA und einiger europäischer Verbündeter. Sie hatten mir ja vorgeworfen, diesen jungen Aktivisten, Edward Snowden, an Bord zu haben. Ich war von den Erdöl exportierenden Staaten nach Russland eingeladen worden. Als alle Treffen vorbei waren und der Gipfel beendet, reiste ich wieder ab, aber als wir nahe Lissabon, Portugal, landen wollten, war mir das nicht möglich, es wurde verboten. Auf einmal hieß es, wir dürften nicht nach Italien, auch nicht nach Frankreich. Es blieb nur der Weg zurück nach Russland und ich glaube, der Treibstoff hätte dafür nicht mehr gereicht. Also sagte ich: »Warum bitten wir Österreich nicht, uns wegen eines technischen Notfalls die Landung zu erlauben?« Glücklicherweise wurde uns das genehmigt und so konnten wir in Wien landen. Ich denke, dass uns Österreichs Präsident und Regierung das Leben gerettet haben.

Aber wie konnten die USA mit einem solchen Geheimdienstapparat – der CIA, dem Pentagon, der DEA und allem möglichen anderen – glauben, dass wir diesen Jungen, Edward, an Bord gehabt hätten? Das kann ich nicht verstehen, denn am Ende geht es darum: dass es dem Geheimdienstapparat der USA an Intelligenz fehlt. Unser Delikt ist es eben, Antiimperialisten zu sein.

Sie haben in der Technischen Universität Berlin unlängst über die Notwendigkeit gesprochen, nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche Souveränität zu gewinnen. Wie kann Deutschland Bolivien dabei helfen, die wirtschaftliche Souveränität zu erlangen?

Ich sage das nicht, um zu schmeicheln, aber wir respektieren und begrüßen die wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands. Wir erwerben gerade viel Technologie hier. Wir stehen derzeit vor einer großen Herausforderung, dem Ausbau der weltweit sehr nachgefragten Windenergie. Die Techniker haben mir empfohlen, das hier in Deutschland auf die Agenda zu setzen. Deutschland könnte Windkraftanlagen liefern, die wir installieren.

Unsere Freundin und Kanzlerin Merkel ist aber auch bereit, uns beim Thema der Justiz beizustehen, wir haben da leider einige Probleme. Bei diesem Thema hat sie uns Hilfe angeboten, den Austausch von Erfahrungen, um die bolivianische Justiz zu verbessern.

Daneben suchen wir die Kooperation mit Institutionen und Universitäten, ebenso wie auf wirtschaftlichem Gebiet. Natürlich laufen Verhandlungen zwischen dem Mercosur und Europa, aber Bolivien hat auch eigene Angebote zu machen.

Ein deutsches Unternehmen, K-UTEC, hat den Auftrag zur Planung einer Lithium-Gewinnungsanlage erhalten. Später werden wir eine weitere Ausschreibung für Unternehmen machen, die die Lithium-Industrie in Bolivien aufbauen. Dafür habe ich die Finanzierung in Höhe von einer Milliarde US-Dollar schon gesichert. Um dieses Geld bitten wir niemanden, wir verfügen darüber. Aber ich möchte ehrlich sein: Weder unser Staat noch die bolivianische Privatwirtschaft verfügen über spezialisierte Unternehmen, um diese Industrie aufzubauen. Die Besitzer der Lithium-Industrie aber bleiben die Bolivianer.

Im internationalen Handel hat es zuletzt eine starke Dynamik zwischen den lateinamerikanischen Staaten und den Staaten der BRICS-Gruppe gegeben. Welche Rolle spielt Europa in diesem geopolitischen Kontext?

Eine wichtige, denke ich. Man darf die Schäden aus den vergangenen 500 Jahren zwar nicht vergessen. Aber viel kommt eben auch auf die Technologie an, über die bekannte und respektierte Länder hier verfügen. Sicherlich gibt es auch andere Gruppen wie etwa die BRICS-Staaten. Diese Länder sind vor allem beim Aufbau von Infrastruktur aktiv und dem Straßenbau, was wir sehr begrüßen. In unserem Land haben wir für die bolivianischen Brüder und Schwestern sieben Milliarden US-Dollar für den Ausbau von Straßen zugesagt, um Osten und Westen zu verbinden. Beim Thema der Infrastruktur ist vor allem China führend. Aber Europa brauchen wir, um bei der Ausbeutung unserer natürlichen Ressourcen die Wertschöpfung zu verbessern.

