Wachstumswirtschaft

Im Diesseits des Wachstums

Im Diesseits des Wachstums

Über die Grenzen der Grünen Ökonomie.

gruene ökonomie

Ausweg aus dem Kapitalismus? Die Grenzen der Grünen Ökonomie bereiten eher Kopfzerbrechen.   Foto: Fotolia/denisismagilov

Von Ashish Kothari, Federico Demaria und Alberto Acosta

Angesichts der sich verschärfenden globalen ökologischen und wirtschaftlichen Krisen und der sich vertiefenden sozialen Bresche kristallisierten sich in den vergangenen Jahrzehnten zwei komplementäre Lösungsansätze heraus: einer, der die Umweltgerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt, und ein anderer, der die soziale Gerechtigkeit stärker betont.

Doch weder die Konzepte der ökologischen Wirtschaft und nachhaltigen Entwicklung, welche den Pariser Klimagipfel Ende 2015 dominierten, noch die UN-Entwicklungsagenda Post-2015 (SDG) haben erreicht, wirtschaftliches Wachstum, soziale Wohlfahrt und Umweltschutz miteinander zu vereinbaren. Denn diese Gleichung ist nicht lösbar.

Nötig sind vielmehr strukturelle Veränderungen. Eine solche politische Ökologie muss das bisherige irrationale Entwicklungsparadigma hinterfragen, das auf der Ausbeutung fossiler Rohstoffe basiert und Entwicklung einseitig als wachstumsorientiert definiert. Eine politische Ökologie muss den Kapitalismus hinterfragen, der sich in seiner extremsten, nämlich neoliberalen Version noch tiefer in soziale und ökologische Irrwege verrannt hat. Gleichzeitig muss sie noch radikalere demokratische Mechanismen einfordern, die sich nicht auf rein repräsentative Formen beschränken.

In den vergangenen vier Jahrzehnten sind die radikalen Impulse der 1970er Jahre aus der internationalen Umweltpolitik verschwunden. Im Abschlussdokument des Rio-plus- 20-Gipfels von 2012 (»Die Zukunft, die wir wollen«) fehlt völlig der Hinweis auf die historischen und strukturellen Wurzeln von Armut, Hunger, Ungleichheit und fehlender Nachhaltigkeit. Kein Wort wird verloren über die schädlichen Auswirkungen der politischen Zentralisierung, der kapitalistischen Monopole, über Kolonialismus, Rassismus und Patriarchat. Ohne die Verantwortlichen oder die Ursachen zu benennen, wird aber kein Lösungsvorschlag genügen, um die schwerwiegende Krise unserer Zivilisation auch nur ansatzweise beizulegen.

Des Weiteren berücksichtigt das Dokument nicht, dass ein unendliches Wachstum in einer begrenzten Welt unmöglich ist. Und es definiert natürliche Ressourcen als »grundlegende Wirtschaftsgüter«, wodurch die Türen für die Vermarktung der Natur unter dem Deckmantel der »grünen Ökonomie« noch weiter geöffnet werden. Der ungezügelte Konsum wird nicht hinterfragt. Im Gegenteil, der soziale, wirtschaftliche und politische Wandel soll durch Marktmechanismen, Technologien und effizientere Verwaltung erfolgen. Was selbstredend nicht passieren wird.

Im Gegensatz dazu gibt es Vorschläge aus den Reihen der Bürgerbewegungen, die effiziente Lösungen haben, um an den etablierten Strukturen zu rütteln. Sie sind Teil des weltweiten Kampfes um Emanzipation und für eine humanere Gesellschaft. Im Gegensatz zum Modell der nachhaltigen Entwicklung, das einen Anspruch der Universalität hat, sind diese Vorschläge nicht auf ein einziges Modell zu reduzieren. Sie sind heterogen und plural, stellen aber alle das Prinzip der Harmonie in den Vordergrund: ein harmonisches Zusammenleben der Menschen als Teil einer Gemeinschaft, ein harmonisches Miteinander mit anderen Gruppen sowie der Gruppen und Individuen mit der Natur.

Darüber hinaus hat auch Papst Franziskus – wie vor ihm schon andere religiöse Anführer wie der Dalai Lama – explizit die Notwendigkeit einer Neudefinition des Fortschritts gefordert. In seiner Enzyklika »Laudato Si« heißt es: »Damit neue Leitbilder für den Fortschritt aufkommen, müssen wir das Modell globaler Entwicklung in eine (andere) Richtung … lenken (…). Es genügt nicht, die Pflege der Natur mit dem finanziellen Ertrag oder die Bewahrung der Umwelt mit dem Fortschritt in einem Mittelweg zu vereinbaren. In diesem Zusammenhang sind die Mittelwege nur eine kleine Verzögerung des Zusammenbruchs. Es geht schlicht darum, den Fortschritt neu zu definieren. (…) Andererseits nimmt oft die wirkliche Lebensqualität der Menschen im Zusammenhang mit einem Wirtschaftswachstum ab, und zwar wegen der Zerstörung der Umwelt, wegen der niedrigen Qualität der eigenen Nahrungsmittel oder durch die Erschöpfung einiger Ressourcen. In diesem Rahmen pflegt sich die Rede vom nachhaltigen Wachstum in eine ablenkende und rechtfertigende Gegenrede zu verwandeln, die Werte der ökologischen Überlegung in Anspruch nimmt und in die Logik des Finanzwesens und der Technokratie eingliedert, und die soziale wie umweltbezogene Verantwortlichkeit der Unternehmen wird dann gewöhnlich auf eine Reihe von Aktionen zur Verbraucherforschung und Image-Pflege reduziert.«

