Welt-Ethikrat

Text: Horst Grützke — 6. Mai 2012 (CEST)

 

Welt-Ethikrat

Sind Angela Merkel oder Kurt Beck, Günther Beckstein oder Raimund Bütikofer die weisesten Männer und Frauen in unserem Land? Intelligent, gewieft und durchsetzungsstark – gewiss. Belesen, sachkundig und ausgebuffte Meister des politischen Handwerks – sicherlich. Aber weise? Obwohl diese Frage in der aktuellen politischen Diskussion kaum jemals gestellt wird, halte ich ihre Beantwortung für enorm wichtig. Müsste man sie mit „nein“ beantworten, so stellt sich eine zweite Frage: Mit welchem Recht beanspruchen diese Damen und Herren, uns zu führen und Macht über uns auszuüben? Roland Rottenfusser fordert die Etablierung eines Weisenrats, der die Politiker berät und eine Kontrollfunktion ausübt – mit einem Blick auf die großen Zusammenhänge, die im Gerangel kurzfristiger Einzelinteressen oft verloren geht.

 

Wer ist ein Weiser? Der chinesische Philosoph Lao Tse, legt hohe Maßstäbe bei der Definition dieser Spezies an:

„Der Weise macht sich keine Sorgen

Um sein eigenes Leben,
er macht sich die Bedürfnisse
aller Menschen zu eigen.

Er ist gut zu denen, die gut sind

Aber er ist gut zu denen, die nicht gut sind,
denn so vermehrt er die Güte.

Er vertraut den Menschen, die vertrauensvoll sind

Und er vertraut auch den Menschen, die nicht vertrauensvoll sind,
denn so vermehrt er das Vertrauen.

Der Weise lebt behutsam und demütig

alle richten ihre Herzen auf ihn
und er achtet alle wie seine Kinder“
(Lao Tse: Tao Te King)

Ein bescheidenes, völlig selbstloses Wesen also, ausgestattet mit dem urchristlichen Bestreben, selbst noch Böses mit Gutem zu vergelten – passt diese Beschreibung auf Merkel, Platzeck & Co.?

Lao Tse stellt in allgemeinen Worten eine theoretische Maximalforderung auf. Etwas präziser wird Platon in seiner Beschreibung des Philosophenstaats. Er schildert nicht nur genauestens, welche Tugenden die Staatslenker auszeichnen müssten (Anspruchslosigkeit, Unbestechlichkeit, Gerechtigkeit), er stellt auch einen genauen Erziehungsplan auf, mit dem Ziel, dass nur die würdigsten Vertreter einer Generation an die Macht gelangen. Gymnastik, Musik, Auferlegung von Schmerzen, Entbehrungen und Prüfungen, die Ausbildung des Intellekts und Studium der Philosophie, Erfahrung und Gewandtheit im praktischen Leben – schließlich, frühestens mit 50 Jahren, ein Aufrücken in Führungspositionen aufgrund strenger Auslese. Die Betreffenden müssen besitz- und ehelos sein, in einer Art Mönchsgemeinschaft leben, ganz dem Wohl des Volkes und dem immateriellen Gewinn verschrieben: »Wir werden ihnen sagen, sie hätten genug Silber und Gold von Gott erhalten, das göttlichere Material läge in ihnen, sie benötigten daher nicht auch noch irdisches Gold.« Das hätte mal einer zu Gerhard Schröder sagen sollen, dem seine Kanzlerpension offenbar für ein lebenswertes Leben nicht ausreicht: „Sei bescheiden, der wahre Reichtum ist in dir!“

Vergleicht man das von Platon skizzierte Auswahlverfahren mit heute real existierenden Systemen (ich rede jetzt einmal nur von den westlichen Demokratien), so werden die Unterschiede deutlich. Wer, wie in Deutschland, eine klassische Parteikarriere durchläuft, wer Durchsetzungsfähigkeit, Verhandlungsgeschick, die Fähigkeit, Verbündete zu gewinnen, ein gewisses Selbstvermarktungstalent und Fingerfertigkeit auf der Klaviatur der Mediendemokratie besitzt, muss nicht notwendigerweise ein schlechter Mensch sein und zum Schaden des Volkes agieren. In einem System wie dem der USA, wo Wahlkampfkosten von Großkonzernen getragen werden und sich Präsidentschaftsanwärter durch Willfährigkeit gegenüber den Bedürfnissen der Privatwirtschaft qualifizieren, ist Demokratie dagegen weitgehend zur Farce degeneriert.

