– ethik

Moral der Menschheit / Weltethos

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Als Bezeichnung für eine philosophische Disziplin wurde der Begriff Ethik von Aristoteles eingeführt, der damit die wissenschaftliche Beschäftigung mit Gewohnheiten, Sitten und Gebräuchen (ethos) meinte, wobei allerdings schon seit Sokrates die Ethik ins Zentrum des philosophischen Denkens gerückt war (Sokratische Wende). Hintergrund war dabei die bereits von den Sophisten vertretene Auffassung, dass es für ein Vernunftwesen wie den Menschen unangemessen sei, wenn dessen Handeln ausschließlich von Konventionen und Traditionen geleitet wird. Aristoteles war der Überzeugung, menschliche Praxis sei grundsätzlich einer vernünftigen und theoretisch fundierten Reflexion zugänglich. Ethik war somit für Aristoteles eine philosophische Disziplin, die den gesamten Bereich menschlichen Handelns zum Gegenstand hat und diesen Gegenstand mit philosophischen Mitteln einer normativen Beurteilung unterzieht und zur praktischen Umsetzung der auf diese Weise gewonnenen Erkenntnisse anleitet.

Die allgemeine Ethik – die im Folgenden einfach als Ethik bezeichnet wird – wird heute als eine philosophische Disziplin verstanden, deren Aufgabe es ist, Kriterien für gutes und schlechtes Handeln und die Bewertung seiner Motive und Folgen aufzustellen. Sie ist die Grundlagendisziplin der Angewandten Ethik, die sich als Individualethik und Sozialethik sowie in den Bereichsethiken mit den normativen Problemen des spezifischen Lebensbereiches befasst.

Die Ethik baut als philosophische Disziplin allein auf das Prinzip der Vernunft. Darin unterscheidet sie sich vom klassischen Selbstverständnis theologischer Ethik, die sittliche Prinzipien als in Gottes Willen begründet annimmt und insofern im Allgemeinen den Glauben an eine göttliche Offenbarung voraussetzt. Besonders im 20. Jahrhundert haben allerdings Autoren wie Alfons Auer theologische Ethik als weitgehend autonom zu konzipieren versucht.

Das Ziel der Ethik ist die Erarbeitung von allgemeingültigen Normen und Werten. Sie ist abzugrenzen von einer deskriptiven Ethik, die keine moralischen Urteile fällt, sondern die tatsächliche, innerhalb einer Gesellschaft gelebte Moral mit empirischen Mitteln zu beschreiben versucht. Die Metaethik, die sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts als eigenständige Disziplin entwickelte, reflektiert die allgemeinen logischen, semantischen und pragmatischen Strukturen moralischen und ethischen Sprechens und stellt insofern die Grundlage für die deskriptive und normative Ethik dar.

Moralische Handlungen

Im Mittelpunkt deontologischer Ethiken steht der Begriff der Handlung. Sie wird in erster Annäherung definiert als „eine von einer Person verursachte Veränderung des Zustands der Welt“. Die Veränderung kann eine äußere, in Raum und Zeit beobachtbare oder eine innere, mentale Veränderung sein. Auch die Art und Weise, wie man von außen einwirkenden Ereignissen begegnet, kann im weiteren Sinne als Handlung bezeichnet werden.

Absicht und Freiwilligkeit

Handlungen unterscheiden sich von Ereignissen dadurch, dass wir als ihre Ursache nicht auf ein weiteres Ereignis verweisen, sondern auf die Absicht des Handelnden. Die Absicht (intentio; nicht zu verwechseln mit dem juristischen Absichtsbegriff, dem dolus directus 1. Grades) ist ein von der Handlung selbst zu unterscheidender Akt. Geplanten Handlungen liegt eine zeitlich vorausgehende Absicht zugrunde. Wir führen die Handlung so aus, wie wir sie uns vorher schon vorgenommen hatten. Der Begriff der Absicht ist von dem der Freiwilligkeit zu unterscheiden. Die Freiwilligkeit ist eine Eigenschaft, die zur Handlung selbst gehört. Der Begriff der Freiwilligkeit ist weiter als der der Absicht; er umfasst auch die spontanen Handlungen, bei denen man nicht mehr von Absicht im engeren Sinne sprechen kann.

Wissen und Willen

Eine Handlung ist dann freiwillig, wenn sie mit Wissen und Willen durchgeführt wird.

Die Unwissenheit kann dabei allerdings nur dann die Freiwilligkeit einer Handlung aufheben, wenn die handelnde Person sich nach besten Kräften vorher informiert hat, und sie mit dem ihr fehlenden Wissen anders gehandelt hätte. War dem Handelnden eine Kenntnis der Norm oder der Folgen zuzumuten, ist er für ihre Übertretung verantwortlich (ignorantia crassa oder supina). Noch weniger entschuldigt jene Unkenntnis, die absichtlich zum Vermeiden eines Konflikts mit der Norm herbeigeführt wurde (ignorantia affectata), wenn also z. B. bewusst vermieden wird, sich über ein Gesetz zu informieren, um sagen zu können, man hätte von einem bestimmten Verbot nicht gewusst. Das Sprichwort sagt zu Recht: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“. Auch im deutschen Strafrecht wird diesem Sachverhalt Rechnung getragen. So heißt es z. B. in § 17 StGB:

„Fehlt dem Täter bei Begehung der Tat die Einsicht, Unrecht zu tun, so handelt er ohne Schuld, wenn er diesen Irrtum nicht vermeiden konnte. Konnte der Täter den Irrtum vermeiden, so kann die Strafe nach § 49 Abs. 1 gemildert werden.“

Für die sittliche Bewertung einer Handlung ist außerdem das effektive Wollen wesentlich, die Absicht ihrer Verwirklichung. Das setzt voraus, dass zumindest der Handelnde der Auffassung war, dass ihm eine Verwirklichung seiner Absicht möglich sei, d. h. dass das Ergebnis von seinem Handeln kausal herbeigeführt werden könne. Unterliegt der Handelnde einem äußeren Zwang, hebt dieser die Freiwilligkeit der Handlung im Allgemeinen auf.

