Biologie, Evolution und das globale Gehirn

Biologie, Evolution und das globale Gehirn

Howard Bloom 17.01.1997

Geschichte des globalen Gehirns I

http://www.heise.de/tp/special/glob/default.html

Viele Anhänger der Vision eines globalen Gehirns gehen davon aus, daß eine kollektive Intelligenz erst aus der engen Verknüpfung der Menschen durch die Medien und Computernetze hervorgeht. Der Paläopsychologe Howard Bloom zeigt aber, daß viele Tiere und die Menschen schon immer in einem “Superorganismus” leben, dessen Strukturen sich in ihrer Physiologie mit teilweise erschreckenden Folgen eingeprägt haben. Aus dieser biologischen Perspektive ergibt sich auch eine neue Bewertung der bislang verfemten Evolutionstheorie der “Gruppenselektion”, die das beherrschende Dogma der meisten Evolutionstheoretiker verletzt. Müssen wir in den Gesellschaftswissenschaften und in der Evolutionstheorie radikal umdenken?

Howard Bloom hat seine Perspektive der menschlichen Geschichte und der biologischen Natur des Menschen in seinem letzten Buch “The Lucifer’s Principle” dargestellt. Einige Auszüge findet man hier. Die erste Hälfte der Geschichte des globalen Gehirns bis einschließlich Kapitel XI erscheint als Buch beim Bollmann Verlag. Telepolis wird auch die weiteren Kapitel online veröffentlichen.

Das globale Gehirn und das Dogma der individuellen Selektion

Unlängst wurde in Telepolis ein Kapitel aus dem Buch “The Global Brain Awakens” von Peter Russell veröffentlicht. Peter Russell kündigte hier die Entstehung einer weltweiten, durch Computernetze verbundenen Intelligenz an.

Für den britischen Computerwissenschaftler, Experimentalbiologen und Physiker könnte die Entdeckung überraschend sein, daß Forscher und Theoretiker, die auf Evolution spezialisiert sind, die grundlegenden Voraussetzungen dieser Vision in Frage stellen würden. Der Grund für die Skepsis der Evolutionswissenschaftler ist das sogenannte Konzept der individuellen Selektion. Diese Idee hat gewinnbringende neue Perspektiven auf das menschliche Verhalten eröffnet, nachdem sie vor ungefähr 30 Jahren erstmals gefaßt wurde. Aber seitdem ist dieses Konzept teilweise von einer intellektuellen Brille zu einem blindmachenden Instrument geworden.

Dieser Beitrag wird die wackeligen Wurzeln der individuellen Selektion herausarbeiten und ein Modell – das meine – vorstellen, das die fehlende Verbindung zwischen den Skeptikern – den Evolutionswissenschaftlern – und den Gläubigen herstellen könnte, die man unter den Computerfachleuten findet, welche einen von gemeinsamer Information pulsierenden Planeten erträumen, dem, wie Peter Russell es sagt, ein globales Nervensystem gewachsen ist.

Der wissenschaftliche Hintergrund derjenigen, die eine weltweite Intelligenz vorhersagen, ist makellos. Peter Russell studierte Mathematik und theoretische Physik in Cambridge, arbeitete mit Stephen Hawking, erhielt (noch einmal in Cambridge) einen akamdemischen Titel und promovierte in Experimentalpsychologie. Joel de Rosnay, der Autor des Buches “Das globale Gehirn” (1986), war Direktor für Forschungsanwendungen am Institut Pasteur, Wissenschaftler für Biologie und Computergrafik am MIT und wirkte an der Einrichtung des französischen Zentrums für Systemtheorien und neue Technologien mit. Valentin Turchin, ein zentrales Mitglied der internationalen “Global Brain Study Group” hat eine dreifache Doktorwürde in theoretischer Physik.