Dies ist aber kein Plädoyer gegen Demokratie, sondern Kritik an den vielfach zu beobachtenden Demokratieattrappen, mit denen sich neofeudale Herrschaftsansprüche und Ausplünderungssysteme in unserer Zeit zu tarnen pflegen. Die Frage Platons nach dem Vorhandensein von Weisheit und Integrität in der Staatsführung ist wichtig, ja für das Gelingen einer „Weltinnenpolitik“ überlebenswichtig. Wenn wir den Antworten, die Platon selbst gegeben hat, nicht folgen mögen, so müssen wir doch zugeben, dass er die richtige Frage gestellt hat.

Sollten die weisesten Männer und Frauen eines Landes selbst die Regierungsgeschäfte übernehmen? Trotz immer wieder gern genannter Beispiele wie Nelson Mandela, Michail Gorbatschow oder Vaclav Havel, verweisen doch die wenigen historisch überlieferten Positivbeispiele auf ein heikles Dilemma: Vermag der „Weise“ seine Weisheit im politischen Alltagsgeschäft zu bewahren? Geht nicht der ursprüngliche ethische Impuls, der ihn vor seiner Inthronisation zum Dissidenten gegen das herrschende System gemacht hat, unter dem Nerven zehrenden Trommelfeuer banaler „Sachzwänge“ verloren? Anstatt dass die Politik weise würde, könnte man befürchten, macht sie den Weisen politisch, entfremdet ihn von seiner inneren Wahrheit unter dem Anpassungsdruck einer negativ vorgeprägten Realität.

Müssen der Weise und der Herrscher aber stets ein und dieselbe Person sein? Wäre es nicht klüger, wenn die beiden ein arbeitsteiliges Team bilden würden? Der Herrscher als Handelnder, der dem Tagesgeschäft und seinen Erfordernisse gerecht wird, der Weise als sein Berater, ohne institutionell verankerte Macht, jedoch mit großem Ansehen im Volk, ausgestattet mit moralischer Autorität.

Gern erinnere ich mich an die eine Szene in dem Film „Gandhi“, in der der Mahatma, die „große Seele“, der geistige Vater des indischen Volkes, zu einer Konferenz der indischen Regierung eingeladen ist. „Es ist besser, dass du zurücktrittst“, sagt er knapp zum amtierenden Premierminister Nehru.“ Und Nehru trat tatsächlich zurück. Das Erstaunliche an dieser Szene ist, dass Gandhi zu diesem Zeitpunkt kein Regierungsamt inne hatte. Er sprach einzig aus dem Charisma seiner Integrität heraus, die er sich durch seinen persönlichen Mut und seine glaubwürdige Lebensführung erworben hatte.

Etwas weniger dramatisch gestaltete sich das Verhältnis von Ex-Kanzler Helmut Schmidt zu den bedeutendsten Schriftstellern und Intellektuellen seiner Zeit. Kurz vor der Stürmung der von Terroristen entführten Passagiermaschine in Mogadischu 1977, lud er die renommierten Romanschriftsteller Heinrich Böll („Gruppenbild mit Dame“) und Siegfried Lenz („Deutschstunde“) zu sich ein. Günter Grass war eingeladen, aber verhindert. Die Schriftsteller äußerten ihre Bedenken, ob die staatlich angeordnete Tötung von Terroristen ein ethisch legitimes Mittel sein konnte, um gegen den Terror vorzugehen. Schmidt ließ das Flugzeug trotzdem stürmen, sein Verhalten bewies aber einen gewissen Respekt gegenüber den „Weisen“ seines Landes.