Ebenso explizit ist die jüngste »Islamische Erklärung zum Klimawandel«, wenn sie unterstreicht: »Erkennen wir die Zersetzung (fasād) an, die die Menschen der Erde zugefügt haben durch unsere rastlose Jagd nach Konsum und Wirtschaftswachstum.«

Enttäuschend ist die Unfähigkeit oder der fehlende politische Wille der Vereinten Nationen, die grundlegenden Fehler des dominanten politischen und wirtschaftlichen Systems anzuerkennen und eine wahrhaft umwälzende Agenda für eine nachhaltige und gerechte Zukunft auszuarbeiten. Aber es ist verständlich, dass das Ganze auch nicht besser ist als seine einzelnen Teile, vor allem eine Organisation, in der überwiegend Regierungen vertreten sind, die im Dienste des Kapitalismus stehen. Trotz dieser Beschränkungen ist es wichtig, dass die Zivilgesellschaft auch im Rahmen der Agenda Post-2015 weiter Druck ausübt mit neuen Visionen und Alternativen.

Aber nur Kritik reicht nicht. Wir brauchen einen eigenen Diskurs. Es ist dringend nötig, das herkömmliche Entwicklungskonzept zu dekonstruieren und Türen zu öffnen für die Vielfalt anderer Auffassungen und Weltanschauungen, seien sie neu oder alt. Ein Beispiel ist das Gute Leben oder »buen vivir«, das den indigenen Bevölkerungsgruppen Südamerikas entnommen ist (»sumak kawsay oder suma quamaña«) und das am ehesten resümiert werden kann als harmonisches Leben, persönlich, aber auch innerhalb der Gemeinschaft und mit der Natur. Ein anderes ist »ubuntu« aus Südafrika, mit seinem Schwerpunkt auf der Gegenseitigkeit (»Ich bin, weil wir sind, und weil wir sind, bin auch ich«). Ein weiterer Ansatz ist die radikale Öko-Demokratie in Indien, »swaraj«, die den Fokus auf Autonomie und Selbstverwaltung legt. Zu nennen wäre auch die westliche Post-Wachstumsperspektive (auf Englisch Degrowth), wonach wir besser und gerechter mit weniger leben, und der zufolge die Privilegien einiger weniger fallen müssen.

Diese Visionen unterscheiden sich deutlich von den aktuellen Konzepten von Entwicklung, Wachstum und Fortschritt. Sie stellen das gute Leben in den Mittelpunkt, was aber nicht verwechselt werden darf mit »dolce vita«: weniger auf Kosten der Mehrheit und der Natur. Es sind Alternativen mit inhaltlichen Varianten, die aber grundlegende gemeinsame Werte teilen wie Solidarität, Harmonie, Gegenseitigkeit, Interdependenz, Diversität, Suffizienz, Ganzheitlichkeit und Einklang mit der Natur.

Es gibt bereits Tausende von Initiativen, die Elemente einer solchen sozio-ökologischen Transformation vorleben: Zum Beispiel die Rückbesinnung auf indigene Lebensweisen in Amerika, die zapatistische und kurdische Autonomiebewegung, die vielen Formen solidarischer Volkswirtschaft wie Genossenschaften, die sogenannten Transition Towns oder diverse lokale und kommunale Währungen, die ein Versuch sind, sich vom wirtschaftlichen Zentralismus zu emanzipieren, gemeinschaftlicher Besitz und Bewirtschaftung von Land, Wasser und Wäldern, die Bewegungen für direkte Demokratie in Lateinamerika (Bürgerhaushalte, zum Beispiel) und Südostasien, ökologische Landwirtschaft und der Aufbau alternativer Energiesysteme aus erneuerbaren Energien auf der ganzen Welt.

Viele dieser Initiativen bilden die Grundlage für konkrete Maßnahmen einer politischen Transformation, die sich parteipolitisch zum Beispiel in Südeuropa kristallisiert haben, wie am Anfang in SYRIZA in Griechenland und Podemos in Spanien oder in regionalen Autonomiebewegungen. Wichtige Elemente eines neuen politischen Projekts sind die Organisation von unten nach oben auf Basis einer gemeinschaftlichen Solidarität, die Umverteilung des Reichtums und die Entfernung natürlicher Ressourcen wie Wasser aus der Liste der Handelswaren. Zusammengenommen stellen sie eine Alternative dar zum perversen Projekt der neoliberalen Strukturanpassung, aber auch zu keynesianischen Konjunkturprogrammen.

Ein »Weiter so« auf dem kapitalistischen Weg verschärft die jetzige Krise nur. Die Antworten der politischen Elite wie die »Grüne Ökonomie« bringen keine wirklichen Lösungen, sondern verschärfen die Probleme noch. Auch wenn die Alternativen zum Kapitalismus heute noch ein ferner Traum sind, bilden sie doch die Grundlage für eine andere, wirklich demokratische Zivilisation. Weltweit wird die Bevölkerung Widerstand gegen das jetzige kapitalistische Modell leisten und Alternativen aufbauen. Von ihnen, von der Peripherie der Macht, wird der Wandel ausgehen, der, wenn er ein entsprechendes politisches Potenzial erreicht, das im 18. Jahrhundert begonnene Kapitel der liberalen kapitalistischen Wachstumsökonomie beenden wird.

neues deutschland, Berlin, 9. April 2016, S. 21

Rechnet sich Nachhaltigkeit für Unternehmen?

