Text von Heleno Saña

Die unverzichtbare Ethik

Ethische Überlegungen spielen im Leben des heutigen Menschen keine nennenswerte Rolle, weder in personaler noch in gesellschaftspolitischer Hinsicht. Nicht nur dadurch unterscheidet sich unsere Zeit von anderen Epochen und Zivilisationen. Wichtig für den Durchschnittsmenschen ist nicht ethisch begründete Erfüllung, sondern Erfolg, Genuss, Macht und ähnliche materialistische Güter. Es sieht tatsächlich so aus, als empfänden die Menschen kein Bedürfnis mehr, in einer ethisch orientierten und organisierten Gesellschaft zu leben, obwohl sie andererseits höchst unzufrieden mit dem Bestehenden sind und sich darüber laufend beklagen. Sie wünschen sich schon eine Umkehr des Systems, aber die wenigsten glauben, dass dieses Ziel mit ethischen Mitteln zu erreichen sei. Überhaupt gilt der Begriff Ethik als eine obsolet gewordene Reliquie vergangener Zeiten. Und nicht zu unrecht verweist man auch darauf, dass es kaum eine Ideologie, Weltanschauung oder politisches System gegeben hat, die den Begriff Ethik nicht für unlautere Zwecke missbraucht hätte. Auch wenn all dies wahr ist: ein Zeitalter, das von moralischen Fragen nichts wissen will, ist langfristig dazu verurteilt, im Chaos zu münden. Der jämmerliche Zustand der Welt ist der beste Beweis dieses ewigen Gesetzes. Der Traum Nietzsches, jenseits von Gut und Böse zu leben, kann nur als ein infantiler, unseriöser, verantwortungsloser Einfall bewertet werden. Ohne ethische Grundsätze kann langfristig nichts funktionieren. Keine Gesellschafts- und Weltordnung kann sich dementsprechend den Luxus leisten, auf sie zu verzichten.

Die abendländische Kultur in ihrer genuinsten und aufklärerischen Dimension war auf die moralische Vervollkommnung des Einzelnen als Grundlage einer rationalen und gerechten Gesellschaft ausgerichtet. Das gilt nicht nur für die griechische Antike, sondern ebenso für das jüdischchristliche Wertesystem, auch wenn hier das Gebot der Selbstläuterung mehr in religiöser Form auftritt. Beiden gemeinsam war die Geringschätzung der äußeren Dinge. Und gerade hier liegt der Bruch mit der modernen Welt, wie Erich Fromm feststellt: »Während in den Anfängen der westlichen Kultur, und zwar sowohl bei den Griechen als bei den Juden, die Vervollkommnung des Menschen als Ziel des Lebens galt, befasst sich der moderne Mensch mit der Vervollkommnung der Dinge«.  Fromm versäumt allerdings hinzuzufügen, dass der Drang nach einer moralisch orientierten Lebensführung auch innerhalb der Moderne nicht gefehlt hat.

Hervorzuheben in diesem Zusammenhang wären die Aufklärung und vor allem die Arbeiterbewegung der klassischen Zeit. Denn letztere kämpfte nicht nur für eine Verbesserung der materiellen Bedingungen, sondern war darüber hinaus tief moralisch motiviert, wie Eckehart Krippendorf zurecht unterstreicht: »Es ist in Vergessenheit geraten, und von Marxisten so gut wie von Anti-Marxisten verdrängt worden, dass der Ausgangspunkt und die enorme geistige und seelische Kraft, die die Arbeiterbewegung, die sozialistischen Bewegungen nicht nur in Europa, sondern in allen Teilen der Welt entfalteten, zunächst und vor allem moralischer Natur war und es lange Zeit auch blieb«.

Die gegenwärtige Krise der ethischen Werte beschränkt sich keineswegs auf den Bereich des öffentlich-staatsbürgerlichen Verhaltens, sondern setzt schon bei dem ein, was man »Individualethik« nennt, also in privater Hinsicht. Für die Griechen wäre diese Einteilung zwischen persönlicher und allgemeiner Ethik freilich unverständlich. Denn beide wurden von ihnen als eine unzertrennliche Einheit betrachtet. Was das griechische Altertum arete (Tugend) nannte, hat ihre ursprüngliche Konnotation weitgehend eingebüsst und ist zu einer reinen techne im Dienste von Erfolgs- und Machtambitionen geworden. Und weil es so ist, gelten Zynismus, Doppelzüngigkeit und Ellenbogenmoral als selbstverständliche Verhaltensweise. Individualethik und staatsbürgerliche Ethik als Richtschnur menschlicher Praxis können nicht willkürlich voneinander getrennt werden, um aus ihnen einen Dualismus zu machen. Dort, wo die Individualethik versagt, wird auch die staatsbür gerliche nicht gedeihen können; umgekehrt kann sich die ethische Entwicklung des Einzelnen nur im Zusammenhang mit der ethischen Befindlichkeit der Gesellschaft entfalten. Entsprechend werden wir von Platon und Aristoteles belehrt, dass eine Polis nur gut funktionieren kann, wenn der einzelne Bürger oder Polfiter auch von der Idee des Guten bzw. der Gerechtigkeit geleitet wird. Nicht die antike Ethik, sondern die Auffassung Hobbes hat sich durchgesetzt. Tatsächlich erkannte der Verfasser des »Leviathan« keine andere Moral als die des Nutzens an. Moralische Tugenden haben keinen Wert per se. Zu begrüßen sind sie lediglich, weil sie funktional zum Wohle des Gemeinwesens beitragen. Um den Staat zu erhalten, reicht der Eigennutz. Auch heute tendiert der herrschende Machtpositivismus dazu, die Ethik zum bloßen Anhängsel des Gegebenen zu degradieren. Das erste, was man in diesem Zusammenhang tun müsste, wäre, sie von den Fesseln der systembejahenden Faktenlogik loszureißen und ihr den normativen Rang zurückzugeben, der ihr zukommt.