Der König und sein weiser älterer Berater – diese beiden sind ein Archetypenpaar, tief eingesenkt in unsere unbewusste Bilderwelt. In zahlreichen Märchen und Mythen begegnen sie uns. Im Tarot entsprechen sie zwei Karten des großen Arkanums „Der Herrscher“ und „Der Eremit“. Aragorn, der werdende König und Gandalf, der Zauberer heißen sie in Tolkiens Welterfolg „Der Herr der Ringe“. Deren Vorbilder wiederum dürften der legendäre König Arthus und sein Mentor Merlin gewesen sein. Agamemnon, der Heerführer der Griechen im Trojanischen Krieg ließ sich von dem greisen Nestor beraten.

Christen und Juden finden in der Beziehung der Könige Saul und David zu dem Propheten Samuel ein aussagekräftiges Vorbild für das Funktionieren des klassischen Macht-Tandems. Samuel war nicht nur Berater, er war der Königsmacher und wusste sich stets tief verbunden mit dem göttlichen Auftrag. Er war es, der Saul zum ersten König Israels berief und salbte. Später entriss er ihm die Herrscherwürde wieder: „Weil du des Herren Wort verworfen hast, hat er dich auch verworfen, dass du nicht mehr König seist.“ An Sauls Stelle wird ein „Nobody“, der junge Schafhirte David als König installiert. Die Erwählung erfolgt offensichtlich im Widerspruch zu allen äußeren Insignien der Autorität: Alter, Reichtum, hohe Geburt oder gesellschaftliche Stellung – nichts davon zeichnet David aus, lediglich „schöne Augen“ werden ihm zugesprochen. Samuels Kommentar ist bedeutsam: „Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; der Herr aber sieht das Herz an.“ Man darf die Frage stellen, ob heute das „Herz angesehen“ wird, bevor jemand auf eine Machtposition gehievt wird.

Sind diese „Fallbeispiele“ auf unsere Zeit übertragbar? Sicherlich ist die Machtfülle der biblischen Propheten fragwürdig. Würden wir ernsthaft wüschen, dass die von uns gewählten Volksvertreter durch das Wort eines weißbärtigen Alten abgesetzt werden könnten, der für sich beansprucht, „von Gott gesandt“ zu sein? Entscheidend ist hier für mich der Aspekt der Beratung und Kontrolle der Macht durch eine zweite Instanz, die sich durch hohe Integrität und geistige Autorität auszeichnet. Diese Instanz ist in der Lage, die Wirrungen des politischen Tagesgeschäfts quasi von einer höheren Warte aus zu beobachten. Sie hat das Wohl des Ganzen im Auge: das der Machtlosen, der Unterdrückten und der zahllosen ungehörten Zukünftigen, unserer Kinder, Enkel- und Urenkel.

Weise wie Merlin oder Samuel sind unbestechliche und nicht erpressbare Mahner, unbequem und sperrig, nicht durch Eigennutz motiviert, meist auch legitimiert durch das Vertrauen der Mehrheit ihres Volkes. Sie sind keine Päpste und Ayatollahs mit der Macht einer zementierten Institution im Hintergrund (für jene wäre eher die Tarotkarte „Hohepriester“ das Symbol), sondern freie, absolut unabhängige Geister. Ich nenne als ein Beispiel der jüngeren Vergangenheit gern den Schriftsteller und Nobelpreisträger Heinrich Böll, der sich nicht vor der Macht der veröffentlichten Meinung (der BILD-Zeitung) fürchtete und sich weder beim bundesdeutschen Establishment noch bei dessen erklärtem Gegner, dem Sowjet-Machtblock anbiederte.

