1.1.3 – Bernd Hamm: Was ist Gesellschaft ?

Was ist Gesellschaft?
Gesellschaft, so wollen wir definieren, ist eine Mehrzahl von Menschen, die vieles miteinander gemeinsam haben: Sprache, Kultur, Institutionen, Geschichte, ein Wir-Gefühl, also Identifikation, ein Gebiet, das sie bewohnen, samt seiner Infrastruktur. Die vieles miteinander gemeinsam haben und deshalb miteinander in Beziehung stehen, so müsste man ergänzen, wobei „mit einander in Beziehung stehen“ genauer bedeutet, dass sie etwas austauschen: Informationen, Geld, Gefühle, Befehle, Berührungen, Worte, Gesten etc. Die Gemeinsamkeiten der Sprache, der Institutionen etc. sind die Bedingung dafür, dass der Austausch gelingt. Wenn wir solche Gemeinsamkeiten mit anderen Menschen nicht haben (z.B. gleiche Sprache, gleiche Institutionen etc.), dann ist der Austausch mit ihnen zwar nicht unmöglich, aber viel schwieriger, und deshalb ist er seltener.1
Gemeinsamkeiten schließen ein (nach innen, „uns“) und schließen aus (andere, „sie“), sie definieren Grenzen zwischen Innen und Außen. Grenzen sind die Voraussetzung für die Bestimmung, wer dazu gehört und wer nicht.
Gesellschaft wird meistens alltagssprachlich, aber auch in vielen soziologischen Texten, gleichgesetzt mit dem Nationalstaat als nationale Einheit in staatlichen Grenzen. Das ist keineswegs die einzige Möglichkeit, und oft auch gar nicht befriedigend. „Wir Deutsche“ haben eine gemeinsame historische Erfahrung.
In unserem Fall, Deutschland, beginnt diese gemeinsame Geschichte formal mit der Reichsgründung 1871 (man fragt sich: vorher keine deutsche Gesellschaft? Was war z.B. mit dem Heiligen Römischen Reich deutscher Nation?). Es handelt sich – außer in den Jahren des Nationalsozialismus – um ein föderalistisches Gebilde (sind dann auch die Länder Gesellschaften? Immerhin gab es nach dem Dreißigjährigen Krieg über 300 kleine Fürstentümer, Königreiche oder freie Städte; bis 1934 eine Staatsbürgerschaft der Länder!). Zwischen 1949 und 1990 war diese gemeinsame Geschichte durch die Teilung unterbrochen (ga es nun in Deutschland zwei Gesellschaften?). Wir haben, damit  zusammenhängend, eine gemeinsame Kultur, sofort  erkennbar an der gemeinsamen Sprache, und das galt auch, bei einigen Einschränkungen, während der Jahre der Teilung (aber was ist mit den Deutschsprachigen in anderen Ländern?). Wir haben ein gemeinsames Territorium mit völkerrechtlich anerkannten Grenzen (aber im Verlauf historischer Ereignisse war das immer wieder etwas anderes). Bei genauerem Hinsehen wird jeder Bestandteil der auf den Nationalstaat bezogenen Definition unsicher.3
Die historische Bedingtheit solcher Begriffe miterwähnen bedeutet gleichzeitig, sie auch für die Zukunft nicht als statisch und unveränderbar anzusehen. Was wird die deutsche Gesellschaft der Zukunft sein? Wir erleben derzeit einen Prozess, in dem sich das Staatensystem, das sich in Europa im 19. Jh. vollendet hat, qualitativ verändert. Es ist gut vorstellbar, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft ein europäischer Staat existieren wird mit Teilgesellschaften, die sich eher an regionalen Gemeinsamkeiten bilden als an den heutigen nationalen Staatsgrenzen. Der Nationalstaat war schließlich eine Schöpfung, eine Problemlösung der Vergangenheit, und es lässt sich leicht argumentieren, dass er seine Aufgaben heute unter deutlich veränderten Bedingungen nicht mehr zufriedenstellend erfüllt („Globalisierung“). Es bedeutet aber auch, dass Gesellschafts- und Sozialstrukturanalyse Wege finden muss, mit diesen Unsicherheiten wissenschaftlich nachvollziehbar umzugehen. Auf jeden Fall: Eine eindeutige Definition der deutschen Gesellschaft ist auf diesem Weg nicht zu finden.