Das Gemeinwohl

Was Ethik bedeutet, wissen wir spätestens seit der griechisch-römischen Antike: sich für die öffentlichen Belange zu engagieren, und damit auch für die Idee des Guten, welche für Platon und Aristoteles gleichbedeutend für ein von Vernunft oder logos geleitetes Dasein ist. Ohne die Idee des Guten, stellt Platon im IV Buch der Politeia fest, fehlt uns der rote Faden, den wir brauchen, um klar zu sehen und uns im Leben zurecht zu finden. Wer diesen ethischen und logischen Wegweiser nicht gefunden hat, ist unwiederbringlich dazu verdammt, im Dunkeln zu tappen und Gefangener des Schatten-Reichs zu bleiben, das Platon auch ausführlich beschreibt. Was damals galt, gilt auch für heute. Ich stimme Thomas Nagel zu: »Die Idee der Möglichkeit eines moralischen Fortschritts ist eine wesentliche Bedingung des moralischen Fortschritts selbst«.

Wer nicht das Gemeinwohl als oberstes Prinzip seines persönlichen und gesellschaftlichen Verhaltens wählt, bleibt im Stadium der Unwissenheit und der Selbstentfremdung befangen. Diese alte These von Sokrates gilt auch für heute. Das Böse, das uns weltweit auf Schritt und Tritt begegnet, steht in direktem Zusammenhang mit der in der kapitalistischen Gesellschaft herrschenden Entfremdung, ein Begriff, den ich hier als gleichbedeutend für Unwahrheit bzw. Ignoranz anführe. Wir leben tatsächlich in einem Zeitalter, das in den wichtigsten Dingen nicht Bescheid weiß und Holzwege geht. Dort, wo es keine Moral gibt, kann auch keine wahre Erkenntnis entstehen, es kann nur Verwirrung und Lüge geben. Das ist das ganze Geheimnis, das uns die griechische Philosophie vermittelt hat. Trotz seiner Feindseligkeit gegenüber dem griechischen Denken, kann Levinas nicht umhin zuzugeben: »Die Moral ist nicht ein Zweig der Philosophie, sondern die erste Philosophie«.  Ähnlich Feuerbach: »Die theoretische Aufgabe der Menschheit ist identisch mit ihrer sittlichen«.

Unter ethischem Verhalten verstehen wir nicht nur, aber vor allem

’’’die Bereitschaft, sich für ein Daseins- und  Gesellschaftsmodell einzusetzen,  das von vornherein auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, ein Ziel wiederum, das  konstitutiv die Kategorie der sozialen Gerechtigkeit beinhaltet.’’’

Entsprechend sagt Platon, dass die Machthaber nicht für eine Kaste ’’(genos)’’, sondern für das gesamte Volk regieren müssen. Und von Cicero lernen wir, dass es keine hässlichere Deformation des Staates gibt, als dort, wo die Reichen als die Besten gelten. Ethik in ihrem vollständigsten und konsequentesten Sinn bedeutet für uns die Errichtung der selbstverwalteten Gesellschaft, die wir im vorigen Kapitel beschrieben haben. ’’’Eine Ethik, die die materielle Dimension der menschlichen Existenz außer Acht lässt und sich als rein spirituell gebärdet, ist sowohl einseitig wie abstrakt, um nicht zu sagen heuchlerisch.’’’ Karl-Otto Apel hat, ähnlich wie andere bürgerliche Autoren, eine »planetarische Makroethik der Verantwortung« zur Behebung der in der Welt bestehenden Missstände gefordert.   Das ist alles schön und gut, aber solche Appelle bleiben unerfüllbar solange das bürgerlich-kapitalistische System bestehen bleibt. Der erste moralische Imperativ besteht darin, die gesamte Weltbevölkerung mit den nötigen Subsistenzmitteln zu versorgen. Ohne die Erfüllung dieses materiellen Ziels, kann von einer Makroethik keine Rede sein.