Autor: F. J. Radermacher – Leitartikel der Zeitschrift Eigentümer, Herausgeber & Verleger: Telekom Austria AG – Group Commmunications & Sustainability

Preface

Können Unternehmen über ihre Kernprozesse zu mehr Nachhaltigkeit beitragen? Und macht sich eine solche Nachhaltigkeitsorientierung bezahlt? Oder ist es einfach nur ein aktueller Megatrend? Für Franz Josef Radermacher, Universität Ulm, rechnet sich Nachhaltigkeit nicht nur, sondern wird zunehmend zur Vorbedingung für die „Licence to Operate“.

Die Welt befindet sich 2014 in einer schwierigen Situation. Als Folge der Globalisierung unterliegt das weltökonomische System einem Prozess zunehmender Entfesselung und Entgrenzung. Das rasche Wachsen der Weltbevölkerung in Richtung auf 10 Milliarden Menschen und das Hineinwachsen von hunderten Millionen weiterer Menschen in ressourcenintensive Lebensstile verschärfen die Situation.

Zukunftsfähige Lösungen für die absehbaren Herausforderungen müssen die Frage der Limitation des Verbrauchs nichterneuerbarer Ressourcen und der Begrenzung der Umweltbelastungen sowie die parallele Lösung der Weltklimaund Energieprobleme in einer globalen Perspektive adressieren, ebenso die soziale Frage in ihrer weltweiten Ausprägung. Der technische Fortschritt alleine, so sehr er die Umweltbelastungen pro produzierter Einheit zu senken (Dematerialisierung / Erhöhung der Ökoeffizienz) und das Hervorbringen von Wohlstand absolut zu steigern vermag, führt aufgrund des sogenannten „Bumerangeffekts“ oft zu einer höheren Gesamtbelastung der ökologischen Systeme und zu mehr statt weniger Ungleichheit, ganz im Sinne der geflügelten Worte: „Die ich rief, die Geister, werd ich nun nicht los“.

Richtet man bei dieser Ausgangssituation den Blick nach vorne auf die nächsten 50 Jahre, so erscheinen drei Szenarien möglich. Zwei davon sind extrem bedrohlich und nicht mit Nachhaltigkeit vereinbar: einerseits ein ökologischer Kollaps, andererseits eine weltweite Zweiklassengesellschaft. Nur im Fall einer engen internationalen Zusammenarbeit mit den Zielen Wohlstand und Nachhaltigkeit in Form einer weltweiten Ökosozialen Marktwirtschaft als Alternative zum heutigen Turbo- bzw. Casinokapitalismus erscheinen eine nachhaltige Entwicklung und eine Welt in Balance erreichbar zu sein.

Eine wesentliche Frage ist, wie groß die Chancen sind, sich in Richtung Balance zu bewegen. Gibt es Hoffnungszeichen? Ja! Solche setzen einerseits die vielfältigen gesellschaftlichen Fortschritte seit dem 2. Weltkrieg, vor allem in der entwickelten Welt, aber durchaus auch in anderen Teilen. Ferner in der Folge der letzten Finanzkrise der überraschende Schulterschluss der Staaten auf OECD- und G20-Ebene gegen aggressive Steuerplanung und Steuerparadiese. Ein weiteres Hoffnungszeichen setzen Konsumenten und Investoren, die zunehmend weltweite Entwicklungen reflektieren, sich nicht nur am finanziellen Nutzen orientieren und das ökonomische Geschehen an ethischen Standards messen (Moralisierung der Märkte). Eng mit der letztgenannten Entwicklung verbunden sind gewichtige Aktivitäten vieler Unternehmen in Richtung „Corporate Social Responsibility“.

Die große Schwierigkeit liegt allerdings in der Befriedigung aller sich weltweit aufbauender Ansprüche unter den bestehenden globalen Ordnungsbedingungen (der so genannten „Spielanordnung“). Hierfür ist ein weltweites hohes Wachstum über mehrere Jahrzehnte erforderlich, das aber, soviel ist heute klar, ein grünes und inklusives Wachstum sein muss. Also ein Wachstum, das kein Wachstum bezüglich des Verbrauchs kritischer Ressourcen mehr beinhaltet, das gleichzeitig erlaubt, im Klimabereich die 2°C-Obergrenze einzuhalten und zugleich in Richtung weltweiter sozialer Balance und nicht in Richtung Zweiklassengesellschaft wirkt.

Die Lage in Bezug auf diese komplexe Zielsetzung ist nicht hoffnungslos. Das Ziel ist anspruchsvoll, aber es ist noch erreichbar. Dazu muss man allerdings die besten historischen Erfahrungen in Bezug auf die Möglichkeiten von Innovation in Technik und Organisation nutzen. Wir brauchen bessere Lösungen als Folge eines dramatischen technischen Fortschritts, insbesondere im Bereich grüner Technologien. Das heißt, wir müssen mit weniger Ressourceneinsatz, und insbesondere mit deutlich weniger Einsatz fossiler Energieträger, die Verfügbarkeit von Energie weltweit erhöhen, und dies zu vernünftigen Kosten, um überall soziale Inklusion zu erleichtern. Das ist die zentrale Aufgabenstellung technischer Innovation. Die Umsetzung dieses Programms setzt aber zwingend die richtigen Preissignale in den Märkten voraus. Denn all das kann nicht erreicht werden, wenn sich rund um den Globus rechnet, was mit Nachhaltigkeit nicht kompatibel ist. Es darf nicht sein, dass besonders viel Geld damit verdient werden kann, indem man in anderen Ländern die Umwelt zerstört, dass man das Klimaproblem verschärft, dass man in den eigenen Wertschöpfungsketten bei Zulieferern Kinder unter sklavenartigen Bedingungen arbeiten lässt, dass man auf diesem Weg die Sozialstandards der ILO unterläuft, und dass man die Globalisierung nutzt, um seine Steuerleistungen aggressiv abzusenken. Dies führen viele international operierende Konzerne mit großem Erfolg vor, was spiegelbildlich dazu zur Folge hat, dass die Staaten und der Mittelstand weiter belastet werden – eine völlig kontraproduktive Entwicklung. Hier anzusetzen, nämlich bei Innovationen in Global Governance, ist ein schwieriges Thema, aber keineswegs aussichtslos. Gerade erfolgreiche Unternehmen können und sollten an dieser Stelle Position beziehen und aktiv werden.