Das Ziel menschlichen Handelns

Im Mittelpunkt teleologischer Ethiken steht die Frage, was ich mit meiner Handlung letztlich bezwecke, welches Ziel ich mit ihr verfolge. Der Begriff „Ziel“ (finis, telos;) ist hier insbesondere als „letztes Ziel“ oder „Endziel“ zu verstehen, von dem all mein Handeln bestimmt wird.

Glück als letztes Ziel

Das Glück als letztes Ziel des menschlichen Lebens – Allegorie von Angelo Bronzino

In der Tradition wird als letztes Ziel des Menschen häufig das Glück oder die Glückseligkeit (beatitudo) genannt. Der Ausdruck „Glück“ wird dabei in einem mehrdeutigen Sinne gebraucht:

  • zur Bezeichnung eines gelungenen und guten Lebens, dem nichts Wesentliches fehlt („Lebensglück“, eudaimonia)
  • zur Bezeichnung günstiger Lebensumstände („Zufallsglück“, eutychia)
  • zur Bezeichnung des subjektiven Wohlbefindens (Glück als Lust, hedone)

Philosophiegeschichtlich konkurrieren die Bestimmungen von Glück als „Lebensglück“ und als subjektives Wohlbefinden miteinander. Für die Eudämonisten (Platon, Aristoteles) ist Glück die Folge der Verwirklichung einer Norm, die als Telos im Wesen des Menschen angelegt ist. Glücklich ist dieser Konzeption zufolge vor allem, wer auf vernünftige Weise tätig ist.

Für die Hedonisten (Sophisten, klassische Utilitaristen) gibt es kein zu verwirklichendes Telos des Menschen mehr; es steht keine objektive Norm zur Verfügung, um zu entscheiden, ob jemand glücklich ist. Dies führt zu einer Subjektivierung des Glücksbegriffs. Es obliege allein dem jeweiligen Individuum, zu bewerten, ob es glücklich ist. Glück wird hier mit dem Erreichen von Gütern wie Macht, Reichtum, Ruhm etc. gleichgesetzt.

Sinn und Ziel

Das Wort „Sinn“ bezeichnet grundsätzlich die Qualität von etwas, das dieses verstehbar macht. Wir verstehen etwas dadurch, indem wir erkennen, worauf es „hingeordnet“ ist, wozu es dient. Die Frage nach dem Sinn steht also in einem engen Zusammenhang mit der Frage nach dem Ziel oder Zweck von etwas. Auch der Sinn einer Handlung oder gar des ganzen Lebens kann nur beantwortet werden, wenn die Frage nach seinem Ziel geklärt ist. Eine menschliche Handlung bzw. ein gesamtes Leben ist dann sinnvoll, wenn es auf dieses Ziel hin ausgerichtet ist.

Der Begriff „gut“

„Gut“ gehört wie der Begriff „seiend“ zu den ersten und daher nicht mehr definierbaren Begriffen. Es wird zwischen einem adjektivischen und einem substantivischen Gebrauch unterschieden.

Als Adjektiv bezeichnet das Wort „gut“ generell die Hinordnung eines „Gegenstandes“ auf eine bestimmte Funktion oder einen bestimmten Zweck. So spricht man z. B. von einem „guten Messer“, wenn es seine im Prädikator „Messer“ ausgedrückte Funktion erfüllen – also z. B. gut schneiden kann. Analog spricht man von einem „guten Arzt“, wenn er in der Lage ist, seine Patienten zu heilen und Krankheiten zu bekämpfen. Ein „guter Mensch“ ist demnach jemand, der in seinem Leben auf das hin ausgerichtet ist, was das Menschsein ausmacht, also dem menschlichen Wesen bzw. seiner Natur entspricht.

Als Substantiv bezeichnet das Wort „das Gut“ etwas, auf das hin wir unser Handeln ausrichten. Wir gebrauchen es normalerweise in dieser Weise, um „eine unter bestimmten Bedingungen vollzogene Wahl als richtig oder gerechtfertigt zu beurteilen“.  So kann beispielsweise eine Aussage wie „Die Gesundheit ist ein Gut“ als Rechtfertigung für die Wahl einer bestimmten Lebens- und Ernährungsweise dienen. In der philosophischen Tradition war man der Auffassung, dass prinzipiell jedes Seiende – unter einer gewissen Rücksicht – Ziel des Strebens sein könne („omne ens est bonum“). Daher wurde die „Gutheit“ des Seienden zu den Transzendentalien gerechnet.

Gemäß der Analyse von Richard Mervyn Hare werden wertende Wörter wie „gut“ oder „schlecht“ dazu verwendet, in Entscheidungssituationen Handeln anzuleiten bzw. Empfehlungen zu geben. Die Wörter „gut“ oder „schlecht“ haben demnach keine beschreibende (deskriptive) sondern eine vorschreibende (präskriptive) Funktion.

