veröffentlicht in: “neues deutschland”, Berlin, 07./08.12.2013, S. 23 -Von Detlef Kannapin

Es gibt häufig Situationen, in denen es nicht ausreicht, auf genre- oder medienspezifische Eigengesetzlichkeiten zu verweisen. Der gesamte Bereich der Ästhetik spielt sich ja nicht im luftleeren Raum ab. Ganz im Gegenteil: Ästhetische Prozesse sind immer Ausdruck realer gesellschaftlicher Gegebenheiten und Konstellationen, egal, was den jeweils Produzierenden, Konsumierenden oder Räsonierenden darüber im Nachhinein einfällt. In Zeiten fehlender Fortschrittsperspektiven kommt es mehr denn je darauf an, die soziale Position jeder ästhetischen Äußerung kenntlich zu machen. Das schreibt eigentlich der gesellschaftliche Zustand vor, in dem wir uns befinden, ein Zustand, der bar aller Zukunftsanstrengung zu sein scheint und der das, was ist, als letztgültig verklärt.

Die zeitgenössische Literatur ist offenbar organisch eingewachsen in den Stillstand der Ratlosigkeit und Regression der Gegenwart. Kaum einer erinnert sich noch an die heißblütigen Debatten über Weltliteratur, in denen ein Satz von James Joyce, ein Couplet von Samuel Beckett, eine Anordnung von Ilja Ehrenburg oder eine Beschreibung von Arno Schmidt als Aussage über Sein oder Nichtsein wahrgenommen werden konnte. Es musste sich dann um eine kontextuelle Einordnung des Gelesenen bemüht werden.

Heute ist alles nur noch da. Literaturkritik und Literaturwissenschaft ziehen mit. Sicher hat das auch mit der Schieflage zu tun, die ein aufgeblähter Sektor audiovisueller Bildschirmmedien erzeugt hat und über die Peter Hacks schon 1990 in Abwandlung eines Zitats von Franz Mehring bemerkte, dass unter den Medien die Musen schweigen. Wer Medien hat, so Hacks, braucht keine Zensur. Aber auch die Literatur selbst ist zahnlos geworden und hat im Wesentlichen vor allem den Grundsatz von Georg Lukács vergessen, wonach »ein gewisser Grad von Realismus in jedem Schriftwerk unvermeidlich ist«. Stets aufs Neue, so Lukács weiter, bewahrheite sich die »alte Wahrheit, dass der Realismus nicht ein Stil unter verschiedenen anderen, vielmehr die Grundlage einer jeden Literatur ist, dass Stile nur innerhalb seines Bereichs oder in bestimmten Beziehungen zu diesem (die feindlichen mitinbegriffen) entstehen können«.

Gewissermaßen als unausgesprochenen Leitfaden kann man diese Auffassung den Reflexionen von Enno Stahl über Literatur und Gesellschaft voranstellen. Stahl, im ersten Leben Germanist und im zweiten Romanautor, dessen letztes Prosawerk »Winkler, Werber« für einiges Aufsehen gesorgt hat, zeigt nun in einem Kompendium literaturkritischer Aufsätze unter dem Titel »Diskurspogo«, dass auch an die Literatur ein Mindestmaß an realistischen Ansprüchen anzulegen ist, um diese überhaupt als Seismographen für gesellschaftliche Konflikte, Kämpfe und Befriedungen erkennbar werden zu lassen. Der Titel verweist auf die Aufmischung des Stimmengewirrs im Literaturbetrieb durch ein vordergründig anarchistisches Tanzprogramm, das jedoch im Hintergrund ein Urteilsvermögen einfordert und als ordnende Hand Werturteile vornimmt.

In Anlehnung an Michel Foucault bezeichnet Stahl die soziale und politische Standortbestimmung der Literatur als »Wertungsdispositiv«, wobei es ihm hier darauf ankommt, den Grad an Neutralität und Objektivität mit Hilfe von Erkenntnissen aus den Gesellschaftswissenschaften zu steigern. Sein klarer Gegner ist durchweg das subjektivistische Geraune, das seit Novalis und Max Stirner mit egozentrischen Dachkammerschriften zur Verhinderungsideologie gegen Emanzipation geworden ist und natürlich in Zeiten des Verfalls sich immer neu reproduziert.

So betont Stahl zum jetzigen literarischen Stand der Dinge, dass die deutsche Gegenwartsliteratur »weder soziale Relevanz noch formal oder stilistisch avancierte Positionen« anstrebt. Vielmehr: »Der Mehrzahl der Autorinnen und Autoren reicht es, irgendwelche leichten oder auch verquasten Geschichten zu erzählen, mitunter sprachlich gleichwohl ausgefeilt, Welthaltigkeit ist nicht weiter von Interesse. Das Feuilleton applaudiert – allen anderslautenden Bekundungen zum Trotz –, es scheint, auch die Rezensentinnen und Rezensenten möchten sich nicht allzu sehr mit komplexeren ästhetischen Strukturen oder gar der widrigen Wirklichkeit befassen, sondern lieber eintauchen in fantastische Welten. Was dem Massenleser sein ›Harry Potter‹ (1997-2007), ist der akademisch Gebildeten ihre ›Vermessung der Welt‹ (2005).«

Man könnte dieses Urteil selbst vermessen nennen, wenn Stahl nicht in wahrhaft anstrengender Dauerbehandlung haarklein die Ergüsse der letzten zehn, fünfzehn Jahre literarischer Selbstbespiegelung auseinandergenommen hätte. Viele der angeführten Bücher sind zum Teil schon längst wieder vergessen (wie diejenigen, die im wirklichkeitsfernsten Ort Deutschlands, in Berlin zwischen vermüsliter Kastanienallee, verschlingensiefter Volksbühne und demografisch verunsichertem Kollwitzplatz spielen), andere sind an ihrem Zynismus zugrunde gegangen, und wieder andere werden marketingmäßig kurz hochgejazzt (vgl. Abenteuer Internet – »ja, das flasht mich retro«), um schließlich leichthin in der Versenkung zu verschwinden.