Der Ausgangspunkt für ein Engagement von Unternehmen ist die völlig unbefriedigende Situation bezüglich der Entwicklung von Nachhaltigkeit im Globalen. Diese Situation führt dazu, dass immer mehr Druck in Richtung Unternehmen aufgebaut wird, selbst entscheidend zur Entwicklung von Nachhaltigkeit beizutragen. Dies geschieht gemäß dem Hauptsatz der Wirtschaftsethik „Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung“ und dem Hauptsatz der Unternehmensethik „Bei Defiziten in der Rahmenordnung fällt die Legitimations-verantwortung an die Unternehmen zurück“.

Unternehmen geraten in der Folge immer mehr unter Druck. Es geht um die „Licence to operate“. Es muss etwas passieren. Es entsteht ein unabweisbarer Handlungsdruck. Ein illustratives Beispiel für die Folgen zeigt sich z. B. bei Investoren von Prestige-Immobilien, die in Deutschland DAX-Unternehmen als Mieter gewinnen wollen. Solche Investoren bauen heute nur noch „Green Buildings“. Dies geschieht vollkommen unabhängig von der Frage, ob sich das energetisch rechnet oder nicht. Das Motiv ist die einfache Feststellung, dass kein DAX-Unternehmen in ein neues Gebäude einziehen kann, wenn dieses kein Green Building ist. Ein Green Building anzubieten, ist also für den Investor eine Frage der elementaren Betriebswirtschaftslehre. Tut er es nicht, findet er keinen Mieter.

In der Folge dieser Entwicklungen reagieren Unternehmen auf die Marktverhältnisse mit einem höheren Engagement für Nachhaltigkeit. Teilweise tun sie es auch aus intrinsischer Motivation oder weil die Eigentümerseite es so will. Dies gilt im Besonderen für Markenunternehmen und für Unternehmen, die von Familien gesteuert werden. Das hängt unter anderem mit der Bekanntheit und Werthaltigkeit von Markenunternehmen zusammen und den dazu korrespondierenden Erwartungen von Kunden und Geldgebern, Mitarbeitern und Zulieferern, von NGOs und der Öffentlichkeit, aber durchaus oft auch mit Eigenmotivation. Direkt spürbar wird dabei aber auch das Verhalten der Konsumenten. Eine in diesem Sinne besonders wichtige Konsumentengruppe sind die sogenannten „LOHAS“, die für einen „Lifestyle of Health and Sustainability“ stehen. Sie sind in der Regel gut ausgebildete, ökonomisch gut positionierte Menschen, die gerne konsumieren, aber mit ihrem Konsum keinerlei Schaden anrichten wollen. Sie wollen Teil der Lösung sein, nicht Teil des Problems. Sie erwarten dort, wo die Politik die Probleme nicht löst, dass die Unternehmen dieses tun (gemäß dem oben zitierten Hauptsatz der Wirtschaftsethik).

Das alles sind Gründe, warum Unternehmen sich zunehmend für Nachhaltigkeit engagieren, sei es nun im Global Compact der Vereinten Nationen, in der Global Reporting Initiative oder im Rahmen eigener CSR-Strategien. Firmen engagieren sich weltweit im Kampf gegen Armut, für Umweltschutz, reduzieren ihren „Carbon Footprint“ und berichten darüber, bemühen sich um vielfältige Beiträge zum Umwelt- und Klimaschutz.

Ferner können Unternehmen für mehr Nachhaltigkeit auch viel in ihren Kernprozessen bewirken, z. B. bei der Auswahl von Technologien, Vorprodukten und durch die Art, wie sie mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern umgehen. Firmen können sich klimaneutral stellen und dazu beispielsweise große weltweite Aufforstungsprojekte zur Erzeugung von Negativemissionen fördern. Dadurch, dass Unternehmen Einfluss auf die öffentliche Meinung und den politischen Prozess nehmen, können sie unter anderem darauf hinwirken, mehr Nachhaltigkeit im Finanzsystem zu verankern: möglicherweise auch durch eine Devisentransaktionssteuer, oder auch dadurch, dass man eine Art „TÜV“ für neue Finanzprodukte einführt, damit wir als Gesellschaft nicht wieder überrascht werden durch intransparente und gefährliche Konstruktionen, deren Folgen wir nicht überschauen. Ganz entscheidend ist, dass Unternehmen als Auftraggeber andere Unternehmen stützen, die sich in Richtung Nachhaltigkeit orientieren, selbst wenn dies unter Umständen höhere Kosten bedeutet. Hier gilt es abzuwägen. Wichtig ist auch, als Abnehmer neuer Produkte Unternehmen zu fördern, die neue Technologien entwickeln, die für eine gute Zukunft der gesamten Menschheit hilfreich sind. Ziel sollte sein, dass all das in einer Weise geschieht, die für das entsprechende Unternehmen ökonomisch auskömmlich ist, denn nur wer auskömmlich operiert, kann in großem Umfang und auf Dauer nachhaltig wirken und dabei zugleich seine eigene Zukunft verbessern.