Dies kann an einer außermoralischen Verwendung des Wortes „gut“ verdeutlicht werden. Wenn ein Verkäufer zum Kunden sagt: „Dies ist ein guter Wein“, dann empfiehlt er den Kauf dieses Weines, er beschreibt damit jedoch keine wahrnehmbare Eigenschaft des Weines. Insofern es jedoch sozial verbreitete Bewertungsstandards für Weine gibt (er darf nicht nach Essig schmecken, man darf davon keine Kopfschmerzen bekommen etc.), so bedeutet die Bewertung des Weines als „gut“, dass der Wein diese Standards erfüllt und dass er somit auch bestimmte empirische Eigenschaften besitzt.

Die Bewertungskriterien, die an eine Sache angelegt werden, können je nach dem Verwendungszweck variieren. Ein herber Wein mag als Tafelwein gut, für sich selbst getrunken dagegen eher schlecht sein. Der Verwendungszweck einer Sache ist keine feststehende Eigenschaft der Sache selbst sondern beruht auf menschlicher Setzung. Eine Sache ist „gut“ – immer bezogen auf bestimmte Kriterien. Wenn der Verkäufer sagt: „Dies ist ein sehr guter Tafelwein“ dann ist er so, wie er gemäß den üblichen Kriterien für Tafelwein sein soll.

Wenn das Wort „gut“ in moralischen Zusammenhängen gebraucht wird („Dies war eine gute Tat“), so empfiehlt man die Tat und drückt aus, dass sie so war, wie sie sein soll. Man beschreibt damit jedoch nicht die Tat. Wird auf allgemein anerkannte moralische Kriterien Bezug genommen, drückt man damit zugleich aus, dass die Tat bestimmte empirische Eigenschaften besitzt, z. B. eine Zurückstellung des Eigeninteresses zugunsten überwiegender Interessen von Mitmenschen.

Das Gute

Kontinentale Philosophie

Auch außerhalb der angelsächsischen Philosophie sind Gegenpositionen zum Non-Kognitivismus formuliert worden. Manche christliche Philosophen treten für die Existenz eines Guten an sich ein. Dieses Gute sei nicht nur auf ein Subjekt bezogen gut, sondern in sich selbst. Das Gute sei auch ein ontologisch Wahres. Zu den Vertretern dieser Auffassung gehören Dietrich von Hildebrand und Josef Seifert.  Albert Schweitzer stellt in seiner Schrift Kultur und Ethik die Frage nach einem „allgemeinsten Begriff des Guten“.  In kritischer Auseinandersetzung mit den früheren Ansätzen, die er für „durchweg fragmentarisch“ hält,  kommt er zum Ergebnis: „Gut ist, Leben erhalten und Leben fördern“. Alles, was unter ethischem Gesichtspunkt als gut gelte, lasse sich zurückführen „auf materielle und geistige Erhaltung oder Förderung von Menschenleben und auf das Bestreben, es auf seinen höchsten Wert zu bringen“.  Als erhaltens- und fördernswert betrachtet Schweitzer aber nicht nur menschliches Leben, sondern das Leben schlechthin. Er verbindet sein Konzept der Ehrfurcht vor dem Leben mit seiner Definition des Guten als Erhaltung und Förderung des Lebens, indem er feststellt, das Gute bestehe „im letzten Grunde in der elementaren Ehrfurcht vor dem Rätselhaften, das wir Leben nennen“, und zwar „Ehrfurcht vor allen seinen Erscheinungen, den kleinsten wie den größten“.

Martin Buber betrachtet das Gute als anthropologische Wirklichkeit und gibt als dessen Merkmal den „Charakter der Richtung“ an, einer Richtung, für die der Mensch sich entscheiden kann: „Richtung auf die Person, die mit mir gemeint ist“, auf die „unwiederholbare Wesensform“ des Individuums, oder auch Richtung zu Gott als dem Urheber dieser Einzigkeit. Das so begriffene Gute sei in kein ethisches Koordinatensystem einzuordnen, sondern stehe über allen Systemen, da sie um seinetwillen entstanden seien und bestünden.

Der marxistische Philosoph Ernst Bloch befasst sich in seinem Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung eingehend mit der Geschichte des Begriffs „höchstes Gut“ und weist ihm auch eine aktuelle Bedeutung zu. Er charakterisiert es als „absolute Bedarfdeckung“ und als „Reich der Freiheit“ und bestimmt es als das „Zweckideal der menschlichen Geschichte“, das intendierte Endziel, das in einer Zukunft liege, „in die die unerfüllte Augenblickswelt immer weiter treibt“. „Das höchste Gut ist selber dieses noch nicht gebildete, in der Tendenz des Prozesses letzthin bedeutete, in der Latenz des Prozesses letzthin realmögliche Ziel.“

Hans Jonas setzt sich kritisch mit Blochs Einstufung von Vergangenheit und Gegenwart als vorläufig und „Noch-nicht-Sein“ im Hinblick auf eine erhoffte Zukunft auseinander. Er hält es für notwendig, die Forderung der Güte „vom Köder der Utopie freizumachen“, um ihr realistisch und ohne übermäßige Erwartung Folge zu leisten.  Für Jonas ist das Gute unauffällig, es tritt meist nur auf dem Umweg über das „unendlich leichter“ erkennbare, sich aufdrängende Schlimme ins Bewusstsein.