Herr Präsident, während in Europa der Sozialismus vor 25 Jahren verschwunden ist, hat sich in Lateinamerika der Widerstand gegen den Neoliberalismus formiert: mit den sozialen Bewegungen in Bolivien, Venezuela und anderen Staaten. Was kann Europa heute von Lateinamerika lernen?

Zunächst möchte ich sagen, dass ich keine Bewertung über Europa abgebe, sozialistisch oder nicht sozialistisch. Wie gesagt, jeder Kontinent hat seine Eigenarten. Aber in Bolivien – das ist unsere Erfahrung, ohne dass ich über andere Staaten sprechen möchte – geht es uns gut, seit wir uns von den USA befreit haben. Es ist uns gut ergangen, seit wir uns wirtschaftlich vom Internationalen Währungsfonds befreit haben. Das ist ein gelebtes Beispiel, dass auch die Kanzlerin Merkel und Präsidenten kennen und sehen, von dem sie wissen. Auch wenn wir ständig Angriffe, wirtschaftliche, politische und militärische Attacken der US-Regierung ertragen müssen.

Dennoch gibt es aber auch interne Probleme der lateinamerikanischen Ökonomien, vor allem die Abhängigkeit von Erdöl und anderen Rohstoffen. Beunruhigt Sie das nicht?

Sehen Sie, wirtschaftlich stehen wir stabil da. In diesem Jahr hat Bolivien das stärkste Wachstum in Südamerika und das zweitstärkste in ganz Lateinamerika. Der Grund ist, dass wir uns von der imperialen Dominanz und dem neoliberalen Modell befreit haben.

Bleiben wir bei der Wirtschaft, konkret: bei der Atomkraft. Die deutsche Regierung hat entscheiden, die Atomkraft zur Energiegewinnung bis zum Jahr 2022 abzuschaffen. Bolivien hat unlängst ein Abkommen mit der russischen Agentur Rosatom unterzeichnet. Welche Vorteile bringt die Atomkraft Bolivien?

In Deutschland und Europa, wie viele Zentren für Atomkraft gibt es hier, können Sie mir das sagen?

Die gibt es, sicher.

Sagen Sie mir, wie viele hat Deutschland, wie viele hat Europa? Gibt es sie oder nicht?

Doch, klar.

Wieso soll uns also das Recht verwehrt bleiben, ein Zentrum zur Erforschung der Atomkraft zu haben, der zivilen Nutzung? Wir werden es haben. Und zwar für das Gesundheitswesen, für die Landwirtschaft, zur Konservierung von Nahrungsmitteln. In Südamerika, meine bolivianischen Schwestern und Brüder, gibt es nur in Bolivien keinen Teilchenbeschleuniger. Sogar Paraguay besitzt ein solches Gerät für die Strahlentherapie. Dabei geht es nicht um die Nutzung der Atomkraft, um Bomben zu bauen. Niemals. Denn wir stehen für eine Kultur des Friedens und des Lebens. In Argentinien wurden zwei Zentren zur Nuklearforschung gebaut, in Rio de Janeiro gibt es acht. Aber eben nicht zu militärischen Zwecken. Und auch wir haben das Recht darauf, für das Gesundheitswesen, Bildung und Landwirtschaft, darauf bestehe ich.

Wenn das also hier Aufmerksamkeit findet, weshalb ziehen dann nicht die Atomwaffen der USA die Aufmerksamkeit auf sich, warum richtet sich die Kritik nicht gegen diese Nutzung der Atomkraft, nur um Menschen zu töten, nicht um ihre Leben zu retten? Das ist der Unterschied zwischen uns und dem kapitalistischen System.

Europa erlebt zurzeit eine seiner schwersten Krisen. Wie sehen Sie diese Situation von Lateinamerika aus?