Das Gesagte gilt also in einem Konkurrenzumfeld nur insofern und bis zu dem Punkt, dass Unternehmen ein auskömmliches Geschäftsmodell haben oder erhalten können oder (z. B. aufgrund von Absprachen) andere ähnlich handeln, beispielsweise im Rahmen von Branchencodes. Ist hier der Druck auf die Premiumhersteller gleichmäßig, bewegen sich die Verhältnisse in die richtige Richtung, Abgrenzungen betreffen dann „No-Names“, einerseits als Konkurrenten, andererseits aber durchaus auch als Lieferanten entlang (weltweiter) Wertschöpfungsketten. Skandale geschehen häufig entlang solcher Ketten, jüngst entlang der textilen Kette nach großen Unfällen mit vielen Toten in Textilfabriken in Bangladesch und Pakistan. Immer wieder treten solche Probleme auf, immer wieder wird nach Abhilfe gerufen, aber die Situation ist schwierig. Die Ordnungsbedingungen, also die Spielanordnung, setzen auch wohlmeinenden Unternehmen Grenzen.

In diesem Zusammenhang äußerte sich im Rahmen der Vergabe des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2013 Björn Stigson, Präsident a. D. des World Business Council on Sustainable Development, sinngemäß wie folgt: „Wir tun, was wir können, um Nachhaltigkeit zu befördern. Wir sind jetzt aber an einer Grenze angekommen. Wir nähern uns dem Punkt, wo die regulativen Bedingungen besser werden müssen, damit wir weitergehen können, was in der Sache dringend notwendig wäre. Ohne strukturelle Veränderungen wird es kaum weitere Verbesserungen durch die Unternehmen geben“. Beim Deutschen Rat für Nachhaltige Entwicklung findet sich Ende 2013 auf der Homepage folgende Nachricht: „Nachhaltigkeitsmanager rufen nach der Politik: Pioniere aus der Wirtschaft sind weitgehend ernüchtert vom schleppenden Tempo beim Thema nachhaltige Entwicklung und wünschen sich klarere Vorgaben der Politik“.

Man kann also den Ausgangsbefund zur Titelfrage dieses Textes wie folgt beschreiben: Ein gewisses Engagement in Richtung Nachhaltigkeit ist für Premium- Unternehmen, für Unternehmen unter Beobachtung und für Unternehmen mit einem hohen Anspruch heute selbstverständlich: Corporate Social Responsibility ist ein Megatrend. Hier dabei zu sein, rechnet sich nicht nur. Das wäre zu wenig. Hier dabei zu sein, ist geradezu eine Voraussetzung für die „Licence to operate“. Ohne eine derartige Positionierung kann sich heute ein Markenunternehmen im Markt auf Dauer nicht halten. Das ist im Übrigen auch eine Grundthese des Sustainable Marketing Managements.

Wie geht es nun aber an dieser Stelle weiter? Unternehmen müssen im Rahmen ihrer Möglichkeiten aktiv werden. Sie müssen über die systemischen Grenzen ihrer Möglichkeiten öffentlich reden. Sie müssen auch versuchen, den Druck entlang der Wertschöpfungskette weiterzugeben. Oben wurde beschrieben, wie DAX-Konzerne viele Herausforderungen, die ihren Carbon Footprint betreffen, auf ihre Vorlieferanten verschieben können, zum Beispiel bei Green Buildings oder in der Logistik, bei Firmenflügen etc. Das verändert die Welt. Damit erreichen die Veränderungen in Richtung Nachhaltigkeit als „Zwang“ nämlich auch Unternehmen in der Zulieferkette, die selbst als „No-Name“ nicht unter dem direkten Druck sie beobachtender Konsumenten stehen. Sie stehen nun aber zunehmend unter dem Druck von Markenunternehmen insoweit sie deren Lieferanten sind. Das ist gut so. Und noch besser ist es, wenn sich Markenunternehmen öffentlich zu diesen Zusammenhängen äußern und so der Politik helfen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen so zu verändern, dass die Tendenz zu einem nachhaltigkeitskompatiblen Verhalten aller Unternehmen gefördert wird. Dieser Prozess hat glücklicherweise begonnen. Der Druck auf die Firmen, die eingeleiteten Maßnahmen, die Konkurrenz von „No-Names“, die nicht beobachtet werden im Markt, etc. – all dies befördert Engagement auf der Meta-Ebene: Die Themen werden öffentlich angesprochen. In dem Dreieck bestehend aus aufgeklärten Konsumenten, Markenunternehmen und Politik bewegt sich etwas. Das ist wichtig und gut so.

Die Brisanz der Gesamtthematik „Nachhaltigkeit“ aus globaler Sicht nimmt parallel dazu allerdings zu. Eine wichtige Motivationsquelle für gute Unternehmer sind dabei auch Reputationsrisiken und Gefahren aus einer Skandalisierung des unternehmerischen Verhaltens – gegebenenfalls auch entlang von globalen Wertschöpfungsketten. Denn neben den LOHAS gibt es viele kritische NGOs, die als „Watch Dogs“ genau beobachten, was entlang der Wertschöpfungskette von Konzernen passiert, die das Firmenverhalten detailliert analysieren und alles bekannt machen, was aus ihrer Sicht falsch läuft. Sei es, dass Maßnahmen nicht der Gesetzeslage entsprechen oder dass sie den Ankündigungen des jeweiligen Unternehmens widersprechen. Dies gilt auch bei globalen Wertschöpfungsketten. Wenn entlang der Wertschöpfungskette Menschen sterben, sich Menschen vergiften, wenn mit den Produkten Fehler verbunden sind, die Konsumenten in der reichen Welt treffen, wenn sogar große Rückrufaktionen erforderlich werden, dann kann das für ein Unternehmen sehr teuer werden. Das kann Firmen schwer belasten, ihren internen Wert mindern, potentiell bis zur Insolvenz führen. Die Moralisierung der Märkte verbindet sich hier in günstigen Konstellationen mit Globalisierung zu einem Treiber für nachhaltige Entwicklung.