Die chinesischen Philosophen befassten sich vor allem mit der Frage, ob das Gute im Menschen naturgegeben oder ein Zivilisationsprodukt ist. Der oft mit „Güte“ bzw. englisch „goodness“ übersetzte Begriff ren (chinesisch 仁, W.-G. jen) bedeutet „Menschlichkeit“, „Humanität“, „Menschenfreundlichkeit“. Im Konfuzianismus bezeichnet er eine grundlegende Tugend. Sein Inhalt entspricht aber nicht dem des umfassenderen Begriffs „Gutheit“ im Sinn der europäischen philosophischen Tradition; gemeint ist ein sozial angemessenes, höfliches und wohlwollendes Verhalten. Auch , gewöhnlich mit „Rechtschaffenheit“ oder „Gerechtigkeit“ übersetzt, ist nicht mit „Gutheit“ gleichzusetzen. Das chinesische Wort für „Gutheit“, shàn, bezeichnet das Gutsein im moralischen Sinn, aber auch allgemein „Tüchtigkeit“, „Tauglichkeit“ ohne ethische Konnotation. Im philosophischen Diskurs spielt shàn eine Rolle in den Erörterungen der Frage, ob die angeborene menschliche Natur an sich gut oder schlecht ist.

Konfuzius setzte sich mit diesem Problem nicht auseinander, sondern beschränkte sich darauf, die Einheitlichkeit der angeborenen Menschennatur festzustellen.  Der bekannteste Vertreter der Lehre von der angeborenen Gutheit der menschlichen Natur ist der einflussreiche Konfuzianer Mengzi (Mencius, 4. Jahrhundert v. Chr.). Er lehrte, alle Menschen seien den Regungen des Herzens nach von Haus aus gleichermaßen gut, was man am spontanen Verhalten der Kinder erkennen könne; das Böse beruhe auf Verbildung, auf fehlgeleiteten Begierden und ungünstigen Lebensumständen. Daher brauche man nur das Ursprüngliche zu pflegen und zu bewahren. Die menschliche Gutheit betrachtete Mengzi als Aspekt einer insgesamt guten Beschaffenheit der Weltnatur. Das Böse hat für ihn keine eigenständige Existenz, es besteht nur im Verlust des ursprünglich vorhandenen Guten. Mengzis älterer Zeitgenosse Gaozi hingegen war der Ansicht, die menschliche Natur sei ursprünglich ethisch neutral; sie könne sich, wie Wasser nach jeder Richtung fließen kann, zum Guten oder zum Bösen entwickeln.

Eine radikale Gegenposition zu Mengzis Auffassung vertrat im 3. Jahrhundert v. Chr. Xunzi, der ebenfalls Konfuzianer war. Er meinte, die angeborene Natur des Menschen sei schlecht, sie sei von Gier und Neid geprägt, was zur Gewalttätigkeit führe. Man könne diese Natur nicht verändern, sondern ihr nur per Willensakt etwas Gegenteiliges entgegensetzen. Das Gute müsse künstlich durch Erziehung erzeugt werden, was Überwindung der menschlichen Natur bedeute. In der Weltnatur sei nichts im ethischen Sinne Gutes anzutreffen; es gebe keinen wohlwollenden Himmel, die menschlichen Bedürfnisse seien dem Universum gleichgültig. Xunzi betrachtete das Gute als Errungenschaft des Menschen, die dieser entgegen seiner eigenen Natur und der Natur des Kosmos hervorbringe, indem er sich von der Natur abwende.

Eine extreme Ausprägung fand die Lehre von der natürlichen Schlechtigkeit der Menschennatur in der Schule des Legalismus. Deren Wortführer, der Philosoph Han Fei und der Politiker Li Si, waren Schüler Xunzis, wandten sich aber vom Konfuzianismus ab. Nach der legalistischen Lehre tut der Mensch von sich aus – von seltenen Ausnahmen abgesehen – nichts Gutes. Daher ist es Aufgabe des Staates, ihn vom Schlechten abzuhalten. Die angeborene menschliche Schlechtigkeit kann nur durch drastische staatliche Strafandrohungen gezügelt werden. Ethische Grundsätze sind in der Praxis wirkungslos, nur auf den Gehorsam gegenüber den Gesetzen kommt es an.

Im Konfuzianismus des Altertums bezeichnete das Wort die traditionelle Sittlichkeit, die Gesamtheit der anerkannten ethischen Normen. Im Neukonfuzianismus, der sich in der Zeit der Song-Dynastie herausgebildet hat, spielt der damit nicht zu verwechselnde Begriff   („Ordnungsprinzip“, „Weltordnung“) eine zentrale Rolle.  Darunter verstehen neukonfuzianische Denker ein grundlegendes kosmologisches Prinzip. Für die philosophische Bestimmung dieses Prinzips wurde die von dem sehr einflussreichen Neukonfuzianer Zhu Xi († 1200) begründete Schulrichtung wegweisend. Zhu Xi postulierte eine objektive sittliche Weltordnung, der er neben ihrer moralischen Bedeutung zugleich auch eine ontologische und kosmologische Realität zuschrieb. Nach seiner Lehre ist li das unveränderliche, formgebende Ordnungsprinzip „oberhalb der Gestaltungsebene“, das den sinnlich wahrnehmbaren Dingen deren Sein und Gestalt und zugleich die Gutheit verleiht. Somit ist dieses Prinzip nach seiner Funktion und seinem ontologischen Status der platonischen Idee des Guten vergleichbar. Da li gut ist, sind auch seine Erzeugnisse, darunter die menschliche Natur, eigentlich gut. Wegen der Mangelhaftigkeit der Materie weist die Sinneswelt aber Unvollkommenheiten auf, auf die das Böse und Schlechte zurückzuführen ist.