Wie kann ich das sagen? Mal sehen … Ich denke, dass die USA Konfrontationen befördern, denn leider ist der Krieg das beste Geschäft des Kapitalismus. Sie finanzieren terroristische Gruppen, um einen antiimperialistischen Präsidenten abzusetzen, sie suchen den Konflikt. Nun müssen Sie hier die Folgen ertragen, Sie müssen die Kriegsflüchtlinge aufnehmen, Sie haben das Syrien-Problem. Aber woher kommt das alles? Der Ursprung liegt bei den USA, bei der NATO selbst. Ihre Politik ist es, die die Welt zerstört, davon bin ich überzeugt: die interventionistische Politik der USA gegenüber anderen Staaten, um sich deren natürliche Ressourcen anzueignen. Davon müssen sich die Völker befreien.

neues deutschland, Berlin, 13.11.2015, S. 3

Irgendwie sind wir alle Marxisten

Robert Misik hat ein Buch über das linke Denken geschrieben – doch es hat Lücken

Von Guido Speckmann

Treffen sich zwei Planeten, sagt der eine: Hey, wie geht’s? – Nicht so gut, ich habe Menschen. – Mach dir nichts draus, das geht vorbei. Dieser Witz taucht nicht in Robert Misiks neuem Buch »Was Linke denken« auf. Das ist nicht weiter schlimm. Doch was in Misiks Buch fehlt, ist das Thema, welches diesem Witz zugrunde liegt: die Ökologie. Und das ist durchaus problematisch. Denn wenn Linke die ökologische Frage nicht mitdenken – dann ist etwas falsch an ihrem Denken. Nun wird bedauerlicherweise nicht klar, ob Misik der Ansicht ist, dass sein »Durchschnittslinker« sich nicht für ökologische Fragen interessiert oder es der Autor selbst ist. Der österreichische linke Publizist und Autor gibt darüber keine Auskunft.

Sehr wohl erläutert er hingegen eine zweite überraschende Einsicht über das linke Denken: dass in ihm Ökonomie kaum eine Rolle spielt. Sein Argument: Über Alternativen zum Kapitalismus redet im Gegensatz zu Marx, Luxemburg oder Mandel niemand mehr. Wenn sich Linke zur Wirtschaft äußern, dann stünden sie in den Fußstapfen des Ökonomen Keynes. Überhaupt interessierten sich Linke kaum für makroökonomische Fragen oder fänden sie zu schwierig. Da ist durchaus etwas dran – mit zwei Einschränkungen. Dass das tagespolitische oder reformorientierte wirtschaftliche Denken der Linken, sich eher an Keynes als an Marx orientiert, stimmt. Gleichwohl finden sich im linken Denken noch viele »Ablagerungen« von dem, was Marx in seiner Kritik der Politischen Ökonomie entwickelt hat – aber eher dann, wenn es theoretischer und grundsätzlicher wird oder wenn man sich das Denken von radikalen Linken anschaut (die Misik wenig beachtet). Zweitens wäre es ja interessant zu wissen, warum Linke Misik zufolge kaum noch darüber nachdenken, wie der Kapitalismus durch eine andere Ökonomie ersetzt werden könnte. Dass Misik dies lediglich feststellt, ist Ausdruck einer weiteren Leerstelle: Geschichtliches Denken im Allgemeinen und das über geschichtliche Erfahrungen einer Alternative zum Kapitalismus – Stichwort Realsozialismus – im Besonderen, spielt in seinem Buch keine Rolle. Ob es am Desinteresse der Linken oder an der des Autors liegt – auch darüber kann der Leser nur mutmaßen.