Versuchen wir es mit einem anderen Merkmal, den Einwohnern – aber natürlich unterliegt auch deren Bestimmung der wechselnden Festlegung von Grenzen. Wer gehört dazu – und wer nicht? Unzweifelhaft dazu gehören Menschen mit einem deutschen Pass, die sich zurzeit auf dem Gebiet der Bundesrepublik aufhalten. Aber das sind ja nicht alle, denen wir hier begegnen können. Gehören dazu auch die stationierten Militärangehörigen fremder Staaten, immerhin zeitweilig rund 700.000 Amerikaner, Kanadier, Briten, Belgier, Franzosen, Russen (die in der amtlichen Statistik nicht erscheinen)? Wohl eher nein. Wie steht es aber mit den rund sieben Millionen Ausländern, die nach amtlichen Angaben heute in der Bundesrepublik leben (abgesehen davon, dass die Genauigkeit dieser Statistik umstritten ist – vermutet werden etwa eine Million, die illegal hier leben)? Was ist mit den Asylsuchenden, die in Lagern und Wohnheimen auf ihre Anerkennung oder in Gefängnissen auf ihre Abschiebung warten? Was mit den „deutschstämmigen“ Aussiedlern aus Polen, Rumänien, der früheren Sowjetunion, die nach Art. 116 GG deutsche Staatsangehörige sind und was mit den Deutschstämmigen, die nicht nach Deutschland aussiedeln, sondern an ihren Wohnorten im Ausland bleiben wollen? Gehören sie zur deutschen Gesellschaft? Gehören bundesdeutsche Staatsbürger, die zurzeit im Ausland leben, dazu oder nicht? Sind Ausländer, die in Deutschland leben, Mitglieder der deutschen Gesellschaft? Sind sie es womöglich nur dann, wenn sie „integriert“ sind, also z.B. die deutsche Sprache sprechen? Oder geht es generell um die Personen mit deutscher Muttersprache – und was ist dann mit den Österreichern, Deutschschweizern, Elsässern, Luxemburgern, Südbelgiern, Südtirolern – oder gar mit den Siebenbürger Sachsen, mit den Mennoniten in Nordamerika, mit den deutschsprachigen Kolonien in Chile, Argentinien oder Paraguay? Auch so lässt sich keine eindeutige Definition gewinnen.
Ist die Regio Basiliensis eine Gesellschaft – mit gemeinsamer Sprache, aber über drei Nationalstaaten gehend? Oder die Region SaarLorLux mit ihrem moselfränkischen Dialekt – die als Großregion gar Gebiete aus vier Ländern einschließt, davon eines ganz? Ist die Schweiz – mit vier Sprachen – eine Gesellschaft oder sind es vier? Ist Belgien – mit drei Sprachgruppen, die sich zeitweilig heftig bekämpften – eine Gesellschaft? Handelt es sich bei Spanien um eine Gesellschaft oder um mehrere? Und bei Frankreich, das nicht nur im Elsass, in der Bretagne, im Pays d’Oc, im Baskenland und in Korsika  Autonomiebewegungen erlebte, sondern mit den Provinces d’Outre Mer auch noch Überseegebiete zu seinem Hoheitsbereich zählt? Und Indien – nach dem Anthropological Survey mit 325 Sprachen, von denen 32 von mehr als einer Million Menschen gesprochen werden, 18 anerkannte Amtssprachen sind und gar 15 verschiedenen Schriften? Oder Puerto Rico, eine kleine Insel in der Karibik, die von den USA regiert und verwaltet wird und nie eine staatliche Unabhängigkeit kannte? Die Russische Föderation mit ihren zahlreichen nationalen Minderheiten? Kanada mit seinen beiden “founding races” und seinen zahlreichen kulturellen Minderheiten? Gibraltar – auf spanischem Territorium, aber von Großbritannien verwaltet? Kaum ein Nationalstaat, bei dem wir nicht auf erhebliche Probleme stoßen, wenn wir die Frage nach der Bestimmung seiner Gesellschaft stellen. Man wird auf die nationalen Rechtsordnungen verweisen, tatsächlich eine bedeutende institutionelle Gemeinsamkeit und ein wichtiges Bestimmungsmerkmal des Nationalstaates. Aber ist Europa, ist die europäische Rechtsordnung nicht inzwischen viel wichtiger geworden als die nationale? Gewiss haben wir gemeinsame Geschichte, Grenzen, Normen und Institutionen: Haben das nicht auch die Bundesländer?  Sind das also Gesellschaften? oder die Städte und Gemeinden? oder die Europäer – ist also Europa eine Gesellschaft? Ist die Bundesrepublik nicht auch eingebunden in eine Vielzahl internationaler Abkommen und Verträge, Loyalitäten und Verpflichtungen, die ihre Autonomie begrenzen und Einfluss haben auf die Normen, die sich nach innen an uns alle richten? Was ist mit den EG-Verträgen, dem gemeinsamen Binnenmarkt, dem Europäischen Wirtschaftsraum? Was mit dem Maastrichter Vertrag, der Europäischen Verfassung, die so viele neue Kompetenzen an „Brüssel“ übertragen haben? Immerhin beeinflusst „Europa“ direkt oder indirekt den weitaus größten Teil unserer gesamten Gesetzgebung! Ist „Gesellschaft“ nicht vielmehr ein Gebilde, das nur im Wechselspiel äußerer Abhängigkeiten und innerer Strukturen definierbar ist?