Das höchste Gut

Als das höchste Gut (summum bonum) wird das bezeichnet, was nicht nur unter einer bestimmten Rücksicht (für den Menschen) gut ist, sondern schlechthin, da es dem Menschen als Menschen ohne Einschränkung entspricht. Es ist identisch mit dem „unbedingt Gesollten“. Seine inhaltliche Bestimmung hängt ab von der jeweiligen Sicht der Natur des Menschen. In der Tradition wurden dabei die unterschiedlichsten Lösungsvorschläge präsentiert:

  • das Glück (Eudämonismus)
  • die Lust (Hedonismus, klassischer Utilitarismus)
  • Macht (Machiavelli)
  • Einheit mit Gott bzw. Gott selbst (christliche Philosophie)
  • Erwachen (bodhi) zu Weisheit und Mitgefühl (Buddhismus)
  • Bedürfnisbefriedigung (Hobbes)
  • Einheit von Tugend und Glück (Kant)
  • Freiheit (Sartre)

Das Problem des Bösen

Trotz der teilweise apokalyptischen geschichtlichen Ereignisse des 20. Jahrhunderts wird der Begriff „böse“ in der Umgangssprache nur noch selten gebraucht. Stattdessen werden meist die Begriffe „schlecht“ („ein schlechter Mensch“) oder „falsch“ („die Handlung war falsch“) verwendet. Das Wort „böse“ gilt im gegenwärtigen Bewusstsein generell als metaphysikverdächtig und aufgrund der allgemeinen Dominanz des naturwissenschaftlichen Denkens als überholt.

In der philosophischen Tradition wird das Böse als eine Form des Übels betrachtet. Klassisch geworden ist die Unterscheidung von Leibniz zwischen einem metaphysischen (malum metaphysicum), einem physischen (malum physicum) und einem moralischen Übel (malum morale). Das metaphysische Übel besteht in der Unvollkommenheit alles Seienden, das physische Übel in Schmerz und Leid. Diese Übel sind Widrigkeiten, die ihren Ursprung in der Natur haben. Sie sind nicht „böse“, da sie nicht das Ergebnis des (menschlichen oder allgemeiner gesagt geistigen) Willens sind. Das moralische Übel oder das Böse hingegen besteht in der Nicht-Übereinstimmung einer Handlung mit dem Sittengesetz bzw. Naturrecht. Es kann, wie Kant betont, nur „die Handlungsart, die Maxime des Willens und mithin die handelnde Person selbst“ böse sein. Das Böse ist also als Leistung oder besser Fehlleistung des Subjekts zu verstehen.

Reduktionistische Erklärungsversuche

Die Verhaltensforschung führt das Böse auf die allgemeine „Tatsache“ der Aggression zurück. Diese sei einfachhin ein Bestandteil der menschlichen Natur und als solcher moralisch irrelevant. Daher spricht Konrad Lorenz auch vom „sogenannten Bösen“. Dieser Erklärung wird von Kritikern eine reduktionistische Betrachtungsweise vorgeworfen. Sie übersehe, dass dem Menschen auf der Grundlage der Freiheit die Möglichkeit gegeben ist, zu seiner eigenen Natur Stellung zu nehmen.

In der Philosophie stellte sich bereits Platon die Frage, wie das Böse überhaupt möglich sei. Das Böse werde nur getan, weil jemand im irrtümlichen Glauben annimmt, er (oder jemand) habe einen Nutzen davon. Somit wolle er aber den mit dem Bösen verbundenen Nutzen. Das Böse um seiner selbst willen könne niemand vernünftigerweise wollen:

„Sokrates: So ist denn doch klar, dass diejenigen, welche es nicht kennen, nicht das Böse begehren, sondern vielmehr das, was sie für gut halten, während es böse ist; so daß diejenigen, welche es nicht kennen und es für gut halten, offenbar eigentlich das Gute begehren. Oder nicht?
Sokrates: Und weiter: Diejenigen, welche das Böse begehren, wie du behauptest, während sie doch glauben, dass das Böse dem schade, welchem es zuteil wird, erkennen doch wohl, daß sie von ihm Schaden nehmen werden?
Menon: Notwendig.
Sokrates: Diese aber, halten sie nicht die, welche Schaden leiden, für elend, sofern sie Schaden leiden?
Menon: Notwendig auch das.
Sokrates: Halten sie die Elenden aber nicht für unglücklich?
Menon: Ich meine doch.
Sokrates: Gibt es nun einen Menschen, welcher elend und unglücklich sein will?
Menon: Ich denke nicht, Sokrates.
Sokrates: Niemand also will das Böse, Menon; wenn anders er nicht ein solcher sein will. Denn was heißt elend sein anders, als das Böse begehren und es besitzen?

Nicht-reduktionistische Erklärungsversuche

Dieses in der Antike noch weit verbreitete Verständnis, das Böse ließe sich durch die Vernunft überwinden, wird allerdings durch die geschichtlichen Erfahrungen, insbesondere die des 20. Jahrhunderts in Frage gestellt. Diese lehren in den Augen vieler Philosophen der Gegenwart, dass der Mensch durchaus im Stande sei, das Böse auch um seiner selbst willen zu wollen.