Viele Firmen haben erleben müssen, dass vermeintlich preisgünstige Engagements irgendwo am „Ende“ des Globus oder die Einbindung von Zulieferern, die primär in solchen Umfeldern arbeiten, letztlich sehr teuer werden können. Das betrifft Reputation, Markenwert, Kunden- und Lieferantenbeziehungen etc. und ist deshalb heute ein explizites Thema im Risikomanagement von Unternehmen, das dementsprechend bei Vorstands- und Aufsichtsratssitzungen regelmäßig erörtert wird. Hinzu kommt der Aspekt der Loyalität der Mitarbeiter. Für die Möglichkeit von Firmen, sich auf Dauer erfolgreich im Markt zu platzieren, sind gute Mitarbeiter ein Schlüsselthema. Eine zentrale Frage ist, wie man ambitionierte Mitarbeiter für das eigene Unternehmen gewinnen und halten kann. Eine andere Frage ist, wie man sie findet in einer Welt, in der demografische Probleme bei uns einen immer größeren Stellenwert haben. Man wird versuchen, Mitarbeiter global zu finden. Stichworte: Global Recruiting, Diversity und Diversity Management. Das betrifft nebenbei gesagt eine wichtige Komponente auf der sozialen Seite der Nachhaltigkeit. Aber natürlich geht es immer auch um den begrenzten „Talentpool“ vor Ort. Um in diesem Umfeld zu reüssieren, um gute Mitarbeiter zu gewinnen und an sich zu binden, ist eine glaubwürdige Orientierung an den großen sozialen und ökologischen Fragen, heute und für die Zukunft, entscheidend. Das gilt gerade auch für die Aktivierung des Engagements der Mitarbeiter über den „Dienst nach Vorschrift“ hinaus. Die entsprechenden Potenziale zu erschließen, kann von entscheidender Bedeutung sein, wenn man in diesen Märkten erfolgreich sein will. Auch an dieser Stelle, wie bei der Motivation der schon vorhandenen Mitarbeiter, ist die Ausrichtung der Unternehmenspolitik an Nachhaltigkeitsanliegen wichtig.

Wenn man also fragt, ob sich Nachhaltigkeit rechnet, ist es – wie schon dargestellt – so, dass sich ein gewisser Umfang an Nachhaltigkeitsorientierung, wie er sich heute unter Gleichgewichtsprozessen bei Markenfirmen einstellt, nicht nur rechnet, sondern unbedingt erforderlich ist, wenn man überhaupt im Markt sein will, wenn man die „Licence to operate“ behalten will. Wie weit man darüber hinausgehen kann, ist eine andere Frage. Es ist eine Frage der Auskömmlichkeit des eigenen Geschäftsmodells und auch der Langfristigkeit in der eigenen Orientierung. Sicher können Firmen nicht alles leisten, was nötig wäre, um Nachhaltigkeit für die Welt sicherzustellen, so wie Beobachter und andere Stakeholder sich das wünschen. Aber sie können vieles tun, und sie tun es auch und nehmen ihre Verantwortung wahr. Ein engagiertes Unternehmen dieses Typs ist die Telekom Austria Group, wie der vorliegende Bericht erneut zeigt.

Prof. Dr. Dr. Franz Josef Radermacher, Vorstand des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung/n (FAW/n), zugleich Professor für Informatik, Universität Ulm, Präsident des Senats der Wirtschaft e. V., Bonn, Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa, Wien, sowie Mitglied des Club of Rome

Der Entropie-Ökonom

Er ist ein Vordenker der wachstumskritischen Bewegung. Doch Nicholas Georgescu-Roegen, der vor 20 Jahren starb, ist in Deutschland kaum bekannt – zu Unrecht.

Von Guido Speckmann

Jeder heute neu gebaute Cadillac verkürzt die Lebenschancen künftiger Generationen.« Diese für die jetzige Generation unangenehme Aussage ist die Quintessenz eines Buches, das 1971 erschien und seinen Autor, einen bis dato hoch anerkannten Wirtschaftswissenschaftler zu einem Außenseiter seiner Zunft werden ließ – und gleichzeitig zum Stichwortgeber der heute so en voguen Wachstumskritik. Der Titel des Buches lautet »The Entropy Law and the Economic Process«. Der Verfasser war der in den USA lehrende Nicholas Georgescu-Roegen, dessen 20. Todestag sich am 30. Oktober jährt. Mit seinem Hauptwerk und bereits zuvor erschienenen Artikeln hatte er bereits ein Jahr später großen Einfluss auf eine Veröffentlichung ausgeübt, die bis heute ungleich bekannter ist: »Die Grenzen des Wachstums« des Club of Rome. Mit dieser rückte zum ersten Mal in ein breiteres Bewusstsein, dass ein stetiges Wirtschaftswachstum durch die Erschöpfung der Ressourcen in Zukunft an ein Ende geraten könnte.

Die autorisierte französische Übersetzung einer Aufsatzsammlung von Georgescu-Roegen aus dem Jahr 1979 gab zudem der französischen wachstumskritischen Bewegung ihren Namen: »decroissance«. Im akademischen Feld gilt der gebürtige Rumäne und überwiegend in den USA Lehrende als Begründer der sogenannten Ökologischen Ökonomie. Er selbst bevorzugte allerdings den Begriff Bioökonomie. Sein Hauptverdienst besteht darin, theoretisch begründet zu haben, was kurze Zeit später mit der Ölkrise von 1973 zumindest vorübergehend jedem klar wurde: die eminente Bedeutung der Energie für moderne Volkswirtschaften. Sein bioökonomischer Ansatz, der erstmals die biophysischen Grenzen des Wachstums begründete, brach daher nicht nur mit dem vorherrschenden neoklassischen Paradigma in der Wirtschaftslehre, sondern auch mit dominanten marxistischen Anschauungen.