Ich denke dabei auch gern an einen Helden meiner jugendlichen Literaturbegeisterung: Marquis Posa, der in Schillers „Don Carlos“ seinem König Philipp von Spanien mutig entgegentritt und ihm zuruft: „Geben Sie, was Sie uns nahmen, wieder. Lassen Sie, großmütig, wie der Starke, Menschenglück aus Ihrem Füllhorn strömen. (…) Ein Federzug von dieser Hand, und neu erschaffen wird die Erde. Geben Sie Gedankenfreiheit!“ Würde sich einer unserer Intellektuellen, unserer Künstler, Wissenschaftler und Religionsführer heute hinstellen und den Politikern – in einer heutigen Sprache und übertragen auf heutige Probleme – so etwas ins Gesicht sagen: „Geben Sie, was Sie uns nahmen, wieder!“? Heute stehen ganz andere Personen vor den Thronen der Mächtigen und versuchen sie nach ihren Vorstellungen zu manipulieren. Ihre Botschaft heißt nicht: „Geben Sie Gedankenfreiheit!“, sondern „Geben Sie Handelsfreiheit!“, will sagen: Liberalisieren Sie die Märkte, damit sich unsere Gier nach Profit schrankenlos ausbreiten kann. Wo ist ein Gegengewicht zu diesen Stimmen? Fehlt es uns an Persönlichkeiten vom Format eines Heinrich Böll in Deutschland, eines Pablo Neruda in Chile oder einer Arudhati Roy in Indien? Oder fehlt es den Mächtigen an Respekt, um den Weisen, die es wohl zu allen Zeiten in allen Ländern gab, wirklich zuzuhören?

Eine Geschichte zum Thema Respekt: Sonan Gyatso wurde 1543 in Tibet geboren. Jahrzehnte später wurde er zu einem weisen Lama, dessen Ruf bis weit über die Grenzen des Landes hinaus drang. Der Mongolenfürst Altan Khan hörte von dem Weisen. Viele Male lud der Herrscher Sonan Gyatso zu sich ein – zunächst vergeblich, bis dieser schließlich der Einladung folgte. Altan Khan reiste ihm bis an die Grenze seines Reiches entgegen, um seinen Gast in Ehren zu empfangen und ihn in seine Hauptstadt Koko Kotan zu geleiten. Sonan Gyatso begann sofort, dem Herrscher spirituell zu unterweisen, und nach kurzer Zeit konvertierte dieser zum Buddhismus. Der Mongolenfürst verlieh seinem Lehrer den Titel Dalai Lama („Ozean der Weisheit“). Heute ist Sonan Gyatso (da seine Vorgänger diesen Titel noch nicht trugen) als der 5. Dalai Lama bekannt. Bemerkenswert an dieser Geschichte ist die Wertschätzung, die der Mächtige dem Weisen entgegen brachte – symbolisch verdeutlicht in der Tatsache, dass er ihm bis an die Grenze seines Reiches entgegen kam. Bringen Politiker den Weisen ihres Landes heute einen solchen Respekt entgegen?

Vom heutigen Dalai Lama, dem 14., stammt folgender Ausspruch: “Es könnte sich lohnen, eine Institution zu schaffen, deren grundsätzliche Aufgabe es ist, menschliche Angelegenheiten vom Standpunkt der Ethik aus zu überwachen – eine Gruppe von Persönlichkeiten mit den verschiedensten Hintergründen – angesehen wegen ihrer Integrität und ihrer Hingabe an fundamentale ethische und menschliche Werte – ihre Überlegungen könnten das Gewissen der Welt sein!” Ein Weisenrat, „das Gewissen der Welt“ – wäre dies nicht eine Überlegung wert? Da in großen, unüberschaubaren Staatsgebilden ein einzelner „Samuel“ oder „Merlin“ vielleicht mit der Betreuung aller (erfahrungsgemäß ziemlich unbelehrbaren) Politiker überfordert wäre, könnte eine Gemeinschaft der weisesten Frauen und Männer eines Landes vielleicht das Gegengewicht zu den Regierungen und Parlamenten bilden. Das Zitat des Dalai Lama verweist auf einen Welt-Rat. Man könnte aber ebenso an Räte auf allen Organisationsebenen denken: Europäische Gemeinschaft, Deutschland, Länderebene, kommunale Ebene. Je kleiner das Gebiet ist, für das sich ein Rat zuständig fühlt, desto leichter könnte er sogar zu organisieren sein.