Als Motiv für das Böse kann zunächst einmal der Egoismus ausgemacht werden. Er äußert sich in vielen Spielarten. In seiner harmlosen Variante zeigt er sich im Ideal einer selbstbezogenen Bedürfnisbefriedigung. In dieser Form stellt er letztlich auch die „Vertragsgrundlage“ des Utilitarismus dar, der nichts anderes als einen Interessensausgleich zwischen den Individuen schaffen möchte. Dieser Aspekt trifft – wie die geschichtliche Erfahrung zeigt – noch nicht den eigentlichen Kern des Bösen. Dieser wird erst dann sichtbar, wenn die eigene Bedürfnisbefriedigung nicht mehr im Vordergrund steht:

„Die eigentliche Struktur des Bösen aber […] zeigt sich erst dort, wo dieser utilitaristische Bezug nicht leitend ist, sondern die zwecklose, ja sogar widersinnige Freude an der reinen Destruktion vorherrscht. Erst hier entdeckt man die unheimlichen Züge des menschlichen Ich: der Machtrausch der Zerstörung genießt“
– Schulz: Philosophie in der veränderten Welt. S. 725:

Die Ursache dieses „radikal Bösen“ ist nach Kant weder in der Sinnlichkeit noch in der Vernunft zu sehen, sondern in einer „Verkehrtheit des Herzens“, in der sich das Ich gegen sich selbst wendet:

„Die Bösartigkeit der menschlichen Natur ist also nicht sowohl Bosheit, wenn man dieses Wort in strenger Bedeutung nimmt, nämlich als eine Gesinnung (subjektives Prinzip der Maximen), das Böse als Böses zur Triebfeder in seine Maxime aufzunehmen (denn die ist teuflisch); sondern vielmehr Verkehrtheit des Herzens, welches nun, der Folge wegen, auch ein böses Herz heißt, zu nennen.“
– Kant: Die Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft. S. 686

Dieser Grundgedanke Kants von der Selbstwidersprüchlichkeit des Ichs als Ursache des Bösen wird vor allem in der Philosophie des Idealismus noch einmal vertieft. Schelling unterscheidet zwischen einem alle Bindung verneinenden „Eigenwillen“ und einem sich in Beziehungen gestaltenden „Universalwillen“. Die Möglichkeit zum Bösen bestehe darin, dass der Eigenwille sich seiner Integration in den Universalwillen widersetzt.

„Das Prinzip, sofern es aus dem Grunde stammt und dunkel ist, ist der Eigenwille der Kreatur, der aber, sofern er noch nicht zur vollkommenen Einheit mit dem Licht (als Prinzip des Verstandes) erhoben ist (es nicht faßt), bloße Sucht oder Begierde, d. h. blinder Wille ist. Diesem Eigenwillen der Kreatur steht der Verstand als Universalwille entgegen, der jenen gebraucht und als bloßes Werkzeug sich unterordnet.“
– Friedrich Wilhelm Joseph Schelling: Philosophische Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit und die damit zusammenhängenden Gegenstände. S. 459

Das radikal Böse bewirke einen Umsturz der Ordnung in mir selbst und in Bezug zu anderen. Es erfolge um seiner selbst willen, denn „wie es einen Enthusiasmus zum Guten gibt, ebenso gibt es eine Begeisterung des Bösen“.

Nach der klassischen Lehre (Augustinus, Thomas von Aquin etc.) ist das Böse selbst letztlich substanzlos. Als privativer Gegensatz des Guten besteht es nur in einem Mangel (an Gutem). Im Gegensatz zum absolut Guten (Gott) gibt es demnach das absolut Böse nicht.

Praktische Probleme der Ethik

Das Durchsetzungsproblem

Das Durchsetzungsproblem der Ethik besteht darin, dass die Einsicht in die Richtigkeit ethischer Prinzipien zwar vorhanden sein kann, daraus aber nicht automatisch folgt, dass der Mensch auch im ethischen Sinne handelt. Die Einsicht in das richtige Handeln bedarf einer zusätzlichen Motivation oder eines Zwangs.

Das Problem erklärt sich daraus, dass die Ethik einerseits und das menschliche Eigeninteresse als Egoismus andererseits oft einen Gegensatz bilden. Das Durchsetzungsproblem gewinne zudem durch die weltweite Globalisierung eine neue Dimension, die zu einer Ethik der Neomoderne führe.

Beispiel

Die Tatsache, dass die Menschen im Land X Hunger leiden und ihnen geholfen werden sollte, ja es moralisch geboten erscheint, ihnen zu helfen, wird niemand bestreiten. Die Einsicht es auch zu tun, einen Großteil seines Vermögens dafür herzugeben, wird es im nennenswerten Umfang erst geben, wenn eine zusätzliche Motivation auftaucht, etwa die Gefahr einer Hungermigration ins eigene Land unmittelbar bevorsteht.

Das Durchsetzungsproblem zeigt sich auf andere Weise auch in der Erziehung, etwa wenn fest verinnerlichte Verhaltensregeln später auf entwickelte ethische Prinzipien stoßen.

Angewandte Ethik

Die angewandte Ethik ist ein Teilbereich der allgemeinen Ethik. Teilbereiche der angewandten Ethik (oder Bereichsethik) sind beispielsweise Medizinethik, Umweltethik und Wirtschaftsethik. Aufgabe der verschiedenen Bereichsethiken ist es, in Kommissionen, auf Instituten usw. Normen oder Handlungsempfehlungen für bestimmte Bereiche zu erarbeiten.