Offensichtlich ist die Frage nicht so einfach, wie sie im ersten Moment aussieht und nicht so klar zu beantworten, wie man sich das für eine Definition wünscht. Eine klare Definition von „Gesellschaft“ scheitert daran, dass ein höchst veränderliches, facettenreiches, fließendes Gebilde sprachlich als „ein Ding“, als etwas Festes mit scharfen Konturen, abgebildet werden soll.4
Der Alltagssprache entsteht daraus kein Problem. Auch die Gesellschaftswissenschaften sehen sich dadurch nicht gehindert, die „deutsche Gesellschaft“ zu behandeln, ihre Sozialstruktur darzustellen, ihre Ausprägungen gar historisch herzuleiten.
Wichtig ist an dieser Stelle nur, dass Sprache und Wahrnehmung der realen Welt nicht etwa „objektive“ Vorgänge sind, sondern selbst schon sozialstrukturell eingebunden. Begriffe sind Hilfsmittel der Verständigung, sie hängen mit Interessen zusammen und mit Positionen in Kontexten. Begriffe sind, wie man daran gut erkennen kann, Vereinbarungen. Sie sind nicht wahr oder falsch, sondern zweckmäßig oder unzweckmäßig – bezogen auf Zwecke, auf eine Fragestellung und ein Erkenntnisinteresse. Die sind vorab zu klären, bevor sich im konkreten Fall sagen lässt, was wir als Gesellschaft definieren wollen.
Eindeutig definieren lässt sich nur die Weltgesellschaft – aber das hilft uns nicht viel weiter, weil diese Weltgesellschaft ja nicht gleichzeitig auch Handlungseinheit ist, weil sie nur sehr schwach ausgeprägte Institutionen hat. Für sie gilt, wenn auch in einem sehr weiten, einem in die Zukunft gerichteten, normativen Sinn, die Gemeinsamkeit von Kultur, Geschichte, Rechtssystem, Institutionen.
Auch wenn die noch schwach ausgeprägt erscheinen mögen, ist doch „Die eine Welt“5 für uns alle zunehmend Wirklichkeit und Aufgabe zugleich. Ihre Institutionen sind als Staatensystem organisiert. Aber es gibt keine Teilgesellschaften (mehr), die sich in irgendeinem vernünftigen Sinn als autonom, souverän, unabhängig verstehen ließen. Die organizistische Analogie, die sich die Entwicklung der Weltgesellschaft wie das Entstehen eines Baumes aus einem Samenkorn vorstellt, ist irreführend. Zutreffender ist ein Bild, das die Weltgesellschaft als einen Rahmen sieht, der zunehmend dichter mit Fäden ausgewoben wird (Wallerstein). Alle anderen Einheiten, die als Gesellschaften angesprochen werden können, haben – zusammen mit der inneren Struktur – die äußere Abhängigkeit als Charakteristikum. Das muss sich in Sozialstrukturanalyse wieder finden lassen.  Diese Einsicht hat Konsequenzen, die sich besonders klar erläutern lassen an der Entwicklung einer europäischen Gesellschaft: Vieles spricht dafür, Europa auf dem Weg hin zu einer Gesellschaft zu sehen, auch wenn das noch lange dauern und über viele weitere Schritte führen mag. Das Wesen, der Kern dieser  Gesellschaftswerdung besteht in der Ausbildung gemeinsamer europäischer Institutionen, die wir bereits in reichem Maße haben und die an jedem europäischen Gipfel weiter ausgebaut werden. Das Zusammenwachsen zu einer Gesellschaft geschieht über Institutionenbildung. Dieser so bedeutende Vorgang ist aber nur verständlich, ja nur erkennbar, wenn wir von der Vision einer europäischen Gesellschaft ausgehen, die es ja noch nicht gibt, die erst in Zukunft entstehen soll. Das aber heißt, dass die wirklich wesentlichen Fragen zum Verständnis dieser Gesellschaft aus der Zukunft