Was sind die Hauptgedanken Georgescu-Roegens? Sie kreisen um die Übertragung von physikalischen Erkenntnissen, insbesondere aus dem Bereich der Thermodynamik und der Entropie, auf ökonomische Prozesse. Ausgangspunkte seiner Überlegung sind, dass jeglicher ökonomischer Prozess mit dem Verbrauch von Energie einhergeht sowie die Unterscheidung von verfügbarer und unverfügbarer Energie. Der erste Hauptsatz der Thermodynamik, jenes Teilgebietes der Physik, das im 19. Jahrhundert entwickelt wurde und sich mit der Möglichkeit beschäftigt, durch Umverteilen von Energie zwischen ihren verschiedenen Erscheinungsformen Arbeit zu verrichten, lautet: Der Gehalt an Energie in einem isolierten System, d.h. einem System, das weder Energie noch Materie mit einem anderen System austauscht, ist immer konstant. Die verfügbare Energie hingegen – und darin besteht der zweite Hauptsatz – geht ständig und unwiderruflich in nicht verfügbare Zustände über. Die nicht verfügbare Energie/Temperatur ist die Entropie. Georgescu-Roegen überträgt nun insbesondere diesen zweiten Hauptsatz auf ökonomische Prozesse. Er stellt fest, dass »der ökonomische Prozess in allen seinen materiellen Bestandteilen entropisch ist«.

Ein Beispiel soll dies verdeutlichen. Stellen wir uns eine Sanduhr vor, die ein isoliertes System darstellt. Sand kann nicht hinzukommen und nicht verloren gehen. Zudem wird innerhalb des Glases weder Sand erzeugt noch vernichtet (erster Hauptsatz der Thermodynamik). Innerhalb des oberen Bereichs nimmt die Menge des Sandes kontinuierlich ab, während sie in der unteren Kammer beständig zunimmt. Der heruntergefallene Sand hat sein Potenzial, Arbeit zu verrichten, indem er herunterfällt, verloren. Er weist eine hohe Entropie auf, d.h. nicht verfügbare Energie. Der sich noch in der oberen Kammer befindliche Sand stellt dagegen niedrige Entropie dar (zweiter Hauptsatz der Thermodynamik).

Übertragen auf ökonomische Prozesse bedeutet dies, dass gerade mit Beginn der kapitalistischen Industrialisierung in rasantem Tempo verfügbare Energien oder niedrige Entropie – vor allem fossile Brennstoffe wie Kohle, Öl und Gas – durch das Verbrennen in nicht verfügbare Energie (hohe Entropie) umgewandelt wurden. Kritiker wenden ein, dass die Erde kein isoliertes, sondern ein geschlossenes System ist, weil sie durch die Sonneneinstrahlung Energie aufnimmt. Entscheidend ist aber, dass das heutige ökonomische System fast ausschließlich auf fossilen Energieträgern beruht. Diese sind zwar auch durch Sonneneinstrahlung entstanden, doch das hat Millionen von Jahren gedauert. Deshalb sind Kohle und Öl faktisch nicht erneuerbar, zudem ihre Vorräte begrenzt.

Georgescu-Roegen geht allerdings noch einen Schritt weiter und formuliert ein viertes Gesetz der Thermodynamik, welches die Gültigkeit der Entropiezunahme nicht nur für Energie konstatiert, sondern auch für Materie. Beispiele wären das Verrosten von Eisen und der Verschleiß von Motoren und Autoreifen. Er formuliert dieses Gesetz mit den Worten »Es ist unmöglich, Stoffe komplett zu recyceln.« Die Übertragung des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik auf Materie wird aus einer theoretisch-physikalischen Sicht bestritten. Denn im Prinzip wäre eine vollständige Wiederherstellung von Stoffen möglich – vorausgesetzt man wendet genügend Energie und Ersatzmaterialien auf. Georgescu-Roegen selbst relativierte sein Gesetz später durch den Präfix »sogenannt«. Gleichwohl hat er aber daran festgehalten, dass zumindest empirisch der Rückgang von verfügbaren, für den Menschen nützlichen Rohstoffen, zu beobachten ist. Dies bestätigte auch jüngst der 2013 vorgelegte Schlussbericht der Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema »Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität«. Dort heißt es: »Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik wirkt auch auf der stofflichen Ebene: Rohstoffe tendieren – teils beschleunigt durch wirtschaftliche Prozesse – zu einer immer stärkeren räumlichen Verteilung (….) Vollständiges Recycling ist daher nicht möglich.«

Georgescu-Roegens Erkenntnisse stellen somit eine fundamentale Kritik an der vorherrschenden neoklassischen Wirtschaftslehre dar – aber auch an dominanten marxistischen Strömungen. Die neoklassische Ökonomie begreift Wirtschaft als einen Kreislauf, in dem Rohstoffe unendlich vorhanden sind bzw. durch andere substituiert werden können. Physikalische Tatsachen spielen in ihr keine Rolle. Georgescu-Roegen hält diesen Kreislaufgedanken, der einschließt, dass ökonomische Prozesse einfach umgekehrt werden können, für die »Erbsünde der modernen Nationalökonomie«. Er schreibt: »Der Wirtschaftsprozess ist kein Kreislauf, er besteht aus der kontinuierlichen Umwandlung von niedriger in hohe Entropie, also in nicht wiederverwertbaren Abfall, oder, um einen geläufigen Begriff zu verwenden, in Umweltverschmutzung.« Dies bedeutet eine radikale Infragestellung des Fortschrittsdenkens der industriellen Moderne. Wirtschaftswachstum und Produktivität, die der Wohlfahrt der heute lebenden Menschen dienen sollen, bedeuten im Grunde nichts anderes als die beschleunigte Zunahme von Umweltverschmutzung und Entropie zulasten künftiger Generationen.