Ohne Big Data geht es auch

Wir sollten die digitale Technik weniger als technischen Fortschritt diskutieren, sondern eher auf das Gesellschaftsbild achten, das den entsprechenden Geschäftsmodellen zugrunde liegt. Von Ralf Hutter

Die ganzen Daten der letzten zehn Jahre und die darauf aufbauende Künstliche Intelligenz gehören Google, Microsoft, Facebook, IBM und Amazon.« Evgeny Morozov wurde seinem Weltruf als großer Kritiker der »Datenextraktivismus-Industrie«, wie er es nennt, gerecht, als er kürzlich auf einem Kongress der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin einen Vortrag über die Aussichten hielt, die uns der digitale Kapitalismus bietet. »Letztendlich wird nach der Automatisierung der Industrie und der öffentlichen Verwaltung, wo dann die Künstliche Intelligenz regiert, alles etwas kosten, und es werden vier oder fünf Firmen dahinterstehen«, führte Morozov auf dem Podium aus. Der 1984 in Belarus geborene und heute in den USA lebende Publizist sagt: Die Städte werden in absehbarer Zeit voller Sensoren sein, gleichzeitig entwickeln mehrere Firmen Software für die mobile Bezahlung von Kleinstbeträgen – also werden wir irgendwann für kleinste Annehmlichkeiten im öffentlichen Raum zur Kasse gebeten werden. Alternative Unternehmen könnten sich nicht mehr durchsetzen, denn die Unmengen an Daten, die für die neuen Geschäftsmodelle nötig sind, seien für sie gar nicht mehr erreichbar.

Morozov trat damit Barcelonas Beauftragter für Technologie und digitale Innovation Francesca Bria entgegen, die mit ihm auf dem Podium saß. Barcelona will unter der Regierung eines von Basisbewegungen geprägten Bündnisses mit seinem im Aufbau befindlichen Netzwerk »rebellischer Städte« den Wandel hin zu technologischer Souveränität anführen. Das bedeutet Kampf gegen die Abhängigkeit der Städte von Konzernen bei der Digitalisierung ihrer Dienstleistungen und Infrastruktur. Gefördert werden sollen Bürgerbeteiligung, alternative Geschäftsmodelle, Freie Software und dergleichen. Laut Morozov müssen die Lösungen aber nicht nur auf der lokalen Ebene gesucht werden.

Die Debatte zeigt vor allem eines: Die Gesellschaft kommt nicht darum herum, im digitalen Bereich alternative Herangehensweisen und Wirtschaftsmodelle zu suchen. Initiativen wie die in Barcelona werden also zumindest teilweise begrüßenswerte Ergebnisse hervorbringen. Morozov hingegen gab in Berlin den großen Skeptiker, der keinen Ausweg erkennt. Für Morozov sind Konzerne wie Google und Facebook bereits uneinholbar enteilt; er kritisiert, dass sie nicht für unsere Daten zahlen – er fragt aber nicht, warum wir überhaupt ihre Dienste in Anspruch nehmen, beziehungsweise ihnen Daten geben.

Als Linke müssen wir die umfassende Digitalisierung unseres Alltags ablehnen. Die allgemeine Verwertungsmaschinerie, die analytisch in Kapital und Staat aufzuteilen heutzutage eher müßig ist, hat ein Ausmaß an Macht und Überwachung ermöglicht, das wir ganz generell bekämpfen müssen. Das ist schon unabhängig von der Digitalisierung so, wird nun aber immer offensichtlicher und dringlicher. Deswegen ist auch ein traditioneller staatssozialistischer Ansatz abzulehnen: Die Daten, die sich nicht eine Handvoll Konzerne aufteilen sollen, sollen auch nicht beim Staat vorliegen.

Die Menschheit steht am Beginn einer Prägung des Zusammenlebens, wie es sie selten zuvor gegeben hat. Die letzte war wohl das Pressen der Menschen in die Fabrikgesellschaft, die Durchsetzung fremdbestimmter, außerhäuslicher und maschinenhafter Arbeit. Das ging einher mit einer immer stärkeren Vereinzelung, einem Brechen der festen sozialen Beziehungen.

Nun gibt es einen noch umfassenderen Zugriff – natürlich mit möglichst wenig spürbarem Zwang. Die Konzernabhängigkeit bei immer mehr Alltagsdingen und der Wunsch, ständig online zu sein, sollen mit den Mitteln der Konsumgüterindustrie verankert werden. Der Zugriff auf den Einzelnen, der in der bürgerlichen Gesellschaft schon verwirklicht ist, wird nun durch die allgegenwärtige Digitalisierung perfektioniert.

Wenn die menschliche Geschichte aus Klassenkämpfen besteht, wie Karl Marx einmal postulierte, dann können wir uns heute schon mal ein gutes Bild vom Ende der Geschichte machen. Die erschreckenden Vorhaben von Google und Co. zur Mitgestaltung unseres Lebens helfen uns dabei. Klassen im harten Sinn hat die bürgerliche Gesellschaft bereits abgeschafft (falls Ihnen ein Marxist das Gegenteil sagt, fragen Sie einfach die überwältigende Mehrheit der nicht-marxistischen Menschen), nun folgt die totale Erfassung, Zerlegung und Berechnung, und zwar sowohl des Verhaltens möglichst jedes Menschen, als auch seiner Persönlichkeit.