Alle einigt jedoch ein schwerwiegendes Element: »Arbeiter und andere Unterschichtangehörige, wenn sie denn überhaupt einmal auftauchen, werden durchgängig menschlich disqualifiziert.« Es ist möglich und wahrscheinlich, dass die Modeautorenschaft der Ich-Notorik die arbeitenden wie die nichtarbeitenden und notleidenden Bevölkerungsgruppen wirklich nicht sieht, weil sie sich nur unter sich bewegt. Aber das fällt zunehmend schwerer und kann nur durch krasse Realitätsstörung erkauft werden.

Stahl konstatiert einen systematischen Mangel der literarischen Wahrnehmung, der gesellschaftstypische Züge trägt: »So abstrakt die Mechanismen, die für die jeweilige Zuteilung und Segmentierung verantwortlich sind, auch sein mögen, ihre Folgen sind unverändert real und unmittelbar. Auch wenn zum Beispiel Arbeiterstreiks seit den großen Kämpfen von Rheinhausen und Bischofferode wie anachronistische Zitate, reine Medienerzählungen anmuten, geht es dennoch um Existenzen. Massenarbeitslosigkeit ist kein Pop.« Und soziale Desintegration, die ja auch und gerade die Arbeitswelt trifft, wie Stahl in seinem eigenen Roman über Herrn Winkler aus der Werbebranche sowie in den vielen Analysen zu New Economy, Kneipen-Jobbern und lyrischen Risikoversuchen zeigt, sind erst recht kein Pop.

Wenn man so will, versucht sich Stahl mühsam an einer Restitution des Realismusbegriffes, den er, an Bertolt Brecht geschult und mithin in Anlehnung an Lukács und an die strukturale Methode von Lucien Goldmann, »analytischen Realismus« nennt. Sein Kennzeichen ist die »analysierende, zergliedernde Betrachtung der Gesellschaft, durchaus auf der Basis empirischer Untersuchungen, empirischen Materials, das sogar in den literarischen Korpus mit einfließen kann.« Das führt Stahl zu einem klaren Bekenntnis: »Die Welt ist nicht so zu erzählen, wie sie erscheint, sondern wie sie ist oder sein könnte.«

Die Welt, wie sie ist und die Welt, wie sie sein könnte, sind jedoch zwei verschiedene Paar Schuhe. Erstere Darstellung würde analogisch einem kritischen Realismus entsprechen, die zweite dem sozialistischen. Da der Sozialismus zur Zeit aber ohne Inhalt, Verweis und Realisierungswahrscheinlichkeit dasteht, fehlt dem menschlichen Sein das entscheidende Entwicklungszentrum – und damit das Ziel, das produktive Gesellschaftsorganisation allein ermöglicht. Aus diesem Grund blühen Obskurantismus und Irrationalismus, nicht nur in der Literatur, sondern in der Kultur generell.

Es wird zurückgeschreckt vor Geschichte und Gegenwart, vor dem Alltag, vor Arbeits- und Sozialbeziehungen als Gegenständen der künstlerischen Durchdringung, geprägt von Leuten, die an keine Zukunft glauben und sie dennoch bestimmen wollen. Das für den Großteil der deutschsprachigen Literatur gezeigt zu haben, ist das absolute Verdienst Enno Stahls.

Eine Leerstelle in seinen Ausführungen ist hingegen die komplette Missachtung der neueren Literatur zur DDR, so als hätte der Bewusstseinsstand einer sozialistischen – und damit von der kapitalistischen deutlich unterscheidbaren – Lebensweise keinerlei Auswirkungen auf die Konstitution deutscher Jetztzeit. In historischer Reminiszenz werden zwar Autoren wie Peter Hacks und der auch im Osten gelesene Peter Weiss lobend erwähnt, ansonsten aber wird die DDR wie so oft zum ignorierbaren Dunkeldeutschland gestempelt.

Wo Stahl zu Recht die kritische Erkenntnisfunktion der Literatur einfordert, die für ihn nur dann sinnvoll und denkbar ist, »wenn ein fortwaltendes historisches Interesse überhaupt existiert«, wäre es wichtig gewesen, den Stellenwert der DDR-Gesellschaft für die Ausgestaltung des »analytischen Realismus« zumindest anzudeuten. Es ist nämlich entscheidend, ob das literarische Bild über die DDR anhand gravierender Ablehnungsprosa von Thomas Brussig, Eugen Ruge oder Uwe Tellkamp, einer zentristischen Sowohl-als-auch-Unentschiedenheit à la Torsten Schulz und Ingo Schulze oder über nachdenklichere Erfahrungswerte, zum Bespiel in den Werken von Volker Braun und Alexander Osang, vermittelt wird.

Es kann begründet vermutet werden, dass sich positive Lebenszusammenhänge, die einstmals staatlich gefördert wurden, länger am Leben erhalten, als sich so manche Gegenwartsideologen vorstellen. Dann müsste auch der »analytische Realismus« bald bereit sein, die jüngeren sozialistischen Traditionen in sich aufzunehmen.