Nach den Lücken und der Kritik an »Was Linke denken« nun das Positive. Auch Misiks neuer Text ist selbst dann, wenn es um die theoretischen Elaborate französischer linker Philosophen oder um Postkolonialismus und Postmoderne geht, verständlich und gut zu lesen – ohne zu sehr zu vereinfachen. Wissenssoziologischer Ausgangspunkt ist ein Zitat des italienischen Marxisten und Kommunisten Antonio Gramsci: »Jede philosophische Strömung hinterlässt eine Ablagerung von ›Alltagsverstand‹; diese ist das Zeugnis ihrer historischen Leistung.« Den Sickerprozess vom Theoretiker zum Alltagsverstand beschreibt Misik so: »Eine kluge Person – oder eine Gruppe von Theoretikern und Theoretikerinnen – entwickelt eine philosophische Analyse; eine kleine Gruppe philosophisch oder gesellschaftskritisch interessierter Leser eignet sich diese Analyse an; sie übernimmt sie entweder vollends oder Bruchstücke davon, kombiniert sie möglicherweise mit Versatzstücken anderer Theorien; sie verbreitet sich im allgemeinen an intellektuellen Fragestellungen interessierten Milieu; sie findet Eingang in Medien, in Leitartikeln oder die Essayistik; sie wird erst gelegentlich, dann immer häufiger aufgegriffen, sei es in öffentlichen Diskussionen, in Kneipengesprächen oder anderswo.«

Mit dieser Folie durchstreift Misik die Theoriegeschichte der Linken. Begriffe wie Entfremdung, Hegemonie, Zivilgesellschaft Revolution, Reform, Individualismus oder Macht diskutiert er anhand der Theoretiker, die diese Begriffe prägten. So werden zum Beispiel Gramsci, Foucault, Adorno, Habermas und Butler behandelt. Und stets klopft Misik diese Theorien daraufhin ab, was von ihnen in heutigen Lesekreisen oder linken Kneipengesprächen Eingang gefunden hat. Überzeugend ist seine differenzierende Argumentation. So zeigt er in einem Kapitel auf, warum wir heute alle irgendwie Marxisten sind – und doch wieder nicht. Wir sind Marxisten, weil einige der Marxschen Grundpostulate Allgemeingut geworden sind. Ein Beispiel: Heute, so Misik, sei nicht nur jedem Linken klar, dass Ideen nicht im Wolkenkuckusheim entstünden, sondern auf dem Humus der gesellschaftlichen Verhältnisse wachsen. Das ist jedoch nichts anderes als der Marxsche Satz, wonach das gesellschaftliche Sein das Bewusstsein bestimmt. Auch Gedanken von Marx zur Entfremdung, den Widersprüchen der kapitalistischen Ökonomie oder der Wirkungsweise von Ideologien seien längst über die Sozialwissenschaften hinaus in breiten Bevölkerungsschichten präsent. Wenngleich häufig in einer Art »Marxismus des dummen Kerls«, wie Misik formuliert. Er meint damit simple, unvermittelte Ansichten wie zum Beispiel, dass Ideen immer nur vorgeschoben seien und Herrschende sich dominierende Meinungen einfach kaufen könnten. Das Fazit des Österreichers: »Wir können heute gar nicht mehr nicht Marxisten sein – wir können es bloß auf klügere oder dümmere Weise sein.«

Warum die Linken indes keine Marxisten sind – das verdeutlicht Misik anhand des zurückgetretenen griechischen Finanzministers Yanis Varoufakis. Dieser sei sich nicht mehr sicher, ob es das Ziel der Linken sein sollte, den Kapitalismus zu zerstören. Vielmehr sei es wohl ratsamer, den Kapitalismus zu retten bzw. ihn mit sozialstaatlichen Reformen zu stabilisieren. Der revolutionäre Bruch mit dem Kapitalismus, das für Marx zentrale Ziel einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaft, sei heute nur noch in Schwundformen der Linken zu finden, so der Autor.

Damit mag Misik recht haben. Hoffen wir also, dass Außenseiter, die das linke Denken in der Vergangenheit oft in Schwung gebracht haben, dies auch in Zukunft tun. Eine erste Aufgabe: den eingangs erwähnten Witz ideologiekritisch unter die Lupe nehmen und deutlich machen, dass nicht der Mensch an sich, sondern der in kapitalistische Produktionsweisen eingebundene für die Übernutzung des Planeten verantwortlich ist.

Robert Misik, Was Linke denken. Ideen von Marx über Gramsci zu Adorno, Habermas, Foucault & Co. Picus Verlag. 159 S., geb., 14,90 Euro.

 neues Deutschland, 23. September 2015, Seite 13