Der Vorschlag ist an und für sich nicht neu. Erich Fromm schrieb 1976 in „Haben oder Sein“: „Ein oberster Kulturrat ist ins Leben zu rufen, der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten. Dieses Gremium soll aus Vertretern der geistigen und künstlerischen Elite des Landes bestehen, aus Männern und Frauen, deren Integrität über jeden Zweifel erhaben ist.“ Erich Fromm beruft sich dabei auf eine Prämisse, die man auch in Zweifel ziehen kann: „Es besteht ein weitgehender Konsens darüber, wer die hervorragenden Repräsentanten des Geistes- und Kulturlebens sind.“ Wirklich? Würden zahlreiche vielleicht geeignete Persönlichkeiten nicht von vornherein sehr stark polarisieren? Alice Schwarzer – zu einseitig in ihrer Fixierung auf Frauenfragen? Jürgen Fliege – zu sehr auf Popularität erpicht? Herbert Grönemeyer – nur ein Popstar? Dieter Hildebrandt – zu unernst? Konstantin Wecker – zu unsolide in seinem Lebenswandel? Kardinal Lehmann – zu linientreu? Eugen Drewermann – zu rebellisch? Auch Erich Fromm räumt ein: »Die Schwierigkeit besteht nicht darin, Ratsmitglieder ausfindig zu machen, sondern im Auswahlverfahren, denn sie können weder durch allgemeine Wahlen ermittelt werden, noch sollte die Regierung sie ernennen.« Fromm kommt zu dem Schluss, dass man ja mit drei oder vier Personen beginnen und den Rat allmählich auf 50 bis 100 Mitglieder ausweiten könne. Letztlich befürwortet er also eine Selbst-Ermächtigung einer zunächst kleinen Gruppe von „Weisen“.

Einen von Bürgern gewählten Rat auf internationaler Ebene fordert dagegen der Stifter des „Alternativen Nobelpreises, Jakob von Uexküll. Er ist Begründer der „Initiative Welt-Zukunftsrat“ („World Future Council“). Von Uexküll argumentiert: „Um die Machtbalance in unseren Gesellschaften wiederherzustellen ist es notwendig, Institutionen zu schaffen, die Bürgerwerte auf allen Ebenen repräsentieren. In Zukunft könnten solche Institutionen national gewählt werden; in der Schweiz gibt es bereits eine Kampagne für einen ‚Zukunftsrat’ als dritte Gesetzeskammer. Dieses Modell wäre ebenso global umsetzbar. Bis dahin würde die Legitimation des von uns angeregten globalen Rates durch die generell anerkannten Werte und Ziele verkörpert – und durch den daraus resultierenden Nutzen.“

Jakob von Uexküll verfolgt im Gegensatz zu Erich Fromm von vornherein eine explizit politische Stoßrichtung: für die Bewahrung der Schöpfung, gegen den Ausverkauf der Zukunft unserer Kinder, gegen Konsumwahn und die Übermacht einer Ideologie wirtschaftlicher Effizienz. „Es fehlt eine Instanz, die an unsere gemeinsamen Wertvorstellungen als Weltbürger appelliert und unsere innere moralische Stimme anspricht, die kaum noch gehört wird im Missklang der rund um die Uhr ertönenden Konsum-Propaganda. Der Rat, den wir vorschlagen, würde an unsere Verantwortung erinnern: Bewahrer und Hüter der Erde für künftige Generationen zu sein. (…) Er würde den Zusammenhang aufdecken zwischen der Jagd nach wirtschaftlichen Gütern und dem Anwachsen sozialen Übels. So ein ‚Welt-Zukunfts-Rat’ (oder ‚Welt-Ethik-Rat’) würde aus angesehenen und aufgeschlossenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Länder, Herkunft und Glaubensrichtungen bestehen. Er würde sich regelmäßig treffen, Anhörungen leiten und seine Beschlüsse und Empfehlungen zur Umsetzung veröffentlichen. Seine Macht wäre eine moralische – die allerdings nicht unterschätzt werden sollte.“