Insofern ist auch das Setzen auf die Entwicklung der Produktivkräfte und auf Wachstum in der marxistischen Tradition im Grunde eine Wette auf die beschleunigte Destruktion der Biosphäre. Denn Wachstum ging empirisch bislang stets mit einem Mehr an Ressourcen- und Energieverbrauch einher – ungeachtet aller Entkopplungsbemühungen.

Nichts desto trotz ist der marxistische Ansatz eher mit den Gedanken von Georgescu-Roegen kompatibel als die bürgerliche Volkswirtschaftslehre. Denn gerade in den Schriften von Marx und Engels finden sich auch Äußerungen, die sehr wohl die Natur neben der Arbeit als Quelle des stofflichen Reichtums anerkennen und aufzeigen, dass die kapitalistische Produktion »nur die Technik und Kombination des gesellschaftlichen Produktionsprozesses (entwickelt), indem sie zugleich die Springquellen allen Reichtums untergräbt: die Erde und den Arbeiter.« Auf der anderen Seite erscheinen Interpretationen, die vor allem von Ökomarxisten aus den USA wie John Bellamy Foster und Paul Burkett vorgetragen werden, überspitzt, das Marx’sche Hauptwerk auch als ökologisches Werk zu interpretieren. Denn: Den vereinzelt ökologisch zu deutenden Aussagen von Marx und Engels stehen zahlreichere entgegen, die Produktivkräfte und Technologie als neutral und unabdingbar für den Fortschritt ansehen. Das ist verständlich, weil zu ihrer Zeit Rohstoffe und Energie unendlich erschienen und die Umweltverschmutzung, insbesondere in Form des Klimawandels, noch nicht die Dimension angenommen hatte wie heute. Vor allem aber bezogen Marx und Engels die Analyse von Energieflüssen nicht in ihre Analysen ein und machten folglich keinen Unterschied zwischen erneuerbaren und fossilen Energieträgern (obwohl sie Schriften über die Thermodynamik kannten). Insofern verwundert es nicht, dass Georgescu-Roegens Gedanken von marxistischer Seite nur von Ökosozialisten wie den erwähnten US-Amerikanern oder beispielsweise von Elmar Altvater und Saral Sarkar aufgenommen wurden.

Die Mainstream-Ökonomie übergeht Georgescu-Roegen im Wesentlichen oder er wird als Gründer des von Schülern von ihm gegründeten akademischen Zweiges der Ökologischen Ökonomie wahrgenommen. Zu diesen Protagonisten gehört auch Herman Daly, der das in der wachstumskritischen Bewegung einflussreiche Buch »Steady-state Economics« verfasste. Doch selbst von der Ökologischen Ökonomie distanzierte sich Georgescu-Roegen, der einen immer radikaleren ökologischen Standpunkt vertrat. Den Gedanken einer stationären, über längere Zeit wachstumslosen Wirtschaft und das inzwischen populäre Konzept von nachhaltiger Entwicklung kritisierte er scharf. Heute würde er wohl ähnlich mit Green New-Deal-Konzepten verfahren.

Der Wissenschaftler selbst stellte ein bioökonomisches Minimalprogramm vor, das zum Ziel hat, die Entropiezunahme merklich zu verlangsamen. Die wichtigsten Punkte: Stopp von Kriegen und Kriegsproduktion sowie Verzicht auf Mode und Luxuskonsum. Zudem sollten die Industrie- den »Entwicklungsländern« einen annehmbaren Lebensstandard ermöglichen und das ungebremste Bevölkerungswachstum müsse ein Ende haben, damit die Menschheit sich durch organische Landwirtschaft ernähren kann. Seine Forderungen wirken etwas appellativ. Und deshalb nimmt es nicht Wunder, dass sich diese Gedanken in der seit der Weltwirtschaftskrise neu entfachten Wachstumskritik wiederfinden. Georgescu-Roegen wie der gegenwärtigen Wachstumskritik fehlt oft ein Verständnis von Herrschaft und Macht sowie vom Wachstums- und Akkumulationszwang, der in kapitalistischen Produktionsweisen herrscht. Da könnte mehr Analyse in der Marx’schen Tradition helfen. Andererseits können die meisten marxistischen Theoretiker noch von dem Entropie-Ökonomen lernen. Dass dies bis dato nur marginal passiert, liegt womöglich auch daran, dass seine Analyse unbequem ist und einen Schluss »voller Pessimismus« zulässt, wie Georgescu-Roegen selbst annimmt. »Aber Verzweiflung ist ein Standpunkt, den wir zurückweisen müssen«, setzt er 1978 in seinem Aufruf »Für eine menschliche Ökonomie« dagegen. Zurzeit, so heißt es weiter, verfügten die Menschen über den Reichtum und die Technologien, die ihnen nicht nur ermöglichen, für eine lange Zeit zu überleben, sondern auch, für sich und alle ihre Kinder eine Welt zu schaffen, in der es sich mit Würde, Hoffnung und Behaglichkeit leben lässt.«

neues deutschland, Berlin. 25./26.10.2014, S. 21