Eine Alternative des Kapitalismus

[Horst Grützke]

Es gibt wohl kaum einen Zweifel daran, dass die Alternative des Kapitalismus in seiner heutigen Form  nicht der von Karl Marx vor gut 160 Jahren in dem gemeinsam mit Friedrich Engels durchdachten  „Kommunistischen Manifest“ beschriebene Sozialismus sein kann.

Es gibt zu viele soziale Veränderungen seit dem Moment, als Kapitalismus noch eine Wirtschaftsform in Kindesbeinen war. Damals gab es erste Ansätze einer mengenmäßigen Befriedigung der materiellen Bedürfnisse sowohl der Herrschenden als auch ihrer Untertanen.

Noch herrschte nicht das Volk, sondern der Feudaladel oder nach dessem Sturz dann die Bourgeoisie, die sich nach erfolgreicher Revolution sich zuerst einmal das Eigentum der entthronten Herrscher aneignete. Die siegreiche Bourgeoisie hatte keinen Skrupel, neben dem Gold und Edelsteinen auch noch die andere Schätze unter den Nagel zu reichen, die im bisherigen  Königreich durch Ausbeutung der Untertanen entstanden sind. Der durch Kolonialisierung vollzogene Landraub – Enteignung des Grund und Bodens, der Rohstoffe und die Verknechtung  der Ureinwohner – wurde durch die neuen Herrscher übernommen. Auch im Widerspruch zur zu den berechtigten revolutionären Forderungen, die die Bourgeoisie gemeinsam mit den hauptsächlich Unterdrückten – den ungebildeten Arbeitern ihrer eigenen Betriebe und dem ebenfalls ungebildeten Landvolk -auf ihre Fahne der Revolution geschrieben hatte: Freiheit – Gleichheit – Brüderlichkeit.

Die bisher unterdrückten Mitbürger der neu errichteten Republik blieben auch weiterhin in Unterdrückung. Die geforderte Freiheit kam nur den Reichen und Gebildeten, also der Bourgeoisie, zu. Da viele Angehörige der Bourgeoisie sowohl auch Eigentümer  der neuentstandenen Industrie- und Handelsunternehmen, also Kapitalisten waren, übernahmen sie die politische Macht überall dort, wo der Feudaladel entweder durch blutige Revolution gestürzt und entmachtet wurde, oder auch die finanzielle und materielle Übermacht des Kapitalismus akzeptierten und sich mit der Bourgeoisie vereinigte, um zu überleben. Nicht jeder König in Europa wollte so enden, wie der französische König Louis XVI, der nach der siegreichen Revolution 1871 sein Kopf unter die Guillotine legen musste.

Danach herrschte dann jedoch nicht das siegreiche Volk, sondern nur die reiche Schicht, ein kleiner Teil der sogenannten freien Bürger. Die neu erstanden Republik, in der eigentlich immer das Volk leben und das Leben  der individuellen Bürger frei gestalten sollte, setzte mit der Forderung nach Demokratie, in der das Volk herrscht, statt der bisherigen Könige und Fürsten,  die revolutionäre Forderung nach Freiheit, Gleichheit, Solidarität in keiner der seither in Europa entstandenen Republiken durch. Frei waren meistens nur die reichen Bürger, die dann noch bisherige Untertanen weiter auf kapitalistische Weise ausbeuteten. Gleichheit gab es nur unter jenen, die eben reich oder arm waren. Brüderlichkeit, also Barmherzigkeit, Hilfsbereitschaft und Solidarität, gab es nur bei jenen, die aufgrund ihrer religiösen Gebote ernsthaft Gotteswort folgten oder bei jenen, die selbst auch unter Ausbeutung und militärischem Zwang litten.

Inzwischen lebt die Menschheit zum gegenwärtigen Zeitpunkt in einer Welt, in der der Kapitalismus seine Einflussphäre und Wirkungsweise globalisiert hat, wobei jedoch die Produktionsverhältnisse und Wirkungsweise der bisherigen kapitalistischen Gesellschaftsordnung nun ausschließlich vom Finanzkapital bestimmt wird. (Siehe auch Bernd Hamm: Das Ende der Demokratie, wie wir sie kennen.)

Unsere Absicht, eine Alternative zur gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft zumindest zu fomulieren, sollte zuerst den Inhalt und den Weg zur Erreichung der Alternative der vom Finanzkapital beherrschten globalen kapitalistischen Gesellschaftsordnung ins Auge fassen.

Im Titel dieses Buches stellen wir keine Frage, ob eine Alternative der kapitalistischen Gesellschaft mit Revolution, Krieg oder Gewalt  aufgebaut werden kann. Im SInne der ethisch-moralischen Werte der Menscheit verneinen wir diese Methoden, um die alternative Visionen auf humanistische Weise zu realisieren: auf demokratischem und rechtstaatlichen Weg.

Viele an einer Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die nur Interesse auf Vermehrung des Kapitals – ggf. durch militärische Gewalt, terroristische Attacken und Lügenmärchen – aus ist, interessiert und bereit sind,  mit allen Methoden diese Gesellschaft zu überwinden und den Weg zu einer Alternative zu gehen, werden wahrscheinlich  die Herrschaftsmethoden des Finanzkapitalismus mit gleicher Gewalt entgegen zu treten.

Der in der Geschichte der kapitalistischen Gesellschaft  erste Versuch, den Sozialismus als die Alternative des Kapitalismus, wie es 1864 von Karl Marx und Friedrich Engels im “Kommunistischen Manifest” als Ergebnis des damals möglichen und erforderlichen Klassenkampfes gefordert wurde, und 1917 von Lenin mit der blutigen  “Oktoberrevolution”  und ihren Folgen verwirklicht wurde, erwies sich schließlich im Laufe von 70 Jahren als unrealisierbar. 1990 hörte die sozialistische Gesellschaftsordnung in der  Sowjetunion  und mit ihr im sogenannten Ostblock verbundenen Staaten auf zu existieren.

Schlussfolgerungen aus diesem ersten mitsslungenen Schritt zu einer Alternative des Kapitalismus ziehend, suchen die Autoren dieses Buches andere Wege  und Formen der Erreichung einer Alternative. Mit der im Folgenden detailliert beschriebenen, von uns durchaus den Prinzipien einer dem Humanismus entsprechenden Alternative bringen wir auch die nach unserer Überzeugung einzig mögliche Form und Methode dieses Weges zum Ausdruck: auf demokratischem und rechtstaatlichen Weg.

Bei unseren Überlegungen zu dieser wichtigen Frage der Überwindung der kapitalistischen Gesellschaftsordnung und der Realisierung einer Alternative lassen wir uns von der These des Noberpreisträger für Physik, Albert Einstein, leiten:

“Die Probleme kann man nicht mit der gleichen Denkweise lösen, mit der sie geschaffen wurden”