Der Digitalisierung ist wie dem Kapitalismus eigen, dass unterschiedliche Qualitäten in eine gemeinsame Form (beim Kapitalismus letztendlich Geld) gepresst werden und sich dann nur noch quantitativ unterscheiden. Die Grundlage für Profit ist die Reduktion auf gleichmäßige kleinste Teile, auf Zahlenwerte. Der Einzelne wird immer berechenbarer. Menschliches Handeln lässt sich dank des stets Umgebungsdaten aufnehmenden und sofort sendenden kleinen Computers, von dem immer mehr Leute nicht mehr die Finger lassen können, weitgehend in Daten ausdrücken und deshalb mittlerweile sehr gut prognostizieren. Über unseren Charakter sind so mittlerweile ebenfalls immense Rückschlüsse möglich.

Die dazugehörige Methode nennt sich Psychografie, und Big-Data-Firmen wie z.B. Cambridge Analytica, werben damit, mit diesem Verfahren der Datenerfassung und -auswertung für den Wahlsieg Donald Trumps gesorgt zu haben. Das Unternehmen hatte dem US-Präsidentschaftskandidaten der Republikaner auf kleine Wählergruppen heruntergebrochene Daten geliefert, die seinem Team eine »zielgenaue« Wahlwerbung in den sozialen Netzwerken ermöglichte.

Diese Persönlichkeitserforschung wird neben dem Kapitalismus und der Digitalisierung von einer dritten Kraft in eine erschreckende Dimension getrieben: den Naturwissenschaften. Die transhumanistische Bewegung arbeitet daran, unser Gehirn, das sie als eine Art Computer ansieht, nachzubauen. Es geht um das Kopieren von Gefühlen und Erinnerungen auf Festplatten und somit ewiges Leben, um die Symbiose des Menschen mit Computern. Diese Technikfetischisten wollen die Leistungsfähigkeit des Gehirns steigern und auch andere Schranken, die unser Körper uns setzt, überwinden. Dieses Leistungsdenken kommt ohne soziale Bezüge aus. Ihre Forschungsergebnisse sind Leckerbissen für die Datenextraktivismus-Industrie, weil sie eben die Berechenbarkeit und Nutzbarkeit jeglicher menschlichen Lebensäußerung, einschließlich bloßer Denkprozesse, weiter erhöhen.

Es wäre deshalb verharmlosend, die allgegenwärtige Digitalisierung unter der Frage nach den Vor- und Nachteilen des technischen Fortschritts zu fassen. Klar, computerisierte Prothesen sind toll und müssen als technischer Fortschritt angesehen werden, ebenso wie Computer und Internet wichtige Errungenschaften gerade für herrschaftskritische Bewegungen sind. Doch die Digitalisierung und Vernetzung von allem und jedem ist eher Medium der Fremdbestimmung als Produktivkraft. Es handelt sich vielmehr um Ordnungskraft mit totalitärem Anspruch. Google will sogar eine eigene Stadt errichten. Selbst im – höchst unwahrscheinlichen – Fall, dass unser Alltag von konzernkritischen und -unabhängigen Regierungen digitalisiert wird, würde diese Ordnungskraft nur abgeschwächt. Ohnehin bescheren uns die allgegenwärtigen Geräte unabhängig vom Träger der Ordnungsmacht schädliche Strahlung und Stress. Wir sollten dem andere Vorstellungen des menschlichen Zusammenlebens entgegensetzen. Ohne Big Data geht es auch.

neues deutschland, Berlin, 10.12.2016, S. 23

Unverzichtbare Ethik

Unter ethischem Verhalten verstehen wir nicht nur, aber vor allem die Bereitschaft, sich für ein Daseins- und Gesellschaftsmodell einzusetzen, das von vornherein auf das Gemeinwohl ausgerichtet ist, ein Ziel wiederum, das konstitutiv die Kategorie der sozialen Gerechtigkeit beinhaltet.

Eine Ethik, die die materielle Dimension der menschlichen Existenz außer Acht lässt und sich als rein spirituell gebärdet, ist sowohl einseitig wie abstrakt, um nicht zu sagen heuchlerisch.

Der erste moralische Imperativ besteht darin, die gesamte Weltbevölkerung mit den nötigen Subsistenzmitteln zu versorgen. Ohne die Erfüllung dieses materiellen Ziels, kann von einer Makroethik keine Rede sein.

 weiter http://eine-andere-welt-ist-moeglich.org/die-unverzichtbare-ethik-2

Das Weltethos ist die Formulierung eines Grundbestandes an ethischen Normen und Werten, der sich aus religiösen, kulturellen und zum Teil auch aus philosophischen Traditionen der Menschheitsgeschichte herleiten lässt.

Das Projekt Weltethos ist ein Versuch, die Gemeinsamkeiten der Weltreligionen zu beschreiben und ein gemeinsames Ethos, ein knappes Regelwerk aus den Grundforderungen aufzustellen, welche von allen akzeptiert werden können. Der Initiator des Projekts ist der Theologe Hans Küng.

Inhaltsverzeichnis

Grundüberzeugungen

Die Grundüberzeugungen des Projektes Weltethos sind

  • kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos
  • kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen
  • kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen
  • kein Dialog zwischen den Religionen und Kulturen ohne Grundlagenforschung
  • kein globales Ethos ohne Bewusstseinswandel von Religiösen und Nicht-Religiösen

„Diese eine Welt braucht ein Ethos; diese eine Weltgesellschaft braucht keine Einheitsreligion und Einheitsideologie, wohl aber einige verbindende und verbindliche Normen, Werte, Ideale und Ziele.“

Hans Küng, Das Projekt Weltethos