Bildung: Nicht nur Schillers »Glocke«

Lena Tietgen

Allgemeinbildung bezeichnet in der Regel die Kenntnis von einem festgelegten Kanon, der von Naturwissenschaften über Sozial- und Geowissenschaften zu Kultur- Sprach- und Humanwissenschaften reicht. Gemeinhin wird dieser in der Schule gelehrt und ist je nach Schulbildung unterschiedlich komplex. Schillers »Glocke« ist ein viel gerühmtes Beispiel für eine literarische Allgemeinbildung.

Und dann gibt es das weniger verbreitete Verständnis von Bildung als quasi zweckloses, weil nicht auf praktische Verwertbarkeit ausgerichtetes Wissen. Dieses, vor allem in Deutschland vorherrschende Verständnis von Bildung, geht auf Wilhelm Humboldt zurück, der Bildung als Aneignung der Welt verstand, die über Sprache läuft. Humboldt entwarf ein Allgemeinbildungskonzept, das auf alte Sprachen wie Latein und Altgriechisch aufbaute, denn durch diese entwickele, so der preußische Gelehrte, der Mensch ein Bewusstsein über seine Geschichte, mithin über sich. Folglich sollte jeder daran partizipieren.

Humboldts Bildungsverständnis wird nach wie vor gepflegt. So heißt es auf sign-lang.uni-hamburg.de, es gebe zwar keine »eindeutige und allgemein verbindliche« Definition des Begriffs Bildung, grundlegend umfasse dieser aber den »Prozess der Selbstentfaltung und Selbstbestimmung in der Auseinandersetzung mit dem Lebensumfeld« (Allgemeinbildung) wie auch den »Erwerb von Kompetenzen im Umgang mit Sachen als (Berufliche Bildung) und Beziehungen«.

In jüngerer Zeit hat der Bildungstheoretiker Wolfgang Klafki (1927 – 2016) den Begriff der Allgemeinbildung modernisiert. Ausgehend von Bildung »als Zusammenhang dreier Grundfähigkeiten: die zur Selbstbestimmung, Mitbestimmung und zur Solidarität« definiert er Allgemeinbildung als »Bildung für alle, Bildung im Medium des Allgemeinen und als Bildung in allen Grunddimensionen menschlicher Interessen und Fähigkeiten«. Herausgehoben wird von ihm der Wechsel vom Kanon als Lehr- und Lernorientierung zu gesellschaftlichen »Schlüsselproblemen«, die es zu lösen gelte. Klafki zählte hierzu Frieden, Umwelt, Interkulturalität, Technikfolgen, Demokratie, Verteilungsgerechtigkeit, Menschenrechte, Beziehungen und Glücksfähigkeit. Allgemeinbildung bedeute die Vermittlung eines »geschichtlichen Bewusstseins zentraler Probleme der Gegenwart und – soweit voraussehbar – der Zukunft, Einsicht in die Mitverantwortlichkeit aller angesichts solcher Probleme und Bereitschaft, an ihrer Bewältigung mitzuwirken«. Ausgehend von Humboldt erweiterte Klafki den Begriff um die Dimension der gesellschaftlichen Verantwortung, deren Kompetenz durch Bildung erworben werde. Dabei gab er die Prämisse vor: »So viel Konsens wie möglich, so viel Dissens wie nötig.« Hiervon ausgehend entwarf er auch eine entsprechende Didaktik, die unter anderem in »Neue Studien zur Bildungstheorie und Didaktik: Zeitgemäße Allgemeinbildung und kritisch-konstruktive Didaktik« veröffentlicht ist.

neues deutschland, Berlin, 10.03.2018, S.24