Leseprobe

Der Glaube an so etwas wie Fortschritt hat sich in Europa allen Unkenrufen misanthropischer Nörgler, allen geistreichen Einreden von Historikern, allen Bedenken von Philosophen, Soziologen, Ökologen und Kulturanthropologen zum Trotz in den letzten zweihundertfünfzig Jahren hartnäckig zu behaupten gewusst. Nach einem ersten Höhepunkt gegen Ende des 19. Jahrhunderts kam es zu einem Einbruch durch die beiden Weltkriege. Aber in der Nachkriegszeit, als es nach der Zerstörung Europas für einige Jahrzehnte tatsächlich fast überall und für fast alle wieder aufwärts ging, als der Traum von der »nivellierten Mittelstandsgesellschaft« (Schelsky) sich in zahllosen Aufstiegsbiographien zu bestätigen schien, wurde er wieder zum Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt. Auch heute klammern sich noch viele Menschen daran, während um sie herum sich die Vorboten des Niedergangs mehren. Noch immer findet die Idee des Fortschritts anschauliche Nahrung in den immer neuen Höchstleistungen von Wissenschaft und Technik, in der sich ständig beschleunigenden Abfolge, mit der neue und leistungsstärkere Geräte auf den Markt kommen und sich auf der ganzen Welt verbreiten. Der Steigerung unseres Wissens und Könnens, so scheint es, sind keine Grenzen gesetzt.

Was uns im heute weltweiten Westen aber abhanden gekommen ist, ist der historische Richtungssinn. Wir wissen nicht mehr, wohin es mit uns gehen soll, wie wir in Zukunft leben könnten und leben möchten, was den Fortschritt, der über uns kommt wie eine Naturgewalt, fortschrittlich macht, ob er überhaupt noch fortschrittlich ist. Wir marschieren zumeist tapfer weiter, auch wenn wir keinen Kompass haben und nicht wirklich wissen, wohin es geht, erst recht nicht, wohin es gehen sollte. In uns ist eine innere Unruhe, eine Stimme, die uns sagt, dass es so nicht lange weitergehen kann.

Aus dem Vorwort von Johano Strasser zu seinem Buch »Das Drama des Fortschritts« (J.H.W. Dietz, 422 S., geb., 34 €).

neues deutschland, Berlin, 13.11.2015, S. 14