Ein solcher Weisenrat könnte eine Reihe von Dilemmata umgehen, die mit dem Thema „Macht und Weisheit“ untrennbar verbunden sind. Zunächst muss klar gestellt werden, dass hier kein „Gottesstaat“ nach dem Vorbild der iranischen Ayatollahs oder der Schreckensherrschaft der Calvinisten in der Schweiz gemeint ist. Eine Diktatur spiritueller Führer mit Unfehlbarkeitsanspruch nach dem Vorbild der Papst-Herrschaft im Vatikan ist das Gegenteil dessen, was ich hier empfehlen will. Überhaupt darf der Begriff des „Weisen“ nicht auf religiöse Führerschaft beschränkt werden. Künstler, Wissenschaftler, spirituelle Außenseiter, auch soziale und ökologische Aktivisten, die Vordenker von Nicht-Regierungs-Organisationen (NGO) könnten mit einbezogen werden.

Wäre der Rat eine „elitäre“ Einrichtung, wie Erich Fromm suggeriert? Umvermeidlicherweise ja, aber keine die gegen das Volk, von ihm unverstanden oder gar an ihm vorbei agieren dürfte. Die Frage der Volksnähe ist nicht leicht zu lösen. Stellen wir einmal probeweise eine Liste von auf ihrem Gebiet hoch angesehenen, als „weise“ geltenden Persönlichkeiten zusammen: den Physiker und Philosphen Hans-Peter Dürr, den Theologen und Initiator der „Weltethos“-Bewegung Hans Küng, den Regisseur Wim Wenders, den Schriftsteller Günter Grass und den an der Wende in der DDR maßgeblich beteiligten Dirigenten Kurt Masur. Wer in der breiteren Bevölkerungsmehrheit liest mit Verständnis und Genuss ein Buch von Günter Grass, etwa „Der Butt“? Wer kämpft sich durch Hans Küngs Wälzer „Existiert Gott?“? Wer weiß Wenders verstiegenen „Himmel über Berlin“ zu schätzen? Wer könnte mit Dürr über die Heisenbergsche Unschärferelation diskutieren oder mit Masur die Klangwelten einer Bruckner-Symphonie durchleben? Was würde andererseits dabei herauskommen, wenn man alle Bürger eines Landes unter allen denkbaren Persönlichkeiten wählen ließe? Bekämen wir dann Bully Herbig statt Wim Wenders, Gottschalk statt Reich-Ranitzky?

In jedem Fall müssten die Kandidaten zusätzlich zu ihrer intellektuellen Kapazität mit einer gewissen Herzqualität ausgestattet sein und fähig sein, ihre Gedanken allgemeinverständlich auszudrücken. Der Grundsatz „alle Gewalt geht vom Volk aus“ müsste im Kern unangetastet bleiben, man muss ihn sogar durch Schaffung eines Gegengewichts gegen den Zugriff angemaßter Schattenregierungen aus dem Finanz- und Konzernmilieu schützen. Der Rat hätte keine Exekutivmacht, aber ein hohes Maß an moralischem Einfluss. Seine Legitimation stünde und fiele mit der Achtung der Mehrheit des Volkes. Mehr noch: Der Rat müsste die Liebe des Volkes besitzen, und das Volk die Liebe des Rates. „Alle richten ihre Herzen auf ihn, er achtet alle wie seine Kinder.“ (Lao Tse).

Damit soll nicht einer neuerlichen Entmündigung dieser „Kinder“ durch ihre „Ältesten“ das Wort geredet werden. Auch die Frage nach der Altersstruktur des Rates muss gestellt werden. Wäre nur an würdige ältere Herren wie Gorbatschow oder den Dalai Lama zu denken, oder kämen auch jüngere wie die Globalisierungskritikerinnen Arundhati Roy und Naomi Klein in Frage? Hätte eine Sophie Scholl nicht schon mit 21 Jahren die erforderliche Reife und Integrität besessen? Jakob von Uexküll fordert denn auch eine Dreiteilung des Rats. Neben den „Wise Planetary Elders“ vom Schlage eines Nelson Mandela sollen Pioniere und Vorreiter ein eigenes Gremium bilden. Ebenso wie als drittes ein Jugendrat, ohne den die Bezeichnung eines „Zukunftsrats“ wohl kaum legitim sein dürfte.