bezogen werden. Denn es leuchtet unmittelbar ein, dass eine Untersuchung der europäischen Gesellschaft, die z.B. sich auf Daten der nationalen Statistiken der Mitgliedsstaaten stützt, eben dieses zentrale Element der Institutionenbildung gar nicht in den Blick bekommen kann, weil sie Europa begreift als additiv zusammengesetztes Produkt der Nationalstaaten, also aus einem Gesellschaftsmodell der Vergangenheit. Jede Einsicht, die aus solchen Analysen gewonnen werden könnte, bleibt dem nationalstaatlichen Organisationsprinzip verhaftet und geht vorbei an dem bedeutenden Prozess der Gesellschaftswerdung.6
Wir wollen dieses Argument in zwei Richtungen verallgemeinern: Einmal richtet es sich grundsätzlich gegen den Ausschließlichkeitsanspruch einer positivistischen Forschungslogik, die vielmehr relativiert und deren Nutzen jeweils am Forschungsgegenstand begründet werden muss.7
Zum anderen werden wir am Ende dieses Kapitels argumentieren, dass auch die Erkenntnis leitende Idee einer global zukunftsfähigen Entwicklung nur von einer Utopie her, nicht aber durch retrospektive Datenanalyse, gewonnen werden kann. Darin mag einer der Gründe dafür zu suchen sein, dass sich die Soziologie bisher mit dem Thema der globalen Zukunftsfähigkeit (wie übrigens auch mit der Gesellschaftswerdung Europas) nicht intensiv befasst hat. Dies ist selbstverständlich kein Argument gegen Empirie, aber es ist ein Argument gegen eine Auffassung von Empirie, die – überspitzt gesagt – ihren Wahrheitsbeweis nur durch die quantitative Analyse (notwendigerweise vergangener) statistischer Daten zu führen sucht.
Nachdem wir nun diesen traditionellen Gesellschaftsbegriff in Frage gestellt und einen allgemeineren definiert haben, eröffnet sich eine fruchtbarere Perspektive: Gesellschaft, gemäß unserer Definition, gibt es auf vielen Ebenen, angefangen von der lokalen Gemeinde über das Land, den Staat, den Kontinent bis hin zur globalen Gesellschaft. Auf allen Ebenen können wir die oben gegebenen Definitionsmerkmale beobachten. Das ist auch zweckmäßig.
Wir können jetzt feststellen:
(1) Auf jeder Ebene gibt es Gesellschaft im Sinn der Definition.
(2) Alle diese Gesellschaften sind horizontal verflochten mit solchen auf
gleicher Ebene (also Gemeinden mit Gemeinden, Nationalstaaten mit Natio-
nalstaaten etc.).
(3) Alle sind vertikal verflochten mit anderen Ebenen und die Beziehungen sind nicht einfach auf die zwischen jeweils nur zwei Ebenen beschränkt, sondern gehen über alle Ebenen hinweg: Die Gemeinde hat nicht nur Beziehungen mit dem Land, sondern auch mit dem Nationalstaat, mit dem Kontinent, mit der Weltgesellschaft. Gesellschaft verstehen verlangt dann, ihre innere Wirkungsweise in ihren äußeren Abhängigkeiten zu untersuchen. Leider wird die Sache noch komplizierter.

Fussnoten:
1 – vgl. auch den Begriff von Gesellschaft in anderen Sozialstrukturanalysen, z.B. bei Schäfers,
2004 oder in soziologischen Wörterbüchern wie z.B. Endruweit,/Trommsdorff, 2002, 195 ff.
2 – Für eine eingehende Diskussion dieses Themas vgl.: Kneer/Nassehi/Schroer (Hg.), 2001
3 – vgl. auch die Diskussion bei Endruweit, 1995, 142 ff.
4 – u.a. auch: Tenbruck, 1989
5 – Nolte, 1982
6 – vgl. dazu die Kontroverse zwischen Haller, 1992 und Hamm, 1993, samt der Reaktion von Haller, 1993
7 – das wurde bereits im „Positivismusstreit“ ähnlich vorgetragen, vgl.: Adorno, 1968