Das Projekt macht offenbar Fortschritte. Hamburg hat zugesagt, als Sitz des Welt-Zukunftsrats zur Verfügung zu stehen. 7000 NGOs (Nicht-Regierungs-Organisationen) werden derzeit nach ihren Favoriten befragt. Wie aber steht es in Deutschland auf nationaler und regionaler Ebene? Mir jedenfalls sind keine derartigen Aktivitäten bekannt. Hier wäre noch Handlungsbedarf. Wie könnte man beginnen: Vielleicht mit einer kleineren Gruppe von „Weisen“, deren Mitglieder sich selbst und einander zunächst für geeignet halten und dann mit gutem Gespür für einen möglichst breiten gesellschaftlichen Konsens weitere Mitglieder „rekrutieren“ könnten. Oder mit der Gründung eines Organisationskomitees, das sich auf mindestens eine angesehene Persönlichkeit (nach dem Vorbild Jakob von Uexkülls) berufen kann, die geeignete Kandidaten nach einem vorgegebenen Verfahren ermittelt und für das Projekt gewinnt.

Wäre zu erwarten, dass Politiker und Wirtschaftsführer den Rat dieser Weisen überhaupt hören, geschweige denn befolgen würden? In keinem Fall dürfte der Rat die zu Beratenden nicht von vornherein als quasi „unter seinem Niveau“ betrachten. Selbst wenn dies, von einer intellektuell oder ethisch vermeintlich „hohen“ Warte aus zuträfe, wäre doch eine elitäre Attitüde dem Zweck der Veranstaltung abträglich. Es ist von einer Gleichwertigkeit aller Menschen (bei unterschiedlichem Aufgabenfeld) auszugehen und ein grundsätzlicher Respekt zu wahren: Der Weise ist „auch gut zu denen, die nicht gut sind“ um es überspitzt (mit Lao Tse) zu sagen. Er definiert den Politiker oder Wirtschaftsführer nicht abschließend als „böse“, sondern als einen Menschen mit dem Potenzial zur Umkehr. Ohnehin vermag kein Appell Wirkung zu zeigen, wenn er sich nicht an das innewohnende (vielleicht vorübergehend verschüttete) „Licht“ wendet. Die Rede von Schillers Marquis Posa an König Philipp ist hier wiederum ein leuchtendes Beispiel: „Der Mensch ist mehr, als Sie von ihm gehalten. Des langen Schlummers Bande wird er brechen und wiederfordern sein geheiligt Recht. Zu einem Nero und Busiris wirft er Ihren Namen, und – das schmerzt mich, denn Sie waren gut.“

Dieses „Sie waren gut“ (zu einem Gewaltherrscher wie Philipp) mag naiv erscheinen, es ist aber die vielleicht einzig wirksame Einladung zur Umkehr, die dem (noch) Machtlosen zur Verfügung steht – bei Schiller geschickt gepaart mit einer subtilen Drohung, dass sich die Massen dereinst erheben könnten. Stellen wir uns vor, ein Vertreter des zu schaffenden Weisenrats würde vor den Regierungschef, den Präsidenten, den Vorstandsvorsitzenden hintreten und sagen: „Der Mensch ist mehr als das Stimm- und Konsumvieh, mehr als die manipulierbare Verfügungsmasse, die Sie aus ihm machen wollen. Es wird die Zeit kommen, in der er aus seiner hypnotischen Starre aufwacht und sich gegen Sie erhebt, um sein Recht auf Leben zurückzufordern. Er wird Ihren Namen in einem Atemzug mit den Tyrannen des 20. Jahrhunderts nennen, denn Sie haben die Zerstörung der Natur, das Massensterben der Menschen in der Dritten Welt, den durch Profitinteressen motivierten Krieg verursacht oder hingenommen. Das würde mich schmerzen, denn im innersten Raum Ihrer Seele waren Sie gut. Suchen Sie wieder die Verbindung zu diesem Kern, und zusammen können wir die Erde neu erschaffen.“

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